Therapy? am 29.11.2016 im Stone, Düsseldorf

“Super! Wunderbar!“

Eventname: Wood And Wire Acoustic Tour 2016

Headliner: Therapy? (UK, Nordirland)

Vorband: Katharina von der Band Call Me Mary (DE)

Ort: Stone (im Ratinger Hof), Düsseldorf

Datum: 29.11.2016

Kosten: 26,00 Euro

Genres: Acoustic Rock, Alternative Rock

Veranstalter: Beer & Music (www.beerandmusic.de)

Linkhttps://www.facebook.com/events/1730217157229513/

Setlist Therapy?:

01. Trigger Inside
02. Our Love Must Die
03. Disgracelands
04. Tides
05. Living In The Shadow
06. Evil Elvis
07. Accelerator
08. If It Kills Me
09. Opal Mantra
10. Gone
11. Stories
12. Turn
13. Still Hurts
14. Lonely Cryin‘ Only
15. Stop it…
16. Knives
Zugabe 1:
01. Potato Junkie
02. Moment Of Clarity
03. Loose
04. Diane
Zugabe 2:
01. Screamager
02. Nowhere
03. Die Laughing

 

therapy-acoustic-tour-wood-and-wire-2016

Über 16 Jahre ist es her, dass ich Therapy? zusammen mit der Band Hosh in der Kufa in Krefeld live gesehen habe. Damals durfte ich ihnen unwissentlich dank einer Bekannten, die in der Kufa arbeitete, einen Kasten Bier in den Backstage-Bereich bringen. Der Moment, die Jungs vor mir sitzend zu sehen und „Hi“ sagend hat sich wie ein Photo eingebrannt. Während ich damals noch mit dem Rad zum Veranstaltungsort gefahren bin, steige ich heute aus meinem warmen, im nahegelegenen Parkhaus abgestellten Wagen. Man wird ja auch irgendwann mal gemütlich. Und das ist auch das Stichwort für diese Akustik-Tour, die nur zwei Stationen in Deutschland ausweist, einmal Aschaffenburg und eben heute Düsseldorf.

Als ich kurz nach Einlass um 20:00 Uhr am Stone eintreffe, geht’s auch fix und man drückt mir das altbekannte Club-Relikt der 90er in die Hand: eine Verzehrkarte. Ich verstehe bis heute nicht, wieso man dieses Kassenschlangen-produzierende Stück Papier gerade bei Konzerten aushändigen muss. Der Innenraum des Stone wurde vor einiger Zeit ein wenig umgebaut, und die neuen, flacheren Seiten-„Tribünen“ sind in der Tat deutlich sinnvoller als der vorherige Minibalkon rechts oder das Treppen-/Sitzgelegenheitsungetüm zur Linken der Bühne. Die Bühne ist dekoriert mit Kerzen und einem ziemlich hübschen, reduzierten Drumset, bestehend aus Becken, HiHat, Snare, Bassdrum – keine Toms.

Um 20:30 Uhr betritt eine Dame die Bühne, die sich kurze Zeit später als Katharina der 2-Personen-Band Call Me Mary aus Dortmund zu erkennen geben wird. Ihr Schlagzeuger sei leider verhindert, weshalb sie den Abend alleine bestreiten würde. Entgegen der Reihenfolge ihrer kleinen Setlist spielt sie als ersten Song eine ruhigere Nummer, um das Publikum nach eigener Aussage um Stille zu bitten. Ihr Sound ist melancholisch und nachdenklich, ihre Songs handeln oft von (verlorener) Liebe und Verlassenwerden. Katharinas – oder Marys? – Stimme ist rau und klingt ein wenig wie die weibliche Variante von Kelly Jones, Sänger der Stereophonics. Ein paar kleine Anekdoten hat sie neben Lob für die Schönheit des Publikums auch im Gepäck, wie z. B. die über ein Mixtape aus vergangenen Tagen, auf dem Therapy?s Song Screamager enthalten war und das sie immer und immer wieder zurückgespult habe. Das kann die Mehrheit des Publikums 30+ inkl. mir gut nachvollziehen, vermute ich. Eine Platte ihrer Mini-Band würde nächstes Jahr erscheinen, kündigt sie während ihres kurzen Sets an und ist dann auch gut 20 Minuten später schon wieder runter von der Bühne.

Katharina (Call Me Mary) @ Stone, Düsseldorf

Katharina (Call Me Mary) @ Stone, Düsseldorf

Ein paar kleinere Umbauarbeiten später betreten Therapy? gegen 21:15 Uhr die Bühne, in persona Drummer Neil, der seit 2002 Teil der Band ist, Bassist Michael (der heute auch ein paar Background-Vocals beisteuern wird) und Sänger Andy. Das Stone ist mittlerweile nahezu ausverkauft. Die Setlist umfasst satte 24 Songs, darunter zwei Zugaben mit jeweils vier und drei Songs, wobei sie den ursprünglich gelisteten Song Idiot Cousin auslassen werden. Man sieht (Andy) Cairns an, dass die Band bereits seit Ende 1989 Musik macht und einiges erlebt hat. Das Charaktergesicht steht ihm gut und erzählt stumm, was die Band bisher alles durchgestanden haben muss. Er entschuldigt sich, den Abend über Englisch zu sprechen, da sein Deutsch sehr schlecht sei. Neben „Dankeschön“ haben es ihm die Worte „Super“ und „Wunderbar“ angetan, die uns den Abend über begleiten sollen. Zu Disgracelands macht die Band ihre politische Haltung klar und ruft zum kollektiven Buhen auf, wenn er den Namen „Trump“ erwähne, was das Publikum dankend annimmt und ihm vermehrt damit ins Wort fällt.

Viel über eine Show, die von allen Musikern sitzend absolviert wird kann man eigentlich nicht schreiben. Dankbarerweise erzählt Cairns aber ausreichend Anekdoten, die für fortwährende Unterhaltung sorgen werden und hier nach bestem Wissen und Gewissen wiedergegeben werden sollen. Da wäre die Erinnerung, dass er 1995 schwer kokainabhängig war und entschied, in eine andere Stadt zu ziehen. Dummerweise war dies‘ die Stadt in Irland mit der höchsten Dichte an Prostituierten und die Hochburg des Heroinkonsums. Klare Entscheidungen sind möglicherweise auf Drogen schwierig zu treffen…

Therapy? @ Stone, Düsseldorf

Therapy? @ Stone, Düsseldorf

Neben ihrer Abneigung gegen Trump machen Therapy? auch ihrem Unmut gegenüber der britischen Regierung Luft. Sie würden seit 1994(?) nach Deutschland kommen und können es nicht verstehen, wie man Großbritannien vom Rest Europas abkapseln könne. „Fuck the British government! Fuck the Brexit“ schallt es. Evil Elvis leitet Cairns mit der Geschichte ein, dass er 1993 wie Elvis aussehen wollte und sich die Haare schwarz färbte. Als er in den Spiegel guckte, musste er feststellen, dass er eher wie Elton John aussah. Accelerator schrieb die Band als Hommage an einen durch einen Autounfall verstorbenen Freund. Sie wollten das Gefühl der Geschwindigkeit während des Komponierens selbst erleben, jedoch hatten sie weder ein Auto noch gab es Straßen zum Studio, weshalb man sich entschied, den Song kurzerhand auf Speed zu schreiben. Pragmatisch gelöst. Das Thema Drogen wird Cairns noch bis Ende der 90er Jahre begleiten. Zu If It Kills Me ruft die Band das Publikum auf, den Song durch mitzuklatschen, und zu meiner Überraschung halten sich alle gut an den Takt, anstatt wie üblich Fußballstadion-mäßig immer schneller zu werden oder in einem Klatsch-Chaos zu versumpfen. Zu Opal Mantra erzählt Andy die Story, dass er selbst sogar mal einen Opel Manta besessen hätte, aber keiner der typischen Manta-Fahrer gewesen sei. Gone schrieb die Band ursprünglich für eine Freundin, die versucht hatte, sich das Leben zu nehmen und ihr Kind dabei mit in den Tod zu reißen. Glücklicherweise schlug dies‘ damals fehl und Andy freute sich, als er Jahre später feststellte, dass sie heute ein gutes und geregeltes Leben führt. Die Jungs haben – neben dem Label-Terror, der sie immer wieder begleitete – wirklich was erlebt.

Therapy? @ Stone, Düsseldorf

Therapy? @ Stone, Düsseldorf

Mitten im Set erblickt Andy einen Crowdsurfer und kann sich das Lachen nicht verkneifen. Der Herr wird geduldig eine Weile von der Menge getragen, bevor er wieder in selbiger verschwindet. Eine amüsante Story eines befreundeten Konzert-Promoters hat Cairns auch noch im Gepäck. Sie handelt davon, dass er ein Photo als Hochzeitsgeschenk von Ozzy Osbourne signieren lassen wollte. Als er ihn endlich trifft, überreicht er ihm das Bild mit jener Bitte. Ozzy kommt dem Wunsch nach…naja…fast, denn auf dem Photo stand „Don’t do it!“. Stories wie diese kommen gut an und lockern den Abend und die Pausen zwischen denen für manche ungewohnt ruhigen Songs auf. Still Hurts leitet Andy mit dem Hinweis ein, dass während der Tour einer der Drei jeden Abend „fucked up“ gewesen sei und jener eben das Gefühl „still hurts“ am nächsten Morgen hatte. Und es seien weder er noch Michael gewesen, der mit einem Kater aufgewacht wäre… Zu Lonely Cryin‘ Only von der 1998er Semi-Detached erzählt der charismatische Sänger, dass dies‘ die Zeit war, in er entschied, den Drogen abzudanken. In diesen Tagen fing er stattdessen an zu fressen und bezeichnet diese Phase als „Meat Loaf-Times“. Irgendein Laster muss man ja nunmal haben. Während des Songs reißt ihm dann auch eine Saite, die er nach dem letzten Akkord auch direkt wechselt. Ersatz lag bereits von Beginn an neben ihm auf einem kleinen Tisch bereit. Es scheint also öfter vorzukommen. Der Rock ’n Roll ist noch da. Währenddessen improvisieren Michael und Neil ein paar jazzige Figuren, die Cairns, mit trompetenartiger Stimme und Sprechgesang darüber, was er da gerade konkret tut, untermalt.

Therapy? @ Stone, Düsseldorf

Therapy? @ Stone, Düsseldorf

Als irische Band würde man immer gefragt, ob man Bono kenne – was sie aber nachdrücklich verneinen. Loose kündigt die Band damit an, dass der Song davon handele, Ecstasy zu nehmen, sich die Klamotten seiner Freundin anzuziehen und von der Armee gejagt zu werden. Okay, damit wäre dieses Mysterium nun auch final geklärt. Für Nowhere bittet Cairns das Publikum, die Gitarrenmelodie mitzusingen, da sie alleine auf einer einzelnen Akustikgitarre nicht gut klingen würde, während er beispielhaft zwei Versionen der Melodie interpretiert, wovon eine einen deutlichen Flamenco-Flair hat. Mit Die Laughing schließt das Set nach knapp zwei Stunden Spielzeit. Respekt.

Therapy? @ Stone, Düsseldorf

Therapy? @ Stone, Düsseldorf

Therapy?, die in drei Jahren 30-jähriges Bandbestehen feiern würden, sind noch lange nicht müde, Musik zu machen und aufzutreten und halten die Spannung, indem sie auch gerne mal Besonderheiten wie diese Akustik-Tour (zu der es übrigens auch eine CD gibt) aufsetzen und durch die Clubs touren. Vielleicht ist es etwas ungewohnt, Songs, die man bisher laut und aggressiv kannte und sich ebenso dazu verhielt, akustisch interpretiert zu hören und vielleicht auch mal entspannter und genauer wahrzunehmen. Zumindest schienen ein paar Personen im Publikum damit Schwierigkeiten gehabt zu haben und verhielten sich ziemlich respektlos gegenüber anderen Gästen, was, nachdem einige der Anwesenden zu Boden gingen, beinahe in einer Schlägerei eskalierte. Unschön und verdammt unnötig. Nichtsdestotrotz war es ein Erlebnis, die Band in 2/3 der Originalbesetzung heute wieder auf der Bühne erleben zu können und gemeinsam mit ihnen die Leidenschaft für die Songs zu teilen, die heute Abend vermutlich 99% des Publikums damals durch (spät)pubertäre Zeiten begleitet haben. Ein paar ruhigere Momente seien ihnen – und uns – gegönnt.

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