Event: Symbolic Healing Tour 2026
Bands: Death To All, Spearhed & Species
Ort: Kronensaal, Öjendorfer Weg 30a, 22119 Hamburg
Zuschauer: ca. 400 Headbanger
Genre: Death Metal, Progressive Death Metal, Technical Thrash Metal
Links: Death To All, Species, Spearhead

Ende dieses Jahres ist Chuck Schuldiner seit 25 Jahren nicht mehr auf dieser Welt, um uns mit großartiger, innovativer Musik die Zeit zu verkürzen. Um ihn zu ehren, war schon Matt Harvey mit seiner Tribute-Band Gruesome im April in hiesigen Clubs unterwegs. Nun sind an diesem Samstagabend drei ehemalige Weggefährten – Gene Hoglen, Bobby Koelbe und Steve DiGiorgio – zusammen mit Max Phelps als Death To All im Kronensaal am Start und im August kommt Matt Harvey mit der Old-School-Variante Left To Die zum zweiten Mal zu Besuch. Aus tiefer Überzeugung haben sich dann auch 400 Headbanger im Hamburger Stadtteil Billstedt eingefunden, um einem Death-Metal-Happening Deluxe beizuwohnen.

Überpünktlich, wie es seit Corona in der Hansestadt inzwischen üblich ist, walzen Spearhead durch die moderne Multifunktionshalle. Wer zählt den britischen Tank Bolt Thrower nicht zu seinen Death-Metal-Faves? 400 Köpfe im schwerfälligen Takt in hoher Synchronität bewundern zu können, ist mitunter beeindruckend. Wie schon im Februar im Keller-Club der Stiftung Kultur Palast, dem heißgeliebten Bambi Galore, zelebrierten die Hannoveraner die Legende Bolt Throwers. Gekonnt und vor allem mit viel Liebe und Leidenschaft für den schwerfälligen treibenden Todesmetall des Fünfers aus Coventry bläst der Fünfer Klassiker von Cenotaph bis Killchain der Armee von Metal-Kriegern entgegen.
Sichtlich Spaß hat die Band beim Bangen, feiert die Großen Alten, sich selbst und die Metal-Community. Überall werden Fäuste im Rhythmus gen Bühne gereckt, lauthals mitgegrowlt und gebangt. Dank einer sympathischen Bühnenpräsenz und eines massiven Sounds machen Spearhead einen verdammt guten und schweißtreibenden Job als Anheizer.
Ein wunderschöner Panzer namens Bolt Thrower
Das komplette Kontrastprogramm zum tonnenschweren Death Metal liefern die drei Polen von Species: verspielten, progressiven Thrash Metal, hart an der Grenze des Nachvollziehbaren. Schnelle, gradlinige Parts gehen abrupt in vertrackte Zwischenspiele über, Breaks platzieren sie an Stellen, an denen sie keiner erwartet, immer wieder Sologedudel und fucking hässliche Hemden. Das ist der audiovisuelle Overkill. Die drei Species reizen das Metal-Blatt bis zum Rande eines Nervenzusammenbruchs aus. Starke Nerven sind die einzige Versicherung, fast eine Stunde lang durchzuhalten.

Die „simplen“ thrashigen Teilstücke sind eine Wohltat gegenüber dem wilden Prog-Durcheinander. Species setzen sich nicht zwischen irgendwelche Stühle, sie negieren jegliche Sitzmöglichkeiten in Gänze. Hummel im Arsch in Thrash-Metal-Manier. Zum Glück nehmen sich die drei Jungs selber nicht so ernst, sie können sogar über ihre Fehler Witze machen, während viele der anwesenden Banger dem Fehlglauben erliegen, das sei eine hyperprogressive Idee gewesen.
Monty Python meets Mekong Delta made in Poland
Etwas länger dauert die Pause, bis sich Gene Hoglen, Bobby Koelbe, Steve DiGiorgio und Max Phelps auf die Bühne begeben. Der Basser ist der erste des Vierers, peitscht das Volk auf, bevor Infernal Death ein Todesinferno par excellence einläutet. Sofort ist die Menge außer Rand und Band und feiert den ersten Teil des Chuck-Schuldiner-Gedächtnisabends wild mit einem Circlepit ab. Auf Living Monstrosity folgt Defensive Personalities von dem Album, das den großen Wendepunkt im Death Metal bedeutete – Spiritual Healing. Die Blut-und-Gedärme-Zeit ist vorbei, was Lack Of Comprehension nicht nur aufgrund des genialen Bass-Intros eindrucksvoll unter Beweis stellt.
Chuck hat die Zukunft verändert – immer noch

Schon jetzt ist klar: Death To All scheuen keine noch so große Herausforderung, weder komplex-technischer Natur noch in Sachen Brutalität. Die beiden Sechssaiter hexen Riff um Riff, Solo um Solo in beängstigend souveräner Qualität und Leidenschaft in jeden Winkel des Kronensaals. Death waren nicht nur die Vorhut oder Innovatoren, sondern das Maß der Dinge.
In beträchtlicher Phonstärke werden weitere Tracks des dritten Albums inklusive des Prog-Happens The Philosopher den Metalheads um die Ohren geballert. Dabei fällt das lockerlässige Schlagzeugspiel Hoglans wie bereits im letzten Jahr unter dem Banner Dark Angel auf – rechte Hand, linke Hand, mit solch irdischen Spielereien gibt sich der Meister nicht ab. Ob schnell, groovig oder komplex – Gene Hoglan hat jeden Beat spielerisch im Griff.
Hartes Bangen gegen lähmende Ehrfurcht
Atemberaubend auch das Können von Steve DiGiorgio an den drei bzw. vier tiefen Saiten – zwei, drei oder vier Finger, slappen oder zupfen – der Mann ist ein Künstler. Schlechte, klischeehafte Metal-Ansagen machen kann er obendrein, muss er auch, da sich Phelps verbissen auf seine Gitarrenarbeit und seine Vocals konzentriert. Nur im Duett oder besser im Duell mit Koelbe taut der Junge auf und zeigt ein zufriedenes Strahlen in seinem Gesicht.

Im zweiten Akt des Abends wird dem Jubiläumsalbum Symbolic in voller Länge Tribut gezollt. Außer Phelps haben die andren drei Protagonisten 1995 an deren Entstehung mitgewirkt. Death To All begeben sich an dieser Stelle in Gefilde, die viel von ihnen abverlangen. Breaks, Tempowechsel, Soli, Harmonien, psychedelische Elemente, Double-Bass, Bass-Solo – alles, was unter dem Etikett „Progressiv“ einzuordnen ist, prasselt mit Lautstärke 11 auf uns ein. Selbst dem veränderten Gesangsstil Schuldiners auf dem Album wird nachgekommen.
Leere Worte und Null Toleranz bringen Heilige Klarheit
Die Reaktionen vor der Bühne liegen zwischen göttlicher Entzückung und meditativer Entrücktheit. Das Spektakel findet seinen absoluten Höhepunkt im treibend-genialen Crystal Mountain, dessen Interpretation eine große Welle Bewunderung entgegenschlägt. Ausgelaugt und nervlich am Ende wird trotzdem noch mehr von dem guten Stoff gefordert. Spirit Crusher bekommen wir in nahezu perfekter Performance serviert und dann ziehen Death To All in aller Rohheit den Stecker. Was für ein Abend! Eine Marienerscheinung in Verbindung mit einem Nervenzusammenbruch dagegen ist so lässig wie Sponge Bob gucken. Chuck sei Dank!



















