Achtung! Der folgende Absatz kann Spuren von Zynismus enthalten. Wir schreiben das Jahr zweitausendsechsundzwanzig und die Menschheit arbeitet mal wieder erfolgreich an ihrer Dezimierung. Bei dieser weltpolitischen Lage wartet man eigentlich nur darauf, dass einer der größenwahnsinnigen Demagogen auf „den Knopf“ drückt. Mit dieser Steilvorlage sollte sich ein Album namens Demolished Globe doch von alleine schreiben, oder? Na ja, ganz so einfach war der Entstehungsprozess für die Sachsen von Epidemic Scorn wohl doch nicht. Immerhin sind seit der letzten Scheibe Destrumanity fast vier Jahre ins Land gezogen. Der erste Vorbote zum kommenden Album wurde bereits vor zwei Jahren ins Rennen geschickt, sodass man nicht von Untätigkeit sprechen kann. Vielmehr wurden die Songs im Laufe der letzten Jahre eingespielt und von Yves Merten, der sich für Mix und Master verantwortlich zeichnet, veredelt. Apropos edel: Wie genial ist bitte das Artwork des britischen Illustrators und Tattoo-Künstlers Shindy Reehal, der u. a. für Bands wie Kreator, Lamb Of God, Archspire und Aborted gearbeitet hat? Er fängt gekonnt das sehr reale Konzept der Menschheit samt ihrem Niedergang durch Konsumismus, Umweltverschmutzung und Kriege ein. Die Rahmenbedingungen stimmen, dann kann’s ja losgehen.

Der Krieg kennt nur Verlierer
Hier wird nicht lange gefackelt, sondern ohne Intro losgeballert. The World In My Mind rifft wie sau und die Vorstellung eines Safe Spaces innerhalb der eigenen Gedanken wird durch die eindringlichen Zeilen „The world in my mind is the best place to be, here I am myself, I’m feeling free“ untermauert. Stumpfes Oldschool-Gebolze ist nicht das Thema von Epidemic Scorn. Deshalb gibt es neben melodischen Soli auch den einen oder anderen Breakdown auf die Ohren. Neben der geschmackvollen Saitenarbeit, die von gleich drei (!) Gitarristen übernommen wird, steht für mich der Gesang von Osher im Fokus. Hier wird gescreamt, gegrowlt und auch vor eingestreuten Cleanvocals nicht zurückgeschreckt. Wahlweise finden die genannten Stile auch parallel statt, was dem Gesamtsound viele Facetten verleiht. „This is my haven, with a hedge from thorn …“, wer sagt denn, dass Death Metal nicht poetisch sein kann?
Leise Töne eröffnen A Call For Freedom, „marschierende“ Drums erhallen aus der Ferne. Doch die Schrecken des Krieges sollen nicht in einer ruhigen Minute erzählt werden. Aus diesem Grund wird hier erneut gerifft, was das Zeug hält. Wahlweise im Midtempo- oder Highspeed-Sektor angesiedelt. Der Part, der mit den Worten „Houses burning and people crying …“ startet, soll mir tagelang nicht aus dem Kopf gehen. Obendrauf gibt es noch einen Callout, wie man ihn von Winston McCall (Parkway Drive) kennt, sowie einen Ausschnitt aus einer Rede des bekannten britischen Premierministers Winston Churchill. Hier wirkt alles durchdacht, ohne dabei Durchschlagskraft einzubüßen.
Krümelmonster im Chaos der Gefühle
Ausgerechnet der Titelsong kann für meinen Geschmack nicht ganz mit dem starken Auftakt des Albums mithalten. Im Refrain wird wieder mit unterschiedlichen Gesangsstilen gearbeitet, gefolgt von einem amtlichen Solo. So richtig festsetzen möchte sich der Song nicht. Ganz im Gegensatz dazu steht Emptiness, der für mich zu den stärksten Stücken auf Demolished Globe zählt. Auf nervenzerfetzende Sounds folgt ein kurzes, tiefes Durchatmen. Die anschließende Passage, bestehend aus überragend kombinierten Screams und Growls, geht unter die Haut. Der Text offenbart den Tod als einzigen Ausweg, die Musik transportiert gekonnt die Stimmung. Schreien, flüstern, growlen, clean singen – Osher wirft sein gesamtes Repertoire in die Waagschale. „Bandvati“ Jörn steuert ein wunderschönes Solo bei. Über fünf Minuten reinstes Gefühlschaos. Da fangen sogar die Inner Demons an zu schreien. Allerdings sind diese leichter verdaulich. Das schmeckt sogar dem Cookie Monster, welches Osher kurzerhand mit seinen Growls aus dem Keller heraufbeschwört.

Die Macht der Lügen
Fehlinformationen, Desinformation, Irreführung, Verherrlichung, Legitimierung, Einschüchterung, Manipulation, Polarisierung: Der Macht der Lügen sind wir alle schon einmal unterlegen. Spätestens seit via Social Media jeder ungehindert seine unqualifizierte Meinung verbreiten kann, sind Lügen allgegenwärtig. Der dazugehörige Song The Power Of Lies trägt zwar eine wichtige Botschaft, wirkt durch die gesprochenen Passagen jedoch etwas zäh. Threads Of Light beginnt zwar mit einem ähnlichen Schema, bahnt sich seinen Weg geradliniger durch den getrübten Geist. Die Grundstimmung ist schwer in Worte zu fassen. Die Drums hauen direkt in die Magengrube. Im Magen angekommen, ist Broken Dreams mit seinen markerschütternden Schreien und dem Thema moderner Sklaverei nicht gerade leicht verdaulich. Der Gesang rückt im Mix etwas nach hinten, das Solo hat etwas Wehmütiges an sich und das Riffing schielt in Richtung Schweden.
Die Gitarrenarbeit in Ashes Of Tomorrow ist komplex und setzt immer wieder kleine Nadelstiche. Nur kurz wird den Ohren Ruhe gegönnt, ehe der nächste Blastbeat-Part Fahrt aufnimmt. Obwohl das letzte Stück der Menschheit erneut den Spiegel vorhält, so trägt es dennoch ein Fünkchen Hoffnung in sich. Wie sagte der französische Historiker Jean Jaurès einst treffend: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“
Wer mehr über Epidemic Scorn und ihr neues Album Demolished Globe erfahren möchte, achtet auf die kommende Folge unseres Podcasts Leise War Gestern. Dort ist Frontmann Osher im ausführlichen Gespräch mit unseren Hosts Kai und Flo zu hören.
HIER! kommt ihr zur Tracklist von Epidemic Scorn – Demolished Globe in unserem Time For Metal Release-Kalender.



