Artwork & Visual Concept: Silas Heizmann

Preppers – Guest Room

12.06.2026 - Noise Rock, Math Rock, Post-Punk, Jazz, Improvisation - Rubber Commune - 31:54 Minuten

Community ist heute auch in der Musikbranche wichtiger denn je. Die Basler Szene zeigt sich da als beispielhaftes Ökosystem, das sich von Indiepop zu Metal mit schöpferischer Vielfalt, Solidarität und ein wenig (nicht minder bezeichnender) Kunstförderung lebendig hält. Die letzten Jahre wurden Qualitätsmarken wie Schammasch, Zeal & Ardor und zuletzt Zatokrev auf die bekanntesten, prestigeträchtigsten oder einfach coolsten Festivals entsandt, ohne dass man den Eindruck hatte, dass sie sich verkauft hätten – oder mit ihren sehr integren Stilen überhaupt verkaufen könnten.
Dort sehe ich auch Preppers. Roadburn ginge locker! Geboren aus der Organik lokaler Kreativkreise und guter Kumpels (Miro Widmer ist Filmemacher, Samuel Tschudin Klangkünstler und Pio Schürmann Musikpädagoge) veröffentlichte die Band mit ihrem Debütalbum Ripples 2023 einen Banger, den ich allen unter die Nase halte, die auch nur die kleinste Neigung zu experimentellem Noise Rock mit catchy Rhythmen und minimalistischen Melodien andeuten. Ach was: den ich schlichtweg allen unter die Nase halte!
Nun veröffentlichen Preppers den Nachfolger. Mit Guest Room festigen sie ihren Stil, eben weil sie ihn erweitern um noch mehr experimentierfreudige Narretei der klugen Sorte. Oder kurz: Das ist so richtig guter crazy shit!

Emotionale Komplexität in drei Tönen

Der Opener donnert schon stark! Mit Jura holen mich Preppers genau da ab, wo sie mich mit dem letzten Track des vorigen Albums und Über-Banger Malta gelassen haben.
Schon nach drei Sekunden zucke ich mit den Drums mit. Deren Bewegungsdrang kontrastiert hart mit mehr als einer Art von Statik: Die Gitarren rauschen mit sturem Anschlag, die anderen Instrumente durchziehen den Track mit einer dystopischen Stimmung wie das Auf und Ab heulender Alarmsirenen. Alles fühlt sich an, als würde man auf der Stelle rennen. Meine Fäuste ballen sich proportional zur Anspannung, ohne dass mein Geduldsfaden reißt; dazu hab ich viel zu viel Bock auf egal was da kommen mag und bin mir bei dieser Band viel zu sicher, dass es verdammt gut wird. Eine anti-melodische Verrücktheit hier, eine unerbittlicher Drumeinlage da, und verziert mit unerwarteten Soundeffekten plus Saxofon synkopiert sich alles gegenseitig in einem kraftvollen Jazzabschnitt. Kurz lockt es Richtung Moshpit, doch die Band hat uns gut im Schwitzkasten und verstört uns mit allerhand quietschender Elektronik und kreischender Gitarren. Inmitten dieser Abgedrehtheit muss ich laut über den Bass-Synthesizer lachen, der sich um nichts davon schert und mit selbstverständlicher Leichtfüßigkeit seiner Wege geht. Gleichzeitig kommt er in seinem unbeirrbaren Charakter auch sneaky und gefährlich herüber – emotionale Komplexität, in drei Tönen erreicht!
Alles zusammen steigert sich in eine aufregende Unerträglichkeit und entlädt sich mit wenigen Schlägen zum Ende eines perfekten Einstiegs.

Als Terrible Two ebenjenes Titels konversieren übersteuerte Keys und ein Beat so fett, dass man ihm die vollen Backen anhört. Spirituell tuckern wir durch eine Mischung aus Spielzeugfabrik und Kunstgalerie, wo der Humor dadaistisch ist, die Werkzeuge zweckentfremdet wurden und alles total Sinn macht! Penetrant streckt man uns per Kehlkopfmikro Frechheiten ins Gesicht (ich habe erfolglos nach den Lyrics gesucht) und übertritt auch die letzte Hemmschwelle. Das ist mega ansteckend: Dümmlich grinsend blödle ich bis zum Ende mit.

Endlose Spannung und ekstatische Höhen

Preppers 2026
Preppers 2026

Zum unwiderstehlichen Groove eines kratzigen Sambas überdreht die Melodie von Looney den Track schnell in ekstatische Höhen. Stimmen auf härterem Zeug als Helium flitzen wie Mäuschen durch die Ohren, das Saxofon töröht uns in ein erstes Finale. Die Spannung signalisiert kein Ende, man gibt dem Song und uns Zeit, neue Vorfreude aufzubauen. Weil ich solche Abschnitte liebe, möchte ich auch kurz die Feinarbeit genießen: Der Mix arbeitet die großen Momente und kleinen Details hervorragend heraus: die Wärme der Kick Drum und das hölzerne Klappern der Sticks ebenso wie winzige Licks, ein Fahrrad (?) und den verlorenen Irren im Hintergrund (!). Ich bin vorzüglichst unterhalten, aber keineswegs überfordert. Am Ende dürfen wir wieder aufs Trampolin und mit den Köpfen durch die Decke!

Konstanter Beat, 80er-Synths und das Zeitgefühl bestimmende Gitarren: Don’t Feed The Cat ist der Soundtrack einer gediegenen Partynacht – vom Vorglühen bis zum chaotischen Absch(l)uss, den hinterher niemand mehr so genau nachzeichnen kann. Das heißt, es war geil, und ich hab, immer noch halb besoffen, genauso Hunger auf mehr wie offenbar die arme Katze.

Gleiches Tempo, neuer Vibe: Die Blindschleiche wird beschworen von Tonführungen, die nach Luftspiegelungen und Tal des Todes klingen. Was mich positiv mal wieder fast um den Verstand bringt, ist der Aufbau von Spannung durch ihr Halten. In jedem einzelnen Guest Room packt mich das! Ebenfalls die kleinen Umschalter mit großer Wirkung, z. B., wenn Miro Widmer im zweiten Teil des Tracks plötzlich die Percussions stehen lässt und mit der Kick Drum davonrennt (meine Güte, ich hoffe, der Mann ist gut hydriert!), die Gitarre auf die Eins wechselt und alles einen Tick näher am Ohr wummert. Die Atmosphäre wird dank Eva-Maria Karbachers Blasinstrumenten noch molliger und man kann in der Halluzination selig mitwippen, bevor das Hirn explodiert.

Freidrehen, oder: Ohne Optimismus keine Freiheit

Das braucht man für Cache Cache eh nicht. Die Instrumente drehen frei und jagen uns kreuz und quer durchs Zimmer. Preppers kommen dazu wieder mit abrasiven Neckereien an Sound- und Überraschungseffekten. Mein halber Spaß mit dieser Band ist, dass ich mich an diese Grundelemente in ihrem Stil nie gewöhnen kann und so nie genug davon kriege. Wild und wohlüberlegt, punktgenau und organisch – der „Song“, besser gesagt Rave, bleibt ungewöhnlich lange in der Bewegung, bis er so plötzlich vorbei ist, wie er begonnen hat! Weil ich nicht weiß, was mich da getroffen hat, muss ich noch mal hören gehen …

Der Closer ist zum düsteren Albumeinstieg Jura nicht nur das Gegenstück, sondern nach einem solchen Trip irgendwie auch dessen einzig logische Konsequenz. Ohne Optimismus kann die selbsternannte „post-apokalyptische Kommune“ schließlich nicht fortbestehen. So zelebriert Swamp Ballad Willkommenskultur mit allen, die Hoffnung tanken wollen: Ein heiterer Groove zaubert Schwung in die Hüften und süßliche Riffs ein Lächeln auf die Lippen. Die Synths sind in ihrer Simplizität so freundlich wie Sonnenstrahlen im Gesicht. Immer mehr verflüssigt die Gitarre ihr sperriges Spiel, um dann in ihrer typischen Eigenart wieder die Harmonien zu flankieren. Mit hochgerissenen Armen schippere ich am Ende durch Stromschnellen in ein Freiheitsgefühl, das sich für mich auch alleine vorm Computer kollektiv anfühlt. Wenn so der Anfang nach dem Ende läuft, bin ich dabei!

Wer Preppers live sehen möchte, kommt zur Plattentaufe am 19. Juni in die OFF Bar in Basel!

Preppers sind:
Gitarre – Samuel Tschudin
Schlagzeug & Perkussion – Miro Widmer
Keys & Bass-Synthesizer – Pio Schürmann

Gastmusikerinnen:
Saxofon – Eva-Maria Karbacher
Gitarre & Kehlkopfmikrofon – Daniel Steiner
Modular Synthesizer & Voice Transformer – Yanik Soland

Hier gibt es die Tracklist zu Preppers – Guest Room in unserem Time-For-Metal-Release-Kalender!

Preppers – Guest Room
Fazit zu Guest Room
Preppers fordern mit ihren variationsreichen Klangkonstruktionen heraus. Dass alles in einem steten Fluss ist, macht den Zugang zu jedem Guest Room dabei aber nicht nur unheimlich einfach, sondern den gesamten Trip zu einem Riesenspaß:
Energetische Rhythmen reißen von der Stuhlkante und zwingen zum Zappeln, alle nach ihrer Façon. Anti-melodische Dreitonfolgen machen es sich in den Gehörgängen gemütlich. In die Abgefahrenheit des Ganzen verliebt man sich dann von alleine, irgendwo zwischen Soundexperimenten und deren geglückter Explosion. Denn wenn in langen Spannungsbögen an Nervensträngen gezogen wird, bekommt man genug Zeit, den Moment zu genießen und sich gleichzeitig auf die nächste Etappe zu freuen.
In jeder Hinsicht beweist die Band ein enormes Gespür für Dosierung, gerade wenn diese zu hoch ist. So gestaltet sich die Komplexität von Preppers aus Minimalismus, Bewegung und unkonventionellen Spielarten!
Der exzellente Mix von Marc Obrist (Zeal & Ardor) bringt Tiefe hinein und die Details heraus: Auch durch die kratzbürstigste Gitarre hindurch massiert der Synth-Bass das Trommelfell. Statt im Noise zu ertrinken, lassen sich die Sounds und Instrumente beinahe greifen, was den verschiedenen Klangqualitäten nur guttut und die Neugier der Ohren weiter kitzelt. Zudem hat man in den Texturen nicht allzu dicht übereinandergeschichtet und auch hier lieber auf das Prinzip der Abwechslung gesetzt. Langeweile? Nicht in diesem Haus!
Und man hört der Band den Spaß an! Preppers besitzen die Art Energie, die mich an spielende Kinder erinnert. Zusammen mit ihren Gastmusikerinnen haben sie sich ihr eigenes Spiel ohne jegliche Regeln ausgedacht. Beim Hören war ich mehr als einmal wieder fünf und hab mich entdeckungsfreudig durch die Passagen gekichert. Guest Room ist in Geist und Stil völlig offen! Ein Kaleidoskop mit nie gekannten Farben. Ein Sterne-Menü in der Kellerbar. Der rote Faden, in dem sich kreative Freiheiten zusammenspinnen. Spinnt mit!

Anspieltipps: Jura, Terrible Two, Blindschleiche und Swamp Ballad
Eva B.
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