Entorx – Faceless Insanity

Das ist definitiv Wahnsinn

Artist: Entorx

Herkunft: Speyer / Kaiserslautern / Bruchsal, Deutschland

Album: Faceless Insanity

Spiellänge: 50:34 Minuten

Genre: Technical Death Metal, Progressive Death Metal

Release: 29.05.2020

Label: Eigenproduktion

Link: https://www.facebook.com/Entorx/

Bandmitglieder:

Gesang – René Baron
Gitarre und Backgroundgesang – Bogdan Brygadin
Gitarre und Backgroundgesang – Sascha Dörr
Bassgitarre – Taras Brygadin
Schlagzeug – Lukas Neff (ab 2020)

Tracklist:

  1. Overture: Condemnation
  2. Black Dawn
  3. Hypocritical Faith
  4. PTSD
  5. Isolation
  6. Madness Unchained
  7. Paranoid Conspiracy
  8. Morbid Rage
  9. Doomed
  10. Death Machine (Bonus Track)

 

Bereits seit dem Jahr 2009 machen die Jungs von Entorx ordentlich Krach. Nach der Debüt-EP Theta Waves aus dem Jahr 2011 und dem Album Broken Ways aus 2013 erscheint nun morgen das neue Werk Faceless Insanity, das mit 10 Songs (inklusive Bonustrack) auf eine Spielzeit von insgesamt 50 Minuten kommt. Anzumerken hierzu ist, dass die Drum-Parts bereits im vergangenen Jahr von Jörg B. eingespielt wurden, mittlerweile hat allerdings Lukas auf dem Hocker hinter dem Schlagzeug Platz genommen.

Wenn man nach einem Blick auf die Trackliste anhand der Songtitel (Namen wie Madness Unchained oder PTSD – was die Abkürzung für Post Traumatic Stress Disorder ist) sprechen ja für sich, noch nicht ahnt, wohin die Reise auf Faceless Insanity geht, dann hilft einem das „Intro“ Overture: Condemnation vielleicht schon mal weiter. Man hört unter anderem Barrack Obama und Donald Trump, es fallen die Worte Guantanamo und Waterboarding, der letzte Satz lautet „These Restrictions Make No Sense“. Und dann bricht gleich mit Black Dawn die Hölle los. Da ich von Entorx vorher noch nie etwas gehört hatte, war ich eigentlich von Old School Death ausgegangen, aber darüber können die Jungs wahrscheinlich nur lauthals lachen, denn das wäre ihnen wohl zu langweilig. Ich muss ein wenig an den Asterix-Film denken, als Miraculix von einem Hinkelstein am Kopf getroffen wird, der von Obelix geworfen wurde. Danach hat er dann das Rezept für den Zaubertrank vergessen und schmeißt alle möglichen Zutaten in den Kessel – zu Risiken und Nebenwirkungen schaut Euch bitte den Film an. So ähnlich sitzen vielleicht auch die fünf Jungs von Entorx beim Songwriting zusammen, um aus allen möglichen Winkeln der großen Musiklandschaft noch Ingredenzien zu finden, die sie dann wohldosiert in die Notenblätter einfließen lassen. Ich versuche ja anfangs noch, für jeden Song mitzuschreiben, was mir besonders auffällt oder was einfach erwähnenswert ist. Nachdem ich damit für die ersten zwei Songs aber bereits über eine DIN A 4-Seite gefüllt habe, lasse ich es sein. Beim ersten Hören habe ich fast den Eindruck, die Jungs wollen mein Hirn zu Brei klopfen. Tempomäßig ist man zunächst mal überwiegend im Thrash-/Death-Lager unterwegs, und sowohl die Instrumentalfraktion als auch René am Mikro ziehen alle Register ihres Könnens. Da möchte ich aber jetzt gar nicht mit Begriffen wie Riffs, Hooks, Beats oder Doublebase kommen. Damit versorgt uns die Instrumentalfraktion tatsächlich auf höchstem technischen Niveau und wechselt die Spielarten so rasant, dass ich manchmal im Song „zurückspule“, um mich zu vergewissern, dass ich richtig gehört habe.

Auch gesangstechnisch ist man bei Entorx richtig gut aufgestellt. Für die ganzen Growls, Shouts, Screams, teilweise sogar Pig Squeals (wie in Hypocritical Faith) ist wohl René zuständig, der hier seine Stimmbänder, sein Zwerchfell und seine Lungen aufs Äußerste auslastet. Daneben gibt es aber tatsächlich auch immer mal wieder richtig gute Clean Vocals, die in – wieder mal – Hypocritical Faith ein wenig orientalisch klingend daherkommen, während in Madness Unchained dann auch mal Sprechgesang auf die Bühne tritt und der zwischen saumäßigem Groove und jazzig/proggigen Parts pendelnde Doomed mit einem dazu passenden sehr lässigen Gesang ausgestattet wird. Ich hatte bei Doomed ja befürchtet, dass die 10 Minuten Spielzeit sehr lang werden, aber wenn man sie dermaßen abwechslungsreich gestaltet, wie Entorx ja das ganze Album, werden diese Befürchtungen schnell zerstreut.

In dieser großartigen Melange aus Trash Metal, Technical/Progressive Death Metal und Black Metal haben die Jungs aber nicht nur unterschiedliche Gesangsstile miteinander verwoben – sehr geil zum Beispiel der dialogartig aufgebaute Wechsel zwischen Growls und Screams in Hypocritical Faith – sondern liefern auch an den Instrumenten immer mal wieder kleinere oder größere Gimmicks, bei denen ich dann wieder staunend dasitze. Dazu gehört sicherlich auch Isolation als kurzes, ruhiges Instrumental, das nur mit Gitarre und Bass seine ganze Wirkung entfaltet. Ich traue mich aber schon gar nicht, diese kurze Entspannungspause zu nutzen, denn mir schwant, dass ich gar nicht so viel Atem holen kann, wie ich für die folgenden 5 Songs brauche. Die sind dann aber tatsächlich, zumindest vom Tempo her, gar nicht mehr so atemraubend. Hier haben sich Entorx dann allerdings musikalisch wirklich richtig was einfallen lassen, wobei das definitiv nicht die ersten drei Songs herabwürdigen soll. Eine wunderbar melodisch klingende Gitarre veredelt Madness Unchained, und die liefert sich dann auch noch ein sehr geiles Battle mit den Drums. Auch Morbid Rage hätte es mit seinem mächtigen Groove fast in meine Anspieltipps geschafft. Hier treiben es Entorx mit dem Reggae-Interlude dann im Grunde auf die Spitze, Kompliment für diese Experimentierfreude; aber Reggae ist tatsächlich ein Genre, das bei mir gar nicht geht. Zum wiederholten Male sehe ich bei den krassen Gitarrensoli, die wahrscheinlich oft im Tapping-Stil gespielt werden und dementsprechend auch mal nach Keyboard klingen, hier und auch im folgenden Doomed vor meinem geistigen Auge den virtuosen  Jordan Rudess (Dream Theater), wie er bei einem der unzähligen, oft auch ellenlangen Keyboard-Soli die Finger über die Tasten fliegen lässt und an und mit seinen Instrumenten herumwirbelt. Das macht die Saitenfraktion vielleicht live ja auch, ich werde es ganz bestimmt irgendwann mal erleben. Insgesamt jedenfalls ganz großes Kino!

Entorx – Faceless Insanity
Fazit
Ich hatte es schon geschrieben, beim ersten Hören hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass die Jungs mein Hirn zu Brei klopfen wollen. Da prasselte so viel auf mich ein, und ich wollte ja drüber schreiben, also konzentriert dranbleiben und bloß nichts verpassen. Ein wenig entspannter war ich dann beim drölfzigsten Hören, aber ich sitze immer noch staunend da und ziehe meinen Hut vor dieser unfassbaren Kreativität. In der Diskografie von Entorx wird sich dieses Album sicherlich in Zukunft als ein Meilenstein wiederfinden, und bei mir wird es wohl in den Top 10, wenn nicht sogar den Top 5, der Alben 2020 landen. Wer Technical Death Metal mit sehr viel progressiver Ausrichtung aber ohne selbstverliebtes Gegniedel mag, wird hier fündig.

Anspieltipps: Black Dawn, Madness Unchained, Paranoid Conspiracy - und wenn man Reggae nicht so ablehnend gegenübersteht wie ich, definitiv auch Morbid Rage
Heike L.
9
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