Die deutsche Extrem-Metal-Band Alkaloid wird am 23. Januar 2026 über Season Of Mist mit Bach Out Of Bounds ihr wohl ungewöhnlichstes, zugleich aber konsequent weitergedachtes Werk veröffentlichen. Und auch für mich persönlich hat diese Veröffentlichung besonderen Wert: Ich begleite die Band und die beteiligten Musiker seit 2015, nachdem sie schon in Obscura, Thulcandra, Triptykon, Necrophagist, Nader Sadek, als Solokünstler und mit vielen weiteren Formationen Großes geleistet hatten. Dass Alkaloid ihr zehnjähriges Jubiläum bei Season Of Mist nun mit einem Live-Album feiern, das eine Klassik-Legende wie Johann Sebastian Bach und progressiven Death Metal vereint, erscheint rückblickend fast zwangsläufig.
Seit 2013 loten die Herren von Alkaloid die Grenzen zwischen technischem Death Metal, Komplexität und erzählerischer Weite aus. Sci-Fi-Konzeptwelten, polyphone Strukturen und musikalischer Mut bilden ein über Jahre gewachsenes Fundament. Morean, Grossmann, Klausenitzer und ihre wechselnden Mitstreiter haben den Ruf, dort weiterzudenken, wo andere aufhören bzw. schon längst aufgegeben haben, und Bach Out Of Bounds setzt diese Linie fort, indem es ein Terrain verbindet, das vielen als sicher unvereinbar galt.
Barocke Strukturen in metallischem Gewand
Aufgenommen in Dordrecht und Den Haag, trägt das Album deutlich die Weite und Klarheit echter Bühnenräume in sich. Gemischt wurde Bach Out Of Bounds von Hannes Grossmann und das Mastering stammt aus der Hand von Victor Bullok. Trotz des Zusammenspiels aus Metal-Ensemble, Sopranstimmen, Streichquartett und Akkordeon wirkt hier nichts zu überladen. Eher entfaltet sich ein sonores Zusammenspiel, das Raum atmet – das benötigt (zumindest für mich) aber Zeit und mehrere Durchläufe, so war es bei mir der Fall, da es anfangs sehr ungewöhnlich untypisch durch die Boxen kommt.
Die drei Bach-Interpretationen dienen nicht als Showeffekte, sondern sind eine ernsthafte, zugleich frei gedachte Annäherung. Das Werk Agnus Dei beeindruckt mit seinen schwebenden, warm geführten Sopranlinien, über denen die Band nur sehr behutsam Akzente setzt. In Allegro, einem Satz aus dem Cembalokonzert in d-Moll, zeigt sich die Qualität der Integration noch deutlicher: Gitarren und Streicher laufen polyphon gegeneinander, ohne sich zu bedrängen. Besonders reizvoll gerät Adagio – All Is Vanity, dessen langsame, ursprünglich meditative Vorlage Morean in einen schwer atmenden, doomig verdichteten Prozess verwandelt. Hier entsteht eine emotionale Tiefe, die erst mit der Zeit greift. Das ist ein weiteres gutes Beispiel dafür, dass das Album Geduld verlangt.
Eigene Songs im Spiegel von Bach
Die Alkaloid-Kompositionen profitieren ebenso stark von der klassischen Umgebung. Beneath The Sea entfaltet sich durch die warme Streicherfarbe und kreiert eine unterschwellige Tragik, die den Übergang zu Cthulhu erzählerisch klarer macht als sogar in der Studioversion. Der kosmische Horror erscheint hier nicht nur textlich, sondern auch klanglich nuancierter.
Der Song A Fool’s Desire gewinnt in seiner erweiterten Form an rhythmischer Transparenz, die orchestralen Elemente greifen subtil in die harmonische Entwicklung ein und öffnen das Songgerüst nach oben. The Fungi From Yuggoth wiederum wirkt wilder und lebendiger als bisher gewohnt, da die Streicher die modulatorischen Schlenker des Gitarrenspiels nicht nur begleiten, sondern spiegeln.
Das Zentrum des Albums bleibt aber Haunter Of The Void, ein zehnminütiges, speziell für die Performance komponiertes Stück. Der Song arbeitet mit feiner motivischer Verknüpfung zwischen Klassik und Metal: Streicherlinien zeichnen innere Spannungsbögen, während die Gitarren die äußere Bewegung, den „Flug“ durch den kosmischen Raum, übernehmen. Der Wechselgesang zwischen Morean und der Sopranstimme führt zu ungewöhnlichen Farbkombinationen, die sich erst nach mehreren Durchläufen wirklich erschließen. Genau dieses „Einsickern“ macht den Song so interessant und es steht stellvertretend für das gesamte Album.
Bach Out Of Bounds ist kein Album, das man beim ersten Hören vollständig versteht. Die überlangen Spannungsbögen, die Vielzahl kleiner musikalischer Verbindungen und das organische Zusammenspiel zwischen Metal und Klassik benötigen Zeit. Doch nach zwei bis drei Durchläufen fügt sich alles zusammen, ohne langweilig zu wirken, man entdeckt immer wieder neue Elemente und Highlights: die dramaturgische Klarheit, die ruhigen Übergänge, die eruptiven Höhepunkte und die tiefe Emotionalität unter der technischen Oberfläche. Für Fans ist dieses Livealbum daher nicht nur Pflicht, sondern ein Geschenk. Es ist ein Einblick in die Band auf einem künstlerischen Höhepunkt, in einem Setting, das ihre Stärken noch deutlicher hervorhebt.
Hier geht es für weitere Informationen zu Alkaloid – Bach Out Of Bounds in unserem Time For Metal Release-Kalender. Das neue Album von Alkaloid kann über Season Of Mist vorbestellt werden.



