Band: Samsas Traum
Herkunft: Deutschland
Genre: Dark Metal, Gothic
Label: Trisol Music Group
Link: https://www.facebook.com/samsastraum.offiziell
Bandmitglieder:
Gesang, Gitarre, Bass, Synthesizer – Alexander Kaschte
Gitarre – Andrew Ongley
Gitarre – Chris
Schlagzeug – Michael „Cain“ Beck
Seit mehr als drei Jahrzehnten stehen Samsas Traum für eine außergewöhnliche Verbindung aus düsteren Klangwelten, gesellschaftlichen Beobachtungen, persönlichen Gedanken und einer unverwechselbaren musikalischen Handschrift. Mit Vota Tenebris I schlägt Alexander Kaschte ein besonderes Kapitel auf: Die Songs des Albums gehen auf Wünsche und Ideen der Fans zurück, die anschließend durch seine eigene künstlerische Perspektive zu neuen Stücken wurden. Dabei zeigt sich einmal mehr, wie vielseitig und schwer in ein festes Genre zu pressen die Musik von Samsas Traum ist. Im Gespräch erzählt Alexander, wie aus fremden Ideen eigene Songs entstehen, welche Herausforderungen ein solches Konzept mit sich bringt und was hinter der Entstehung des Albums steckt. Außerdem blicken wir gemeinsam auf den zweiten Teil von Vota Tenebris sowie auf mögliche Clubshows und Festivalauftritte in den kommenden Monaten.
Time For Metal / René W.:
Vota Tenebris I ist ein ungewöhnliches Experiment, da die Fans die Ausgangspunkte für die Songs liefern konnten. Gab es unter den eingereichten Wünschen einen Vorschlag, der dich selbst besonders überrascht oder musikalisch in eine Richtung gedrängt hat, die du zunächst gar nicht erwartet hattest?
Samsas Traum / Alexander Kaschte:
Nicht wirklich. Weil mein Interesse an Musik im Allgemeinen sehr groß ist, gibt es nichts, womit man mich erschrecken kann. Ich mag Systeme und Muster. Aus dieser Leidenschaft resultiert die stilistische Vielfalt meiner Band. Probleme hat anfänglich nur Der Ruf Des Cthulhu bereitet. Der Song-Pate wollte, dass wir die Formel „Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn“ vertonen; das war einfach unsingbar. Skrupel hatte ich bei einem Song, für dessen Text politischer Gegenwartsbezug gewünscht wurde. Ich betrachte es mittlerweile als falsch, Menschen mit und durch Musik politisch beeinflussen zu wollen, weshalb der Song jetzt das weit gefasste Thema „Deutschland“ behandelt.
Time For Metal / René W.:
Auf dem Album treffen sehr unterschiedliche musikalische Welten aufeinander – von Gothic und Metal über elektronische Elemente bis hin zu fast schon poppigen Momenten. Wie entscheidest du bei Samsas Traum, wann ein musikalischer Stil zu einem Song passt und wann ein Experiment nicht funktioniert?
Samsas Traum / Alexander Kaschte:
Wenn ich mit dem Klavier, einem Synthesizer oder dem Laptop Musik schreibe – das sind mittlerweile wieder meine Hauptinstrumente –, gibt es keine Experimente, die nicht funktionieren. Ich entscheide mich, welche Art von Song ich komponieren möchte, und produziere das Stück einfach; es gibt also keinen Ausschuss. Während unserer eher metal-lastigen Phase war das anders; Heiliges Herz, 13 Jahre Lang Dagegen und Teile von Anleitung Zum Totsein sind mit der Gitarre geschrieben worden. Dass ein Riff nicht funktioniert, merkt man erst, wenn das Demo bereits aufgenommen wurde. So entstanden B-Seiten, die später zu Scheiden Tut Weh wurden.
Time For Metal / René W.:
Einige Stücke auf Vota Tenebris I wirken ausgesprochen direkt und zugänglich, während andere deutlich düsterer und komplexer ausfallen. War diese große stilistische Spannweite von Anfang an Teil des Konzepts oder hat sie sich erst während der Arbeit an den einzelnen Fanwünschen entwickelt?
Samsas Traum / Alexander Kaschte:
Bei einem „regulären“ Samsas-Traum-Album fängt alles mit einem Grundgefühl an, mit einer Vision von einer Platte; ich höre Schemen eines Albums in mir, empfinde einen vagen Gesamteindruck, den ich dann durch Klang abzubilden versuche. Bei Vota Tenebris I war es eher wie mit der „Was passiert dann?“-Maschine aus der Sesamstraße: Man fängt irgendwo an, nimmt den Flow auf, lässt sich treiben und versucht vorherzusagen, was als Nächstes passiert.
Time For Metal / René W.:
Scheiße Ohne Dich fällt durch seine ungewöhnlich unbeschwerte und fast hymnische Wirkung auf. Wie wichtig ist dir bei einem Album, das sich insgesamt mit sehr dunklen und persönlichen Themen beschäftigt, auch Raum für Humor, Leichtigkeit oder bewusste Irritation zu lassen?
Samsas Traum / Alexander Kaschte:
Wir treffen zu Beginn einer Produktion nicht die bewusste Entscheidung, Raum für positive Emotionen oder Provokationen zuzulassen – ich habe einfach nie davor zurückgeschreckt, vielschichtig und facettenreich zu sein. Weil ich mit meiner Musik hauptsächlich meine chaotische Gefühlswelt ordnen und nach außen kehren wollte, sind vollkommen gegensätzliche Lieder auf meinen Platten gelandet. Ein Mensch ist nicht nur positiv oder negativ, er ist emotional breit gefächert. Das Leben ist eine ziemlich abwechslungsreiche Sache, weshalb Samsas Traum die gesamte Bandbreite der Gefühle abdeckt.
Time For Metal / René W.:
Mit Der Ruf Des Cthulhu und Plutonium (1.21 Gigawatt) greifst du sehr unterschiedliche kulturelle und popkulturelle Themen auf. Was fasziniert dich daran, solche Referenzen in die Welt von Samsas Traum einzubauen, und gibt es für dich eine Grenze zwischen Inspiration und zu offensichtlichem Zitieren?
Samsas Traum / Alexander Kaschte:
Bei Der Ruf Des Cthulhu kann man nicht davon sprechen, dass ich Referenzen verbaut habe, ein Fan hat sich explizit einen Song über den Cthulhu-Mythos gewünscht. Ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, einen Song über Cthulhu zu machen – ich kann mit Lovecraft nicht viel anfangen. Ich respektiere ihn zwar als Impuls- und Ideengeber für etliche Kulturschaffende, sein literarischer Stil war mir aber immer zu trivial und vage. Lovecraft hat gute Konzepte entwickelt, er war allerdings kein guter Schriftsteller. Der Song Plutonium (1.21 Gigawatt) handelt von Wut – ich war einmal so wütend, dass ich mich wie eine Atombombe gefühlt habe, und mein innerer Assoziationsblaster hat nach Plutonium schnell Zurück In Die Zukunft ausgespuckt. Insgesamt habe ich mit offensichtlichem Zitieren kein Problem. Leute wie Quentin Tarantino füllen ganze Filme damit – und wenn ich Zurück In Die Zukunft geil finde, sollte ich auch dazu stehen und mich nicht hinter nebulösen Metaphern verstecken.
Time For Metal / René W.:
Nach 30 Jahren Samsas Traum hast du eine enorme musikalische Vergangenheit, auf die du zurückblicken kannst. Wenn du heute an ältere Alben und Songs denkst: Gibt es eine frühere Phase oder ein bestimmtes Stück, das du inzwischen völlig anders beurteilst als zum Zeitpunkt seiner Entstehung?
Samsas Traum / Alexander Kaschte:
Natürlich, aber das ist ganz normal – und es funktioniert in beide Richtungen. Einerseits höre ich manchmal mein altes Material und denke: „Wow, und davon warst du damals begeistert? Das klingt mit einigen Jahren Abstand gar nicht mal mehr sooo geil …“. Andererseits entdecke ich heute musikalische Wendungen und Ideen in Stücken, die ich lange verteufelt habe; dann möchte ich mir dafür auf die Schulter klopfen, dass ich den einen oder anderen abgefahrenen Einfall hatte. Ich habe mich aber noch nicht dafür entschieden, was besser ist: die alten genialen Einfälle neu aufwärmen, damit sie heute den Sound erhalten, den sie verdient haben – oder einfach daraus lernen und weiterziehen? Am Ende lande ich wahrscheinlich doch beim Weiterziehen.
Time For Metal / René W.:
Vota Tenebris I ist erst der erste Teil des Projekts. Es wurde bereits der Nachfolger angekündigt. Kannst du bereits sagen, wodurch sich Vota Tenebris II von seinem Vorgänger unterscheiden wird, und werden auch dort wieder Wünsche der Fans die Grundlage der Songs bilden?
Samsas Traum / Alexander Kaschte:
Wir haben von unseren Fans insgesamt 25 Wünsche angenommen, euch erwarten also noch Vota Tenebris II und eine begleitende EP. Vota Tenebris II hat einen anderen Vibe als Teil I. Im Augenblick habe ich so meine Zweifel an dem Album. Mir ist es etwas zu metal-lastig, vielleicht lösche ich noch einmal alle Lieder und fange von vorne an. I don’t know. Es ist offensichtlich schwer, in die Fußstapfen von Vota Tenebris I zu treten.
Time For Metal / René W.:
Bei einem Album, dessen Songs teilweise von konkreten Vorgaben anderer Menschen ausgehen, stellt sich die Frage nach der künstlerischen Kontrolle. Wie viel Freiheit brauchst du, um aus einer fremden Idee am Ende einen typischen Samsas-Traum-Song zu machen?
Samsas Traum / Alexander Kaschte:
Ich habe mich durch die Vorgaben der Fans in keiner Weise eingeschränkt gefühlt, denn die Vorgaben haben mir viel Freiheit gelassen. Niemand hat von mir ein sechs Minuten langes Stück in C-Moll im ¾-Takt mit einer bestimmten Songstruktur verlangt, mir wurden eher Anweisungen wie „Mach noch mal was wie Blut Ist in Der Waschmuschel!“ oder „Schreib einen Text über den Verlust eines geliebten Menschen!“ gegeben.
Time for Metal / René W.:
Du hast in anderen Gesprächen sehr deutlich über deine aktuelle Distanz zum klassischen Metal-Livebetrieb gesprochen. Was müsste sich verändern, damit du wieder richtig Lust auf eine eigene Samsas-Traum-Clubshow bekommst?
Samsas Traum / Alexander Kaschte:
Nichts, denn das Thema „Samsas Traum‑Clubshows“ hat sich für mich erledigt. Das hat weniger mit den Veranstaltern oder dem Club selbst als mit dem Umstand zu tun, dass uns – also mir und meinem Drummer Michael „Cain“ Beck – Clubkonzerte nicht mehr erfüllen und uns nichts mehr geben. Seit der Geburt meiner Töchter ist mir außerdem die Anerkennung des Publikums nicht mehr wichtig, und ich möchte andere Ziele erreichen – dazu gehören z. B. das Schreiben von Musik für Videospiele, das Komponieren von Soundtracks oder das Arrangieren von Musik für ein Orchester. Das Letzte, was ich im Augenblick möchte, ist, auf einer Bühne vor einem Mikrofon zu stehen. Zusätzlich treffen uns als deutschsprachige Gothic-Band aus dem Szenen-Mittelfeld auch die Entwicklungen der letzten Jahre hart. Wir merken, dass das Geld bei den Fans nicht mehr locker sitzt, und können uns nicht weiter für Konzerte verschulden.
Time for Metal / René W.:
Du hast bereits erwähnt, dass der Auftritt beim NCN‑Festival für längere Zeit der letzte von Samsas Traum sein wird und zunächst keine weiteren Shows geplant sind. Wie sieht es dagegen mit den beiden bereits angekündigten Studioalben aus? Kannst du schon etwas darüber verraten, worauf sich die Fans bei den kommenden Veröffentlichungen freuen dürfen und welche Rolle Vota Tenebris I dabei spielt?
Samsas Traum / Alexander Kaschte:
Der Auftritt am 05.09.2026 auf dem NCN‑Festival bei Leipzig wird für lange Zeit der letzte Samsas–Traum-Auftritt sein. Wir werden von uns aus keine Energie und kein Geld mehr in das Realisieren weiterer Shows stecken. Samsas Traum haben noch zwei Studioalben in der Pipeline, die sie veröffentlichen werden – wann das passiert, steht noch nicht fest, denn Vota Tenebris I ist, trotz der Anerkennung, die mir von vielen Seiten entgegengebracht wird, aus den unterschiedlichsten Gründen ein wirtschaftlicher Misserfolg. Ich muss intern zunächst etliches regeln, bevor ich für Samsas Traum weiteres Geld verbrennen kann.
Time for Metal / René W.:
Wie sieht es mit der Festivalsaison aus: Sind für die Zukunft bereits Auftritte oder Festivaltermine von Samsas Traum geplant oder ist der Status da genauso wie bei den Clubshows?
Samsas Traum / Alexander Kaschte:
Ich schließe nicht aus, dass ich irgendwann noch einmal auf einem Festival auftreten werde, aber derzeit habe ich auch daran kein Interesse. Ich habe in meiner Karriere auf den meisten deutschen Gothic-Festivals gespielt – ich finde die Veranstaltungen mittlerweile allesamt langweilig. Seit Jahren sind es immer dieselben Bands, die dort auftreten. Die Szene schrumpft und altert und gibt dabei leider kein gutes Bild ab. Ich hätte gerne noch auf dem einen oder anderen Metal-Festival gespielt, aber ich bezweifle, dass es dazu kommen wird.
Time for Metal / René W.:
Ich bedanke mich für deine Zeit und wünsche dir alles Gute für die Zukunft.
Samsas Traum / Alexander Kaschte:
Danke – alles Gute kann ich gebrauchen.



