Walk Off The Earth am 26.10.2026 im Im Wizemann in Stuttgart

Walk Off The Earth in Stuttgart: Das Chaos hat einen Takt

Event: Walk Off The Earth Europa Tour

Bands: Walk Off The Earth, Luminati Suns, Crash Adams

Ort: Im Wizemann, Stuttgart

Datum: 26.10.2026

Genre: Rock, Pop, Alternative, Folk

Kosten: VVK 59,00 €

Zuschauer: 600

Veranstalter: SKS Michael Russ GmbH

Es gibt Bands, auf die können sich erstaunlich viele Menschen einigen. Wirklich viele. Menschen, die sonst wenig miteinander zu tun haben. Menschen mit Casper-Pulli, Menschen mit Maiden-Kutte, Menschen, die Linkin Park hören, und Menschen, die beim Wort Ukulele nicht sofort an einen Junggesellenabschied denken. Walk Off The Earth sind so eine Band. Eine musikalische Koalition der Willigen. Und der Unwilligen vermutlich auch.

Crash Adams – Stuttgart – 2026

Die Kanadier gingen 2012 mit dem Cover Somebody That I Used To Know viral. Damals, als YouTube noch TikTok war. Fünf Leute, die gleichzeitig eine Gitarre spielen. Das Video wurde millionenfach angeklickt, nachgemacht, geteilt. Selbst Gotye, der Originalinterpret, zeigte sich beeindruckt. Ein Plattenvertrag folgte, der internationale Durchbruch gleich mit. Seither haben Walk Off The Earth das Internet mit Videos gefüttert, in denen man sich regelmäßig fragt, ob das jetzt musikalische Virtuosität ist oder eine besonders gut organisierte Form von Wahnsinn. Allein das in der Kälte über den Dächern der amerikanischen Ostküstenmetropole eingespielte Fairytale Of New York wird nur vom Original übertroffen. Vielleicht.

Heute sind sie in Stuttgart. An einem Montag. Ende Oktober, Europatour, Süddeutschland. Das Album Good Company aus dem vergangenen Jahr im Gepäck, dazu seit Sommer 2026 Wood & Wire, ein Akustik- und Coveralbum. Es gibt also Material. Und vermutlich noch ein paar Instrumente, die wir kennenlernen werden, ohne ihre Namen jemals wieder korrekt aussprechen zu können.

Aber von Anfang an

Das Wizemann ist halb voll. Oder halb leer, je nachdem, ob man Konzertveranstalter oder Mensch ist. Rund 600 Leute sind gekommen. Ein drängelfreies Konzert hat schließlich auch seine Vorzüge. Man kommt an die Bar, ohne dabei drei fremde Lebensgeschichten körperlich nacherzählen zu müssen. Auffällig viele Kinder zwischen zehn und zwölf. Dazu die bereits erwähnte Textilsoziologie: Casper, Maiden, Linkin Park, Fanshirts. Alles da. Ein kleiner Querschnitt durch die Frage, was Menschen eigentlich verbindet, wenn sie sich nicht gerade im Internet gegenseitig erklären, warum die jeweils andere Musik objektiv unerträglich ist.

Walk Off The Earth – Stuttgart – 2026

An der Garderobe erzählt eine Frau, sie habe alle Deutschlandkonzerte von Walk Off The Earth gesehen. „Auf dieser Tour?“ „Nein, alle.“ Sie lächelt.

Punkt 19 Uhr beginnen Crash Adams. Zwei Männer aus Toronto, Gitarre, Gesang, gute Laune. Und ein Halb-Playback. Jemand am Mischpult drückt auf Play, die Musik läuft, die beiden performen dazu. Das ist also Indie-Alternative-Pop. Rafaele Massarelli und Vince Sasso sind freundlich, zugänglich, lächeln viel. Give Me A Kiss hat ihnen 2022 einen ordentlichen Schub auf Social Media beschert. In Stuttgart kommt besonders das Cover von Shut Up And Dance an.

Rafaele liebt uns. Alle. Das sagt er jedenfalls. Es ist eine große Liebe, die sich innerhalb weniger Minuten auf ein Publikum verteilt, das er gerade erst kennengelernt hat. Wir lieben ihn auch. Nicht unbedingt für das Playback, aber dafür, dass er so nett scheint. Man muss die Dinge auseinanderhalten können.

Nach einer halben Stunde gehen Crash Adams unter freundlichem Applaus von der Bühne.

Walk Off The Earth – Stuttgart – 2026

Einmal mehr beeindruckend ist das Zusammenspiel der Gewerke im Wizemann. Crew, Security, Haustechnik, Tourroadies: Alle scheinen zu wissen, was zu tun ist, und zwar, bevor jemand anderes danach fragen muss. Im Idealfall merkt man von guter Veranstaltungsarbeit nichts. Hier merkt man sie gerade deshalb, weil alles so selbstverständlich wirkt. Währenddessen läuft Sweet Caroline aus den Boxen. Trotz Montag. Oder vielleicht gerade wegen Montag.

Dann Queen. Bohemian Rhapsody. Und es passiert, was immer passiert: Alle singen und das Stimmungslevel steigt zuverlässig. Galileo Galilei. Es gibt Lieder, die sind längst keine Lieder mehr, sondern gesellschaftliche Infrastruktur. Timing: Punkt 20 Uhr ist Schluss mit der gemeinschaftlichen Einstimmung aus der Rockgeschichte. Walk Off The Earth übernehmen pünktlich.

Red Hands eröffnet das Konzert. Fünf Stand-Toms, auf die eingedroschen wird, laut, synchron, mit der Entschlossenheit einer Gruppe, die sich vor dem Auftritt darauf geeinigt hat, dass heute niemand einfach nur herumstehen wird. Die vier Kernmusiker*innen und die Tourband schaffen sofort Bewegung auf der Bühne. Dann tauchen Ukulele und irgendwelche Klopfinstrumente auf. Menschen singen. Andere schlagen. Wieder andere scheinen gleichzeitig beides zu tun. Ganz vorne Sarah Blackwood und Gianni Nicassio, musikalisch und privat ein Paar. Man hört modernen Rock, dazu Weltmusik, sieht viel Bewegung und fragt sich kurz, ob man eigentlich auf einem Konzert oder in einer sehr gut besetzten Musikschule gelandet ist.

Walk Off The Earth – Stuttgart – 2026

Der Titeltrack des aktuellen Albums, dann Bet On Me. Joel Cassady, meistens am Schlagzeug, und David Speirs, der irgendwie alles andere auch noch zu übernehmen scheint, legen das Fundament. Vorne wird getanzt. Das Publikum muss nicht lange überzeugt werden.

Walk Off The Earth experimentieren. Es wird geflötet, gezupft, geblasen und geklopft. Man teilt sich eine Flöte. Holzlöffel tauchen auf. Ukulele. Didgeridoo. Es ist, als hätte eine Lehrkraft endlich den Schlüssel zum Instrumentenschrank bekommen und beschlossen, dass heute wirklich jede*r drankommt. Auch die Instrumente, die seit 1998 niemand mehr angefasst hat.

Dann kommen die Jungs. Giorgio, Luigi und Romeo. Luminati Suns, die Kinder von Sarah und Gianni, sind mit auf Tour. Sie spielen eigene Musik. Rock. Sind Special Guests und stehen trotz der Zeitumstellung vom Vortag auf der Bühne, statt altersentsprechend im Bett zu liegen. Das hat etwas vom Zirkusleben, nur dass die Kinder hier nicht bloß hinter der Bühne warten, bis die Erwachsenen fertig sind. Sie gehören dazu. Das Publikum feiert sie. Die Eltern sehen stolz aus, gerührt vermutlich auch. Für einen Moment ist das Konzert Familienbetrieb, ohne dass es sich nach Firma anhört.

Walk Off The Earth – Stuttgart – 2026

Danach ein Medley. Stand By Me, Come On Eileen, Wouldn’t It Be Nice. Die Songs geben sich die Klinke in die Hand, und auf der Bühne herrscht ein Betrieb, bei dem man im normalen Leben irgendwann die Polizei rufen würde. Roadies und Tourmusiker kommen dazu, nehmen etwas entgegen, reichen etwas weiter, spielen Gitarre, Bass oder Rassel. Eine Ukulele fliegt durch die Luft und wird von irgendwem aufgefangen. So sieht improvisiertes Chaos aus, wenn es jahrelang geprobt wurde. Der Unterschied zwischen Kontrollverlust und Kunst liegt manchmal schlicht darin, dass alle wissen, wo die Ukulele landen wird.

Zwischen all dem Gute-Laune-Pop-Rock auch ruhigere Momente. Sie sagen, sie spielen Superhero für die, um die es dunkel ist. Und für die, die eben da sind, wenn es bei anderen dunkel wird. Hier geht Sarah ins Publikum und umarmt Fans. Einfach so. Keine große Inszenierung, kein demonstratives Zeichen, das noch schnell für die hinteren Reihen sichtbar gemacht werden muss. Es wirkt nicht wie eine Pflichtübung. Die Qualität ist wohl, dass man nicht darüber nachdenken muss, ob das echt ist. Long Way Home.

Weiter geht das große Instrumentetauschen. Wer hier was spielt, scheint weniger eine Frage der Zuständigkeit als der aktuellen Verfügbarkeit zu sein. Die Arrangements sind von einer Art, bei der eine Wahrsagerin vermutlich bessere Chancen hätte als ein Mensch, der vor dem Konzert die Setlist gelesen hat. Die hohen Stimmen wechseln, die tiefen auch. Mehrstimmiger Gesang ist hier nicht die Kür, sondern der Normalzustand. Kein Wanken, kein Wackeln.

Als wäre das alles nicht genug, kommen Crash Adams noch einmal auf die Bühne. Jetzt dürfen sie erleben, wie es ist, nicht nur mit Playback, sondern mit einer ganzen Band zu spielen. Wir lieben Rafaele immer noch. Aber Sarah und Gianni dann eben doch ein bisschen mehr. Die Liebe ist kompliziert. Selbst an einem Montagabend im Wizemann.

Walk Off The Earth – Stuttgart – 2026

Noch einmal die Kinder mit NPC. Gegen 21:15 Uhr beginnt das Spiel mit den Zugaben. Das Publikum hat verstanden, dass der Abend irgendwann enden muss, möchte diese Information aber nicht akzeptieren. Ein Zustand, den man aus anderen Lebensbereichen kennt.

Mit „Hey Ya!“ von OutKast wird die Zugabe eingeläutet. Sarah fragt: „You don’t seriously think we’re crossing the ocean without this, do you?“ Natürlich nicht. Eine Gitarre. Vier Menschen drumherum. Alle wissen Bescheid. Oder glauben es zumindest. Die Chords sind dieselben, doch Sarah singt „Anxiety“. Ein Multicover, wenn man so will. Dazu Josie beziehungsweise Your Love, das offensichtliche Somebody That I Used To Know, Carry On Wayward Son, das einem zuverlässig noch Tage später im Kopf herumläuft, und ein unglaubliches Clint Eastwood.

Dann Pink Pony Club. Stuttgart singt. Jubelt. Und hört nicht mehr auf. Mit dem Medley wird ein Stück Bandgeschichte gefeiert. Dass das Konzept noch immer funktioniert, ist nicht nur Nostalgie. Die Band hat aus einer viralen Idee eine eigene Sprache gemacht.

I’ll Be There ist das letzte Stück. Die Band verabschiedet sich herzlich. 21:30 Uhr.

Die Security drängt das Publikum schnell nach draußen. Ein wenig zu schnell. Aber gut: Montag halt. Aus den Lautsprechern kommt Fahrstuhlmusik. Panflöte. Erst klingt es nach beliebigen Instrumentalstücken, nach etwas, das man in einem Hotel hören könnte, während man auf den Aufzug wartet und sich fragt, ob man eigentlich noch einmal zurück aufs Zimmer muss. Dann erkennt man die Melodien. Walk Off The Earth. Eben noch live. Jetzt auf Panflöte.

Möglicherweise ist das die eigentliche Kunst dieser Band: Sie machen aus allem noch einmal etwas anderes. Aus einem Cover eine eigene Geschichte. Aus einer Gitarre ein Gemeinschaftsprojekt. Aus kontrolliertem Chaos eine ziemlich präzise Show. Und aus dem eigenen Konzert schlussendlich eine Fahrstuhlmusik.

Dann Heimweg. In der Bahn streiten sich Carry On Wayward Son und Pink Pony Club darum, wer der maßgebliche Ohrwurm des Abends werden darf. Beide haben gute Argumente. Draußen zieht Stuttgart vorbei. Im Kopf geht es weiter: „West Hollywood, I’m gonna keep on dancing at the …“