Rock Am Ring 2026 vom 05.06. bis 07.06.2026 am Nürburgring

90.000 Fans rasten aus mit Linkin Park, Bad Omens und Iron Maiden

Rock Am Ring hat seine 41. Ausgabe über die drei Bühnen gebracht. Rund 90.000 Besucher:innen versammelten sich beim Traditionsfestival am Nürburgring, um mit sehr viel Musik und überraschend wenig Regen zu feiern. Dämpfer erhielt die Festivaleuphorie allerdings durch Kritik an der Organisation. Lange Schlangen vor Toiletten und Duschen, überlastete Sanitäranlagen sowie zeitweise überfüllte Wege sorgten für berechtigten Unmut unter den Besucher:innen. Auch bei der Anreise darf man durchaus von chaotischen Zuständen sprechen. Vor allem in den sozialen Medien häuften sich Beschwerden über Wartezeiten und die Infrastruktur auf dem Gelände. Angesichts des musikalischen Programms bleiben jedoch wenig Wünsche offen.

Freitag, 5. Juni 2026

Den Rock Am Ring Auftakt um 14:05 Uhr dürfen Loathe auf der Mandora Stage geben und das Festival damit eröffnen. Natürlich beginnt es in diesem Moment zu regnen, was allerdings kein Vergleich zu den heftigen Schauern am Vortag ist. Gute Idee: In diesem Jahr verhindern Faltstraßen matschigen Boden auf den wenigen Grünflächen. Das Wetter kann die Briten aus Liverpool freilich nicht schocken, die zum ersten Mal bei Rock Am Ring auftreten. Die Band serviert einen reizvollen Cocktail aus sphärisch-synthigem Shoegaze und brutalem Metalcore, der im Publikum Wirkung zeigt. Loathe müssen nicht lange um Action im Pit bitten und bedanken sich für den Zuspruch. Das Publikum wedelt artig mit den Armen und schüttelt sich warm. Kein typischer Opener, und das steht dem Rock Am Ring gut.

Die Mandora Stage protzt mit zwei riesigen Bildwänden, die links und rechts neben der eigentlichen Bühne thronen. Die wird zu einem „kleinen schwarzen Loch„, wie es jemand nennt. Bei Konzerten erlauben die Bildwände gute Sicht auf Details, sofern übertragen werden darf. In den Pausen übernimmt Werbung die Regie und es laufen sogar Filmtrailer.

Slay Squad, Rock am Ring 2026, Pic by Christian Daumann
Slay Squad

Mehnersmoos haben nicht nur um 3 Uhr Nachts Lust auf ein Arschloch, sondern auch mittags. Diese Lust teilt gefühlt der ganze Ring und jubelt dem Rap-Duo unterm Konfettiregen der Utopia Stage zu. Slay Squad sind die Leidtragenden, die aufgrund der Hauptbühnen-Konkurrenz an der Orbit Stage vor spärlichem Publikum auftreten müssen. Den sechs Kaliforniern – mitunter in Slipknot– und Misfits-Shirts – ist das jedoch nicht anzumerken und sie ziehen gut gelaunt ihre Show durch. Hip-Hop- und Hardcore-Attitüde liegen zugegeben oft nah beieinander, insofern zündet das kompromisslose Bounce-Gewitter. Slay Squad, die erstmals in Deutschland spielen, vermengen im selbst betitelten „Ghetto-Metal“ Rap und Deathcore, was alte Hasen an Body Count, Downset oder auch Cypress Hill erinnert. Die Füße schalten auf 2-Step, dazwischen laden Amen-Breaks zum Tanzen ein. Als die ersten Rauchschwaden vor der Bühne emporsteigen, lobt die Band die Grasqualität in Deutschland und animiert das Publikum mehrfach erfolgreich mit „Say Squaaaaaaaad„. Als ein Song verspätet startet, grinst das Slay Squad: „That was a little bit sketchy.

We Came As Romans haben mit ihrem aktuellen Album viele Fans (und Kritiker:innen) glücklich gemacht. Entsprechend voll ist es vor der Mandora Stage. Auch das Wetter spielt mit und lässt die Sonne raus. Während das Publikum im vorderen Bereich ununterbrochen klatscht, im Pit eskaliert oder zum Surfen aufsteigt, chillen viele Zuschauer:innen im hinteren Bereich auf dem Boden. Die Stimmung ist top, die Band hat derbe Bock, überall lächelnde Gesichter.

Besser als die Sonne scheint nur Gavin Rossdale. Der Bush-Frontmann schlendert gemütlich auf die Utopia Stage und strahlt in die Herzen all jener, die sich auf die britischen Alternative Rocker gefreut haben. Das Publikum verteilt sich über das ganze Infield, und vermutlich haben sich bereits Linkin-Park-Fans in Zone A eingefunden, um einen guten Platz für den Tagesheadliner zu sichern. Der gigantische Jubel mag zunächst ausbleiben, doch Bush drehen die Stimmungsschraube langsam nach oben und liefern eine Show, die der Hauptbühne würdig ist. Rossdale läuft das komplette Infield der Utopia Stage ab und nimmt nicht nur ein Bad in der Menge, sondern planscht mit High Fives darin.

Warten auf einen guten Platz in Zone A der Utopia Stage.

Dass die parallel spielenden Mastodon trotzdem so viele Menschen vor der Mandora Stage versammeln, spricht für den Sound der US-Amerikaner. Begleitet von psychedelischen Videos drückt die Band ordentlich aufs Gas und umgarnt das Rock Am Ring mit anspruchsvoller, heftiger Kost.

Wo kommen all die Menschen an der Orbit Stage her, um Magnolia Park zu sehen? Craaazy. Die Band spielt einen eigenwilligen Genrehybrid aus Post-Hardcore, Pop-Punk und (Nu)Metalcore. Und das zieht. Die Band hat die Aufmerksamkeit definitiv verdient und hat das Publikum sofort im Griff. Wall of Death, Circlepit um Sänger Joshua Roberts, Schulter an Schulter tanzende Fans, Stinkefinger für Donald Trump. Zu wünschen übrig lässt leider der Sound. Und wer hinten steht, sieht vermutlich nicht sonderlich viel. Fun Fact: Bassist Vincent Ernst stammt aus Nürnberg und man spürt seine Freude über den Auftritt am Ring selbst in der letzten Reihe.

The Plot In You blasen im Anschluss die Mandora Stage weg und brennen stärker als die Pyro. Die Musik und die Gefühlsausbrüche von Fronter Landon Tewers ballern derbe aus den Lautsprechern; vor der Bühne ist sofort Action. Wobei man wieder einmal das Gefühl bekommt, dass manch einer zu jedem Song einen Pit startet – ob es passt oder nicht. Zur langsam verschwindenden Sonne steigen Crowdsurfer und wedelnde Hände empor. Fans singen ergriffen die Texte mit, einige Tränchen werden weggewischt.

The Plot In You

Auf der Orbit Stage steigt jetzt eine feine Party mit Don Broco. Sänger Rob Damiani stolziert gut gelaunt im Undertaker-Shirt über die Bühne und davor gibt es durchaus einige Wrestling-Moves zu sehen. Die Engländer rocken sich nicht nur fröhlich-ansteckend durchs Set, sondern halten das Publikum zudem mit Anekdoten bei der Stange. Damiani feiert etwa das Line-Up des Tages und ist glaubhaft glücklich, ein Teil davon zu sein. Als auf die Frage „Wer hat uns noch nie gesehen“ zahlreiche Hände nach oben gehen, kann es die Band kaum fassen und freut sich über die Neuzugänge.

Da wird mir glatt schwindelig. Ist das voll hier.

Irgendjemand hätte Architects vielleicht für die Event-Architektur beauftragen sollen, um das Infield zu vergrößern. Die Utopia Stage platzt aus allen Nähten. Wer nicht Schulter an Schulter stehen will, muss in den Pit. Kein Problem, denn die sind übers Infield verteilt. Zweistellig! Sänger Sam Carter  manchmal haut ihm heute die Stimme ab – lächelt während des kompletten Sets und bedankt sich unentwegt bei den Fans, die die Band euphorisch feiern. Gänsehautmomente!

Wer Core lieber „Hard“ mag, wirbelt zu Drain an der Orbit Stage durch den Pit. Die Kalifornier knüppeln den Fans ordentlich einen rein und Sänger Sammy Ciaramitaro ist immer mittendrin. Dass parallel Papa Roach und Trivium spielen und das Publikum daher recht überschaubar ist, stört Drain nicht. Im Gegenteil: Mehr Platz für akrobatische Einlagen. Als Drain das Publikum auffordern, noch näher an die Bühne zu kommen, macht es sich dennoch bemerkbar, dass der Großteil des Rings gerade anderswo feiert. Crowdsurfer sind trotzdem am Start.

Trivium sind richtig stark heute Abend. Die US-Amerikaner präsentieren sich am Ring in absoluter Spiellaune und fackeln nicht lange, während die mächtige Pyro fette Rauchringe in den Eifel-Himmel zeichnet. Musikalisch brennt nichts an: Jedes Solo sitzt, die Double-Bass wummst und die Bandhymnen verfehlen ihre Wirkung keine Sekunde. Fans liegen sich glückselig singend in den Armen und greifen zur Luftgitarre – darunter ein Crewmitglied von Loathe –, während Triviums Saitenfraktion geschlossen auf der Bühne posiert. Zur Show gehören weiterhin Luftschlangen und die Dämonengestalt vom Cover des Ascendancy-Albums, die übergroß als Bühnendeko erscheint.

Malevolence sind an den Nürburgring gekommen, um der Menge eine schallende Ohrfeige zu verpassen – im absolut besten Sinne. Vom ersten Ton an machen die Engländer unmissverständlich klar, dass sie den Ring zerlegen wollen. Die Band fordert unermüdlich immer größere Pits, und das Publikum liefert: Im Epizentrum vor der Bühne wirbeln die Gliedmaßen. Roundhouse-Kick! Der gnadenlose Bass gleicht einer Power-Plate-Einheit. Doch so brutal der Abriss auch drückt, Malevolence haben überraschenderweise auch Bock auf das ganz große, kuschelige Gefühl. Auf Ansage der Band schalten die Fans die Smartphone-Taschenlampen an und leuchten der Band entgegen. Zum Abschied fliegen dann noch einmal reihenweise die Crowdsurfer über die Köpfe und krönen ein zertifiziertes Highlight.

The Funeral Portrait

The Funeral Portrait haben wie im Vorjahr Creeper leider die Arschlochkarte gezogen. Wer parallel zu Linkin Park und Babymetal auf die Bühne muss, kann eigentlich nur verlieren. Entsprechend traurig sieht es zunächst vor der Orbit Stage aus: Vielleicht 100 Leute erwarten die Band. Dann plagen auch noch technische Probleme den Beginn des Konzerts. Doch als es endlich losgeht, geht es richtig los. Sänger Lee Jennings bedankt sich direkt dafür, dass man sich gegen die Übermacht von Linkin Park entschieden hat, und zelebriert mit der Band eine nahezu pompöse Rockshow voller ansteckender Spiellaune. Ja, es sind wenige Menschen hier, doch sie feiern die Band und sich hart. Für den sympathischsten Moment des Tages sorgt Jennings, als er im Publikum eine Frau mit einem Linkin-Park-Shirt entdeckt. Er dankt ihr und fordert Applaus, was umgehend einen Beifallssturm entfacht. Kurz vor Ende des Sets bringt es Jennings erschöpft und zufrieden auf den Punkt: „They told us that will be a hard set to play.“ Von wegen! Nach dem Auftritt macht der Frontmann geduldig Fotos mit den Fans und verteilt Fetzen der Setlist.

Da war doch noch was? Genau: Linkin Park! Seit der Ankündigung wartet der Ring auf die Rückkehr der Band, die hier erstmals seit zwölf Jahren wieder auftritt. Beim Blick auf das Infield stellt sich die Frage: War Rock Am Ring jemals schon einmal so voll? Vom ersten Takt an herrscht Ausnahmezustand. Es ist ergreifend zu sehen, wie viele Menschen von dieser Band und ihrer Musik emotional berührt werden, die Vergangenheit durchleben, die Gegenwart feiern. Oder das Konzert filmend hinterm Smartphone verpassen. Unentwegt wird geklatscht und gesprungen, der Ring gleicht einem Chor aus Tausenden Stimmen. Wer sich bewegen kann, mosht sogar ein bisschen. Denn es ist einfach viel zu voll. Mike Shinoda schickt persönliche Grüße auf Deutsch an die Fans („So schön, wieder hier zu sein“), er und Frontfrau Emily Armstrong gehen später zu den Fans in die Menge. Viele Menschen erleben hier einen absoluten Höhepunkt. Andere bemängeln den Sound der Utopia Stage – japp, war mal wieder maximal okay – und beklagen ironischerweise fehlende Stimmung in den hinteren Reihen.

Doch wie hätte man sich auch bewegen können? Die Menschenmassen sind tatsächlich Grund zur Sorge. Denn nach Linkin Park spielen Limp Bizkit an der Mandora Stage. Dort haben sich bereits sehr viele Personen versammelt und die sich von der Mainstage langsam vorwärts schiebende Menschenmenge ist einfach zu viel für die Wege. Wer in die entgegengesetzte Richtung laufen will, hat kaum eine Chance. Zu Limp Bizkit kommen nur Auserwählte. Gut, dass Break Stuff niemand wörtlich nimmt.

Samstag, 6. Juni 2026

Samstag, auch bekannt als Bad-Omens-Tag, die hier sogar zwei eigene Merch-Stände aufgebaut haben, zeigt sich wettertechnisch freundlicher. Geblieben sind die Toilettenschlangen und das meist unglaublich gelangweilt dreinblickende Grabenpersonal.

letlive.

Zu letlive. hat sich zur frühen Festivalstunde eine ansehnliche Menge an der Orbit Stage versammelt, die genau weiß, dass bei Jason Aalon Butler (auch Fever 333) alles passieren kann. Und sie werden nicht enttäuscht. Der Fronter zeigt sich zwischen den Songs von seiner verletzlichen Seite, erzählt offen von den Problemen seiner Vergangenheit, der Vaterschaft und wie all das – gepaart mit Musik – sein Leben grundlegend verändert und letztlich gerettet hat. Er erinnert die Fans mit Nachdruck daran, dass es pure Freiheit ist, genau jetzt hier auf diesem Festival zu stehen. Auch musikalisch und physisch ist der Auftritt nachhaltig. Irgendwann reißt sich Butler das durchgeschwitzte Shirt vom Körper, nimmt Anlauf vom Bühnenrand, schmeißt sich mit vollem Körpereinsatz auf die Bretter und rutscht einige Meter über die Bühne. Als wäre das nicht genug Energie, packt er das Schlagzeug mit einem mächtigen Ruck und zerrt es mal eben mitten in die Bühnenmitte. Cooler Move, dem Stage-Personal treibt es allerdings Schweißperlen auf die Stirn. Butler wälzt sich am Boden, schreit sich die Seele aus dem Leib und durchlebt jeden Song. Kann er noch toppen. Nach einem Bad in der Menge – er marschiert bis zum ersten Wellenbrecher, das Publikum hält das Mikrokabel – stapelt er eine Monitorbox auf einen Lautsprecher. Er klettert auf den wackeligen Turm, einige Besucher:innen halten die Luft an, und springt.

Weniger ernst, doch gleichsam ekstatisch steigt die Party mit Bilmuri auf der Mandora Stage. Das Projekt von Johnny Franck (Ex-Attack Attack!) rührt so ziemlich alle angesagten Genres zusammen und packt noch ein Saxofon obendrauf. Und heute Mittag heißt es: The Hype is real. Auf der Bühne regiert kurzweilige Anarchie. Franck schickt Grüße an die Kostümfraktion und verkündet seine Begeisterung über den Publikumszuspruch („I’m hard right now.“), zieht das Shirt nach oben, um die Wampe zu präsentieren. Feingeister rollen mit den Augen, der Rest bounct mit der Band.

Direkt danach zerlegen die Core-Veteranen Bury Tomorrow die Mandora Stage. Erstmal schön Choke in die Menge ballern, die Pitaction wird nicht mehr aufhören. Fronter Daniel Winter-Bates zieht mit neuem Look – Schnurres und längere Haare – sofort Blicke auf sich. Seine giftigen Shouts sind die alten geblieben. Das Publikum feiert die Band sofort und lässt sich mitreißen, Pommesgabeln und Nacken wippen im Takt. Die Band zockt einen souveränen Auftritt und begeistert das Publikum mit ihrer Botschaft. Winter-Bates appelliert an Diversity und Inklusion in der Szene und dass sie hierbei noch einiges aufzuholen hat. Weiterhin animiert die Band die Fans kontinuierlich zum Mitmachen: Nehmt euch auf die Schulter, umarmt euch und springt gemeinsam, mehr Crowdsurfer! Natürlich wollen Bury Tomorrow wie immer mehr Crowdsurfer. Respekt an alle, die im vorderen Bereich ein Drittel des Konzerts damit verbracht haben, die Festivalkolleg:innen zu tragen. Bitte denkt an die Körperspannung, Kinners.

Noch mehr Metalcore? Weiter geht es mit Landmvrks, die hier von sehr vielen Menschen sehnlichst erwartet werden. Das Infield der Mandora Stage ist nochmals voller geworden. Vom ersten Moment an singt der Ring textsicher mit den Franzosen, die manchmal selbst ein wenig ungläubig ins Publikum schauen. Dabei müssten sie es doch mittlerweile gewohnt sein, dass ihre Fans so richtig derbe feiern. Wer von Bury Tomorrow schon Muskelkater hat, muss stark sein. So viele Crowdsurfer.

Nicht ganz so voll ist es bei Dying Wish auf der benachbarten Orbit Stage, doch – meine Fresse – was die US-Amerikaner aus Portland auf der Bühne entfesseln, ist ein amtlicher Banger. Vermutlich auch das Härteste, was der Ring heute bisher gehört hat. Frontfrau Emma Boster pustet den Windmills im Pit entgegen und niemanden juckt der Regenschauer. Warum auch, wer jetzt zwischen Pit und Wall of Death wechselt, ist sowieso nassgeschwitzt. Metalcore kann tatsächlich noch erfrischend sein.

Ice Nine Kills mögen um 20:15 Uhr die Mandora Stage betreten. Für viele sind sie heute jedoch der Headliner. Die Band hat sich in den letzten Jahren verdient eine riesige Fanbase geschaffen, ihre Horrorshow zieht gleichermaßen Neugierige an. Ein Auftritt von INK ist mittlerweile ein Spektakel, denn mit jedem Song gibt es individuelle Outfits, Gimmicks, Stunts und Schauspieleinlagen, inspiriert von den Filmen, die die Band in ihren Songs verarbeitet. Ihre Ska-Wurzeln vergessen sie dabei nie. Erneut gehören zwei Mitglieder von Reel Big Fish zum Liveauftritt, die Blechbläser gehen im Getöse allerdings unter. Dazu gibt es ein NOFX-Cover. Frontmann Spencer Charnas flirtet unentwegt mit der Kamera und ist ständig in Bewegung. Das Publikum überraschenderweise vergleichsweise wenig. Nicht falsch verstehen: Das ist eine ordentliche Party hier. Wenn Charnas mehr Action von den dem Regen trotzenden Fans verlangt, muss er das nicht zweimal sagen. Doch angesichts der zirkusähnlichen, von massiver Pyro begleiteten Darbietung verharren viele Menschen still und staunend. Oder filmend. Schön, dass Ice Nine Kills ihre etablierte und zugegeben routinierte Show mit einer Überraschung aufwerten: Alissa White-Gluz schaut bei Twisting The Knife und A Work Of Art für Gesangseinlagen vorbei. Jenseits der Bühne steht eine Gruppe Polizist:innen. Ob sie sich fragen, warum plötzlich ein Plastikbaby an der Nabelschnur über die Bühne gewirbelt wird? „We are definitely cancelled“, ulkt Charnas.

Thornhill werden aufgrund ihres Sounds noch immer mit den Deftones verglichen, doch die Australier sind mittlerweile rund zehn Jahre im Geschäft. Gegen die Konkurrenz von Marteria und Electric Callboy behaupten sich Thornhill an der Orbit Stage gut und versammeln einen vorzeigbaren Fanclub. Der Sound könnte klarer sein, doch das Publikum headbangt zufrieden, klatscht mit der Band und springt kollektiv. Um Crowdsurfer und die obligatorische Wall of Death muss Sänger Jacob Charlton allerdings bitten. Beides serviert das Publikum umgehend und lässt sich auch überaus willig auf das „Aufstehspiel“ ein. Good Vibes!

Die gibt es auch mit Basement auf der Orbit Stage. Der Alternative Rock der Engländer transportiert das textsicher-verzückte Publikum an die Jahrtausendwende und der Ring wird zum Soundtrack eines Collegefilms. Die Band ist sichtlich glücklich über den Publikumszuspruch. „I’m so happy“, sagt Sänger Andrew Fisher und macht die Herzensgeste, die ihm ebenso glückliche Fans durch den Regen zurückschicken. Singing in the Rain.

Die Herzfrequenz steigt, das Infield vor der Mandora Stage füllt sich, Menschen drücken sich noch schnell ein paar Meter nach vorne, es wird eng. Endlich: Nach der Absage 2024 sind Bad Omens am Ring. Den Band-Shirts nach zu urteilen einer der am sehnlichsten erwarteten Acts. Die riesigen Bildwände können ihre Überpräsenz voll ausspielen, als der Opener Spectre beginnt und sich das zugehörige Video entfaltet. Dann setzt der Gesang von Bandkopf Noah Sebastian ein und die Fans schmelzen dahin. Den atmosphärischen Tageshöhepunkt unterstreichen Bad Omens mit einer berauschenden Bühnendeko aus die Nacht durchschneidenden LED-Blöcken. Es wirkt, als wäre man in ein perfekt produziertes Musikvideo gefallen. Das ist Fluch und Segen. Denn es bleibt das Gefühl, einer artifiziellen Inszenierung beizuwohnen.

Palaye Royale spielen parallel an der Orbit Stage – während Volbeat noch die Utopia rocken – und können sich gewiss sein, dass das für diese Band vergleichsweise kleine Publikum wirklich nur ihretwegen da ist. Große, aufblasbare Bälle springen gemeinsam mit den Fans im Publikum umher, es gibt Platz zum Tanzen, wovon alle Nachtschwärmer:innen kurz nach Mitternacht reichlich Gebrauch machen. Die Stimmung ist ausgelassen. Als Frontmann Remington Leith in ein Schlauchboot hüpft, um über die Köpfe der Fans zu gleiten, wird er gefühlt von Glückseligkeit getragen.

Sonntag, 7. Juni 2026

Die Sonne scheint, leicht bewölkt, perfektes Festivalwetter. Und ein Grund für einen Shoutout an das freundliche Personal am Eingang zum Media Center. Auf Reddit diskutiert man die Qualität der Orga oder deren Versagen. Achselzuckendes Fazit: RaR ist schon lange nicht mehr so geil, wie es mal war. Aber wir gehen trotzdem alle wieder hin.

Bad Nerves muss deswegen niemand bekommen. Schaut man sich ohnehin besser auf der Orbit Stage zum Spätstück an. Bis zum ersten Wellenbrecher ist es gut gefüllt, doch die Engländer müssen die Menge noch anfeuern. Geht mit ihrer peitschenden Mischung aus Punk und Rock ’n‘ Roll ziemlich gut.

Ego Kill Talent

Die brasilianische Band Ego Kill Talent hat zunächst mit technischen Problemen zu kämpfen, doch die Menge an der Orbit Stage nimmt es gelassen. Das Publikum hat Lust zu tanzen, und dafür bieten die Alternative Rocker aus São Paulo reichlich Gelegenheit. Percussions fahren sowieso immer direkt in den Körper. Getrieben vom Kreischgesang von Frontfrau Emmily Barreto vermag es die Band, das Publikum konstant zu animieren. Ego Kill Talent genießen sichtlich den Auftritt und spielen mitunter unveröffentlichte Songs.

 Die Black Veil Brides haben die Fans sicher auf der Utopia Stage erwartet, wenn auch nicht zur frühen Mittagszeit um 14:10 Uhr. Aber dann gibt es jetzt eben düsteren Glam Metal bei strahlendem Sonnenschein und leichtem Wind. Ob es der Wind ist, der den Sound an der Utopia mal wieder auf das Niveau eines Kassettenspielers aus den 80ern hebt? Die Band um Fronter Andy Biersack liefert souverän ab, Biersacks Stimme ist auf den Punkt, Soli und Stage Acting sitzen wie der Eyeliner. In Zone A reckt der harte Kern bereits die Pommesgabeln in die Luft und der Fanchor stimmt in die „Whooooooaaaas“ ein. Biersack verdient seine Kilometer. Wenn er nicht auf dem Raiser steht, rennt er von Bühnenrand zu Bühnenrand. Black Veil Brides spielen primär neue Stücke, Biersack hat Lust zum Growlen und grinst, Kaugummi kauend, in die Menge, während die Gitarrenfraktion Rücken an Rücken posiert. Dass Biersacks Ansagen zwischen Ulk und Ernst pendeln („You are so polite. You are smiling and looking at me, not moving.“), geht nicht allen im Publikum rein. „Ist der immer so arrogant?“, fragt jemand. Die Menschen im mittlerweile wuselnden Pit haben derweil Spaß und auch in den hinteren Reihen bleiben die Hände ausgestreckt in der Höhe. Biersack grüßt die Fans und dankt ihnen dafür, der Band einen Lebensunterhalt zu geben – und bedankt sich gleichermaßen bei allen im Publikum, die gerade womöglich wegen einer anderen Band vor der Bühne stehen und trotzdem abgehen. Als sich die Snare Drum vom Schlagzeug verabschiedet, überbrücken Band und Publikum die Zeit mit gegenseitigem Anwinken. Schon cute. Den abschließenden Evergreen In The End leitet Biersack mit einer Anekdote ein und berichtet vom ersten Deutschlandkonzert im Vorprogramm von Mötley Crüe. Damals sollen sich Publikumsreaktionen auf verschränkte Arme beschränkt haben. Das ist lange her. Bei In The End singen richtig viele Menschen mit. Und Blood Incantation haben leider parallel gespielt.

Wartezeiten lassen sich zwischen Mandora und Orbit Stage gut an der Karaokebühne eines Radiosenders verbringen, wo immer wieder ausgelassene Partys steigen.

Hinsetzen – Hochspringen. Hier mit Bloodywood.

Der rasante Aufstieg von Bloodywood ist so beeindruckend wie erfreulich. Die Mandora Stage platzt mal wieder aus fast allen Nähten und der Ring macht sich bereit, kollektiv zu springen. Rapper Raoul Kerr ist etwas heiser, doch im Grölen des Publikums geht der mitunter magere Sound ohnehin unter. Das kann der mächtigen Spaßrakete jedoch nichts anhaben, die Bloodywood am Ring zünden. Es ist wieder Crowdsurfer-Zeit. Schade, dass die Band ihr Babymetal-Feature Bekhauf ohne die Band bestreitet, die noch am Freitag auf der gleichen Bühne stand, und nach 50 Minuten ist für die meisten Fans viel zu früh Schluss mit Bloodywoods Show. Es sind trotzdem alle glücklich. Bloodywoods eigenes Fazit: „Help us put good energy out.“ Danke und gerne.

Catch Your Breath spielen zum ersten Mal bei Rock Am Ring und liefern mit ihrem emotionalen Post-Hardcore auf der Orbit Stage das Kontrastprogramm zu Finch auf der Hauptbühne. Die Shouts von Sänger Josh Mowery sind mächtig und die Breakdowns der Band pflügen derbe in den Pit. Teile des Publikums versinken darin, andere Zuschauer:innen singen ergriffen mit der Band (Dial Tone). Nicht wenige Menschen zieht es im Vorbeigehen zur Bühne, und Catch Your Breath nehmen definitiv neue Fans mit nach Hause. Die Band wirkt ebenfalls begeistert. Da kann man bei Ansagen schon einmal Ring und Park verwechseln.

Tesseract

Angenehm viele Menschen genießen Tesseract auf der Orbit Stage und feiern die Band wie einen Headliner. Die Engländer haben zwei Background-Sängerinnen am Start, deren weißes Make-up über den Augen den Kontrast zur roten Gesichtsbemalung von Sänger Daniel Tompkins bildet. Bassist Amos Williams federt wie immer barfuß über die Bühne. Der Bass aus den Lautsprechern ist fast zu krass und ein guter Gehörschutz zahlt sich aus. Zwischen den Songs verschwindet die Band oft hinter den Backdrops, was ein wenig den Drive herausnimmt, doch die Stimmung ist gut. Nacken wirbeln, Horns gereckt und ein kleiner Pit gestartet. Prog am Ring funktioniert. Dennoch kommentiert jemand: „Leider das falsche Festival für Tesseract, ich glaub’, das Publikum war etwas überfordert.

Die mysteriöse Band President hat die Neugier vieler geweckt. Das Infield vor der Orbit Stage staut sich bereits bis weit in die Laufwege. Offiziell weiß noch niemand, wer hinter den Masken der britischen Band steckt, die angeblich erst 2025 gegründet wurde – die Gerüchteküche brodelt. Der Sound aus sauber produziertem Metalcore, Alternative Metal und elektronischen Elementen mag kritischen Stimmen zwar zu künstlich klingen, doch der Ring hat da heute richtig Bock drauf. Die Songs zünden. Daher gibt es einige enttäuschte Gesichter, als die Band zehn Minuten vor dem geplanten Ende die Bühne verlässt.

The Story So Far

The Story So Far betreten die Orbit Stage völlig unprätentiös mit einem „Guten Abend“ und liefern Pogoparty zum Sonnenuntergang. Sänger Parker Cannon, eine Hand meist in der Hosentasche, die andere ausgestreckt vor sich, versucht sich immer wieder an deutschen Ansagen, was das Publikum mit lautem Applaus belohnt. Als Cannon das Publikum auf das Band-Backdrop anspricht, das auf eine deutsche Biermarke anspielt, erntet er jedoch irritierenderweise tendenziell Schweigen. Lautstark bleibt die Musik der Pop-Punker. Wer nicht im Pit herumwetzt, tanzt für sich selbst, tanzt, singt und lächelt. Schön, wie viele Menschen hier einfach das ganze Konzert über ein zufriedenes Lächeln im Gesicht haben. Pärchen liegen sich in den Armen. Cannon, der manchmal fast verlegen wirkt, freut sich darüber, am Nürburgring zu spielen, und erzählt von seinem Vater, der Formel-1-Fan war. Die von Schlagzeuger Ryan Torf in die Menge geworfenen Drumsticks wollen viele Fans mit einem Hechtsprung ergattern.

Iron Maiden müssen nicht einmal mit dem Finger schnipsen, um das Rock Am Ring in ihren Bann zu ziehen. Schon den ganzen Tag liegt ein Hauch von Maiden in der Luft, die hier nur mit Blick auf das getragene Bandmerch Generationen an Fans vereinen. Die Aussicht auf die Run For Your Lives Tour der Ausnahmeband, die sich mindestens 2027 eine Auszeit nehmen wird, dürfte neben Linkin Park die Ticketverkäufe massiv angetrieben haben. Während sich viele Fans frühzeitig für die besten Plätze im vorderen Teil der Utopia Stage angestellt haben, gehen es andere gemütlich an. Im letzten Eck des Geländes haben einige Zuschauer:innen etwa einen Biergarten mit Videowand gewählt, statt sich ins Infield zu quetschen. Im Vergleich zu Linkin Park ist sogar noch Platz, den viele Grüppchen für ihre ganz persönlichen Partyzonen nutzen. Andere Fans schwanken euphorisiert und vielleicht so ein ganz klein bisschen alkoholisiert mit nacktem Oberkörper durch die Diskografie von Iron Maiden. Natürlich präsentiert der Auftritt das ganz große Kino mit massig Showeinlagen und musikalischem Können, das die Band gewohnt professionell und musikalisch zeitlos zeigt. Vielleicht auch körperlich? „Schaut euch an, wie der Bruce Dickinson noch abgeht“, spricht uns ein begeisterter Fan an. „Der ist 67. Ich bin 64 und bin heute Morgen gerade so aus dem Auto gekommen.“ Das komplette Set ist ein einziges Volksfest mit einem tausendstimmigen Chor, es fließen Freudentränen, und wer bei Fear Of The Dark nicht filmend hinterm Smartphone hängt, spürt die Gänsehaut sprießen.

A Perfect Circle

Ein leerer Fotograben? Das kann ja nur A Perfect Circle sein. Ein andächtig-neugieriges Publikum widersteht Iron Maiden und will sich von A Perfect Circle verzaubern lassen. Sänger Maynard James Keenan (Tool) steht auf einem Podest in der Mitte der Bühne, das er während des Auftritts nicht verlässt. Daneben ebenfalls erhöht Schlagzeug und Keys/Gitarre, davor Gitarrist Billy Howerdel und Basser Matt McJunkins. Die Lightshow besteht aus zahlreichen Lampen, die die Bühne in mannigfaltige Farbwelten tauchen. Dazu Nebel und psychedelische Muster auf den Videowänden. Sound und Gesang sind glasklar, die Band lässt allein die Musik für sich sprechen und beschränkt die Kommunikation mit dem Publikum auf Begrüßung und Danksagung. A Perfect Circle erschaffen ein Klangabenteuer, das sich musikalisch von allem anderen abhebt, was man dieses Jahr am Ring hören konnte. Bitter, dass einige Menschen im Publikum womöglich eher auf Sabaton warten und sich ständig und laut unterhalten.

Der Vorverkauf für das Rock Am Ring 2027 ist bereits gestartet und hat aller Kritik zum Trotz wieder Rekorde gebrochen. Mehr als 48.000 Festivaltickets wurden in der ersten Stunde verkauft. Als ersten Headliner haben die Veranstalter Blink-182 angekündigt.