Event: Il Rumore del Lutto Festival 2026 – Eröffnung der 20. Ausgabe „Lode“
Künstlerin: Diamanda Galás
Ort: Auditorium Niccolò Paganini, Via Toscana 5, Parma (Italien)
Datum: 26.09.2026, 21:00 Uhr
Kosten: ab 49,00 € – Ausverkauft!
Veranstalter: Segnali di Vita APS
Link: www.ilrumoredellutto.com
Was bleibt, wenn die Stimme verstummt
Im Februar bin ich beim Festival A Thousand Lost Civilizations in Brüssel. Zwischen zwei Konzerten dringt eine Stimme aus den Lautsprechern, die ich nicht einordnen kann. Sie kreischt, kichert, krächzt, überschlägt sich und erinnert mich stellenweise an das aufgeregte Schnattern von Krähen. Es tut mir in den Ohren weh. Ich verstehe nicht, was ich da höre, geschweige denn, warum jemand so singt.
Neben mir steht ein befreundeter Musiker. Wir kommen auf die Stimme zu sprechen, und plötzlich sehe ich dieses Leuchten in seinen Augen. Er spricht mit einer Begeisterung über Diamanda Galás, die ich in diesem Augenblick nicht teilen kann. Was für ihn von außergewöhnlicher Bedeutung ist, klingt für mich wie eine einzige Provokation. Fast scheint es mir, als mache sich diese Stimme über etwas lustig. Als verhöhne sie die Vorstellung davon, wie Gesang zu klingen hat. Als stehe die Frau, die solche Laute hervorbringt, über allen Erwartungen, die man an sie richtet.
Ich weiß nicht, ob ich das mag.
Aber ich kann es nicht vergessen.
Später schreibe ich einen kurzen Text über das Festival. Dabei kommt mir Patrick Süskinds Das Parfum in den Sinn: Grenouille will die Essenz eines Menschen einfangen und findet darin doch nicht, was er sucht. So geht es mir mit diesem Wochenende. Ich möchte es irgendwie konservieren und weiß nicht, wie.
Zurück in Deutschland nehme ich das Gespräch mit ihm wieder auf. Er ist inzwischen wieder zu Hause, doch unser Austausch geht weiter. Ich höre mich durch die Alben von Diamanda Galás, lese über ihr Leben, ihr Werk und ihre lange, anspruchsvolle Ausbildung. Was mich zunächst verstört hat, entwickelt eine eigentümliche Anziehungskraft. Irgendwann interessiert mich nicht mehr nur, wie diese Frau singt, sondern vor allem, wofür sie steht.
Seit Jahrzehnten richtet sie ihre Kunst auf Themen, vor denen andere lieber zurückweichen: Krankheit, Ausgrenzung, Gewalt, Tod und die Würde jener Menschen, denen sie verweigert wird. Ich bewundere die Konsequenz, mit der sie ihre Haltung vertritt, und ihre Bereitschaft, die Unbequemlichkeit ihrer Überzeugungen auszuhalten.
Aus anfänglicher Irritation wird Neugier. Aus Neugier Bewunderung. Schließlich verliebe ich mich in eine Kunst, deren erster Eindruck alles andere als einladend war.
Als ich zufällig entdecke, dass Diamanda Galás im September in Parma auftritt, buche ich sofort. Ich will sie erleben, als Künstlerin und als Mensch. Mein Gesprächspartner aus Brüssel ermutigt mich außerdem, eine Fotoakkreditierung anzufragen. Dazu fehlt mir zunächst der Mut. Dann kommt die Zusage. Monatelang fiebere ich diesem Abend entgegen. Dass ich ihm schließlich tatsächlich mit Fieber begegne, ist eine Ironie, auf die ich gern verzichtet hätte: Einen Tag vor der Abreise werde ich krank und fliege trotzdem. Am Abend des 26. September stehe ich im Auditorium Niccolò Paganini in Parma. Als ich meine Kamera in die Hand nehme, zittern meine Hände. Ob vor Nervosität oder wegen des Fiebers, kann ich kaum unterscheiden.
Die Sängerin eröffnet an diesem Abend im ausverkauften Auditorium die zwanzigste Ausgabe von Il Rumore Del Lutto. Seit 2007 widmet sich das von Maria Angela Gelati und Marco Pipitone gegründete Festival dem Tod, der Trauer und der Erinnerung. Die Jubiläumsausgabe trägt den Titel Lode: Lob, Würdigung, Dankbarkeit. Was zunächst widersprüchlich erscheint, berührt den Kern des Festivals. Wer sich mit Vergänglichkeit beschäftigt, fragt zwangsläufig nach dem Wert dessen, was vergeht. Nicht alles, was schmerzt, muss überwunden werden. Manches verlangt zunächst, dass man es wahrnimmt.
Diamanda Galás verlangt Aufmerksamkeit.
Ihre Stimme besitzt eine Dominanz, die sich nur schwer beschreiben lässt. Sie bleibt nicht an der Oberfläche des Hörens, sondern dringt tiefer, als man es zulassen möchte. Mitunter scheint sie geradezu in einen Menschen hineinzukriechen. Das ist keine bequeme Erfahrung.
Und dann ist da der Flügel. In Brüssel kam die Stimme aus Lautsprechern, ohne Körper, ohne Gesicht. Hier sehe ich, woher sie kommt. Galás sitzt am Instrument, als wäre es ein Teil von ihr. Sie begleitet sich nicht, sie spielt gegen etwas an. Ihre Hände sind so unerbittlich wie ihre Stimme. Manchmal weiß ich nicht mehr, ob ich gerade dem Klavier zuhöre oder ihr. Vielleicht gibt es an diesem Abend keinen Unterschied.

Was in Brüssel für mich noch wie Kontrollverlust klang, erweist sich hier als das Gegenteil. Innerhalb ihres enormen stimmlichen Spektrums liegen Gesang, Schrei, Klage und Spott so nah beieinander, dass ihre Grenzen verschwimmen. Selbst in den wildesten Ausbrüchen liegt eine Genauigkeit, die mich staunen lässt. Ich höre nicht mehr nur die Laute, die mich damals verstört haben. Ich höre, wie viel Ausdruck in ihnen liegt.
Dann überrascht sie mich mit etwas, das ich nach Brüssel nicht erwartet hätte. Bei aller Kraft, die von ihr ausgeht, liegt in ihrer Präsenz etwas beinahe Zartes. Eine Eleganz, die nicht im Widerspruch zu ihrer Unerbittlichkeit steht, sondern mit ihr zusammen existiert. Sie lässt sich weder auf Schönheit noch auf Schrecken reduzieren.
Ein Wort drängt sich mir immer wieder auf: Haltung.
Sie wirkt auf mich nicht wie jemand, der etwas darstellen muss. Sie steht vollkommen in dem, was sie tut. Darin liegt eine Selbstverständlichkeit, die keine Zustimmung verlangt.
Ihr Programm verbindet eigene Arbeiten mit traditionellen Liedern und Neuinterpretationen, darunter Ramblin’ Man, La Llorona, Let My People Go und Gloomy Sunday. Besonders La Llorona trifft mich. Ich kenne dieses mexikanische Klagelied bereits und erkenne die Melodie sofort wieder. Doch durch ihre Stimme höre ich sie auf eine Weise, die mir bisher verschlossen geblieben ist. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, etwas Bekanntem zu begegnen und es gleichzeitig neu kennenzulernen. Die Wehmut, die Sehnsucht, der Schmerz – all das ist in diesem Lied bereits angelegt. Ihre Interpretation jedoch nimmt mir die Sicherheit des Vertrauten. Plötzlich ist da nicht mehr nur ein Lied, dessen Melodie ich kenne, sondern eine menschliche Klage, die mich unmittelbar erreicht.
Für mich ist es der eindringlichste Moment des Abends.

Fotografieren darf ich nur während der ersten drei Stücke. Danach lege ich die Kamera beiseite und versuche nicht länger, diesen Auftritt durch den Sucher zu erfassen. Ich höre zu. Dann verändert sich die Wirkung des Raums. Während sie singt, richten sich grelle, flackernde Scheinwerfer direkt auf das Publikum. Das Licht ist so intensiv, dass es in den Augen schmerzt. Es ist kein sanftes Aufleuchten, keine dekorative Begleitung der Musik. Die schnellen Lichtwechsel treffen uns frontal. Unwillkürlich möchte ich den Blick abwenden.
Ich muss an Brüssel denken. Dort hat mir ihre Stimme in den Ohren wehgetan. Hier ist es das Licht, das die körperliche Grenze überschreitet. Für einen Moment verschwindet die sichere Distanz zwischen Bühne und Saal. Zu einer Stimme, die Hörgewohnheiten herausfordert, gehört eine Lichtregie, die auch das Sehen aus seiner Selbstverständlichkeit reißt.
Dann richtet sich mein Blick auf das Publikum. Selten habe ich einen Saal gesehen, in dem so unterschiedliche Menschen zusammenkommen: Anhänger des Black Metal, Künstlerinnen, Menschen in Drag, Besucher aus verschiedenen Teilen der Welt. Wer sie sind und auf welchen Wegen sie zu Diamanda Galás gefunden haben, bleibt mir verborgen. Doch ich habe den Eindruck, dass hier niemand zufällig sitzt.
Ich frage mich, was sie in dieser Musik suchen. Trost? Konfrontation? Vielleicht etwas, für das sie selbst keine Worte finden.
Eine Antwort darauf brauche ich nicht. Wir sitzen im selben Raum, hören dieselbe Stimme und erleben sie doch vermutlich auf völlig unterschiedliche Weise. Gerade darin liegt für mich etwas Verbindendes.
Dass eine einzelne Künstlerin Menschen, deren Wege sich anderswo kaum kreuzen würden, in einem Raum versammelt, beeindruckt mich an diesem Abend kaum weniger als ihre Stimme.
Am Ende steht der ganze Saal. Diamanda Galás kommt zurück, dreimal, und mit jeder Zugabe wird der Applaus lauter, als wolle niemand derjenige sein, der sie gehen lässt. Als sie den Saal schließlich verlässt, bleibt etwas zurück, das sich kaum benennen lässt. Ich habe an diesem Abend nicht einfach ein Konzert gehört. Es war etwas Feierliches, fast Heiliges, das wir gemeinsam durchschritten haben. Und sie hat uns hindurchgeführt.
Nach den Zugaben löst sich diese Erfahrung nicht einfach auf. In Parma stellt sich mir die Frage aus Brüssel erneut: Wie lässt sich die Essenz eines flüchtigen Augenblicks bewahren? Wie hält man etwas fest, dessen Wesen gerade darin liegt, dass es vorübergeht?
Auf meinen Bildern bleiben Licht, Bewegung, schwarze Flächen, scharfe und verschwimmende Konturen. Sie zeigen Diamanda Galás auf der Bühne. Aber sie zeigen nicht, was ihre Stimme mit mir macht.
Das kann keine Fotografie.
Vielleicht muss sie das auch nicht.
Ich denke an die Stimme, die mir in Brüssel in den Ohren wehgetan hat. An das Leuchten in den Augen des Musikers neben mir, das ich damals noch nicht verstanden habe. An die Gespräche, die daraus entstanden sind, und an die Monate, in denen ich mich dieser Musik langsam genähert habe. Und schließlich an diesen Abend in Parma, an dem eine Stimme und ein flackerndes Licht mich auf ganz unterschiedliche Weise an meine Grenzen geführt haben.
Was ich festhalten kann, sind Bilder. Was bleibt, ist mehr als das. Manches bleibt nicht, weil man es festhält. Es bleibt, weil es etwas in einem verändert.
In Brüssel habe ich mich gefragt, warum ein Mensch so singt. In Parma habe ich darauf noch immer keine abschließende Antwort.
Aber ich weiß jetzt, warum ich weiterhören möchte.








