Mother Of Millions liefern Musik für Leib und Seele. Die Griechen haben einen immersiven Sound etabliert, der umgehend Stimmungen heraufbeschwört und diese spürbar macht. Sehnsüchtig, melancholisch, triumphal, bedrohlich – und immer maximal emotional. Dennoch genießt die Formation hierzulande noch immer nicht jene Aufmerksamkeit, die sie längst verdient hätte. Dass Mother Of Millions (benannt nach der Kalanchoe Delagoensis) auf ihren vergangenen Clubshows in Deutschland mitunter vor zweistelligem Publikum spielten, grenzt an eine Tragödie. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieser Zustand auf der aktuellen Tour – die Band spielt unter anderem in Stuttgart und München – ändert. Mit ihrem neuen, insgesamt fünften Studioalbum T knüpfen Mother Of Millions nicht einfach nur musikalisch am Vorgänger Magna Mater an. Die Band schafft eine perfekte Melange aus Progressive Metal, Post- und Alternative Rock, die jetzt deutlich mehr orchestrale und elektronische Elemente enthält. T ist das erste Album ohne Schlagzeuger George Boukaouris, von dem sich die Band offiziell im April trennte. Produzent Ektoras Tsolakis (aka Hector.d) spielte bereits im Vorfeld einige Konzerte an den Drums und ist nun volles Bandmitglied als Schlagzeuger.
Textlich und konzeptionell ist das kryptisch betitelte T ein Produkt einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Der Band zufolge ist das Album aus der Spannung zwischen Zerstörung und Aufbegehren entstanden und verbindet US-amerikanische Poesie des 19. Jahrhunderts mit griechischen Dichtern des 20. Jahrhunderts – durch Themen wie Krieg, Tod und Ewigkeit: „Τ ist der endlose Kreislauf von Kriegen – erklärt von den Mächtigen, durchlitten von den Armen. Wir haben diese Songs aus den Echos von Schreien und Klagen geschaffen, aber auch aus Hoffnung. Einer hartnäckigen Hoffnung darauf, dass die Sonne über den Ruinen der Welt aufgehen wird, über den Kriegstrommeln und über den donnernden Herzschlägen der Menschen, die zusammenstehen.“ (Zitat der Pressemeldung)
Ja, das ist hoch gegriffen. Dass Mother Of Millions dieses Thema nicht nur emotional, sondern mit Pathos inszenieren, ist schlüssig und konsequent. Der wuchtige Einsatz von Chören, harten Riffs, halligen Synthie-Schichten und anklagenden Refrains geht als Versuch durch, dem Chaos unserer Gegenwart etwas entgegenzusetzen. Darüber thront der Gesang von Frontmann George Prokopiou, der nahtlos zwischen brüchiger Intimität und Anklage wechselt.
Der wuchtige Opener The Wound (textlich inspiriert vom US-amerikanischen Dichter und Journalisten Walt Whitman) ist direkt einer der Höhepunkte des Albums, dessen mitreißende Gesangsmelodie im Chorus auch die Weichen stellt. Wer schon beim ersten Track Gänsehaut bekommt, darf sich auf eine fantastische Reise freuen. Wem das jedoch schon jetzt zu kitschig ist, dürfte mit T Probleme haben. The War überrascht daraufhin mit einem an U2 erinnernden Gitarrensound und rückt elektronische Elemente stark in den Vordergrund. Der Track fügt sich durch den Einsatz von Chören und Streichern stimmig ins Gesamtbild. Auch The Aftermath setzt auf Chor, um gemeinsam mit Sänger Prokopiou melodisch nach den Sternen zu greifen, während der Refrain textlich eine eindringliche Ermahnung ausspricht („How many times the whole World shuddered / Unrelieving, How many times the War-drums answered / To the living“).
The Innocent zeigt sich wieder rifflastig, bündelt Djent-Anleihen und einen prägnanten Synth-Einsatz, bevor die Gitarren im letzten Drittel die Kontrolle an sich reißen. Das anschließende The Ascent wirkt zunächst wie ein traumartiges, instrumentales Intermezzo; die griechische Spoken-Word-Einlage – ein Auszug aus einem Gedicht des Literaturnobelpreisträgers Odysseas Elytis – und ein subtiles Ticken im Hintergrund verleihen dem Lied eine eigentümliche Ruhe und Spannung.
Das einminütige As One sendet eine so erstrebenswerte wie naiv-optimistische Botschaft. Danach geht es in The One – eine weitere Whitman-Adaption – brachialer zur Sache: Geknüppel und ein das Mitsingen nahezu erzwingendes Streicher-Thema treffen auf facettenreichen Gesang. Mit The Circle folgt eine weitere durch Chor gestützte Hymne, die ein puristisches Publikum als radiotauglichen Alternative Rock abtun könnte.
Das heroisch-hoffnungsvolle The Sun – die Spoken-Word-Passage adaptiert ein Gedicht des Schriftstellers Yiannis Ritsos – zieht den Härtegrad wieder an und setzt neben dem dominierenden Klargesang auf Growls, hämmernde Riffs und Schlagzeug sowie erneut Chor. Damit ist er nicht nur wegen einer Spielzeit von über acht Minuten einer der epischsten Tracks des Albums.
Den Abschluss bildet das von der US-amerikanischen Dichterin Emily Dickinson inspirierte Stück Death. Ein ruhiges, melancholisches Stück mit langsamem Aufbau, das von einer Gastsängerin getragen wird und das Publikum besinnlich zurücklässt.
Hier geht es für weitere Informationen zu Mother Of Millions – T in unserem Time For Metal Release-Kalender.



