Evanescence am 23.09.2026 in der Hamburger Barclays Arena

Mehr als zwei Jahrzehnte zwischen Gothic, Rock und großen Emotionen

Event: Evanescence – Sanctuary World Tour 2026

Bands: Evanescence, Poppy, Nova Twins

Ort: Barclays Arena, Hamburg

Datum: 23.09.2026

Genre: Alternative Rock, Alternative Metal, Gothic Rock

Kosten: Stehplatz 76,90 €, Sitzplätze zwischen 65,40 € und 82,70 €

Zuschauer: über 11.000 bereits im Vorverkauf

Setlist: https://www.setlist.fm/setlist/evanescence/2026

Nova Twins 2026 Hamburg; Foto: Norbert Czybulka

1995 gründeten Amy Lee und Ben Moody in Little Rock, Arkansas, die Band Evanescence. Was zunächst als gemeinsames Songwriting-Projekt begann, entwickelte sich mit Fallen zu einem weltweiten Erfolg. Vor allem Bring Me To Life und My Immortal machten die Gruppe Anfang der 2000er-Jahre international bekannt. Inzwischen gehören fünf Studioalben zur Bandgeschichte; 2021 erschien The Bitter Truth, in diesem Jahr folgte mit Sanctuary das nächste Kapitel.

Im September 2026 stehen neben Frontfrau Amy Lee an den Instrumenten Tim McCord, Troy McLawhorn, Will Hunt und Emma Anzai auf der Bühne. Lee übernimmt Gesang, Klavier und Keyboards, McCord und McLawhorn die Gitarren, Hunt sitzt hinter dem Schlagzeug und Anzai sorgt am Bass sowie mit Backing-Vocals für das Fundament.

Die aktuelle Tour ist dabei mehr als eine Reise in die Vergangenheit. Mit Sanctuary haben Evanescence reichlich neues Material im Gepäck. Dass davon auch in Hamburg ein großer Teil den Weg auf die Bühne findet, zeigt bereits ein Blick auf die Setlist.

Evanescene 2026 Hamburg; Foto: Norbert Czybulka

Pünktlich um 19:00 Uhr gehört die Bühne zunächst den Nova Twins. Das Londoner Duo Amy Love und Georgia South hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht, indem es Rock, Punk, Hip-Hop, Metal und elektronische Einflüsse zu einem ziemlich eigenen Sound vermischt. Ihre Instrumentierung bleibt dabei erstaunlich klassisch: Bass, Gitarre, Schlagzeug, Stimme und eine Armada an Effekten reichen aus, um ordentlich Druck aufzubauen.

Auch auf der Evanescence-Tour wird schnell deutlich, dass hier niemand lediglich die Zeit bis zum Hauptact überbrücken möchte. Die Nova Twins gehen mit viel Energie zu Werke und liefern einen modernen, kantigen Sound, der sich deutlich vom späteren Gothic-Rock von Evanescence unterscheidet.

Das aktuelle Material wie Antagonist, Cleopatra, Taxi, Soprano, N.O.V.A, Drip, Choose Your Fighter und Hummingbird gehört zum Live-Repertoire der Tour. Die Band bewegt sich dabei irgendwo zwischen dreckigem Rock, wuchtigem Bass und elektronisch angehauchter Moderne. Dass die beiden Musikerinnen bereits mit Größen wie Foo Fighters, Muse und Bring Me The Horizon auf der Bühne standen, kommt nicht von ungefähr.

Für einen Supportslot in einer großen Arena ist das jedenfalls ein ziemlich kräftiger Einstieg. Als zweiter Support steht eine Dame namens Poppy auf der Bühne. Da Fotografen von ihr ohne Angabe von Gründen nicht erlaubt sind, treffe ich mich lieber spontan mit Freunden im Umlauf der Halle.

Evanescene 2026 Hamburg; Foto: Norbert Czybulka

Um 21:20 Uhr beginnt in der Barclays Arena der Auftritt von Evanescence. Die Hamburger Halle ist der passende Ort für eine Band, deren Musik von Anfang an von großen Melodien, dunklen Stimmungen und ebenso großen Refrains lebt. Die über 11.000 Besucher wissen das zu würdigen.

Mit Sanctuary fällt der Vorhang für einen Abend, der erstaunlich deutlich macht, wohin die Reise 2026 geht. Elf der 21 gespielten Titel stammen vom aktuellen Album. Damit ist Sanctuary nicht lediglich Namensgeber der Tour, sondern bildet tatsächlich das musikalische Rückgrat des Konzertes.

Evanescene 2026 Hamburg; Foto: Norbert Czybulka

Auf den Opener folgen Tell Me When You’ve Had Enough, Afterlife und Rapture. Gerade Afterlife schlägt dabei die Brücke zwischen der jüngeren Schaffensphase und dem klassischen Evanescence-Sound. Der Song entstand ursprünglich für die Netflix-Serie Devil May Cry und wurde 2026 Teil der neuen musikalischen Ära der Band.

Dann geht es zurück zu den Wurzeln. Going Under dürfte bei vielen Besuchern sofort Erinnerungen an die Anfangsjahre wachrufen. Mit Lithium folgt einer jener Songs, bei denen Amy Lee ihre Stimme zwischen zerbrechlicher Ruhe und großer Dramatik bewegen kann. Like You aus dem Album The Open Door bekommt auf dieser Tour zudem eine besondere Bedeutung: Das Album feiert 2026 seinen 20. Geburtstag und der Titel ist erstmals Bestandteil einer Evanescence-Setlist.

Mit Self Destruct und Calm Down bleibt die Band zunächst fest im neuen Material verankert, bevor Call Me When You’re Sober die nächste große Brücke in die Vergangenheit schlägt. Spätestens hier dürfte sich auch der letzte Besucher daran erinnern, warum Evanescence Anfang der 2000er zu einer der prägendsten Bands ihres Genres geworden sind.

Mit Beautiful Lie, Wasted On You und Forever Without You bringen sie anschließend gleich mehrere Stücke aus der aktuellen Schaffensphase. Die Setlist ist damit erstaunlich wenig auf reine Nostalgie ausgelegt. Natürlich fehlen die großen Klassiker nicht, doch Evanescence möchten in Hamburg offensichtlich nicht einfach Fallen aus der Mottenkiste holen und anschließend wieder nach Hause fahren.

Evanescene 2026 Hamburg; Foto: Norbert Czybulka

Doch dann kommt er: Bring Me To Life. Der Song, der die Band einst weltweit bekannt machte, funktioniert auch mehr als zwei Jahrzehnte später. Danach folgen mit Imaginary und Better Without You zwei weitere unterschiedliche Stationen der Bandgeschichte. Gerade Imaginary gehört zu den Titeln, die zeigen, wie stark die frühe, melancholische Seite von Evanescence bis heute im Bandfundament verankert ist.

Mit About Us geht es erneut zurück zu Sanctuary. Danach wartet mit End Of You ein besonderer Moment auf das Hamburger Publikum. Der Song entstand als Zusammenarbeit von Amy Lee, Poppy und Courtney LaPlante von Spiritbox. In Hamburg ist Poppy Teil des Tourpakets, sodass aus dem Studioprojekt ein echter gemeinsamer Bühnenmoment wird. Bereits beim Europatourauftakt in Leeds wurde der Titel erstmals live gespielt.

Danach bleiben noch drei Titel. Who Will You Follow gehört zu den neuen Stücken und führt direkt in das große Finale. Mit My Immortal wird noch einmal ein ganz anderes Evanescence-Gefühl aufgerufen. Piano, Stimme, Melodie: Viel braucht es bei diesem Stück nicht, um eine Arena verstummen zu lassen.

Den Schlusspunkt setzt mit Wide Open Heart ein neuer Song als Ende eines Konzertes, das schon mit einem neuen Song begonnen hat. Ein durchaus passender Kreis.

Fazit

Evanescence liefern in Hamburg ein Konzert, das zwei Seiten der Band miteinander verbindet. Auf der einen Seite stehen die Songs, mit denen Amy Lee und ihre Mitstreiter Musikgeschichte geschrieben haben. Auf der anderen Seite steht mit Sanctuary ein neues Album, das ungewöhnlich viel Raum bekommt.

Damit machen Evanescence in der Barclays Arena deutlich, dass die Vergangenheit nicht vergessen wird, aber sie muss auch nicht ständig wiederholt werden. Amy Lee steht weiterhin im Zentrum, die aktuelle Besetzung liefert das Fundament und die neuen Songs zeigen, dass die Geschichte der Band noch längst nicht zu Ende ist. Evanescence können ihre Geschichte feiern, ohne darin stecken zu bleiben.