Hippotraktor! Noch mal sagen: Hippotraktor. Klingt fett, wuchtig, heftig. Und ist es auch. Einst als rein instrumentales Trio gestartet, ist das belgische Quintett heute Garant für brachiale Emotionen und gleichermaßen zurückgenommene Intimität. Vielschichtige Kompositionen, spielerische Finesse, perfektes Chaos. Ihr drittes Studioalbum Annihilist verorten Hippotraktor selbst als „gute Mischung aus der Atmosphäre von Meridian und der technischen Raffinesse von Stasis“, wobei das Album freilich nicht als Rückschritt daherkommt, sondern in eine vielversprechende Zukunft blickt.
Entgegen den vorangehenden Alben hat Songwriter und Gitarrist Chiaran Verheyden die Lieder von Annihilist nicht als fertige Instrumentalstücke geschrieben und dann für Lyrics und Gesang an Stefan De Graef weitergereicht. Für Annihilist schickte Verheyden unfertige Demos und Ideen zwecks Kollaboration an seine Bandkollegen. So konnte sich etwa auch Neuzugang Kristof Du Jardin (Gitarre, Gesang) direkt einbringen. Eine spannende Erfahrung war das auch für Hauptsänger De Graef: Denn sowohl er als auch Du Jardin nahmen individuell Gesangsdemos auf, ohne die Version des anderen zu kennen. Dass dabei überraschende Gesangsarrangements entstanden sein sollen, glaubt man der Band sofort. Das lässt sich hören. Während die Instrumentierung das hohe Niveau von Stasis mühelos beibehält und konsequent fortführt, gewinnt der Gesang im Wechsel aus bestialischem Geschrei und behutsamem Klargesang weitere Nuancen. Apropos Gesang: Fans von The Ocean dürfen sich beim Lied Builder Of Eden übrigens auf ein Feature mit Ex-Sänger Loïc Rossetti freuen.
Was Hippotraktor auf Annihilist anstellen, verdient Anerkennung. Meisterlich kreuzt die Band die experimentierfreudige Härte von Progressive Metal mit emotionalem Post Rock (Everything Is Permissible), was ein ebenso eingängiges wie inspirierendes Hörerlebnis liefert. Frickelakrobatik, vertrackte Drums, Djent-Riffs und höllisches Gebrüll verschmelzen organisch mit verträumter Atmosphäre und melodiösem Klargesang – stets im Dienst der Stimmung. Ein wenig kompakter sind die Songs ebenfalls geworden; kein Track kratzt an der 7-Minuten-Marke. Auffällig ist zudem das vielseitige Schlagzeugspiel von Lander De Nyn, das sich oft nahezu heimlich an die Songs herantastet, bevor es zur Rhythmusexplosion kommt.
Inhaltlich bleiben Hippotraktor philosophisch und stellen erneut den namenlosen Protagonisten der Vorgängeralben in den Mittelpunkt der Geschichte, der nun aus einem Teufelskreis ausbrechen will, um endlich Frieden zu finden. De Graef erklärt das Konzept wie folgt: Auf Meridian erfährt er Einsamkeit, auf Stasis kommt er erstmals in Kontakt mit anderen Menschen. Annihilist lotet nun den Bereich dazwischen aus und konfrontiert den Protagonisten mit dem zyklischen Charakter seiner Existenz. Da er sich der Tatsache bewusst ist, dass er gegen seinen Willen als eine Art göttliches Experiment immer wieder inkarniert, befindet er sich im Krieg mit dem Wesen, das diesen Fluch über ihn bringt.
Am 31. Oktober könnt ihr Hippotraktor gemeinsam mit Hypno5e live in Stuttgart im Club Zentral erleben.
Hier geht es für weitere Informationen zu Hippotraktor – Annihilist in unserem Time For Metal Release-Kalender.



