Robin Staps /The Ocean, Pelagic Fest 2026, Pic by Big Simonski

Interview mit Robin Staps von The Ocean

"Ich bin eine suchende, rastlose Natur, was du an unserem Tourpensum der letzten Jahre sehen kannst, haha ..."

Vom Umbruch zum Neustart: The Ocean haben ein bewegtes Jahr hinter sich. Nach dem Ausstieg mehrerer langjähriger Mitglieder schien im vergangenen Jahr zunächst sogar das Ende der Band im Raum zu stehen. Inzwischen ist klar: The Ocean sind zurück – mit neuer Besetzung und einem neuen Album.

The Ocean, Pre-Listening Session Pelagic Fest, Pic by Big Simonski

Bei der Pre-Listening-Session zum kommenden Album Solaris in Maastricht beim Pelagic Fest hatte ich die Gelegenheit, Robin Staps wiederzutreffen. Dabei konnte ich bereits einiges über das neue Album und die musikalische Ausrichtung der neuen Besetzung erfahren. Im Anschluss an die Session blieb noch Zeit für ein persönliches Gespräch. Dabei ging es natürlich nicht nur um Solaris, sondern auch um unser Wiedersehen beim Freak Valley Festival im vergangenen Jahr, damals noch mit der alten Besetzung von The Ocean.

In Maastricht haben Robin und ich schließlich auch vereinbart, das Gespräch für Time For Metal noch einmal ausführlicher fortzusetzen. Im folgenden Interview sprechen wir deshalb über den schwierigen Umbruch, den Neustart von The Ocean, die neue Besetzung und natürlich über Solaris – das erste Album dieser neuen Ära. Hier das Interview:

Time For Metal / Jürgen S.:
Hallo Robin, schön, dass wir wieder miteinander sprechen können. Im vergangenen Jahr sah es zunächst nach dem Ende einer Ära von The Ocean aus. Wie hast du diese Zeit persönlich erlebt?

The Ocean / Robin Staps:
Es war eine schwierige Zeit. Wir haben tolle Shows gespielt und gleichzeitig war die Luft raus. Es war klar, dass das vorbei ist. Unabhängig davon war mir aber ohnehin klar, dass eine Ära zu Ende gehen und gleichzeitig eine neue beginnen würde. Davor habe ich keine Angst gehabt, ich wusste, dass das notwendig und unausweichlich war für alle Beteiligten. Ich habe versucht, nach vorne zu schauen und gleichzeitig auch den Rückblick auf über zehn Jahre gemeinsam Erlebtes zu genießen.

Time For Metal / Jürgen S.:
Mit dem Ausstieg von Loïc, Paul und David haben The Ocean einen großen Teil der bisherigen Besetzung verloren. Wann stand für dich fest: Ich/wir machen weiter – The Ocean werden nicht aufgelöst?

The Ocean / Robin Staps:
Das war mir ziemlich schnell klar. Ich habe einige Zeit gebraucht, um zu begreifen und zu akzeptieren, dass jeder von uns die Zeit anders erlebt hat, andere Erfahrungen gemacht hat und andere Konsequenzen daraus gezogen hat. Aber dass ich weiterhin Musik machen und auch touren möchte mit dieser Band, daran habe ich nie gezweifelt.

Am Ende hab ich mir gedacht: Jetzt erst recht. Ich wollte es nicht anderen und ihren Einzelentscheidungen überlassen, ob und wie es weitergeht mit der Band, die viele Jahre unser gemeinsamer Lebensmittelpunkt war. Und für mich persönlich und für Mattias ebenso war klar, dass das auch noch eine Weile so bleiben soll.

Time For Metal / Jürgen S.:
Wie schwierig war es, nach einer so langen gemeinsamen Geschichte eine komplett neue Besetzung zusammenzustellen? Und wann hattest du erstmals das Gefühl: Das funktioniert wieder?

The Ocean / Robin Staps:
Das ging eigentlich ganz schnell und ohne, dass ich groß hätte suchen müssen. Es haben sich eine Reihe zufälliger Begegnungen ergeben, zur richtigen Zeit. Jordi (Drums) war der Einzige, den wir aktiv per Audition gefunden haben. Manu kannte ich bereits seit 20 Jahren, er war mein erster Gedanke als möglicher neuer Gitarrist. Marco, Enrico, Lane, ich habe alle drei ungefähr zur gleichen Zeit kennengelernt. Sie haben die Band gefunden, wir haben angefangen zu reden und Ideen aufzunehmen, und das hat sich richtig, spannend und neu angefühlt.

Time For Metal / Jürgen S.:
Mit Solaris erscheint nun das erste Album dieser neuen Inkarnation von The Ocean. War der Neustart bereits Teil des kreativen Konzepts, oder hat sich das Album unabhängig davon entwickelt?

The Ocean / Robin Staps:
Das Album gab es bereits, in instrumentaler Rohform. Es hat sich aber im Laufe des letzten Jahres durch die neuen Mitglieder entwickelt und verändert. Besonders der Gesang ist komplett neu entstanden, aber auch Bass, Synths und einige Gitarrenparts.

Time For Metal / Jürgen S.:
Was hat sich durch die neue Besetzung im Songwriting verändert? Gibt es Dinge, die du mit den neuen Musikern plötzlich machen kannst, die vorher vielleicht nicht möglich gewesen wären?

The Ocean / Robin Staps:
Ja, jede Menge. Die Arbeit an dem Album war ein Prozess des Experimentierens und sich dabei langsam Kennenlernens. Erst im Laufe dieses Prozesses ist mir klar geworden, was die neuen Leute an Kreativität, Talent und Vielseitigkeit mitbringen. An viele Dinge sind wir völlig anders herangegangen als in der Vergangenheit, für andere Dinge gab es bestehende Routinen und Prozesse.

The Ocean, Pelagic Fest 2026, Pic by Big Simonski

Time For Metal / Jürgen S.:
Auch bei den Vocals gibt es mit Enrico Tiberi und Lane Shi eine deutliche Veränderung. Wie wichtig war es euch, nicht einfach einen „Ersatz“ für Loïc zu suchen, sondern zwei eigenständige Stimmen zu finden?

The Ocean / Robin Staps:
Als das alte Line-Up auseinanderbrach, war mein erster Gedanke, dass es instrumental weitergehen würde. Ich konnte mir einfach lange nicht vorstellen, jemanden zu finden, der oder die dort anknüpft, wo Loïc aufgehört hatte. Als ich Lane und Enrico kennenlernte, änderte sich das; plötzlich war eine Perspektive da, die für die alten Songs zu funktionieren schien und gleichwohl Neues einführte, anstatt bloß wie eine Kopie der Vergangenheit zu klingen. Das war super spannend.

Time For Metal / Jürgen S.:
Nach Precambrian, Phanerozoic und Holocene wendet ihr euch mit Solaris erstmals einem völlig anderen Konzept zu. Warum war gerade jetzt die Geschichte von Stanislaw Lems Solaris beziehungsweise die filmische Interpretation von Andrei Tarkowski für euch interessant?

The Ocean / Robin Staps:
Mein Zugang ist über Tarkowski, ich bin ein großer Fan seines Schaffens und Solaris ist nicht das erste The-Ocean-Album, das an einen seiner Filme angelehnt ist: Pelagial war stark durch seinen 1979er-Film Stalker inspiriert.

Solaris war zunächst der Working-Title für dieses Album. Ich finde den Film großartig in seiner Langsamkeit, auf die man sich erst mal einlassen muss. Am Ende des Films wird man mit vielen Fragen gewissermaßen in einer Leere zurückgelassen, die Antworten bleiben aus. Das ist essenziell unbefriedigend, und darin genau das, was ich von Kunst will: Ich möchte, dass Kunst mich auf Gedanken bringt und mir Perspektiven eröffnet, die ich vorher nicht hatte. Ich möchte aufgewühlt und zumindest leicht verwirrt und mit vielen Fragen dastehen. Genau das macht der Film Solaris mit mir.

Unser Album soll jetzt aber kein nachträglicher Soundtrack zum Film sein. Es bezieht sich auf bestimmte Szenen und Fragen und ist am Ende eine Reisegeschichte, die sich um Themen wie Aufbruch, Entdeckung, Neugier und den Preis der Getriebenheit, den wir als Musiker und Künstler alle irgendwie teilen, dreht. Angelehnt an den Film Solaris und gleichzeitig an historische Reiseberichte von Entdeckern vergangener Jahrhunderte wie Da Gama, Magellan oder Sir Francis Drake. Und natürlich ist diese Geschichte auch gewissermaßen autobiografisch, Bezug nehmend auf Ereignisse, welche die Band in den letzten Jahren geprägt haben.

Time For Metal / Jürgen S.:
Das Album ist mit fast 70 Minuten erneut sehr umfangreich. Wie wichtig ist es dir, ein Album als zusammenhängende Reise zu betrachten und nicht einfach als Sammlung einzelner Songs?

The Ocean / Robin Staps:
Bei diesem Album war das sehr wichtig, bzw. einfach die Realität, wie es entstanden ist. Die Songs hatten von Anfang an eine bestimmte Chronologie, die nie infrage stand. Das war bei Pelagial ähnlich, das Album wurde von Anfang bis Ende eigentlich als ein Stück Musik komponiert. Bei anderen The-Ocean-Alben war das nicht so, die -centrics oder auch Phanerozoic II z.B. waren eher lose Sammlungen von Songs, die erst später in eine gewisse Reihenfolge gebracht wurden.

Time For Metal / Jürgen S.:
Die erste Single Light Pollution beschäftigt sich unter anderem mit Kommunikation, Technologie, Transparenz und dem Verlust von Privatsphäre. Wie stark spiegeln die Themen auf Solaris deine persönliche Sicht auf die heutige Gesellschaft wider?

The Ocean, Pelagic Fest 2026, Pic by Big Simonski

The Ocean / Robin Staps:
Wir sind es gewohnt, permanent unsere momentane persönliche Befindlichkeit mit der großen weiten Welt zu teilen. Das ist völlig absurd, niemand interessiert sich dafür, ob wir heute beim Doktor waren. Dadurch entsteht eine gewisse Transparenz, und auch eine Erwartungshaltung diesbezüglich, die ich schwer problematisch finde. Wir verlieren dabei das Dunkle, das Private, das Verborgene; alles ist immer und für jeden sichtbar. Light Pollution ist gewissermaßen eine Metapher, die wir für dieses Phänomen verwenden. Wir brauchen die Dunkelheit, wir brauchen Geheimnisse, es ist wichtig, die Tür schließen zu können und sich nicht dafür rechtfertigen zu müssen.

Time For Metal / Jürgen S.:
Wenn du Solaris mit Holocene vergleichst: Wo siehst du die größten musikalischen Unterschiede zwischen diesen beiden Alben?

The Ocean / Robin Staps:
Holocene war ein ungewolltes Kind, was wir aber schnell zu lieben gelernt haben. Das ist entstanden, als Peter, unser damaliger Synth-Mann, mir elektronische Ideen schickte, über die ich dann Ocean-Songs gebaut habe. Das funktionierte erstaunlich gut, und damals war das so spannend, dass wir das Solaris-Material, was ich zur selben Zeit geschrieben hatte, erst mal zurückgestellt haben, um uns auf Holocene zu konzentrieren.

Als wir dann anfingen, mit Holocene zu touren, war das erst etwas schwierig, weil das Album so ein Slow Burn ist. Das war halt was völlig anderes, als das Set mit Cambrian zu eröffnen, und da mussten wir uns erst dran gewöhnen. Am Ende haben wir es aber wirklich zu lieben gelernt.

Holocene war also gewissermaßen ein spontaner kreativer Exkurs, Solaris hingegen ist das Album, was eigentlich von Anfang an als Nachfolger von Phanerozoic II gedacht war. Es ist sicher im Kern dichter dran an dem, was The Ocean in den vergangenen zehn Jahren ausgemacht hat – und gleichzeitig auch etwas vollkommen Neues.

Robin Staps /The Ocean, Pelagic Fest 2026, Pic by Big Simonski

Time For Metal / Jürgen S.:
Gab es während der Produktion einen Moment, an dem du dachtest: „Das ist jetzt tatsächlich eine neue Version von The Ocean“?

The Ocean / Robin Staps:
Absolut. Das war ziemlich genau der Zeitpunkt, an dem wir mit dem alten Line-Up (aber bereits Jordi am Schlagzeug) unsere letzte Show gespielt haben, auf dem Hellfest 2025. Zu der Zeit waren wir gedanklich bereits bei Solaris und haben kurz darauf mit den Aufnahmen begonnen.

Time For Metal / Jürgen S.:
Nach 25 Jahren The Ocean und diesem massiven Umbruch: Ist Solaris für dich eher ein Neuanfang oder die konsequente Weiterentwicklung dessen, was du mit der Band immer machen wolltest?

The Ocean / Robin Staps:
Ich glaube, das habe ich schon beantwortet. Es ist beides: ein Neuanfang und gleichzeitig ein Album, das viel dichter am Kern, an der Essenz dessen dran ist, zu dem sich die Band über die letzten 10–15 Jahre entwickelt hat.

Time For Metal / Jürgen S.:
Was hat dieser Umbruch dich persönlich über The Ocean und vielleicht auch über dich selbst als Musiker gelehrt?

The Ocean / Robin Staps:
Ich bin eine suchende, rastlose Natur, was du an unserem Tourpensum der letzten Jahre sehen kannst, haha … Gleichzeitig habe ich vielleicht eine etwas höhere Stresstoleranz als andere. Am Ende bedeutet in einer Band zu spielen, dass man immer bereit für Kompromisse sein muss, ansonsten funktioniert es nicht mehr. Aber selbst, wenn man das ist, kommt irgendwann der Punkt, an dem dieselben fünf Menschen plötzlich unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage haben, und dann ist es meistens vorbei. Dann ist es wichtig, den Fokus auf die tolle gemeinsam erlebte Zeit zu richten, und ich denke, das ist uns allen gelungen – und gleichzeitig Veränderung zu akzeptieren. Veränderung und der Umgang damit sind etwas Wunderbares, Unvermeidliches und Lebenswichtiges.

Time For Metal / Jürgen S.:
Zum Abschluss: Was möchtest du einem langjährigen The-Ocean-Fan sagen, der nach den Ereignissen des vergangenen Jahres vielleicht noch skeptisch auf diese neue Besetzung blickt?

The Ocean / Robin Staps:
Hör die Platte, schau’s dir live an und urteile dann.

Ich hab auf dem Pelagic Fest mit einem Australier gesprochen, der uns bereits 16 Mal live gesehen hat. Das ist wirklich unglaublich. Abgesehen von den Bands, mit denen wir getourt sind, habe ich keine Band so oft live gesehen!

Ich denke, irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem auch ein solcher Fan trotzdem nicht mehr auf ein Konzert geht, wenn die Erwartung dahingeht, dass am Ende immer dieselben Leute dieselben Songs spielen. Bzgl. The Ocean hoffe ich einfach, dass es durch die unabwendbaren Veränderungen für unsere Fans genauso spannend bleibt, wie für uns.

Time For Metal / Jürgen S.:
Ich danke dir, dass du dir für dieses Interview Zeit genommen hast.

The Ocean / Robin Staps:
Danke dir!

The Ocean, Credit Jovi Zhang (von The Ocean zur Verfügung gestellt)