Zwei Jahre nach War Hearts kehren Frozen Crown mit ihrem sechsten Studioalbum The Legend Of The Six Kings zurück. Die Italiener zeigen eindrucksvoll, dass sie ihr Erfolgsrezept längst gefunden haben, ohne sich darauf auszuruhen. Das neue Album verbindet die bekannten Stärken der Band. Rasanter Power Metal, große Melodien, eingängige Refrains und virtuose Gitarrenarbeit mit einer deutlich stärker ausgearbeiteten Fantasy-Atmosphäre.
Dabei ist The Legend Of The Six Kings nicht einfach nur das nächste Power-Metal-Album aus dem Hause Frozen Crown. Die Platte wirkt wie ein zusammenhängendes Fantasy-Epos, in dessen Mittelpunkt sechs Könige, eine geheimnisvolle Krone, Schlachten, Dunkelheit, Wiedergeburt und die Suche nach Macht stehen.
Genau hier liegt eine der größten Stärken des Albums. Frozen Crown erzählen keine komplett lineare Geschichte, sondern erschaffen mit ihren Songs, Texten und dem Artwork eine gemeinsame neue Welt.
Sechs Könige und eine Krone
Schon der Albumtitel wirft Fragen auf. Die naheliegendste Verbindung sind natürlich die sechs Mitglieder der aktuellen Besetzung. Alexandra „Lioness“ Stamenkovic, die seit dem vergangenen Jahr Teil der Band ist, ist zum ersten Mal auf einem Frozen-Crown-Album vertreten. Gleichzeitig ist es das zweite Album, auf dem Frozen Crown mit drei Gitarren arbeiten. Ob aus den Six Kings deshalb schlicht die sechs Bandmitglieder geworden sind, bleibt letztlich der Fantasie des Hörers überlassen. Fest steht allerdings, dass die Zahl sechs eine zentrale Rolle spielt.
Das Cover greift dieses Konzept unmittelbar auf. Sechs düstere, gekrönte und bewaffnete Gestalten stehen in einer epischen Fantasylandschaft aus Schnee und Eis. Die Bildsprache erinnert durchaus an klassische Fantasywerke und insbesondere an Der Herr Der Ringe. Auch musikalisch und textlich lassen sich entsprechende Einflüsse erkennen. Frozen Crown kopieren Tolkien jedoch nicht einfach, sondern bauen daraus ihre eigene Mythologie. Die Krone wird dabei zum zentralen Symbol. Sie steht für Macht, Herrschaft, Anerkennung und letztlich für das Ziel, auf das die Figuren des Albums hinarbeiten.
Damit funktioniert das Artwork hervorragend als visuelle Verlängerung der Musik.
Lightning In The Sky – Der Krieg beginnt
Schon der Opener macht unmissverständlich klar, wohin die Reise geht. Lightning In The Sky eröffnet das Album mit hoher Geschwindigkeit und genau jener Mischung aus melodischen Gitarren und treibendem Schlagzeug, für die Frozen Crown bekannt sind.
Textlich wird eine Welt des Krieges aufgebaut. Blitze, Feuer, Waffen und Schlachtfelder vermitteln das Gefühl, dass ein großes Ereignis unmittelbar bevorsteht. Der Song ist weniger eine detaillierte Charaktergeschichte als vielmehr der Prolog des Albums. Der Krieg beginnt. Die Könige treten hervor. Und die Jagd nach der Krone nimmt ihren Anfang.
Musikalisch ist Lightning In The Sky gleichzeitig ein Paradebeispiel dafür, weshalb Frozen Crown im modernen Power Metal so gut funktionieren. Der Song ist schnell, melodisch und besitzt einen Refrain, der sich unmittelbar festsetzt.
Ein Auftakt nach Maß.

Who Wants To Burn In Heaven – Himmel oder Hölle?
Noch interessanter wird es bei Who Wants To Burn In Heaven. Der Titel allein stellt die klassische Vorstellung von Gut und Böse auf den Kopf. Warum sollte man überhaupt in den Himmel wollen, wenn die Hölle einen Ort ewiger Macht und Herrschaft darstellen kann?
Genau dieses Motiv macht den Song lyrisch besonders spannend. Die Hölle wird hier nicht ausschließlich als Strafe verstanden. Sie kann auch für Freiheit, Macht und die Ablehnung einer höheren Ordnung stehen. Die Figuren entscheiden sich bewusst für die Dunkelheit und nehmen die Konsequenzen ihres Weges in Kauf. Damit passt der Song hervorragend zum Konzept der sechs Könige. Denn Macht hat bekanntlich ihren Preis. Und wer nach einer Krone strebt, muss sich irgendwann fragen, was er bereit ist, dafür zu geben.
Musikalisch präsentiert sich der Song etwas schwerer und grooviger als der rasende Opener. Große Chöre verleihen ihm einen geradezu hymnischen Charakter, während die Gitarren für die nötige Härte sorgen.
Reborn – Wiedergeburt aus der Dunkelheit
Reborn setzt sich mit einem weiteren zentralen Motiv auseinander. Dem Fallen und dem Wiederaufstehen.
Feuer, Dunkelheit und Wiedergeburt werden miteinander verbunden. Der Song handelt dabei weniger von einer buchstäblichen Wiederauferstehung als von der Fähigkeit, Niederlagen zu überwinden. Man kann fallen. Man kann alles verlieren. Aber man kann zurückkehren!
Gerade deshalb passt Reborn so gut in die Geschichte der sechs Könige. Die Figuren sind keine unfehlbaren Helden. Sie müssen Prüfungen bestehen und sich immer wieder neu behaupten.
Musikalisch ist Reborn eine klassische Frozen-Crown-Hymne! Melodisch, schnell und mit einem Refrain, der sofort im Kopf hängen bleibt.

The One – Auf der Suche nach der Krone
The One gehört zu den wichtigsten Stücken des Albums und gleichzeitig zu den offensichtlicheren Fantasy-Tracks. Die Tolkien-Einflüsse sind hier besonders deutlich spürbar. Dunkle Reiter, die an die Nazgûl erinnern, Macht, Schicksal und die Suche nach etwas Einzigartigem lassen mich unweigerlich an klassische Fantasy-Epen denken. Und doch nehmen uns Frozen Crown auf ihre ganz eigene Reise und Suche nach der Krone mit.
Der Titel The One kann dabei als Vorstellung des Auserwählten verstanden werden. Es gibt letztendlich jemanden, der die Krone tragen wird. Damit erhält der Song eine besondere Bedeutung innerhalb des Albums.
Während Lightning In The Sky den Krieg eröffnet und Who Wants To Burn In Heaven die moralische Ambivalenz der Figuren zeigt, gibt The One der Geschichte ein konkretes Ziel.
Und musikalisch? Ein absoluter Ohrwurm! Der Refrain bleibt hängen, während die drei Gitarren für einen besonders imposanten Sound sorgen. Gerade hier zeigt sich, welchen Vorteil die aktuelle Besetzung mit drei Gitarrist/innen besitzt.

Iris – Eine Überraschung
Eine der größten Überraschungen des Albums ist zweifellos das Goo-Goo-Dolls-Cover Iris. Der Song dürfte vielen Hörern aus dem Film City Of Angels bekannt sein. Frozen Crown nehmen das ursprünglich deutlich ruhigere Stück und verwandeln es in eine epische Power-Metal-Ballade. Dabei bleibt der emotionale Kern erhalten.
Iris handelt von Nähe, Verletzlichkeit und dem Wunsch, von einem anderen Menschen wirklich verstanden zu werden. Und genau deshalb ist das Stück innerhalb des Albums so interessant. Nach Königen, Schlachten, Hölle, Feuer und Macht kommt plötzlich ein Song über etwas zutiefst Menschliches.
Giada „Jade“ Etro liefert hier eine starke Gesangsleistung ab. Federico Mondelli setzt mit seinen Vocals zusätzliche Akzente, während die Band den Song immer wieder zwischen ruhigen, fast poppigen Passagen und gewaltigen Metal-Ausbrüchen wechseln lässt. Das Ergebnis wirkt beinahe wie eine kleine Metal-Oper. Ein mutiger Einschub und einer, der dem Album zusätzliche Farbe verleiht.

Winter Hearts – Endlich wieder Growls
Mit Winter Hearts wird es wieder deutlich härter. Besonders erfreulich: Federico Mondellis Growls kehren zurück. Nachdem diese auf den vergangenen Veröffentlichungen deutlich weniger präsent waren, bekommt seine aggressive Stimme hier wieder Raum. Und sie passt hervorragend zur Atmosphäre des Songs.
Schon der Titel ist eine Metapher. Ein Winterherz steht für emotionale Kälte, Distanz und innere Verhärtung. Der Winter ist deshalb nicht nur Kulisse, sondern Spiegel des Inneren.
Musikalisch gehört Winter Hearts zu den schnellsten und unmittelbarsten Songs des Albums. Die Growls setzen dabei einen schönen Kontrast zu Jades klarem Gesang. Das Ergebnis klingt wie eine besonders gelungene Verbindung aus modernem Power Metal und jener etwas raueren Seite, die Frozen Crown auf Winterbane gezeigt haben.
Wer die Growls vermisst hat, dürfte hier besonders glücklich werden.
River Of Time – Wenn die Vergangenheit nicht zurückkehrt
River Of Time schlägt eine etwas melancholischere Richtung ein. Das zentrale Bild des Songs ist der Fluss der Zeit. Ein Fluss bewegt sich immer weiter, genau wie das Leben. Man kann nicht einfach zurückgehen. Vergangenheit bleibt Vergangenheit. Das macht den Song emotionaler als viele der offensichtlicheren Fantasy-Hymnen.
Interessant ist dabei der Kontrast zwischen Text und Musik. Während die Musik teilweise nach vorne stürmt, beschäftigt sich der Text mit Erinnerung, Vergänglichkeit und emotionaler Bindung. Die Musik treibt nach vorne. Die Gedanken schauen zurück.
Jade zeigt hier erneut eine andere Seite ihres Gesangs und beweist, dass sie nicht ausschließlich nur für die großen Power-Metal-Hymnen funktioniert.

Through The Fire – Die Prüfung
Through The Fire greift eines der ältesten Motive der Fantasylyrik auf. Feuer als Prüfung. Wer durch das Feuer geht, wird verändert. Das Feuer zerstört, aber es kann gleichzeitig auch reinigen und stärker machen. Damit steht der Song in direkter Verbindung zu Reborn. Erst kommt die Prüfung. Dann die Wiedergeburt. Der Text spricht von Kampf, Durchhaltevermögen und dem Willen, trotz aller Hindernisse weiterzugehen.
Musikalisch ist Through The Fire eine klassische Power-Metal-Nummer mit treibendem Rhythmus, schnellen Gitarren und großem Refrain.
To The Stars – Der Blick über das Schlachtfeld hinaus
Nach so viel Geschwindigkeit und Kampf ist To The Stars ein angenehmer Moment des Durchatmens.
Der Titel steht für das Streben nach etwas Größerem. Die Figuren wollen nicht einfach nur einen Krieg gewinnen. Sie wollen über ihre bisherigen Grenzen hinaus. To The Stars besitzt deshalb eine fast träumerische Seite. Nach Dunkelheit und Feuer richtet sich der Blick nach oben.
Musikalisch gehört das Stück zu den atmosphärischen Momenten des Albums und liefert nochmals einen neuen Klang. Es verhindert, dass The Legend Of The Six Kings über die gesamte Laufzeit nur aus schnellen Power-Metal-Hymnen besteht.

The Legend Of The Six Kings – Die Krone wird aufgesetzt
Der Titelsong bildet schließlich den großen Abschluss. Hier laufen die zentralen Motive des Albums zusammen.
Sechs Könige, eine Krone, Macht, Dunkelheit, Krieg, Wiedergeburt, Schicksal.
Musikalisch darf es zum Finale noch einmal größer werden. Die drei Gitarren, die unterschiedlichen Gesangsstile und die epische Atmosphäre verleihen dem Stück genau jene Bedeutung, die ein Titelsong besitzen sollte. Jade und Federico bilden dabei einen besonders starken Kontrast. Ihr klarer Gesang trifft auf seine Growls und erzeugt den Eindruck eines musikalischen „Dialogs“ zwischen unterschiedlichen Seiten dieser Fantasywelt. Der Titelsong fühlt sich deshalb tatsächlich wie das Finale einer Geschichte an.
Die Krone wird aufgesetzt. Die Legende beginnt!
Fazit
The Legend Of The Six Kings ist ein weiterer überzeugender Schritt in der Entwicklung von Frozen Crown.
Die Band verbindet auf ihrem sechsten Album all das, was sie bereits stark gemacht hat. Geschwindigkeit, Melodie, große Refrains, virtuose Gitarren und Giada „Jade“ Etros charakteristische Stimme. Gleichzeitig wird die Welt hinter den Songs größer. Das Fantasykonzept, die sechs Könige, die Krone und die wiederkehrenden Motive von Dunkelheit, Feuer, Wiedergeburt und Macht verleihen dem Album eine zusammenhängende Identität.
Besonders The One, Who Wants To Burn In Heaven, Reborn, Winter Hearts und der Titelsong bleiben dabei im Gedächtnis. Iris sorgt für einen überraschenden emotionalen Kontrast, während River Of Time und To The Stars zeigen, dass Frozen Crown auch abseits der reinen Speed-Metal-Attacke funktionieren.
Eine Platte voller Feuer, Stahl, großer Melodien und einer Krone, nach der sechs Könige greifen. Frozen Crown kennen derzeit tatsächlich nur eine Richtung und zwar nach oben!



