Bands: Faetooth, Coltaine, Ellereve
Ort: Kulturclub Schon Schön, Große Bleiche 60-62, 55116 Mainz
Datum: 25.01.2026
Kosten: 23,00 € VVK plus Gebühren (ausverkauft)
Genre: Post Rock, Psychedelic Stoner, Fairy Doom, Psychedelic Doom, Sludge
Veranstalter: Kulturclub Schon Schön
Link: https://www.facebook.com/events/24407765255589380/
Heute geht es nach längerer Zeit endlich wieder in den Kulturclub Schon Schön nach Mainz. Selbst eine Warnung vor möglicher Glatteisbildung kann uns nicht davon abhalten, in die Landeshauptstadt aufzubrechen – denn mit Faetooth steht heute eine der aktuell spannendsten Bands aus dem Bereich Post Rock und Psychedelic Doom auf der Bühne. Ihren eigenen Sound beschreiben sie treffend als „Fairy Doom“. Begleitet werden sie an diesem Abend von Coltaine und Ellereve. Coltaine durfte ich bereits im letzten Jahr auf dem Hoflärm Festival live erleben und habe zu beiden ihrer bisherigen Alben jeweils ein Review geschrieben. Ellereve hingegen sind mir bislang noch unbekannt – umso größer ist meine Vorfreude, sie heute Abend erstmals live zu entdecken.
Diese Vorfreude teilen wir offensichtlich mit vielen anderen: Vor dem Schon Schön hat sich bereits eine lange Schlange an Fans gebildet, die sich diese Kombination heute ebenfalls nicht entgehen lassen wollen. Die Veranstaltung ist restlos ausverkauft. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt warten wir geduldig auf den Einlass, der sich ein wenig verzögert.
Aus der Stille in die Tiefe – Ellereve eröffnen den Abend
Drinnen angekommen geht es dann aber auch direkt los – Ellereve eröffnen den Abend ohne lange Verschnaufpause. Die Bühne ist vereinzelt durchzogen von tiefen Rottönen, die der Atmosphäre von Beginn an etwas Unheilvolles und zugleich Intimes verleihen. Im Zentrum steht Elisa Giulia Teschner, gehüllt in einen Umhang mit Kapuze – eine Erscheinung, die sofort Assoziationen an düstere Märchenwelten weckt und den Ton für den kommenden Auftritt setzt.
Musikalisch bewegen sich Ellereve in einem Spannungsfeld aus Post-Metal, Doom und schwarzen Klanglandschaften, ohne dabei ihre emotionale Tiefe oder die fast filmische Wirkung ihrer Songs zu verlieren. Trotz der Nähe zu schweren Genres wirkt das Set nie überladen, sondern vielmehr fokussiert und eindringlich. Besonders die Stücke des aktuellen Albums Umbra – darunter An Avalanche Of Shudders, Like A Moth To A Flame, The Veil Of Your Death oder Trauma – die den Kern des heutigen Auftritts bilden, entfalten live eine enorme Sogwirkung. Die Musik lebt von Kontrasten: Fragile, fast zerbrechliche Passagen treffen auf wuchtige, düstere Ausbrüche, getragen von einer Stimme, die gleichermaßen verletzlich wie bestimmt klingt.

Ellereve ist im eigentlichen Sinne kein klassisches Bandprojekt , sondern eine sehr persönliche Vision. Elisa Giulia Teschner steht live klar im Mittelpunkt, lenkt die Dynamik des Sets und zieht das Publikum mühelos in ihre Klangwelt hinein. Die Performance überzeugt auf ganzer Linie – intensiv, konzentriert und ohne unnötige Gesten. Für mich ist dieser Auftritt erneut der Beweis, dass gerade weniger bekannte Acts oft die größten Überraschungen bereithalten. Ein beeindruckender, atmosphärisch dichter Auftakt des Abends. Zudem hatte ich das Glück, recht nah an die Bühne zu kommen und einige Fotos machen zu können, was die Eindrücke dieses besonderen Sets noch einmal verstärkt hat. Am Merchstand unterhalte ich mich noch mit ihr und erfahre dabei, dass sie mittlerweile ihren Wohnsitz nach Innsbruck verlegt hat.
Coltaine – dunkle Wellen aus Karlsruhe
Nach dem intensiven Auftakt gestaltet sich die Umbaupause erfreulich kurz. Währenddessen entdecke ich ein bekanntes Gesicht hinter den Reglern: Falko, Bassist von Sarkh, der an diesem Abend – wie auch auf der gesamten Tour – für den Livesound von Coltaine verantwortlich ist. Solche Momente machen immer wieder deutlich, wie klein und eng vernetzt die Szene ist.
Dann ist es so weit: Coltaine betreten die Bühne. Für mich sind sie längst keine Unbekannten mehr. Bereits ihr Debüt Forgotten Ways hinterließ einen bleibenden Eindruck, der Nachfolger Brandung vertiefte diesen Eindruck nur noch. Entsprechend klar ist die Erwartungshaltung im Kulturclub Schon Schön: düstere, schwere Klanglandschaften, geprägt von Tiefe, Atmosphäre und einer gewissen mystischen Schwere, die an dunkle Wälder und nebelverhangene Landschaften erinnert – heute Abend übertragen nach Mainz. Und Coltaine liefern genau das. Der Sound bewegt sich irgendwo zwischen Psychedelic Doom, Post-Metal und Sludge, dicht verwoben und voller Spannung. Stücke wie Mogila entfalten live eine enorme Wucht, während Forgotten Ways mit seiner melancholischen Tiefe den Kern des frühen Schaffens der Band spürbar macht. Auch Material vom aktuellen Album kommt nicht zu kurz: Zum Beispiel Memories Of Ice, oder auch der Titelsong Brandung, der schwer und unaufhaltsam durch den Raum rollt. Coltaine erschaffen eine dichte Atmosphäre und setzen auf Dynamik und Spannungsbögen.

Sängerin Julia Frasch steht dabei im Mittelpunkt, ihre Stimme wirkt beinahe hypnotisch und zieht das Publikum unweigerlich in ihren Bann. Auch optisch fügt sich alles stimmig ins Gesamtbild: Zu Beginn ebenfalls in einen Umhang gehüllt, verschwindet sie fast im ohnehin spärlichen Licht. Die Bühne ist noch dunkler als zuvor bei Ellereve, fast schon vollständig in Schatten getaucht. Umgeben von einer kraftvollen und zugleich fein aufeinander abgestimmten Instrumentalfraktion – den Brüdern Benedikt (Bass) und Moritz Berg (Gitarre) und Schlagzeuger Amin Bouzeghaia – entfaltet sich eine dynamische Performance, die zwischen ruhiger Intensität und wuchtigen Ausbrüchen pendelt. Obwohl Coltaine für mich persönlich längst auf der musikalischen Bucketlist abgehakt wurden, zeigt sich einmal mehr, dass sich ein Wiedersehen absolut lohnt. Vor allem unter diesen Bedingungen: kein Tageslicht, keine Ablenkung – nur Dunkelheit, Sound und Atmosphäre. Ganz nach vorne bis an die Bühne ist es diesmal nicht möglich, einige Plätze wurden bereits frühzeitig verteidigt wie feste Bollwerke, ein paar Fotos gelingen trotzdem. Entscheidend ist ohnehin das, was von der Bühne kommt – und das ist bei Coltaine auch an diesem Abend wieder eindrucksvoll, intensiv und absolut überzeugend.
Faetooth – Fairy Doom als rauschender Abschluss
Nach zwei intensiven und atmosphärisch dichten Auftritten liegt eine spürbare Erwartung im Raum. Das Schon Schön ist bis auf den letzten Platz gefüllt, die Luft schwer, das Licht gedimmt. Als Faetooth schließlich die Bühne betreten, ist sofort klar: Jetzt wird der Abend noch einmal auf ein anderes Level gehoben. Das Trio aus Los Angeles, gegründet 2019, besteht aus Ari May (Gitarre, Gesang), Jenna Garcia (Bass, Gesang) und Rah Kanan am Schlagzeug. In dieser reduzierten, aber äußerst wirkungsvollen Besetzung erschaffen Faetooth eine Klangwelt, die gleichermaßen massiv wie entrückt wirkt. Ihr Sound bewegt sich zwischen Post Rock, Psychedelic Doom und schwerer, träumerischer Dunkelheit – oder, wie sie es selbst nennen: Fairy Doom.
Der Auftritt schöpft aus beiden bisherigen Alben Remnants Of The Vessel und Labyrinthine. Songs wie Iron Gate, White Noise, Hole oder Remains tauchen dabei als markante Stationen im Set auf, ohne den Fluss zu unterbrechen. Weitere Stücke wie October, Discarnate oder She Cast A Shadow fügen sich organisch ein und verstärken den Eindruck eines geschlossenen, in sich ruhenden Gesamterlebnisses. Es geht weniger um einzelne Songs als um das große Ganze – um Atmosphäre, Spannung und emotionale Tiefe. Auf der Bühne agieren Ari May und Jenna Garcia konzentriert und beinahe introvertiert, ihre Stimmen greifen stimmig ineinander. Rah Kanan sorgt mit ihrem präzisen, kraftvollen Spiel für das stabile Fundament. Große Gesten bleiben aus, Faetooth lassen die Musik wirken, was die Intensität des Auftritts nur noch verstärkt.

Auch wenn nun etwas mehr Licht vorhanden ist, bleibt dieses reduziert und dunkel und lenkt den Fokus konsequent auf den Sound. Das Publikum folgt aufmerksam, fast andächtig, lässt sich treiben und sinkt mit jedem neuen Spannungsbogen tiefer in diese dichte Klangwelt des Fairy Dooms von Faetooth hinein. Nach dem Gig setzt sich diese besondere Nähe fort: Am Merchstand liegen beide Alben aus, und natürlich kann ich nicht widerstehen, sie mitzunehmen. Noch schöner wird es dadurch, dass ich die Platten direkt vom Trio signieren lassen kann. Rah Kanan legt sogar noch einen Drumstick obendrauf. Die drei bleiben nach dem Auftritt lange präsent, nehmen sich Zeit, signieren geduldig und stehen bereitwillig für Selfies – ein nahbarer, sympathischer Abschluss eines ohnehin außergewöhnlichen Abends.
Fazit
Drei Bands, drei unterschiedliche Facetten von Dunkelheit und Atmosphäre: Ellereve eröffnen intensiv und emotional, Coltaine verdichten den Abend mit wuchtiger Schwere, und Faetooth setzen einen eindrucksvollen, konsequenten Schlusspunkt. Ein ausverkaufter Club, ein konzentriertes Publikum und starke Performances machen diesen Abend im Schon Schön zu etwas Besonderem. Und trotz aller Glättewarnungen kommen wir am Ende auch wieder sicher nach Hause. Besser kann ein Konzertabend kaum enden.





















