Godflesh – Decay

26.09.2026 – Industrial Metal – Relapse Records – 41:54 Minuten

Eine Legende tritt ab. Decay wird das elfte und voraussichtlich letzte Godflesh-Album sein. Wobei es sich wie bei der Auflösung 2001 und der Compilation In All Languages um aufgearbeitete Reste der letzten beiden Album-Sessions handeln soll. Mastermind Justin Broadrick hat erst vor Kurzem ausführlich über seine Autismus- und C-PTSB-Erkrankung gesprochen, die als Gründe für seinen Rückzug aus der Musik angeführt werden. Dabei spricht der Brite vom „ultimate demise“, den er zusammen mit seinem ewigen Partner im Verbrechen G. C. Green in typisch kalten, desolaten, aber auch tanzbaren Rhythmen zu seinem letzten musikalischen Kapitel vertont hat. 

War Broadrick eher Meister oder Sklave? Er war es beides in einer ganz eigenen kreativen Welt, davon getrieben, seine Version von Musik auszuleben, wie ganz früh bei Napalm Death, dann unter anderem bei Fall Of Because, Head Of David, Scorn, Jesu und vor allem mit den Industrial-Metal-Pionieren Godflesh.

Mighty Trust Krusher is leaving the building

Dumpf und schleppend dröhnt der Drumcomputer, der seit jeher als festes Bandmitglied mit nur wenigen Ausnahmen seine Credits bekommen hat, zum Auftakt von Master And Slave, bevor der donnernde Bass und die schneidende Gitarre die klagenden Worte in den Hintergrund drängen. Die mit Ambient-Klängen verfeinerte Trostlosigkeit wird knapp neun Minuten lang zum Thema des letzten Aktes.

Die Straßen sind gereinigt

Mit Living/Ending offerieren Godflesh den bekannten maschinellen Trip-Hop-Beat, der die vier und sechs Saiten zu zermalmen droht und doch den gutturalen Vocals seinen Platz lässt, Wort für Wort, Silbe für Silbe. Dabei immer wieder der Mut zur Einfachheit, die auf der einen Seite so viel Wucht mit sich bringen kann, aber auch viel für die befremdliche Atmosphäre eines Godflesh-Stücks beizutragen vermag.

Das Leben ist immer Liebe und Hass

Auch der drängende Up-Beat mit den wehmütigen verzerrten Lauten von Feral Colony ist markant für das Trio Infernale. Viel Raum überlassen sie den gegensätzlichen instrumentalen Passagen, was der schonungslosen Grundstimmung den Schuss Melancholie verleiht. Diese vermag der industriellen Kompromisslosigkeit ein Stück Leben wie am Fließband einzuhauchen. Blizzard-Stimmung und die Leere danach spiegelt der entrückte und zusammengestückelt wirkende Track Fodder im direkten Anschluss wider.

Consume Me – Verzehrt mich! – sind die traurigen, elegischen und düsteren letzten Worte Broadricks mit Godflesh und überhaupt – ein zwölfminütiges, quälendes, tonnenschweres Klagen, der Übergang in den Zerfall, Degeneration, Disintegration. Er möchte sicherlich nicht, dass wir ihm Blumen bringen.

Hier geht es lang für weitere Informationen zu Godflesh – Decay in unserem Time For Metal Release-Kalender. 

Godflesh – Decay
Fazit zu Decay
Decay ist der Schwanengesang auf eine eigenwillige und innovative Band. Godflesh haben ihre Grenzen immer wieder ausgelotet, ohne ihren Sound und ihr Grundgerüst zu verraten. Zu Beginn zutiefst negativ, dann tanzbar, dann wieder trostlos, mal sphärisch, mal episch – aber immer Godflesh: kalte Riffs, dröhnender Bass, unnachgiebige Rhythmen und Vocals, die gegen den Lärm ankämpfen. Die sechs Tracks auf Decay spiegeln genau dies wider, wie eine Zusammenfassung der Schaffenszeit von 1988 bis 2002 und seit der Reunion 2012 bis heute. Die Musik von Godflesh trifft sicher nicht jeden Geschmack, doch wer erst mal auf den Geschmack gekommen ist, wird jeden noch so schmerzvollen Ton der beiden Briten und ihres Drumcomputers zu genießen wissen. Dieses Mal mit Tränen in den Augen und der Gewissheit um einen umfangreichen Back-Katalog, der der jeweiligen widrigen Gefühlslage als Katalysator oder Verstärker dienen wird. Rest in peace, Godflesh.

Anspieltipps: Living/Ending und Consume Me
Kristian H.
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