The Ocean fallen auseinander, lösen sich auf, aufgrund eines existenziellen Exodus’. Was war das für eine schreckliche Nachricht? Nicht aber für Robin Staps, denn für die treibende Kraft hinter dem Progressive-Metal-Kollektiv, bedeutet ein Ende auch immer einen Neuanfang (Interview mit Robin Staps). Neben den beiden neuen Namen am Mikro, Lane Shi und Enrico Tiber, sind auch die sechs Saiten mit Emmanuel Jessua und Marco Gennaro neubesetzt, ebenso wie der Schlagzeugposten mit Jordi Farré. Nur an den tiefen Saiten ist der langjährige Mitstreiter Mattias Hägerstrand übriggeblieben.
Die Kraft des Neuanfangs
Bei dieser Runderneuerung fallen die Erwartungen an die neuen Songs auf allen Ebenen dementsprechend hoch aus. Gehen The Ocean den progressiven Weg weiter? Oder machen sie einen Schritt zurück zum Metalcore früherer Tage? Bleiben sie bei ihrem differenzierten und klaren Sound? Wie ergänzen sich die neuen Gitarristen? Allen voran die beiden Vokalisten? Fragen über Fragen. Kurze Antwort: The Ocean Collective gehen mit dem elften Studioalbum Solaris ihren Weg durch ihr eigenes Universum kontinuierlich weiter.
Im Vergleich zum Vorgänger Holocene gehen die Gitarren wieder etwas mehr zur Sache. Wenn die Saiten angeschlagen werden, dann mit Nachdruck, sodass die Membranen vibrieren. Als Kontrapunkt werden noch mehr als zuvor atmosphärische Elektronik sowie ungewohnt beschwingte Keyboards – beigesteuert von Synthetisier-Innovator Thorsten Quaeschning von Tangerine Dream – und vielfältige Percussion gesetzt. Vermehrt werden auch die Saiten akustisch angesprochen. Das Gegenspiel von laut, ruhig und verspielt wird weiter ausgelotet und so immer mehr zum The-Ocean-Markenzeichen.
Unbekannte Namen, frischer Wind
Die wichtigsten neuen Bestandteile sind die Stimmengeber Lane Shi und Enrico Tiber. Die entspannteren Passagen singen sie oft zweistimmig. In anderen Teilen interagieren sie wie in einer Unterhaltung, klassisch Geschichten erzählend bis intensiv Standpunkte austauschend. Wobei Lane Shi mit ihrer weiblichen Vielfalt vielleicht den interessanteren Part darstellt. Insgesamt fällt der gesangliche Auftritt sehr harmonisch aus, hin und wieder auch zu gut aufeinander abgestimmt. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, ein Ausbrechen aus dem Kontext könnte den Songs noch etwas mehr Spannung bringen.
Genau das ist vielleicht so etwas wie ein kleines Manko auf Solaris, dass sich alles der Struktur des Gesamtkonzepts des Albums unterordnet. Selbst wenn die Lautstärkeregler aufgedreht werden, sind alle Instrumente, alle Beteiligten immer noch sehr im Einklang. Vielleicht liegt das an den Keyboards, die im Hintergrund die Schroffheit der aufbrausenden Elemente – mit Sicherheit gewollt – bremsen.
Von den Erdzeitaltern in die Weite des Weltraums
Ansonsten passiert, wie von The Ocean stets zu erwarten ist, sehr viel, was in Form von drei Songs um und über zehn Minuten auffällig wird. Dabei sind Light Pollution, Ultima Esperanza und Ultima Esperanza in Breite als auch Tiefe wohl orchestriert, hätten aber auch sechs oder sieben Stücke ergeben. Ebenso wie die letzten beiden Lieder Milk Of My Dream und 51°28′30″S, 73°6′11″W aufgrund ihrer Percussion-Basis einer hätten sein können.
Auf Solaris spielen einzelne Titel im Grunde keine signifikante Rolle, die 70 Minuten sind in ihrer Gesamtheit zu genießen. Nur so erschließen sich die einzelnen Songs, Passagen, Zwischenspiele und Elemente mit jedem Durchgang ein Stück mehr, wie eine Entdeckungsreise durch das Universum. So bleibt Solaris für lange Zeit ein herausfordernder und spannender Hörgenuss.
Hier geht es lang für weitere Informationen zu The Ocean – Solaris in unserem Time For Metal Release-Kalender.



