Eventname: Pelagic Fest
Bands: The Ocean, The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble, Oh Hiroshima, EF, Lost In Kiev, Spurv, The Devil’s Trade, Predatory Void, Otay:Onii, Zatokrev, Norna, Abraham, Hanry, Preyrs
Ort: Muziekgieterij, Boschstraat 5, 6211 AE Maastricht, Niederlande
Datum: 28.08. – 29.08.2026
Kosten: 130 Euro (2-Tages-Ticket) zzgl. VVK-Gebühren
Genre: Progressive Metal, Progressive Rock, Post Rock, Post Metal, Sludge, Doom, Ambient, Experimental
Veranstalter: Pelagic Records
Link: https://www.facebook.com/events
Tag 2: Ein besonderer Start in den zweiten Festivaltag
Der Rückweg vom ersten Festivaltag ins Hotel dauerte tatsächlich nur zwei Minuten – das Navi hatte uns am Vorabend also eindeutig in die falsche Richtung geschickt. Heute wissen wir es besser und nehmen nach dem Frühstück direkt den richtigen Weg zur Muziekgieterij.
Der zweite Festivaltag beginnt allerdings nicht mit einer Band, sondern bereits um 10:45 Uhr mit einem besonderen Programmpunkt: einer Listening-Session mit Robin Staps und The Ocean. Vor der Location empfängt uns Organisatorin Juliane bereits mit einem weiteren Kaffee – was um diese Uhrzeit definitiv keine schlechte Idee ist – und führt die anwesenden Pressevertreter anschließend in die Bibliothek der Muziekgieterij.

Dort erwartet uns ein ganz anderer Rahmen als am Vorabend vor der Bühne. Robin Staps gibt gemeinsam mit den neuen Bandmitgliedern Einblicke in die Entstehung der neuen The-Ocean-Ära. Im Mittelpunkt steht natürlich das kommende Album Solaris, von dem wir einige Stücke bereits vor der offiziellen Veröffentlichung hören dürfen. Dabei wird schnell deutlich, dass hier nicht einfach nur eine neue Besetzung auf der Bühne steht, sondern tatsächlich ein neues Kapitel der Band aufgeschlagen wird.
Zwischen den Hörproben gibt es Raum für Fragen und Gespräche über die neue Besetzung, den Entstehungsprozess und die musikalische Ausrichtung von Solaris. Gerade nach dem spektakulären Auftritt vom Vorabend ist es spannend, The Ocean nun einmal aus einer deutlich ruhigeren und persönlicheren Perspektive kennenzulernen.
Für uns ist diese Listening-Session damit der perfekte Einstieg in den zweiten Festivaltag.
Hanry – Atmosphärischer Start in den zweiten Festivaltag
Nach der Listening-Session geht es um 13:40 Uhr endlich musikalisch los. Den Auftakt auf der Main Stage machen Hanry aus Rennes. Das französische Quintett verbindet Post-Rock mit Shoegaze, elektronischen Elementen und Trip-Hop-Einflüssen und schafft damit einen ausgesprochen cineastischen Sound.
Mit ihrem aktuellen Album What Came From Silence, das im Mai 2026 über Pelagic Records erschienen ist, haben Hanry dabei reichlich Material im Gepäck. Die Stücke bewegen sich zwischen ruhigen, fast schwebenden Passagen und kraftvollen Gitarrenwänden. Für den frühen Nachmittag ist das ein angenehm atmosphärischer Einstieg.

Norna – Schwere Kost im kleinen Saal
Pünktlich um 14:30 Uhr wechseln wir in den kleinen Saal. Dort wartet mit Norna ein deutlich schwereres Kaliber. Das schweizerisch-schwedische Trio (heute nur als Duo anwesend) setzt auf eine finstere Mischung aus Post-Metal, Sludge und Doom.
Norna walzen mit schweren, zähfließenden Riffs durch den kleinen Raum. Die Musik ist roh, düster und geradezu erdrückend. Zwischen den massiven Gitarrenwänden bleibt dabei immer wieder Platz für hypnotische und atmosphärische Passagen, bevor die nächste Soundlawine über das Publikum hereinbricht. Das Publikum bekommt die volle Ladung Sludge und Doom direkt auf die Ohren.

The Devil‘s Trade– Vom Solo-Projekt zur Band
Auf der Main Stage geht es mit The Devil’s Trade weiter. Hinter dem Namen steckt nach wie vor der ungarische Musiker Dávid Makó, den ich bereits 2019 in Wiesbaden als Support von Der Weg Einer Freiheit erstmals live erlebte. Damals saß Dávid Makó tatsächlich allein mit einem Banjo auf der Bühne – ein Auftritt, der mir nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Einige Jahre später sehe ich ihn auch im Blue Shell in Köln noch einmal solo.

Inzwischen hat sich bei The Devil’s Trade einiges verändert. Aus dem ursprünglichen Soloprojekt ist mittlerweile eine komplette Band geworden. Gemeinsam mit langjährigen Weggefährten wie Gáspár Binder am Schlagzeug und Márton Szabó an den Keyboards, erweitert Dávid Makó seinen düsteren Mix aus Folk, Doom und Post-Metal um deutlich mehr Dynamik und musikalische Tiefe. Tief, rau und voller Melancholie erzählt Dávid Makó von Verlust, Einsamkeit und den dunklen Seiten des Lebens. Gerade im Zusammenspiel mit der kompletten Band bekommen die Songs eine enorme Wucht, ohne dabei ihre intime und persönliche Wirkung zu verlieren. Auch das aktuelle Material von Nincs Szennyezetlen Szép fügt sich hervorragend in das Set ein.
Für mich ist dieser Auftritt dabei auch eine kleine Zeitreise. Vom einsamen Musiker mit Banjo bis zur heutigen Bandbesetzung lässt sich hier eine beeindruckende Entwicklung verfolgen. Und weil sich nach dem Konzert die Gelegenheit ergibt, unterhalte ich mich noch lange mit Dávid Makó über diesen Werdegang, die Veränderungen und die Entwicklung von The Devil’s Trade. Ein sehr persönlicher Moment und für mich definitiv einer der besonderen Auftritte dieses Festivals.
Zatokrev – Eine massive Klangwand
Jetzt geht es im kleinen Saal mit Zatokrev weiter. Die 2002 in Basel gegründete Band gehört zu den Urgesteinen des Schweizer Post Metal und verbindet schwere Doom- und Sludge-Riffs mit düsteren, atmosphärischen Passagen.
Live entfalten Zatokrev eine enorme Wucht. Die Gitarren drücken massiv aus den Boxen, während sich die Songs immer wieder zwischen brachialen Ausbrüchen und beinahe hypnotischen Momenten bewegen. Dabei wirkt die Musik nie einfach nur schwer – sie besitzt eine geradezu sogartige Atmosphäre, die einen immer tiefer in die Klangwelt der Schweizer hineinzieht.

Im Mittelpunkt steht dabei natürlich Frederyk Rotter, der Zatokrev 2002 mitgründete und bis heute als Gitarrist und Sänger das Gesicht der Band ist. Weitere Musiker unterstützen ihn natürlich live.
Mit …Bring Mirrors To The Surface, dem 2025 über Pelagic Records erschienenen aktuellen Album, haben Zatokrev reichlich neues Material dabei. Zatokrev liefern eine intensive, düstere und teilweise erdrückende Show – Post-Metal in seiner schweren, kompromisslosen Variante.
Lost In Kyiv – Ein Album als Gesamterlebnis
Um 17:00 Uhr geht es auf der Main Stage mit Lost In Kyiv weiter. Das französische Quartett aus Paris gehört längst zu den festen Größen im instrumentalen Post Rock und verbindet weitläufige Gitarrenflächen mit elektronischen Elementen und einer ausgesprochen cineastischen Atmosphäre.
Für das Pelagic Fest haben sich Lost In Kyiv etwas Besonderes vorgenommen: Sie spielen ihr aktuelles Album We’re All Going To Be Fine komplett. Damit reiht sich die Band in die besonderen Album-Shows des Festivals ein, nachdem am Vortag bereits Spurv und EF ihre Alben in voller Länge präsentiert haben.
Die Songs entwickeln sich langsam, bauen sich immer weiter auf und wechseln zwischen fragilen, melancholischen Momenten und gewaltigen Soundwänden. Lost In Kyiv schaffen dabei eine Atmosphäre, die weniger auf einzelne große Momente als auf die Wirkung des gesamten Albums setzt. Eine Stunde lang nehmen uns Lost In Kyiv mit auf eine Reise durch ihre Klangwelt – atmosphärisch, emotional und mit ordentlich Druck.

Slow Crush – Zwischen Shoegaze und Noise
Die Belgier Slow Crush aus Leuven bringen nun eine ganz andere Klangfarbe ins Festival. Ihr schwerer Shoegaze lebt von einem spannenden Wechselspiel aus verträumten, schwebenden Momenten und massiven Gitarrenwänden. Dazu kommen die sanften Vocals von Sängerin und Bassistin Isa Holliday, die sich geradezu hypnotisch durch den dichten Gitarrensound ziehen.
Slow Crush lassen ihre Songs immer wieder zwischen atmosphärischem Dream-Pop, noisigen Gitarren und kräftigen Fuzz-Ausbrüchen pendeln. Dabei entsteht eine regelrechte Klangwand, die den kleinen Saal komplett ausfüllt, ohne dass die Musik ihre verträumte Seite verliert.

Oh Hiroshima – Klanggewalt mit Gefühl
Die Schweden Oh Hiroshima gehören mittlerweile zu den etablierten Größen im Pelagic-Universum und verbinden heute auf der Main Stage atmosphärischen Post Rock mit Shoegaze, elektronischen Elementen und immer wieder überraschend heftigen Ausbrüchen. Gerade dieses Wechselspiel zwischen Zerbrechlichkeit und gewaltigen Soundwänden macht den besonderen Reiz der Band aus. Im Mittelpunkt stehen dabei die Brüder Jakob Hemström an Gitarre und Gesang sowie Oskar Nilsson am Schlagzeug.
Mit And The Dead Tree Gives No Shelter, das im Juni 2026 über Pelagic Records erschienen ist, haben die Schweden dabei ihr aktuelles Album im Gepäck. Die Songs sind geprägt von großen Spannungsbögen, melancholischen Melodien und einem stetigen Wechsel zwischen ruhigen, beinahe fragilen Momenten und gewaltigen Sounderuptionen.
Oh Hiroshima bauen ihre Stücke langsam auf, lassen die Spannung wachsen und entladen sie schließlich in mächtigen Gitarrenwänden. Dabei bleibt immer genug Raum für die melancholische und emotionale Seite ihrer Musik.

Foodbreak – Zeit zum Durchatmen
Nach Oh Hiroshima ist es dann auch für uns Zeit, kurz durchzuatmen. Der erste Foodbreak des Tages steht an – und der kommt gerade recht. Nach den bisherigen Bands heißt es: einmal raus aus dem musikalischen Tunnel, etwas essen, einen Kaffee trinken und kurz die Akkus aufladen. Schließlich liegen noch einige Stunden Festival vor uns.
Otay:Onii – Eigenwillige Klangreise im Kleinen Saal
Im kleinen Saal wird es anschließend deutlich experimenteller. Otay:Onii steht hier ganz allein auf der Bühne, ausgestattet lediglich mit ihrer Keytar. Hinter Otay:Onii steht die chinesische Performance- und Soundkünstlerin Lane Shi Otayonii, die wir gestern bereits als Sängerin bei The Ocean erleben durften. Was folgt, lässt sich nur schwer in klassische Konzertkategorien einordnen. Die Künstlerin verbindet elektronische Klänge, Gesang und eine ausgesprochen eigenwillige Performance zu einer ganz eigenen Form des musikalischen Ausdrucks. Dass die Keytar dabei durchaus mehr als nur ein Instrument ist, passt zu ihrem genreübergreifenden Ansatz, der Musik und Performance miteinander verbindet.

Die Reaktionen im Publikum fallen geteilt aus. Während einige gebannt verfolgen, was sich dort vorne entwickelt, bleiben andere eher ratlos zurück. Genau diese Ambivalenz macht den Auftritt aber auch interessant: Otay:Onii will offensichtlich nicht einfach nur unterhalten, sondern fordert ihr Publikum heraus und lässt bewusst Raum für Interpretation.
The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble – Kino für die Ohren
The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble entführen das Publikum im großen Saal in eine düstere, beinahe filmische Klangwelt. Das niederländische Kollektiv um Jason Köhnen und Gideon Kiers verbindet Dark Jazz mit Ambient, Doom, Post Rock und elektronischen Elementen. Ursprünglich entstand das Projekt sogar aus der Idee, neue Soundtracks für Stummfilmklassiker wie Nosferatu und Metropolis zu komponieren.
Schwere, schleppende Passagen treffen auf jazzige Momente, elektronische Flächen und immer wieder auf improvisierte Elemente. Nichts wirkt dabei überhastet. Die Musik darf sich entwickeln, ausbreiten und ihre Wirkung entfalten.
Nach ihrer langen Pause von rund zwölf Jahren ist The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble inzwischen wieder regelmäßig live unterwegs. 2025 feierte das Ensemble in Berlin seine Reunion. Eine bemerkenswerte Performance, die mir richtig gut gefällt.

A.A. Williams – Zwischen Zerbrechlichkeit und großer Wucht
Im kleinen Saal übernimmt anschließend A.A. Williams. Nun wird es emotional, düster und zugleich ungemein intensiv. A.A. Williams bewegt sich musikalisch zwischen Post Rock, Alternative, Dark Folk und klassischen Einflüssen – eine Mischung, die live vor allem von ihrer eindringlichen Stimme und den langsam aufgebauten Spannungsbögen lebt.
Schon die ersten Töne sorgen für eine beinahe andächtige Atmosphäre. Die Musik wirkt zunächst fragil und zurückgenommen, entwickelt aber immer wieder eine enorme Wucht. Gerade dieser Wechsel zwischen leisen, verletzlich wirkenden Momenten und den großen, emotionalen Ausbrüchen macht den Reiz des Auftritts aus. Dass A.A. Williams dabei durchaus auch auf ruhigere Stücke setzt, tut der Intensität keinen Abbruch.

Slift – Ein würdiger Schlussakkord
Zum Abschluss geht es im großen Saal noch einmal richtig zur Sache. Slift aus Toulouse übernehmen das Kommando und liefern genau das, was man von den Franzosen erwartet: einen wuchtigen Mix aus Psychedelic Rock, Stoner und Space Rock, der sich zwischen treibenden Riffs und ausufernden Klangpassagen bewegt.
Mit Songs wie Fantasia, Corrupted Sky, A Storm Of Wings oder Ilion spannt das Trio einen Bogen durch die eigene Geschichte und präsentiert dabei auch Material vom aktuellen Album Fantasia.

Live entwickeln die drei Musiker dabei eine enorme Energie. Die Gitarren wühlen sich durch die Boxen, das Schlagzeug treibt unaufhaltsam nach vorne und immer wieder öffnet sich der Sound für psychedelische Ausflüge. Der große Saal wird zum passenden Ort für diese letzte Reise ins All.
Fazit – Ein Festival voller Kontraste
Der letzte Festivaltag zeigt noch einmal eindrucksvoll, was dieses Festival ausmacht: musikalische Vielfalt, Experimentierfreude und Acts, die sich nicht in ein festes Schema pressen lassen. Von der eigenwilligen Performance von Otay:Onii über die düsteren Klangwelten des Kilimanjaro Darkjazz Ensemble bis hin zur emotionalen Intensität von A.A. Williams und dem psychedelischen Abriss von Slift reicht die Bandbreite an diesem Tag.
Und genau diese Gegensätze machen auch die zwei Festivaltage insgesamt zu einem besonderen Erlebnis. Es wird Raum für Entdeckungen, Überraschungen und musikalische Grenzgänge geschaffen. Ein Festival, das fordert, überrascht und vor allem zeigt, wie spannend Musik abseits ausgetretener Pfade sein kann.




























































