KBC - G-Fest - 2026

Das Interview mit Kin Beneath Chorus: „Dass wir uns noch nicht umgebracht haben, ist einer unserer größten Meilensteine.“

Metalcore ist ihre DNA, doch die Griechen denken weit über Genregrenzen hinaus. Beim G-Fest auf Zypern sprach Time For Metal mit einer Band, die nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Artist: Kin Beneath Chorus – KBC

Herkunft: Thessaloniki, Griechenland

Genre: Metalcore, Deathcore, New Metal, Progressive Metal

Label: Eigenproduktion

Link: https://www.instagram.com/kinbeneathchorus/?hl=de

Bandmitglieder:

Gesang – Thanos Mishopoulos
Bass – Alex Psaras
Gitarre – George Papas
Gitarre – Anestis Sidiropoulos
Drums – Nash Makridis

KBC – G-Fest – 2026

Kin Beneath Chorus gehörten für mich zu den positiven Überraschungen des G-Fest 2026 (Bericht hier). Die Band aus Thessaloniki überzeugte nicht nur mit einem druckvollen und atmosphärischen Auftritt, sondern auch mit ihrer sympathischen und bodenständigen Art abseits der Bühne. Da sie außerhalb Griechenlands bislang noch vergleichsweise wenig bekannt sind, wollte ich die Gelegenheit nutzen, sie den Lesern von Time For Metal näher vorzustellen. Nach dem Konzert nahmen sich Alex (Bass) und Anestis (Gitarre) viel Zeit für ein ausführliches Gespräch über fast zwei Jahrzehnte gemeinsamer Bandgeschichte, ihren musikalischen Wandel, die Bedeutung ihrer Texte und ihre Pläne für die Zukunft.

Time For Metal / Marcel P.:
Ihr seid inzwischen seit vielen Jahren gemeinsam unterwegs. Wie würdet ihr die Entwicklung von Kin Beneath Chorus beschreiben?

King Beneath Chorus:
Offiziell gibt es die Band seit 2012, aber eigentlich spielen wir schon seit 2006 oder 2007 zusammen. Damals noch unter einem anderen Namen und mit einer anderen musikalischen Ausrichtung. Mit King Beneath Chorus wollten wir einen kompletten Neuanfang – einen neuen Namen, einen neuen Sound und eine klare Identität. Metalcore war dabei immer unsere Grundlage. Das ist unsere DNA. Gleichzeitig wollten wir aber nie nur Metalcore machen. Wir haben schon früh Death-Metal-Einflüsse eingebaut und später kamen progressive und atmosphärische Elemente dazu. Heute haben wir das Gefühl, dass wir genau den Sound gefunden haben, der zu uns passt. Wir entwickeln uns weiter, aber wir wissen inzwischen genau, wer wir als Band sind.

KBC – G-Fest – 2026

Time For Metal / Marcel P.:
Eure neueren Songs klingen deutlich anders als die ersten Veröffentlichungen. War das ein bewusster Prozess?

King Beneath Chorus:
Ja. Die ersten Songs waren wesentlich aggressiver und stärker vom Deathcore beeinflusst. Mit der Zeit haben wir gemerkt, dass wir mehr Atmosphäre, Groove und Melodien in unsere Musik bringen wollen. Die Härte ist geblieben, aber wir setzen sie heute anders ein. Unser Ziel war nie, mit jeder Veröffentlichung alles über Bord zu werfen. Wir wollten wachsen, ohne unsere Identität zu verlieren. Deshalb passen unsere neueren Singles für uns auch perfekt zusammen. Obwohl sie über mehrere Jahre entstanden sind, verfolgen sie alle dieselbe musikalische Idee.

Time For Metal / Marcel P.:
Nach euren beiden Alben habt ihr jahrelang fast ausschließlich Singles veröffentlicht. Warum?

King Beneath Chorus:
Das hat sich eigentlich ganz natürlich entwickelt. Uns hat gefallen, regelmäßig neue Musik veröffentlichen zu können, statt zwei oder drei Jahre auf ein komplettes Album hinzuarbeiten. So bleiben wir mit den Leuten im Austausch und können gleichzeitig kreativer arbeiten. Außerdem bekommt jeder Song die Aufmerksamkeit, die er verdient. Früher musste ein Album oft eine bestimmte Länge haben. Da landet dann vielleicht auch mal ein Song darauf, der nicht zu hundert Prozent überzeugt. Bei einer Single funktioniert das nicht. „Jede Veröffentlichung muss der bestmögliche Song sein, den wir in diesem Moment schreiben können.“ Das hat uns auch die Freiheit gegeben, mehr zu experimentieren. Wir konnten neue Ideen ausprobieren, ohne gleich ein ganzes Album darauf aufzubauen.

Time For Metal / Marcel P.:
Trotzdem klingt alles nach King Beneath Chorus.

King Beneath Chorus:
Genau das war uns wichtig. Unser Fundament verändert sich nicht. Tiefe Gitarren, schwere Riffs, große Melodien und dunkle Atmosphären – das ist King Beneath Chorus. Innerhalb dieses Rahmens probieren wir neue Dinge aus, aber wir verlieren nie aus den Augen, wer wir sind.

Time For Metal / Marcel P.:
Jeder von euch bringt unterschiedliche musikalische Einflüsse mit. Wie funktioniert das Songwriting?

King Beneath Chorus:
Das ist wahrscheinlich einer unserer größten Vorteile. Einer kommt ursprünglich aus dem Death Metal, ein anderer hört viel Hardcore oder Punk, wieder ein anderer liebt Progressive Metal. Wenn wir Songs schreiben, bringt jeder seine Ideen mit. Interessant ist, dass wir musikalisch gar nicht besonders theoretisch arbeiten. Keiner von uns sitzt da und denkt in Tonleitern oder Harmonielehre. Vieles entsteht einfach nach Gefühl. Wir hören einen Part und fragen uns: Fühlt sich das richtig an? Wenn die Antwort Ja lautet, bleibt er drin. Wenn nicht, fliegt er wieder raus. Für uns zählt am Ende, was der Song transportiert – nicht, welche Skala dahintersteckt.

KBC – G-Fest – 2026

Time For Metal / Marcel P.:
Euer Bandname fällt sofort auf. Welche Geschichte steckt hinter King Beneath Chorus?

King Beneath Chorus:
Tatsächlich steckt mehr dahinter, als viele vermuten. Als wir die Band gegründet haben, wollten wir einen Namen, der nicht einfach gut klingt, sondern eine Bedeutung hat. Damals haben wir uns viel mit alten Kulturen beschäftigt – den Maya, den Sumerern oder den Ägyptern. Dabei sind wir auf Kin gestoßen, eine Gottheit der Maya, die mit Licht, Wissen und Musik verbunden wird. Aus dieser Idee entstand schließlich King Beneath Chorus. Der Gedanke dahinter ist, dass nicht eine einzelne Person im Mittelpunkt stehen sollte, sondern die Gemeinschaft. Der Chor ist wichtiger als der König. Das war für uns ein schönes Bild dafür, worum es in einer Band und letztlich auch im Rock ’n‘ Roll geht. Uns ist aber wichtig zu sagen, dass das keine politische Aussage ist. Es geht vielmehr um Zusammenhalt und darum, dass Musik Menschen verbindet.

Time For Metal / Marcel P.:
Eure Texte wirken sehr persönlich. Worüber schreibt ihr?

King Beneath Chorus:
Unsere Songs beschäftigen sich vor allem mit dem Menschen. Mit den Dingen, die einen nachts wachhalten, mit Ängsten, Selbstzweifeln oder gesellschaftlichen Themen. Das sind Gefühle, die wahrscheinlich jeder kennt. Musik ist für uns eine Möglichkeit, diese Gedanken nach außen zu tragen. Viele Menschen finden sich darin wieder, und genau das macht Musik so besonders. Man merkt nach Konzerten oft, dass Leute zu uns kommen und erzählen, was ein bestimmter Song bei ihnen ausgelöst hat. Das bedeutet uns sehr viel. Wir glauben, dass Kunst oft aus schwierigen Momenten entsteht. Über schöne Dinge spricht man ohnehin gerne. Die dunkleren Seiten behält man häufig für sich. Unsere Musik gibt diesen Gefühlen einen Raum.

Time For Metal / Marcel P.:
Was sind eure größten musikalischen Einflüsse?

King Beneath Chorus:
Das ist bei uns sehr unterschiedlich und genau deshalb funktioniert die Band so gut. Einer bringt einen starken Death-Metal-Hintergrund mit, ein anderer kommt eher aus Hardcore oder Punk, wieder jemand liebt Progressive Metal. Diese unterschiedlichen Einflüsse treffen beim Songwriting aufeinander. Niemand versucht dabei, seinen Stil durchzusetzen. Im Gegenteil – wir schauen gemeinsam, was einem Song guttut. Dadurch entsteht am Ende etwas, das zwar viele Einflüsse enthält, aber trotzdem nach King Beneath Chorus klingt.

Time For Metal / Marcel P.:
Nach fast zwanzig Jahren Bandgeschichte: Was war euer bisher größter Meilenstein?

King Beneath Chorus: (lacht)
Dass wir uns nach all den Jahren noch nicht gegenseitig umgebracht haben. Aber genau darin steckt tatsächlich viel Wahrheit. Eine Band funktioniert nur, wenn man lernt, miteinander umzugehen. Jeder hat eine eigene Persönlichkeit und eigene Vorstellungen. Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen, aber wir haben es immer geschafft, miteinander zu reden und Lösungen zu finden. Darauf sind wir fast stolzer als auf einzelne Festivalauftritte oder Support-Shows. Viele Bands lösen sich nach wenigen Jahren auf. Wir stehen immer noch gemeinsam auf der Bühne und haben nach wie vor Lust, neue Musik zu schreiben. Das ist für uns der eigentliche Erfolg.

Time For Metal / Marcel P.:
Was würde euer jüngeres Ich über die heutige Band sagen?

King Beneath Chorus: (lacht)
Wahrscheinlich würde unser jüngeres Ich sagen, wir sollten mehr Blastbeats spielen. Früher waren einige von uns komplett auf Death Metal oder Grindcore fokussiert. Damals dachten wir oft: Je härter, desto besser. Mit den Jahren verändert sich aber auch der Blick auf Musik. Heute sehen wir Schönheit in ganz unterschiedlichen Stilrichtungen und haben keine Angst davor, Melodien oder Atmosphäre in unsere Songs einzubauen. Musik muss sich gut anfühlen. Darauf kommt es für uns an – nicht darauf, möglichst extrem zu sein.

KBC – G-Fest – 2026

Time For Metal / Marcel P.:
Ihr kommt aus Thessaloniki. Wie hat euch die Stadt als Band geprägt?

King Beneath Chorus:
Als wir anfingen, war Thessaloniki ein großartiger Ort für Metalcore und Hardcore. Es gab unglaublich viele Bands, die Clubs waren voll und man konnte alle paar Monate spielen, ohne große Werbung machen zu müssen. Für junge Musiker war das eine besondere Zeit. Leider hat sich die Szene in den letzten Jahren verändert. Es gibt immer noch gute Bands und engagierte Menschen, aber längst nicht mehr die Dichte und Dynamik von damals. Trotzdem werden wir unsere Heimat nie vergessen. Wir versuchen immer noch regelmäßig in Thessaloniki zu spielen, weil dort alles angefangen hat und die Leute uns von Anfang an unterstützt haben. Gleichzeitig hat uns dieser Wandel auch gezeigt, dass wir unseren Horizont erweitern müssen. Wenn man immer nur vor denselben Leuten spielt, entwickelt man sich irgendwann nicht mehr weiter. Deshalb haben wir angefangen, in anderen Städten und später auch außerhalb Griechenlands aufzutreten.

Time For Metal / Marcel P.:
Das G-Fest war euer erster Auftritt auf Zypern. Wie habt ihr das Festival erlebt?

King Beneath Chorus:
Ehrlich gesagt wurden unsere Erwartungen sogar übertroffen. Wir versuchen grundsätzlich, ohne große Erwartungen auf Festivals zu fahren. Umso schöner ist es, wenn man positiv überrascht wird. Die Reaktion des Publikums war unglaublich herzlich. Viele Leute kamen nach dem Konzert zu uns, haben mit uns gesprochen und wollten uns kennenlernen. Dabei ging es oft gar nicht nur um Musik, sondern auch um das Leben, den Alltag oder persönliche Geschichten. Genau solche Begegnungen bleiben in Erinnerung. Auch die Organisation hat uns beeindruckt. Vom ersten Moment an wurden wir sehr professionell behandelt. Alles war hervorragend organisiert, die Crew war freundlich und hilfsbereit und man hatte das Gefühl, wirklich willkommen zu sein. Wir haben in den vergangenen Jahren einige Festivals gespielt und wissen, wie viel Arbeit hinter so einer Veranstaltung steckt. Deshalb haben wir großen Respekt vor dem Team hinter dem G-Fest. Das Festival hat enormes Potenzial. Viele große Festivals in Europa haben einmal klein angefangen – und wir glauben, dass auch hier etwas Besonderes entstehen kann. Natürlich würden wir uns freuen, wieder eingeladen zu werden.

Time For Metal / Marcel P.:
Ihr habt im Laufe eurer Karriere schon mit vielen bekannten Bands die Bühne geteilt. Welche Bedeutung haben solche Erfahrungen für euch?

King Beneath Chorus:
Das waren natürlich besondere Momente. Wir durften unter anderem mit Bands wie The Ghost Inside, Thy Art Is Murder, Caliban, The Black Dahlia Murder oder Stick To Your Guns spielen und waren 2014 sogar beim Wacken Open Air, nachdem wir den griechischen Metal Battle gewonnen hatten. Solche Erlebnisse motivieren natürlich. Gleichzeitig versuchen wir, uns davon nicht blenden zu lassen. Am Ende geht es nicht darum, möglichst viele große Namen auf einem Poster stehen zu haben, sondern darum, als Band besser zu werden und ehrliche Musik zu machen.

Time For Metal / Marcel P.:
Was möchtet ihr den Menschen mitgeben, wenn sie ein Konzert von King Beneath Chorus verlassen?

King Beneath Chorus:
Vor allem möchten wir, dass sich die Leute mit uns verbunden fühlen. Für uns endet ein Konzert nicht mit dem letzten Song. Danach beginnt oft der schönste Teil. Wir freuen uns immer, wenn Menschen nach der Show zu uns kommen, mit uns reden oder einfach ein Bier trinken möchten. Wir sehen uns selbst schließlich genauso als Fans wie alle anderen. Auch wir stehen auf Festivals vor Bühnen, kaufen Merch oder unterhalten uns mit Bands. Diese Nähe gehört für uns zum Rock ’n‘ Roll. Es sollte keine Barriere zwischen Band und Publikum geben. Wenn unsere Musik jemanden berührt oder ihm vielleicht sogar in einer schwierigen Situation hilft, dann haben wir genau das erreicht, was wir mit unseren Songs ausdrücken wollten.

KBC – G-Fest – 2026

Time For Metal / Marcel P.:
Zum Abschluss: Möchtet ihr unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

King Beneath Chorus:
Zunächst einmal möchten wir uns bei allen bedanken, die uns beim G-Fest so herzlich aufgenommen haben. Es war unsere erste Show auf Zypern und wir werden diese Erfahrung sicher nicht vergessen. Außerdem möchten wir alle ermutigen, echte Künstler zu unterstützen. Gerade heute, wo künstliche Intelligenz immer mehr Inhalte produziert und täglich unzählige Songs erscheinen, ist es wichtiger denn je, Musik zu unterstützen, die von echten Menschen kommt. Hinter jedem Song stecken Zeit, Leidenschaft und oft auch ein persönliches Erlebnis. Das kann keine Maschine ersetzen. Und natürlich hoffen wir, möglichst viele von euch irgendwann auf Tour wiederzusehen. Kommt nach der Show vorbei, sagt Hallo und trinkt mit uns ein Bier – genau darum geht es für uns.