Ich weiß noch ganz genau, wann Airbourne bei mir eingeschlagen haben. Wacken, 31.07.2008, 18:30 Uhr. Ich habe eben einem Metalhead On Wheels auf die Rolli-Bühne geholfen und darf dort als „Begleitperson“ stehen bleiben. Ich kenne die Band nicht, aber Aussies sind eigentlich immer hörenswert … Dann der sich aufbauende Einstieg zu Stand Up For Rock’n Roll. Und bämmmmm – es trifft mich wie die Druckwelle bei einer Explosion. Dann folgt eine Stunde Dauerfeuer, pure Energie und Beine, die nicht stillstehen. Seit diesem Tag erlebe ich Airbourne immer wieder: zunächst in kleinen, immer schweißtreibenden Clubs in Hamburg, Stuttgart und Köln, später als Support der Toten Hosen und Iron Maiden sowie auf immer größeren Festivalbühnen beim Baltic Open Air, BOBFest, Elbriot und inzwischen fünf Mal beim W:O:A. Die Bühnen werden größer, die Positionen auf den Festivalplakaten prominenter. Die magische Energie des ersten Auftritts bleibt.

Die spielt auch auf ihrem selbstbetitelten sechsten Studioalbum die entscheidende Rolle. Denn bei der Frage, wie das Album klingen soll, sind sich die Jungs aus Warrnambool in Victoria, Joel O’Keeffe (Vocals/Gitarre), Ryan O’Keeffe (Drums), Justin Street (Bass) und Brett Tyrrell (Gitarre), schnell einig: wie ein Airbourne-Live-Set. Und auch der Albumtitel ist konsequent: Denn das Album soll nicht weniger als die Essenz, die DNA, der Band einfangen und destillieren. Was braucht es da mehr als just Airbourne?
Fünf der zwölf Songs sind – ein Symptom dieser Zeit – bereits vorab als Singles erschienen: Gutsy im Juni 2025, Christmas Bonus im November 2025, Alive After Death (Last Plane Out) im April 2026 sowie Kid In A Candy Store Anfang Juni und Here She Comes Ende Juli 2026. Damit ist fast die Hälfte der Platte schon vor dem Release bekannt. Im Albumkontext verlieren die Stücke für mich aber nichts von ihrer Wirkung – im Gegenteil: Die bereits bekannten Songs fügen sich ausgezeichnet in die Gesamtdramaturgie ein.
Von der Druckwelle zum Fast-Live-Album
Gutsy ist für mich der perfekte Einstieg. Er geht ohne Umweg nach vorne und klingt vom ersten Moment an nach Airbourne pur. Dieser Song hat alles, was die Band ausmacht – unbändige Energie, Lebensfreude und dieses Aussie-Pubrock-Feeling. „Gutsy“ bedeutet für die Band nicht einfach nur „mutig“ oder „draufgängerisch“, sondern auch den Impuls, für andere etwas zu riskieren und sich selbst zurückzunehmen. Damit definiert der Opener nicht nur den Sound des Albums, sondern gewissermaßen auch die Haltung der Band.
Genauso packt mich Alive After Death (Last Plane Out). Vielleicht der stärkste Song der Platte. Er verbindet die typische Härte der Band mit einer emotionalen Seite und wirkt gerade deshalb so besonders. Dass die Entstehung mit dem Leben auf Tour zusammenhängt, passt dabei perfekt: Airbourne schreiben nicht nur über das Leben auf der Straße – die Straße liefert ihnen offenbar auch das Material dafür. Dazu kommt die Verbindung zu den Rockhelden, die die Band geprägt haben. Lemmy spielt dabei eine besondere Rolle, und spätestens hier wird deutlich, dass diese Referenzen nicht bloß dekorative Namen sind.
Bei Here She Comes und Who Put The Rhythm In You? öffnen Airbourne ihre Türen etwas weiter. Bei diesen Songs wurde mit Produzenten-Legende Mutt Lange (u.a. verantwortlich für Megaseller wie Back In Black, Pyromania, Foreigner „4“) und Bryan Adams zusammengearbeitet, was beiden Songs einen eigenen Stil verleiht: weniger hart, melodischer und hymnischer – mit einer kleinen Prise Def Leppard und Van Halen. Joel beweist hier, dass er gesanglich deutlich variantenreicher sein kann, als man bisher ahnte. Für mich funktionieren beide Songs richtig gut und werden in den Stadien garantiert eskalieren.
Kid In A Candy Store kommt sleazy, frech und leicht anzüglich um die Ecke, während Sky High mit seinen Chören ordentlich Mitsing-Potenzial mitbringt. Mit Last Man Standing drehen die Australier wieder richtig auf. Das Riff sitzt, der Refrain schreit quasi nach einer Festivalbühne und die Botschaft ist eindeutig: Aufstehen, weitermachen, nicht klein beigeben – never surrender. Für mich einer der Songs, bei denen die Live-DNA der Band besonders deutlich durchkommt. Rock ’N’ Roll Ya ist die pure Aufforderung zum Mitmachen: treibender Groove, großer Refrain und jede Menge Rock ’N’ Roll-Attitüde. Bogotá nimmt etwas Tempo aus dem Album und gibt ihm dadurch genau an der richtigen Stelle Luft. Der Song groovt stärker, wirkt dunkler und fällt mit seiner etwas anderen Struktur aus dem üblichen Raster. Und integriert eine kleine Reminiszenz an Eddie Van Halen. Ein kleiner Stolperstein bleibt für mich Christmas Bonus. Der Song selbst ist gut, aber irgendwie passt er nicht ganz so in die Chronologie. Vielleicht irritiert mich auch einfach der Titel. Irgendwie wirkt er für mich jedenfalls etwas losgelöst. Das ist allerdings Jammern auf hohem Niveau.
Beeindruckend ist auf dieser Scheibe auch die Produktion, die den Charakter der Band deutlich herausarbeitet. Aufgenommen wurde unter anderem mitten im australischen Dschungel, im Music Farm Studio bei Byron Bay, wo das Original-Mischpult steht, auf dem die frühen Platten von AC/DC und Rose Tattoo aufgenommen wurden. Airbourne nehmen sich dabei hörbar Zeit für Details, ohne den Songs ihre Direktheit zu nehmen. Das Ergebnis klingt groß genug für die Festivalbühne, bleibt aber rau genug, um nicht steril zu wirken. Eine gelungene Balance.
Und dann kommt das Schlussdoppel. Hells Got No Vacancy und Send Me To Rock ’N’ Roll Heaven bilden für mich einen perfekten Abschluss – musikalisch und thematisch. Der eine Song steht für Widerstand und Weitermachen, der andere richtet den Blick auf die verstorbenen Helden des Rock’n’Rolls. Lemmy, Eddie Van Halen und weitere Größen werden damit Teil eines Albums, das gleichzeitig sehr deutlich von der eigenen Geschichte erzählt. Dass Send Me To Rock ’N’ Roll Heaven tatsächlich den letzten Platz der Tracklist einnimmt, wirkt deshalb genau richtig. Und dass er mit den Worten „Rock In Peace, Ozzy!“ endet, ebenso.
Hier geht es für weitere Informationen zu Airbourne – Airbourne in unserem Time For Metal Release-Kalender.



