Eventname: UK & European Tour 2026
Bands: Hollywood Vamires, Support: Cassyette
Ort: Barcleys Arena, Hamburg
Datum: 30.08.2026
Kosten: Sitzplätze ab 97 Euro, Stehplätze 120 Euro, Golden-Circle-Ticket 143 Euro. Premium- und VIP-Pakete ab 200 Euro.
Genre: Rock, Classic Rock
Zuschauer: geschätzt etwa 7.000
Link: www.hollywoodvampires.com
Setlist:
- I Want My Now
- Raise The Dead
- I’m Eighteen
- My Dead Drunk Friends
- The Boogieman Surprise
- Venus In Furs
- People Who Died
- Livin‘ On The Edge
- Who’s Laughing Now
- Baba O’Riley
- You Can’t Put Your Arms Round A Memory
- Roadhouse Blues
- Beck’s Bolero
- The Death And Resurrection Show
- Bright Light Fright
- Heroes
- Walk This Way
- Highway To Hell
- School’s Out / Another Brick In The Wall
- The Train Kept A-Rollin‘
Der Name Hollywood Vampires geht zurück auf einen legendären Kreis von Rockmusikern, den Alice Cooper in den 1970er-Jahren im Rainbow Bar & Grill auf dem Sunset Strip ins Leben rief. Zu den damaligen Gästen beziehungsweise Mitgliedern gehörten unter anderem John Lennon, Keith Moon, Harry Nilsson, Ringo Starr, Jimi Hendrix und Jim Morrison. Aus dieser illustren Gemeinschaft entstand Jahrzehnte später die Idee, den Geist dieser verstorbenen Weggefährten musikalisch wieder aufleben zu lassen.
2012 lernten sich Alice Cooper und Johnny Depp während der Dreharbeiten zu Dark Shadows näher kennen. Depp war längst nicht nur Schauspieler, sondern hatte sich seit Jahren als Gitarrist in verschiedenen Projekten musikalisch betätigt. Joe Perry, Gitarrist und Gründungsmitglied von Aerosmith, kam hinzu und aus der Idee einer lockeren Coverband entwickelte sich eine echte Rock-Supergroup. 2015 erschien das selbstbetitelte Debütalbum, an dem unter anderem Paul McCartney, Dave Grohl, Slash, Joe Walsh, Brian Johnson und Robby Krieger beteiligt waren. 2019 folgte Rise, 2023 das Livealbum Live In Rio.
Heute bilden Alice Cooper, Johnny Depp, Joe Perry und Tommy Henriksen das prominente Zentrum der Hollywood Vampires. Henriksen ist dabei keineswegs lediglich der „vierte Mann“, sondern ein gestandener Musiker, Produzent und langjähriger Weggefährte Coopers. Live wird das Quartett von Glen Sobel am Schlagzeug, Chris Wyse am Bass und Buck Johnson an Keyboards und Gitarre unterstützt. Mit anderen Worten: Mehr Rockgeschichte kann man kaum auf eine Bühne stellen.

Bevor die alten Herren des Rockgeschäfts ihre Instrumente in die Hand nehmen, gehört die Bühne Cassyette. Die britische Musikerin, bürgerlich Cassy Brooking, ist musikalisch deutlich näher an modernem Alternative Metal, Elektropop und düsterem Pop-Rock angesiedelt als an dem klassischen Hard Rock der später folgenden Headliner.
In Hamburg hat die Sängerin allerdings nur eine halbe Stunde Zeit, um das Publikum auf die Vampires einzustimmen. Um 20:00 Uhr geht es pünktlich los, um 20:30 Uhr ist der kurze Auftritt bereits wieder Geschichte.
Cassyette bringt dabei eine völlig andere Klangfarbe in die Barclays Arena. Elektronische Sounds treffen auf druckvolle Gitarren und wuchtige Drums, während die Sängerin zwischen aggressiven Ausbrüchen und ruhigeren Passagen wechselt. Gerade diese Laut-Leise-Dynamik macht den Auftritt interessant, auch wenn die elektronische Begleitung sehr stark nach Playback beziehungsweise Konserve klingt. Schließlich stehen nur drei Personen auf der Bühne.
Als Support für eine derart traditionsbeladene Rockband ist Cassyette dennoch eine nachvollziehbare Wahl. Der Kontrast ist groß, wahrscheinlich sogar bewusst so gewollt. Wo später die Gitarren nach Siebziger-Rock klingen, steht zunächst eine Künstlerin auf der Bühne, die deutlich stärker in der Gegenwart verwurzelt ist. So richtig will der Funke auf das noch nicht vollständig gefüllte Arena-Parkett allerdings nicht überspringen. Dafür waren 30 Minuten vielleicht auch schlicht zu kurz.

21:00 Uhr. Das Licht geht aus. Auf den Videowänden öffnen sich Friedhofstore, und plötzlich wird klar, dass die Hollywood Vampires ihren Namen durchaus ernst nehmen. Grabsteine erscheinen, Bilder verstorbener Musiker werden eingeblendet und mit Bela Lugosi’s Dead von Bauhaus beginnt ein Abend, der sich musikalisch permanent zwischen Rockkonzert, Gedenkveranstaltung und großer Show bewegt. Vier Särge öffnen ihre Deckel und dann stehen sie da: Alice Cooper, Johnny Depp, Joe Perry und Tommy Henriksen. Vier Männer, deren Lebensläufe unterschiedlicher kaum sein könnten und die trotzdem eine gemeinsame Sprache sprechen: Rock ’n’ Roll.
Mit I Want My Now und Raise The Dead geht es zunächst mit Eigenkompositionen zur Sache. Gerade Raise The Dead ist dabei mehr als ein gewöhnlicher Song. Die Nummer steht sinnbildlich für die Idee hinter der gesamten Band. Die Toten werden nicht einfach vergessen, sondern ihre Musik wird weitergespielt.

Und dann kommt I’m Eighteen. Wer hier noch nicht begriffen hat, wer auf der Bühne steht, bekommt die entsprechende Nachhilfe. Alice Cooper übernimmt den Song aus seinem eigenen Katalog und zeigt, dass seine 78 Jahre keineswegs bedeuten, dass er sich auf der Bühne verstecken müsste. Seine Stimme besitzt weiterhin Charakter, seine Bewegungen sind vielleicht weniger wild als früher, aber dafür wirkt jeder Schritt umso bewusster.

Natürlich ist die Frage an diesem Abend unausweichlich: Was macht Johnny Depp musikalisch? Die Antwort fällt überraschend eindeutig aus: Er ist kein Showgast. Depp steht mit der Gitarre auf der Bühne, spielt Riffs, übernimmt Gesangspassagen und fügt sich in das Bandgefüge ein. Der ganz große Sänger ist er nicht, muss er aber auch nicht sein. Bei People Who Died oder später David Bowies Heroes funktioniert seine Stimme gerade deshalb, weil sie anders klingt als die von Cooper oder Perry. Bei Heroes bekommt Depp einen besonders passenden Moment, der von Bildern des Mauerfalls begleitet wird. Und natürlich reagiert die Arena auf Depp besonders laut. Der Schauspielerstatus lässt sich nicht wegdiskutieren. Sobald die Kameras sein Gesicht auf die Screens übertragen, geht ein hörbares Raunen durch die Halle. Doch Depp nutzt diesen Promibonus nicht als Ersatz für musikalische Leistung. Er spielt. Und das ist gut so.

Joe Perry bekommt mit Livin‘ On The Edge und Bright Light Fright seine Aerosmith-Momente. Vor allem letzteres zeigt, weshalb Perry neben Cooper und Depp zum Kern der Vampires gehört. Sein Gitarrenspiel ist unverkennbar: bluesig, dreckig, manchmal bewusst schlampig wirkend und trotzdem präzise genug, um jedem Song seine eigene Note zu geben. Der wohl beliebteste Aerosmith-Song Walk This Way darf natürlich ebenfalls in der Setlist nicht fehlen. Das Aerosmith-Stück wird in Hamburg mit Bildern aus Frankenstein Junior kombiniert, eine Anspielung auf die Geschichte hinter dem Song und gleichzeitig ein weiteres Beispiel dafür, wie stark die Hollywood Vampires ihre Musik visuell begleiten.
Während Cooper, Perry und Depp naturgemäß die größten Namen auf dem Plakat sind, gehört einer der musikalisch stärksten Momente des Abends Tommy Henriksen. Henriksen arbeitet seit Jahren mit Alice Cooper zusammen und ist außerdem als Produzent, Songwriter und Musiker aktiv. Seine Karriere reicht bis in die Achtziger zurück. Unter anderem spielte er bei Warlock und arbeitete später mit Cooper an dessen Produktionen. Live übernimmt Henriksen immer wieder die Rolle des musikalischen Motors. Bei The Whos Baba O’Riley darf er Pete Townshends berühmte Windmühlenbewegungen zitieren, während er beim AC/DC-Song Highway To Hell sogar die Vocals von Bon Scott übernimmt. Das funktioniert erstaunlich gut. Hier wird deutlich, dass die Hollywood Vampires eben nicht nur aus drei berühmten Namen und einem Begleitmusiker bestehen. Henriksen ist ein integraler Bestandteil der Band.

Wer sich die Setlist genauer anschaut, erkennt das Konzept der Vampires sofort. Venus In Furs erinnert an Lou Reed und The Velvet Underground, People Who Died an Jim Carroll, Baba O’Riley an The Who, You Can’t Put Your Arms Round A Memory an Johnny Thunders und Roadhouse Blues an Jim Morrison und The Doors. Später folgen Beck’s Bolero zu Ehren ihres „Lieblingsgitarristen“ Jeff Beck, The Death And Resurrection Show, Heroes und Highway To Hell. Das ist kein Zufall. Die Hollywood Vampires spielen nicht einfach Coversongs, weil ihnen eigene Stücke fehlen. Sie erzählen mit diesen Liedern eine Geschichte. Eine Geschichte über Musiker, die zu früh starben, über Freundschaften, Exzesse, Erfolge und eine Generation, die den Rock ’n’ Roll überhaupt erst zu dem gemacht hat, was er heute ist. Selbst Tim Curry, der erst letzten Mittwoch verstarb, taucht in den Videos auf. Besonders stark funktioniert The Death And Resurrection Show von Killing Joke. Der Song bekommt durch die düstere Bühneninszenierung eine fast morbide Wirkung. Danach darf es wieder lockerer werden. Bright Light Fright, Walk This Way und schließlich Highway To Hell sorgen für die große Rockparty.

Bei aller Prominenz der Bandmitglieder gibt es allerdings keinen Zweifel daran, wer an diesem Abend das Kommando führt. Alice Cooper, der Mann, der seit über 50 Jahren auf Bühnen steht, bewegt sich souverän durch das Programm. Krücke, Zylinder, dunkle Kleidung und die bekannten Gesten gehören natürlich dazu. Bei Roadhouse Blues greift er zur Mundharmonika, später auch bei der Zugabe The Train Kept A-Rollin‘. Dabei wirkt Cooper keineswegs wie jemand, der seine Vergangenheit verwaltet. Vielmehr scheint er den Abend zu genießen. Es ist diese Mischung aus Professionalität und sichtbarer Freude, die das Konzert trägt.
Die Hollywood Vampires sind keine Band, die unbedingt beweisen muss, dass sie relevant ist, sie wissen es. Natürlich kommt der Moment, an dem Alice Cooper endgültig in sein eigenes Wohnzimmer zurückkehrt. School’s Out, gemeinsam mit Another Brick In The Wall von Pink Floyd wird daraus ein Medley, das in Hamburg genau das tut, was es soll: das Publikum zum Mitsingen bringen. Riesige bunte Luftballons schweben über dem Publikum, die Cooper allesamt zum Platzen bringt. Auf den Videowänden laufen passende Bilder, und für einige Minuten spielt es überhaupt keine Rolle mehr, wie viele Alben diese Musiker verkauft haben oder wie viele Kinofilme Johnny Depp gedreht hat. Es geht um die Songs.

Nach rund 100 Minuten neigt sich der Abend dem Ende entgegen. Die reguläre Setlist ist bereits eine Reise durch mehr als sechs Jahrzehnte Rockgeschichte gewesen. Als Zugabe folgt passend The Train Kept A-Rollin‘, denn genau darum geht es bei den Vampires. Der Zug rollt weiter. Die Musiker, denen die Band ihre Existenz verdankt, sind längst tot. Viele ihrer Songs könnten problemlos im Museum landen. Stattdessen werden sie von vier gestandenen Rockmusikern auf die Bühne gestellt, ordentlich durch den Verstärker gejagt und einer neuen Generation präsentiert. Das ist vielleicht die eigentliche Leistung dieser Band. Danach verabschieden sich die Vampires als Gruppe. Die Sticks fliegen hoch und weit, Plektren werden in rauen Mengen in den Golden Circle geworfen.
Die Hollywood Vampires sind sicherlich keine klassische Rockband. Dafür ist ihre Entstehungsgeschichte zu ungewöhnlich, die Besetzung zu prominent und das Konzept zu stark auf die Geschichte des klassischen Rocks ausgerichtet.

Aber genau deshalb funktioniert das Projekt. Hamburg bekommt eine rund 100-minütige Reise durch Rockgeschichte, die von Alice Cooper angeführt und von Johnny Depp, Joe Perry und Tommy Henriksen musikalisch getragen wird. Die Setlist ist dabei ein bunter Mix aus anfänglich eigenen Vampires-Kompositionen, Cooper– und Aerosmith-Klassikern sowie zahlreichen Hommagen an verstorbene Wegbereiter. Musikalisch überzeugt vor allem die eingespielte Begleitmannschaft. Glen Sobel am Schlagzeug, Chris Wyse am Bass und Buck Johnson an den Tasten sorgten für das Fundament, auf dem die vier Frontleute ihre Show aufbauen können.
Cassyette hat es dagegen naturgemäß schwer, mit lediglich 30 Minuten und einem völlig anderen musikalischen Ansatz das Arena-Publikum nachhaltig abzuholen. Dennoch setzt der Support einen interessanten Kontrastpunkt.
Die Hollywood Vampires selbst machen anschließend genau das, was man von ihnen erwarten darf: Sie spielen Rockgeschichte, ohne sie einfach nur nachzuspielen. Natürlich ist Johnny Depp ein Publikumsmagnet. Natürlich zieht Alice Cooper noch immer. Und natürlich sorgt Joe Perry allein durch seine Anwesenheit für glänzende Augen bei Aerosmith-Fans. Doch am Ende zählt die Musik und die war in Hamburg laut, dreckig, abwechslungsreich und voller Erinnerungen. Wer allerdings erwartet hat, eine reine Alice-Cooper– oder Aerosmith-Show zu bekommen, wurde eines Besseren belehrt. Die Hollywood Vampires sind ihr eigenes Biest. Ein ziemlich teures zwar, aber eines, das noch immer verdammt viel Spaß macht.
Rock ’n‘ Roll ist tot? Von wegen.














