Time For Metal / Oliver J.:
Hallo Peter, vielen Dank für die Gelegenheit, mit dir über eure neueste Veröffentlichung mit Pain zu sprechen. Ich muss zugeben, ich bin aufgeregt und nervös, da dies mein erstes Interview ist.
Peter Tägtgren:
Oh klar, gerne doch, und hey, kein Problem.
Time For Metal / Oliver J.:
Du hast dieses Jahr schon auf einer ganzen Reihe von Sommerfestivals mit Pain gespielt und warst mit Hypocrisy beim Party.San Open Air. Im November gehst du dann wieder mit Pain auf Tour. Wann findest du denn da noch Zeit, Songs zu schreiben und all die anderen Dinge zu erledigen, die zu deinen Bands gehören?
Peter Tägtgren:
Ja, das ist wohl so eine Sache – man muss es eben reinquetschen, wo immer man Zeit findet, schätze ich. Man muss für alles motiviert sein, das ist das Wichtigste. Wenn man nicht motiviert ist, geht es nur sehr langsam voran. Nun, im Moment, bin ich gerade nicht so richtig in der Stimmung dafür. *lacht* Mal sehen, wann sie wiederkommt. Das ist etwas, das man nicht wirklich selbst kontrollieren kann. Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich eine Pause brauche; ich muss nicht ständig nach neuen Songs jagen, sondern muss mich ein bisschen entspannen.
Time For Metal / Oliver J.:
Apropos neue Songs – ihr habt gerade mit I Don’t Give A Fukk eine neue Single mit Pain veröffentlicht. Der Song ist textlich ziemlich direkt – was war die ursprüngliche Inspiration für den Song, und wann hat sich herauskristallisiert, in welche Richtung er gehen sollte?
Peter Tägtgren:
Ich habe morgens auf dem Weg unter die Dusche die Nachrichten geschaut, um mich auf den neuesten Stand zu bringen, und dachte mir einfach: „Oh fuck it – I don’t give a shit“. Also hab‘ ich einfach ausgeschaltet, und als ich unter der Dusche stand, dachte ich mir erneut: „I don’t give a fuck“, und dann kam mir die Melodie in den Sinn. Ich hab‘ also im Grunde den Refrain unter der Dusche geschrieben, und als ich fertig war, habe ich mir die Gitarre geschnappt und die passenden Akkorde gefunden. Und das war der Anfang.
Time For Metal / Oliver J.:
Also war es die allgemeine Lage in der Welt, die zur Entstehung dieses Songs geführt hat?
Peter Tägtgren:
Ja, all die Dinge, die passieren, sorgen einfach dafür, dass man sich beschissen fühlt – sie zehren an unserer Energie, wenn wir Angst haben und gestresst sind. Das ist total beschissen.
Time For Metal / Oliver J.:
Wenn du an die Songstruktur denkst – gab es etwas Bestimmtes, das du in den Text einbringen wolltest, oder war es eher eine situative Bestandsaufnahme deiner Gefühle?

Peter Tägtgren:
Nun, es ist einfach eine Bestandsaufnahme dessen, was gerade los ist. Wenn man sich den Text ansieht, merkt man, dass ich nicht lüge, worüber ich so singe. Es waren einfach Dinge, die ich mir von der Seele reden wollte – manchmal ist es so, als hätten Kinder oralen Durchfall. Man schreibt es auf, um es loszuwerden, und für manche Leute ist das eine Art Therapie. Man schreibt, was man fühlt.
Time For Metal / Oliver J.:
Wenn du also darüber nachdenkst: „Was zum Teufel ist hier los?“ und dann an die Single und die Musik denkst, die ihr komponiert habt – hast du irgendwelche Erwartungen in Bezug auf die Reaktion deiner Fans? Hast du eine bestimmte Vorstellung davon, wie sie reagieren könnten? Oder ist es einfach so, wie du gesagt hast – es sich von der Seele reden und damit fertig sein?
Peter Tägtgren:
Oh, ich hatte nicht vor, den Leuten etwas zu predigen. Ich erzähle den Leuten einfach, wie ich mich fühle und wie ich die Dinge sehe. Wie wahrscheinlich viele, die Songtexte schreiben – es geht ihnen nicht darum, zu predigen, sondern etwas zu erzählen. Wenn man Fantasy-Texte schreibt, will man eine Geschichte erzählen, auch wenn das jeder auf seine eigene Art macht. Ich wollte nie Politik oder Ähnliches in meine Texte einfließen lassen. Ich kann in meinen Texten zwar sagen, dass etwas nicht stimmt, aber ich werde nicht konkret sagen, dass es diese oder jene Seite ist. In diesem Fall geht es also einfach nur darum: „Ich habe die Nase voll von diesem ganzen Blödsinn“.
Time For Metal / Oliver J.:
Wenn du die erste Idee für einen Song hast, wie läuft dann der Songwriting-Prozess ab? Machst du alles selbst, oder gehst du zu den anderen und sagst: „Ich habe diese Idee, was haltet ihr davon?“
Peter Tägtgren:
Normalerweise schicke ich, wenn ich etwas schreibe, den Kram an Michael (Hedlund) – wenn es um Hypocrisy geht; bei Pain sind es mein Sohn Sebastian und ich. In diesem Fall hörte er sich die Strophen und den Refrain an und meinte: „Da brauchen wir einen Breakdown“, und ich sagte: „Ja, klar“, und er schrieb den harten Teil des Songs. Und wenn er nicht weiterkommt, springe ich ein, und wenn ich nicht weiterkomme, springt er ein – das funktioniert wirklich gut.
Time For Metal / Oliver J.:
Da du Hypocrisy erwähnt hast – Pain ist durch die elektronischen und Industrial-Einflüsse doch musikalisch anders. Wenn ihr also etwas geschrieben habt, das eher heavy ist, tretet ihr dann einen Schritt zurück und sagt: „Jetzt brauchen wir ein paar elektronische Parts dafür“, oder ergibt sich das ganz von selbst? Habt ihr bestimmte Schubladen, wenn ihr an Hypocrisy oder Pain denkt?
Peter Tägtgren:
Nun, bei Hypocrisy hat es eine Weile gedauert, bis wir unseren eigenen Stil, unseren Sound, unsere Melodien, unser Feeling – wie auch immer man es nennen will – gefunden hatten. Heutzutage legen wir großen Wert darauf. Wir wollen es bei Hypocrisy nicht zu verrückt treiben, weil wir wirklich hart dafür gekämpft haben, dieses Gefühl und unseren Stil in die Musik zu bringen. Deshalb wollen wir keine verrückten Schritte unternehmen, die über das hinausgehen, was Hypocrisy ausmacht – auch den Fans zuliebe.
Aber als ich mit Pain anfing, begann ich nach drei Alben mit Hypocrisy, eine andere Art von Musik zu schreiben, weil ich dort mehr Freiraum für verschiedene Dinge hatte, die ich nicht in Hypocrisy einbringen wollte. Aber aus irgendeinem verrückten Grund habe ich, als wir Abducted aufnahmen, diese beiden langsamen Songs ans Ende des Albums gesetzt – Slippin’ Away und Drained. Das waren eigentlich die ersten Pain-Songs. Da wir aber alle große Pink-Floyd-Fans sind, sagten meine Mitmusiker: „Lass uns die auf das Album packen“, und ich sagte: „Nein, nein, nein, nein“, aber wie es in einer Demokratie so ist, wurde ich überstimmt – zwei gegen einen – und wir haben es gemacht. Und das war für mich sozusagen der Anfang von Pain. Bei Pain gibt es keine Grenzen, alles ist erlaubt, was Spaß macht und einen guten Groove hat – egal, ob es Tango, Death Metal oder was auch immer ist.
Time For Metal / Oliver J.:
Stimmt – und das merkt man auch bei euren Shows. Bei Hypocrisy habt ihr eine bestimmte Bühneninszenierung mit den Bildschirmen und dem Licht und so weiter, und bei Pain fühlt es sich wie die verrückte Show an, von der du sprichst – weniger Einschränkungen, wenn man es so sagen will.
Peter Tägtgren:
Ja, ich meine, Pain ist wirklich Partymusik – etwas, das man sich anhört, bevor man in die Bar oder auf eine Party geht. Und live sollte es genauso sein. Wir versuchen, live auf der Bühne jede Menge Blödsinn zu machen – das ist Unterhaltung. Wir sehen, dass das Publikum Spaß hat, wir haben auch Spaß, also finde ich das okay. Naja, solange man es natürlich nicht übertreibt, und, ehrlich gesagt, bewegen wir uns da schon ziemlich am Rande. Mal sehen, wie es da weitergehen wird.
Time For Metal / Oliver J.:
Du bist nun schon eine ganze Weile mit Pain unterwegs und hast gerade gesagt, dass du hoffst, es nicht zu übertreiben – gibt es etwas, bei dem du dir sagst: „Diese Grenze sollten wir nicht überschreiten“? Ich denke dabei zum Beispiel besonders an die neue Single. Da habt Ihr diesen Rap-Part am Anfang des Songs eingebaut. Ich persönlich finde zwar nicht, dass ihr hier eine Grenze überschritten habt, zumal andere Künstler im Metal auch Rap-Parts einbauen, aber für Pain war das irgendwie eine Premiere.

Peter Tägtgren:
Ja – ich hatte große Probleme mit den Strophen. Ich dachte mir: „Das bin ich nicht“. Aber irgendwie war es nach ein paar Takes wegen des Textes und des Gefühls, das dahintersteckte, dann doch ganz okay. Ich musste aber wirklich den Mund weit aufmachen, um zu singen, damit die Leute hören konnten, was ich sage, denn normalerweise bin ich jemand, der beim Sprechen eher vor sich hin murmelt. Aber jetzt musste ich den Mund wirklich weit aufmachen und deutlich artikulieren. Außerdem habe ich versucht, mich im Video selbst auf die Schippe zu nehmen, wie man sehen kann. Zum Beispiel, indem ich die Plattenfirma dafür verantwortlich mache, dass ich das gemacht habe. Ich musste das reinschreiben, damit ich es selbst akzeptieren konnte. Weißt du, es ist im Grunde genommen nur Reden – ich bin kein großer Fan von Rap und habe mich nie dafür interessiert; es gibt hier und da ein paar gute Sachen, aber so war es nie mein Favorit.
Time For Metal / Oliver J.:
Da du gerade das Musikvideo ansprichst – es ist auch eine Art neues Videoformat, und einerseits wolltest du diesen Streit mit der Plattenfirma und den Rap-Teil mit der Videokamera zeigen, und dann den Übergang zum harten Teil. Ich meine, es sieht super spaßig aus – wie war es, das Video dafür zu drehen?
Peter Tägtgren:
Oh, es war großartig. Ich hatte diese Idee für das Video, aber ich habe wirklich keine Ahnung, wie man so etwas dreht, also habe ich meinen alten Freund Ville (Lipiäinen) angerufen – er hat vor 10–15 Jahren oft Videos mit uns gedreht. Und ich habe ihn gefragt: „Hey, ich habe hier dieses Drehbuch und ich möchte, dass es so und so aussieht – kannst du mir dabei helfen?“ Und ich finde, es ist wirklich lustig geworden.
Time For Metal / Oliver J.:
Ja, auf jeden Fall! Gibt es etwas, das du im Video besonders witzig findest oder das dir noch eine Weile im Gedächtnis bleiben wird? Vielleicht gar nicht im Video selbst, sondern während der Dreharbeiten?
Peter Tägtgren:
Oh, wir hatten jede Menge Spaß – vor allem beim Intro, wo Peter (Stormare) etwa sieben oder acht Takes gedreht hat und jedes Mal mit irgendetwas Neuem angekommen ist. Ich hab‘ ihm einfach gesagt: „Dreh total durch“ – das ist der wichtige Teil, und wir müssen diese Rap-Sache mit reinnehmen und den Spruch, dass der Verkauf beschissen ist, und da ist er total abgegangen. Jedes Mal, wenn wir fertig waren, haben wir einfach nur gelacht – es war echt schwer, die beste Aufnahme davon zu finden, weil sie alle top waren, aber ich mag die Variante mit dem „Perversen“ – das weckt die Leute auf – also haben wir die behalten.
Time For Metal / Oliver J.:
Es gibt so viele Details im Verlauf, wie zum Beispiel, dass das Mikro dir einen Stromschlag verpasst oder dass du gegen den Gitarristen stolperst und er dich dann herumschubst.
Peter Tägtgren:
Also, was das Mikrofon angeht – es stand auf einer runden Scheibe statt auf drei Beinen – es war wirklich wackelig. Wenn ich mich also bewegte, schwankte es, kam zurück und traf mich, und dann haben sie da einen Funken reingebaut, sodass es so aussah, als hätte es mich mit Strom geschockt. Und wir haben diese Anzüge nur gekauft, um sie zu zerreißen. Es war verrückt.
Weißt du, was Videos angeht – wenn ich eine Idee habe, gehe ich gerne bis zum Äußersten – so war es auch bei dem Lindemann-Video, das wir im Weltraum gedreht haben. Ich hatte auch diese Idee für das Ganze, was man da sieht, nur dass Till eigentlich eine Frau sein sollte, aber er lehnte ab, also wurde er stattdessen zu einem wütenden Typen. Wir hatten viel Spaß mit diesen Drehs – ich saß zum Beispiel im Flugzeug, nachdem wir Steh Auf aufgenommen hatten, und sagte mir: „Das nächste Video wird also so aussehen“, und ich war total aus dem Häuschen und schrieb alles auf, und als es so weit war, habe ich es präsentiert. Bei Lindemann war das kein Problem, weil er ein wirklich großes Budget hatte, aber bei diesem Video hier haben wir die Kosten niedrig gehalten und es einfach in Angriff genommen und umgesetzt.
Fortsetzung folgt…


