Hällas – Panorama

30.01.2026 - Progressive Rock, Adventure Rock - Äventyr Records - 44:12 Minuten

Die Tage sind irgendwo zwischen Winter und Frühling gefangen, und Hällas liefern die passende Musik, um kurz der Realität zu entfliehen. Die selbsternannten Adventure Rocker aus Jönköping – in Schwedens historischer Provinz Småland (nicht das von Ikea) gelegen – sind mit ihrem vierten Album Panorama zurück, um dem geneigten Hörer eine knappe Dreiviertelstunde feinsten Eskapismus zu liefern. Doch ist hier wirklich alles Fantasie? Fakt ist: Ritter Hällas kämpfte sich auf den vorangegangenen Alben, die eine Trilogie bilden, durch ein mittelalterlich anmutendes Paralleluniversum. Auf dem aktuellen Werk begibt sich der Protagonist in seinen Turm zurück, um sich einen Überblick über die bevorstehende Dystopie zu verschaffen. Sozusagen ein Panorama des drohenden Untergangs. Doch ähnlich wie in der echten Welt, holt ihn die Realität irgendwann ein.

Hällas – Quelle: Hold Tight EU

In meinem persönlichen musikalischen Universum haben sich Hällas heimlich, still und leise zu einer meiner meistgehörten Bands etabliert. Egal ob mit Überhits wie Star Rider und The Astral Seer vom Debütalbum Excerpts From A Future Past (2017) oder das überragende Conundrum (2020): Die Schweden sind aus meiner „Heavy Rotation“ nicht mehr wegzudenken. Ich bin gespannt, ob Hällas diesen Status mit Panorama weiter ausbauen können.

Hällas, beamen Sie mich rauf

Als begeisterter Prog-Hörer begegne ich den über 21 Minuten Spielzeit des Openers Above The Continuum mit einer großen Portion Wohlwollen. Wenn ich einer Band zutraue, innerhalb dieser langen Spielzeit den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten, dann Hällas. Wie so häufig, werde ich direkt mit Spacerock auf einen anderen Planeten gebeamt. Nicklas Malmqvists Keyboards bzw. Orgeln dominieren das Geschehen und Frontmann Tommy Alexandersson beschwört auf Italienisch (!) böse Geister herauf. Die letzte Zeile des Intros lautet, frei übersetzt, wie folgt: „Tatsächlich hat mir mein ganzes Leben lang etwas gefehlt. Etwas anderes, eine echte Welt voller Fantasie.“ Mit diesen Worten könnte man das Gesamtkunstwerk namens Hällas umschreiben. Der Sound schwebt förmlich, entwickelt aber dennoch genügend Druck, um die Rübe zu schütteln. Der Drive kickt richtig hart. Dieser Klangkosmos wird im Verlauf des Stücks sogar noch durch Streichinstrumente und Blechbläser erweitert. In der eklektischen Passage, die sich ab Minute 9:00 abzeichnet, bin ich ganz weit weg und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Der hintergründige Chorgesang sorgt für Gänsehaut. Es folgt ein Gespräch zwischen Vater und Tochter, welches nachdenklich stimmt. Der Vater erinnert sich an den Geschmack von Äpfeln und an blühende Bäume. All das scheint nun in der Vergangenheit zu verblassen. Passend zu diesem Dialog, wird auch die Instrumentierung in den kommenden Minuten etwas zurückhaltender und erinnert an die guten alten Wishbone Ash. Kaum hat man einmal tief durchgeatmet, brechen hier alle Dämme und harten Riffs folgen ekstatische Prog- sowie Percussion-Orgien. Immer wieder taucht die Zeile „In the shade of the morning star“ auf und lässt einen Hoffnungsschimmer aufkommen. Nachdem die Streicher und Bläser ein cineastisches Finale abliefern, schließt sich der Vorhang erstmals und Hällas dürfen sich zu Recht verbeugen. Above The Continuum ergattert sich ohne Umschweife einen Platz in meinen Top 3 neben Blinded By The Emerald Mist und Fading Hero. Ein Ausrufezeichen in Zeiten KI-generierter „Musik“.

Headbangen und gleichzeitig Träumen

„Eure Pferde sind Kokosnüsse.“ Das kultige Zitat aus Monty Pythons Klassiker Ritter Der Kokosnuss kommt mir spontan in den Sinn, als ich das Hufgeklapper zu Beginn von Face Of An Angel höre. Weg vom Epos, hin zum Radiohit. So könnte man den Spagat vom Opener zum eingängigen Rocker umschreiben. Vermutlich der bisher tanzbarste Song aus dem Hause Hällas. Die Hüfte schwingt und Mitsingen ist auch kein Problem. Die Messlatte, die Star Rider damals in Sachen Hitpotenzial legte, wird jedoch nicht erreicht. Da setze ich mein Geld doch lieber auf The Emissary. Ein straighter Rocker, der mit spannenden Breaks durchzogen ist. Akustische Wärme trifft auf erhabenen Chorgesang. Dazwischen bleibt genug Zeit zum Träumen, aber auch zum Headbangen. Der kurze Part in der Mitte des Stücks erinnert mich an folkige Uriah-Heep-Nummern. Magere 16 Sekunden liegen zwischen der vorab veröffentlichten Single-Version und der vorliegenden Albumversion. Der Sinn hinter dieser Aktion bleibt mir verborgen.

Der Mensch war untätig und steht vor dem Abgrund. Die dramatisch anmutende Klavier-Ballade Bestiaus beschreibt genau diesen Zustand und treibt einem die Kälte in die Knochen. Wie in einem Hörspiel wird die Szene mit Effekten untermalt und verdeutlicht somit die schier ausweglose Situation. At The Summit (dt. Auf dem Gipfel) heißt das letzte Kapitel, das als verlängerter Arm des einleitenden Epos’ Above The Continuum dient. Friedvolle, akustische Klänge tragen mich hinfort. Die Leitmelodie steht für Wehmut. Kurz darauf wird wieder mitreißender Rock zelebriert. Pumpende Bässe, fordernde Drums und Orgel-Abfahrten tragen dazu bei. Wie schon im Opener ist dieser fast schon unerklärliche Schwebezustand zu verspüren. Nach jedem tiefen Atemzug wird das Schlachtross wieder in den Kampf gerufen. Der Untergang mag besiegelt sein, doch der Hällas‘ Wille ist ungebrochen.

HIER! geht es für weitere Informationen zu Hällas – Panorama in unserem Time For Metal Release-Kalender.

Hällas – Panorama
Fazit zu Panorama
Möchtest du eine Auszeit von dieser kruden Welt? Dann betrachte dieses Album von allen Seiten. Hällas entführen den Hörer mit Panorama in eine Welt, der eine Dystopie bevorsteht. Fantastische Welten mit einem Fingerzeig in Richtung der aktuellen Lage der Menschheit. Mal cineastisch, mal straight nach vorne. Über allem schwebt diese verträumte Leichtigkeit, die nur Hällas produzieren können. Wer gerne alte Perlen von Wishbone Ash oder (Achtung: Geheimtipp!) Captain Beyond auflegt, sollte diesem Werk einen Ehrenplatz in seiner Sammlung gewähren. Danke, dass es noch Träumer wie Hällas gibt!

Anspieltipps: Above The Continuum und At The Summit 
Flo W.
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