“Time For Hörbücher“

Artist: Hagen Stoll

Herkunft: Deutschland

Album: So fühlt sich Leben an

Spiellänge: 7:30 Stunden

Genre: Hörbuch

Release: 11.03.2013

Label: rosemheimrocks

Link: www.haudegen.com

Vorleser: Hagen Stoll

CDs: 7

Ich liebe Hörbucher. Deshalb musste ich auch nicht lange überlegen, als ich davon hörte, dass wir zum ersten Mal ein Hörbuch zum Bewerten haben. Ärgerlich, dass mir die Band Haudegen nicht bekannt ist, aber da es im Team auch sonst keinen gibt, der die Band privat hört, ist das ein Handicap, mit dem ich gut leben kann.

Zumal Hagen direkt zu Beginn klar stellt, dass das Buch nichts mit der Band zu tun haben wird, sondern dass es für die Geschichte von Haudegen ein eigenes (Hör)Buch geben wird. Heißt für mich: Ich brauche auch für dieses Buch nichts über die Band zu wissen, obwohl ich mich natürlich aus Gewissensgründen über eine bekannte Online-Enzyklopädie etwas informiert und ein paar Lieder gehört habe. Was ich mich allerdings frage: Kann das Leben eines 75er-Jahrgangs, also Anfang 40-Jährigen, so spannend und voll von Ereignissen sein, dass man sogar zwei Bücher daraus macht? Wissen wollten das scheinbar genügend Leute, da das Buch auf Platz 10 der Spiegel Bestsellerliste gelandet ist, was natürlich nur ein quantitativer Erfolg ist.

Schon nach der ersten der sieben CDs werden meine Zweifel bestätigt. 2 ½ Kapitel werden auf CD1 abgedeckt, der Auftakt zieht sich wie Kaugummi. Hagen lässt immer mal wieder anklingen, dass die Highlights, die auf dem Klapptext standen (Tischtennismeister in der DDR, Rapper, Kleinganove, Türsteher) noch erwähnt werden und ich selber gebe auch zu, dass mich diese Vielfalt an Beschäftigungen interessiert und ich hören will, wie es dazu kam, dass er mit Sido zusammengearbeitet hat. Was mich aber überhaupt nicht juckt sind Anekdoten über das Leben in der DDR, spätestens nach der Ostalgie-Welle vor ein paar Jahren bin ich das Thema sowas von satt und Plattenbauten gibt es heute immer noch zur Genüge, da braucht man keine ausufernde Beschreibung der Gebäude.

Den Inhalt der ersten CD hätte ich, obwohl ich auch sehr gerne ausufere, auf zehn Minuten gepresst. Bei der Umsetzung fällt mir auf, dass Hagen versucht, durch seine Art der Erzählung und die Art seiner Formulierung Sympathie zu erlangen, viele rhetorische Fragen, extra betonte Kalauer oder witzig wirkende Bezeichnungen gibt es wie Sand am Meer, doch so ganz nehme ich ihm diese Art nicht ab. Vielleicht liegts auch einfach nur daran, dass er selber kein großer Bücherwurm ist, wie er selber sagt und ihm das Vorlesen schwerer fällt als einem professionellen Vorleser und er seine sonst vielleicht authentische Art beim Vorlesen einfach nicht wiedergeben kann.

So geht es dann auch weiter, der Stil wird beibehalten und ich warte brav darauf, dass Hagen endlich mal wegkommt von seinen familiären Umständen als Kind, die nicht wirklich gut, aber auch nichts Besonderes waren. Beim Warten kommt immer mehr das Gefühl auf, dass Hagen betont weich wirken möchte, er geht immer wieder auf seine Emotionen ein und man könnte meinen, der ehemalige Rapper und Türsteher wäre zu Schwiegermutters Liebling mutiert. Passend zu der Entwicklung seiner Musik.

Im weiteren Verlauf des Hörbuches bedauere ich die Vergabe der Schwerpunkte: Einerseits werden, wie erwähnt, die Hochhäuser präzise beschrieben, anderseits wird durch das Thema Tischtennis quasi durchgehetzt. Der Einstieg in die Grafittiszene wird verstöhrend unpersönlich besprochen, da Hagen nur erzählt, welche Bahnstrecke er komplett vollgesprayt hat, aber nur auf ein Minimum reduziert auf Personen der Szene eingeht. Man kann als Zuhörer überhaupt nicht nachvollziehen, wie er als Razia (mit nur einem „Z“ wegen der Symmetrie) aufgestiegen ist und wundert sich später, wo die Leute herkommen, mit denen er sich abgibt.

Und selbst auf der vierten CD, wo Hagen sich mit seinem Kollegen mit einer Gaspistole und Pfeilen gegen 250 Zomb… ähm, Naziskins verteidigt, kommt nicht so richtig Spannung auf, weil er die Szenen im gleichen Stil vorliest wie das restliche Material und auf Abwechslung verzichtet. Da hilft auch nicht, dass für die CD gut ein Dutzend Gastsprecher arrangiert wurden. Deren Rednerollen sind derart kurz, dass sie beinahe nicht erwähnenswert sind.

Um jetzt mit dem Vorausgreifen des Materials aufzuhören, sei an dieser Stelle noch gesagt, dass sich der Rest des Hörbuches auf dem gleichen Niveau bewegt und ich ihm nicht alle Ausführungen abnehme und ich der Aussage, dass er als Joe Rilla zu den Top 10 des Hip Hops gehörte, absolut nicht zustimmen kann. Da fand ich sogar meinen Kommolitonen besser…

Hagen Stoll - So fühlt sich Leben an
Fazit: Nach 7 ½ Std Hagen Stoll und seinem bisherigen Leben, ausgenommen seiner Band Haudegen, für die er ein eigenes Buch schreiben möchte, bin ich zu der Erkentniss gekommen, dass er und ich keine Freunde werden würden. Ist ja auch nicht Sinn des Hörbuches. Viele Parts sind mir zu langatmig geraten, andere dafür zu kurz und ich bin wahrscheinlich nicht gutgläubig genug, um alles als 100% wahr anzunehmen. Aber das ist wie mit dem lieben Gott: Ich kann nicht beweisen, dass es ihn nicht gibt, deshalb soll's mir egal sein. Selbst wenn alles wahr ist, was Hagen uns erzählt, trotz dem Potenzial, dass man durch den Klapptext zu erahnen erhoffte, ist es kein Material für die Länge. Ich lege mich jetzt schon fest und behaupte, ohne dass der Nachfolger erschienen ist, dass man beide (Hör-)Bücher auf die Länge/Spielzeit hätte komprimieren sollen – dann wäre vielleicht wirklich ein unterhaltsames Werk herausgekommen. So bleibt ein Hörbuch zurück, das insgesamt zu lang geraten ist, aber speziell für Fans der Person Hagen Stoll und daher auch Joe Rilla einige tiefgreifende Einblicke in sein Leben gibt. Für Außenstehende kann das Buch schnell zu einer Geduldsprobe werden. Handwerklich ist es solide umgesetzt, lediglich die Gastsprecher dürften auf dem Nachfolgewerk gerne mehr Sprechzeit eingeräumt bekommen.
Gordon E.7
7Gesamtwertung

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