Wer denkt, intensive Musik gänzlich ohne Gesang zu machen, sei ein Ding der Unmöglichkeit, den belehren die Post Amis von Shy, Low eines Besseren. Sie spielen nahezu perfekt auf der Klaviatur des Post Metals. Es ist kaum möglich, von den Songs der Jungs aus Richmond genug zu kriegen. Denn es passieren so viele spannende und interessante Sachen. Und das in einem wohlwollenden, wohlfühlenden Bereich, den sie inzwischen mit Russian Circles und Pelican einnehmen. Nach Snake Behind The Sun, der Babylonica-EP und der traumhaft schönen Snake Behind The Sun (Live in Richmond, V.A.)-Live-Interpretation, ist Purity Spiral zwar ein Rückschritt in Sachen epischem Songwriting, doch die verspielte, wunderschöne Träumerei entschädigt dafür.
Grace – Anmut – ist der Inbegriff eines Vorspiels, das so viele Erwartungen herausbeschwört. Der zarte Beginn geht in vorsichtig pulsierende Gitarrenanschläge über. Aber schon mit den ersten lauteren Noten setzen Shy, Low auf die Karte Intensität. Jetzt werden Melodien nur so ineinandergeflochten, dass es einem die Sprache verschlägt. Wunderbar! Denn ab jetzt ist pures Genießen angesagt, mal laut fordernd, zwischendrin ruhig verspielt und dann wieder aufbrausend.
Im Strudel des reinen Post Metals
Jeder Track pulsiert, lebt. Auch wenn Shy, Low nur ihre Instrumente sprechen lassen, fast vollständig auf Gimmicks verzichten, wissen sie in jedem Moment, was sie mit diesem anfangen wollen. Sie loten ihr Genre aus, soweit es ihre fünf Werkzeuge erlauben. Das beste Beispiel ist Palmistry mit dem hektischen Beat im Zwischenteil, der dem verträumten nachfolgenden Part genau den Twist gibt, der aus Langeweile ein Aha-Erlebnis macht.
Bei allen hypnotischen Wiederholungen ist die versierte Schlagzeugarbeit die Grundlage zur Diversifizierung jedes einzelnen der sieben Songs. Obendrein ist der partielle Einsatz von Hall sehr substanziell für die Songs. Sie gewinnen dadurch noch mehr an Tiefe, an Raum. Sie wirken voluminöser, obwohl Shy, Low dabei nur wenig Keyboards zum Einsatz kommen lassen.
Das Wissen um die Einfachheit der Melodie gewinnt
Was die sieben Stücke im Endeffekt so mitreißend macht, ist ihre gefühlte Einfachheit. Sind sie aber gar nicht, sondern wohldurchdacht, gut arrangiert und präzise ausgeführt. In den siebeneinhalb Minuten von The Charging, Brazen Bull zum Beispiel passiert so viel, aber doch passen die sphärischen Momente zu den aufbrausenden und die ruhigen zu den leicht psychotisch anmutenden Passagen.
Selbst wenn Shy, Low, wie beim Titelstück, ihr großes Besteck in der Schublade lassen, ist dies der beste Song, den sie auf das Album gepackt haben. Er hat alles, was Shy, Low ausmacht, wie eine Inhaltsangabe: schüchtern und doch wagemutig in den Arrangements, erwachsen und doch verträumt in den Melodien, simpel und doch komplex in den Texturen. Trotzdem ist kein Stück wie das nächste.
Hier geht es lang für weitere Informationen zu Shy, Low – Purity Spiral in unserem Time For Metal Release-Kalender.



