Interview Peter Tägtgren

Das Interview mit Peter Tägtgren (Hypocrisy/Pain) – Teil 2

Ein Feierabend-Plausch mit Peter über Pain, Hypocrisy und diverse neue Singles

Fortsetzung – zu Teil 1 geht es hier!

Time For Metal / Oliver J.:
Da wir gerade von der Single sprechen – da stellt sich natürlich die Frage: Was kommt als Nächstes?

Peter Tägtgren:
Oh, ich habe noch fünf weitere Singles – das kommt als Nächstes. Ich warte nur noch darauf, dass ein paar Gastsänger ihre Parts einsingen. Die nächste Single ist schon seit fast einem Jahr fertig. Die sollte eigentlich im November erscheinen, aber es gibt einige Terminkonflikte mit seiner Band, also möchte ich mich nicht einmischen, und außerdem wollen wir nicht zur gleichen Zeit veröffentlichen – das ergibt keinen Sinn. Und ich werde für jeden Song Leute hinzuziehen, aber ich will sie nicht unter Druck setzen. Sie haben auch Veröffentlichungen, Termine und so weiter, also versuche ich, es mit allen wirklich locker anzugehen, weil ich selbst weiß, wie das ist. Jemand fragt mich: „Hey, kannst du ein paar Gesangsparts beisteuern?“, sage ich einfach nein, weil ich auch ohne das schon so gestresst bin.

Time For Metal / Oliver J.:
Also, als Nächstes kommen fünf Singles – werden sie ein neues Album bilden oder ist das nur etwas für zwischendurch oder ergeben die dann eine EP?

Peter Tägtgren:
Wir haben viele Songs, die nicht zu den Singles mit den Gästen gehören, von denen ich gerade gesprochen habe. Wir haben einiges mehr, das Sebastian und ich geschrieben haben. Und ich schreibe auch neues Material für Hypocrisy. Ich versuche immer, ein paar neue Riffs und so anzuhäufen – so fange ich an. Und dann fängt man an, das Ganze zusammenzusetzen. Manchmal, wenn man ein Riff schreibt, schreibt man auch den Rest des Songs. Es läuft einfach so ab – bumm, und schon ist es fertig. Aber manchmal sitzt man da und denkt: „Oh, was kommt als Nächstes?“ Meistens weiß ich aber schon, wie es weitergeht, weil ich alles in meinem Kopf schreibe. Und du weißt ja, wie das ist: Man fängt mit dem Riff an, fügt dann etwas hinzu, und plötzlich geht es ruckzuck, und der Song ist fertig. Aber manchmal steckt man einfach bei diesem einen Riff fest. Man liebt das Riff, denkt sich aber: „Was zum Teufel soll ich mit diesem Riff anfangen?“ Aber Musik zu schreiben ist ein Abenteuer – das ist das Tolle daran. Man hat eine Idee im Kopf, kommt gut voran, und am Ende kommt etwas ganz anderes dabei heraus.

Rockharz, 06.07.2024, Hypocrisy, Pic By Kay L.

Time For Metal / Oliver J.:
Überträgst du Riffs von einer Band auf die andere? Angenommen, du versuchst, neue Pain-Songs zu schreiben, und dann denkst du: „Oh, das passt vielleicht besser zu Hypocrisy“, und schiebst es rüber – oder denkst du in getrennten Kategorien?

Peter Tägtgren:
Nein, ich fange damit an, über die Band nachzudenken, für die ich etwas schreiben will. Früher lagen sie noch ziemlich nah beieinander, bevor sie sich voneinander entfernten. Aber jetzt ist es wirklich schwer, das zu übertragen, vor allem, wenn jeder verdammte Song so anders klingt. Aber ich kann dir sagen: Der nächste Song ist für Pain-Verhältnisse sehr heavy.

Time For Metal / Oliver J.:
Wenn wir uns also die ersten Alben von Pain und das, was danach kam, ansehen – hat sich deine Vision von Pain verändert?

Peter Tägtgren:
Nun, ich denke, das erste Pain-Album, das 1997 erschien, war nicht wirklich Pain. Es war eher Heavy Metal mit dem Versuch, etwas Industrial-Zeug einzubauen. Aber es ist nicht so geworden, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das zweite Album wurde dann aber tatsächlich das, was ich mir für das erste Album zum Ziel gesetzt hatte. Als ich also bei Rebirth dieses Industrial-Feeling hatte, fing ich an, mich auszuprobieren. Da gibt es auf Nothing Remains The Same einige langsame Balladen; da war ich im Polar Studio von ABBA in Stockholm und habe Streicher und so hinzugefügt – das war wirklich cool. Und deshalb musste ich auch Eleanore Rigby, das Beatles-Cover, und solche Sachen machen. Aber gleichzeitig wurde Nothing Remains The Same ein bisschen metallischer, da gab es mehr Gitarrenriffs. Beim nächsten Album hat es sich dann wieder verändert. Wie auch immer das Album klingt – das ist der Geisteszustand, in dem ich mich in diesem Moment befinde. Es gibt eigentlich keine Regeln.

Time For Metal / Oliver J.:
Wenn du mal vorausdenkst: Mitte November geht die Tour los – was magst du am Touren am liebsten und was am wenigsten?

Peter Tägtgren:
Es gibt nichts, was ich am wenigsten mag. Aber ich schlafe viel – wenn ich auf Tour bin, ist das so etwas wie mein Urlaub. Ich schlafe wirklich viel, vielleicht 10–15 Stunden am Tag. Das tut meinem Körper gut, um sich zu erholen. Ich meine, ich bin seit über 30 Jahren auf Tour, ich brauche, ehrlich gesagt, kein Sightseeing mehr. Aus touristischer Sicht ist es mir also völlig egal, in welcher Stadt ich gerade bin, weil ich das alles schon gesehen habe. Deshalb geht es darum, sich zu entspannen, zu genießen und Spaß zu haben. Und abends dann für die Fans da zu sein, die Leute zu treffen, Party zu machen.

Time For Metal / Oliver J.:
Du bist und warst seit Jahrzehnten als Musiker, Produzent und Songwriter aktiv und hast bei zahlreichen Projekten deine Spuren hinterlassen. Gibt es etwas, das du unbedingt noch erreichen möchtest, bevor die Außerirdischen dich von diesem Planeten retten, um mit dir eine noch größere Party zu schmeißen?

Peter Tägtgren:
Ich weiß nicht – so hart arbeite ich gar nicht mehr. *lacht* Ich habe, glaube ich, seit dem letzten Possessed-Album keine Bands mehr produziert, und davor ist es auch schon eine Weile her. Naja, eigentlich habe ich ein Album für einen Freund gemacht. Er hat eine Bluesband; ich habe ihr Album vor einem Jahr produziert, einfach mal, um etwas anderes zu machen. Aber ansonsten habe ich das Studio im Moment ganz für mich allein.

Time For Metal / Oliver J.:
Das heißt, wenn du neues Material hast, gehst du einfach hin und nimmst es auf?

Peter Tägtgren:
Ja, genau. Vorausgesetzt, das Studio ist frei, denn Sebastian ist auch manchmal dort. Aber ja, sobald wir etwas haben, treffen wir uns und schauen dann, ob wir die Sachen zusammenfügen können.

Time For Metal / Oliver J.:
Wie findest du es, dass Sebastian in deine Fußstapfen tritt?

Peter Tägtgren:
Ich finde es gut, denn ich werde langsam zu alt für diesen Scheiß. Ich meine, er ist ein guter Songwriter, aber er ist verdammt faul.

Hypocrisy

Time For Metal / Oliver J.:
Für einen Fan von Pain und Hypocrisy ist das etwas, was niemand hören will – dass der Kopf hinter diesen Bands denkt, er würde zu alt werden. Man will nicht, dass seine Lieblingsbands aufhören, aber ich verstehe vollkommen, dass dieser Zeitpunkt irgendwann kommen wird.

Peter Tägtgren:
Ja – aber 1,5 Stunden lang zu stehen und zu growlen, wenn man 57 oder älter ist, ist hart. Ich meine, ich mache das so lange, wie ich finde, dass es noch gut klingt – wenn es anfängt, so zu klingen … Naja, natürlich gibt es gute und schlechte Tage, aber wenn man nur noch schlechte Tage hat, sollte man sagen: „Scheiß drauf.“ Aber zum Glück habe ich bisher kein Problem damit und ich habe zum Beispiel das Gefühl, dass ich bei Pain jetzt besser singe. Ich schaffe immer noch die tiefen Growls und das Schreien, also mache ich mir noch keine Sorgen.

Time For Metal / Oliver J.:
Das klingt nach einer perfekten Ausgangslage für den Tourstart im November – danke für deine Zeit, ich freue mich darauf, dich auf der kommenden Tour in Saarbrücken zu sehen.

Peter Tägtgren:
Oh klar, es war mir ein Vergnügen – sag Bescheid, dann trinken wir ein Bier zusammen.