Alles neu im Hause Godzilla? Zumindest einiges hat sich in den vier Jahren seit Release des Albums Exodus getan. Auf Seiten der Plattenfirma ging es für das Trio vom italienischen Argonauta Records zum Krefelder Label Tonzonen Records. Auf dem anstehenden dritten Album namens Termination Sequence ist an den Drums erstmalig Thiago Presto zu hören, der seine brasilianischen Wurzeln mit in den Sound einfließen lässt. Kommen wir also zum Godzilla äh Elefanten im Raum: Zum ersten Mal kann man die bisherige Instrumentalband mit Gesang erleben. Dafür zuständig ist Bassist Simon Ulm, der sein Mikrofon in der Vergangenheit lediglich für kurze Ansagen auf der Bühne nutzte. Fans konnten sich vom neuen Sound bereits beim erneuten Gastspiel der Band auf der Wasteland-Stage in Wackööön sowie beim bisher größten Gig der Band auf dem Reload Festival überzeugen.

Auf zu einer neuen Mission
Wir schreiben das Jahr 2026, die Welt steht mal wieder am Scheideweg und für Godzilla In The Kitchen wird es Zeit, etwas zu sagen. Bildlich gesprochen, öffnet der Kapuzenmann – der auch auf dem Vorgänger Exodus zu sehen ist – auf dem Cover der ersten Single Nothing For None seinen zugenähten Mund mittels eines Messers. Der erste Gedanke, der mir beim Albumtitel Termination Sequence kam, ist die legendäre „Mission Accomplished Scene“ aus dem Blockbuster Mission: Impossible – Phantom Protokoll. Dort rettet Tom Cruise aka Ethan Hunt die Welt – mal wieder – vor dem Untergang, indem er die Selbstzerstörungssequenz in letzter Sekunde unterbricht. Bemüht man das Internet, landet man in der Molekularbiologie bzw. Genetik. Dort bezeichnet der Begriff meist eine Sequenz, die die Beendigung eines biologischen Prozesses signalisiert. Auch die Raketenbasis, die im Hintergrund des neuen, genialen Artworks von Mario Thieme zu sehen ist, spielt eine Rolle im Zusammenhang mit dem Albumtitel. Bevor ich mich überhaupt an den musikalischen Teil des Albums mache, kann ich erkennen, dass hier Menschen (keine KI!) ehrliche Arbeit ins Gesamtkonzept gesteckt haben. Das bringt Vorschusslorbeeren mit sich und übrig bleibt die Frage: Geht der neue Ansatz mitsamt Gesang im Sound der Godzillas auf? Finden wir es gemeinsam heraus.
Godzilla verteilt verbale Abreibungen
Die bereits erwähnte erste Single Nothing For None läuft beim ersten Durchlauf im Auto. Ohne alle Details zu erfassen, muss ich beim Opener unweigerlich an große Namen wie Gojira und Mastodon denken. Der Bass steht gleichberechtigt neben der Gitarre, der Sound aus dem hauseigenen Kuntergrund-Studio tönt organisch und erdig aus den Lautsprechern. Simons Cleanvocals sind fast schon sanft, aber eingängig. Die Harsh Vocals brauchen keine Vergleiche zu scheuen. Er keift in Old-School-Manier wie ein gewisser Max Cavalera zu glorreichen Chaos-A.D.-Zeiten. Dieser Druck wird benötigt, damit die elitären Mächte, die im Text ihr Fett abkriegen, ordentlich Gegenwind bekommen. Die brasilianischen Einflüsse von Drummer Thiago haben auch auf Gitarrist Eric abgefärbt. Seine Melodien verleihen dem Song das gewisse Etwas. Starker Einstieg in die neue „Gesangs-Ära“ der Band.
Die nächste verbale Abreibung dürfen sich in Humility sowohl die Boulevardpresse als auch selbsternannte Internet-Experten abholen. Frei nach dem Elternspruch: „Du darfst alles essen, aber nicht alles wissen.“ Beim eröffnenden Riff muss ich unweigerlich an „Stadionrock-Bands“ à la Alter Bridge oder Foo Fighters denken. Bei all den Namen, die bis hierhin schon gefallen sind, sei erwähnt, dass diese nur der groben Orientierung dienen. Der eigenständige Sound behält auf Termination Sequence die Oberhand. Im Kontrast zum kraftvollen Alternative Rock des ersten Parts, steht ein zurückgefahrenes Spoken-Word-Segment. Fast fünf Minuten, wie gemacht für große Bühnen. Hinzu kommt ein Video voller Slapstick-Momente.
Der emotionale Vorschlaghammer
Als wäre der Auftakt nicht schon abwechslungsreich genug, folgt mit Birdsong ein fast schon radiotaugliches Stück. Lyrisch verarbeitet Simon eine gescheiterte Beziehung: Zerbrechen wir am Selbsthass oder ist Veränderung der einzige Ausweg? Melancholie liegt in der Luft, wenn Gitarre und Bass verhalten agieren und der Gesang wie aus der Ferne zum Hörer spricht. Doch bevor sich jemand in Sicherheit wiegt, kommt der Bruch. „Who do you turn to when the only other animal around has is jaws around your neck?“ lautet die eindringliche Zeile, die meiner Gänsehaut kurzzeitig eine Gänsehaut verpasst. Völlig unvorbereitet trifft mich der emotionale Vorschlaghammer. Dieser eingängige Song gehört zum Besten, was in diesem Jahr meine Gehörgänge durchgespült hat.
Wenn der Bass die Leadrolle übernimmt, so denke ich schnell an Tool. Empty Cribs basiert auf der musikalischen Idee von Simon, der hier seinen inneren Justin Chancellor von der Leine lassen darf. Erics Text wurde von Children Of Men (2006) inspiriert. Im Film droht der Menschheit das Aussterben. „Keine Kinder. Keine Zukunft. Keinerlei Hoffnung. Das Aussterben der Menschheit scheint unabwendbar, als im Jahr 2027 (👀) der jüngste Mensch der Welt mit nur 18 Jahren stirbt“, heißt es in der Info zum Film. Musikalisch schön „schräg“ leuchten einem Prog-Fan wie mir die Augen. Lediglich die Gesangsmelodien machen es Simon unnötig schwer, sauber zu intonieren. Dennoch bleibt das Teil im Kopf hängen, woran die erwähnte Bassline und die starken Screams „schuld“ sind.
Als ob die Menschheit nicht schon genügend Kriege geführt hat und immer noch führt, machen sich in Everyday People Nachbarn und andere Leute des alltäglichen Wahnsinns das Leben zur Hölle. Der altbekannte Spruch „Bleib so, wie du bist“, muss endlich aus unseren Köpfen verschwinden. Sei besser, entwickle dich weiter, sollten Ziele eines jeden Menschen sein. Musikalisch kann die Nummer nicht ganz mit dem starken Auftakt des Albums mithalten, obwohl es hier ebenfalls viel zu entdecken gibt. Als Beispiele werfe ich das fesselnde Gitarrenspiel nebst lässig groovenden Drums sowie den hypnotischen Mittelteil in den Ring.
No Sign Of Life erinnert zu Beginn am meisten an die „alten“ Godzilla-Songs, die oft wie spontane Jams rüberkamen. Fäuste hoch! Das repetitive „Ready? Ready? Raining fire from the … sky“ wird euch noch tagelang verfolgen – versprochen! Einige namhafte Bands der 90er und 2000er sind schon gefallen, aber hatte ich Rednex schon erwähnt? Dem düsteren Text von Wonder wird kurzzeitig ein waschechter Hillbilly-Country-Part entgegengesetzt und macht das Teil zum Moshpit-Garanten.
Wieder kann mein Gehirn nicht anders und will unbedingt Parallelen zu „großen“ Bands ziehen. Zum Glück gelingt es dieses Mal nicht, denn so kann mich der Titelsong ungehindert mit seinen superben Riffs und Harmonien zum Abschluss in einen Zustand der wohligen inneren Zufriedenheit versetzen. Das passiert sonst nur bei Musik aus meiner Jugendzeit.
Podcast und Tour
Wer mehr über Godzilla In The Kitchen und ihr neues Album Termination Sequence erfahren möchte, achtet auf die kommende Folge unseres Podcasts Leise War Gestern. Dort kommen Simon, Eric und Thiago zu Wort. Zudem sind die Jungs ab Mitte Oktober auf Tour, um das Album zu promoten. Hin da!
HIER! kommt ihr zur Tracklist von Godzilla In The Kitchen – Termination Sequence in unserem Time For Metal Release-Kalender.




