beartooth-aggressive-tour-2016

Beartooth am 17.11.2016 in der Kantine, Köln

“Heute auf dem Kantinenspeiseplan: Heiße Bärenzahnsuppe“

Eventname: Beartooth „Aggressive Tour“ 2016

Headliner: Beartooth (USA)

Vorbands: Trash Boat (UK), Vanna (USA)

Ort: Die Kantine, Köln (verlegt vom Luxor)

Datum: 17.11.2016

Kosten: 20,50 Euro (ausverkauft)

Genres: Post-HC, Metalcore, Punkrock, PopPunk

Veranstalter: Prime Entertainment

Link: https://www.facebook.com/events/1767656466838300/

Setlists:


01. How Selfish I Seem
02. Tring Quarry
03. Perspective
04. Catharsis
05. Things We Leave Behind
06. The Guise Of A Mother
07. Pangaea
08. Eleven
09. Strangers


01. Paranoia Euphoria
02. Pretty Grim
03. Toxic Pretender
04. Circle the Flame
05. Piss Up a Rope
06. Mutter
07. Flower
08. Digging


01. Burnout
02. Aggressive
03. Beaten in Lips
04. Dead
05. Sick of Me
06. Fair Weather Friend
07. Hated
08. The Lines
09. I Have a Problem
10. Always Dead
11. Rock Is Dead
12. In Between
Zugabe:
13. King Of Anything
14. Body Bag

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Nachdem die Karten für das Konzert im Luxor in Windeseile ausverkauft waren, hatte sich der Veranstalter Prime Entertainment kurzerhand entschlossen, das Event in die Die Kantine zu verlegen. Also hieß es, anstatt in die Kölner Neustadt-Süd auf nach Chorweiler, was verkehrstechnisch verglichen mit der zentral gelegenen ursprünglichen Event-Location mäßig gut angebunden ist. Parkplätze gibt es aber wiederum ausreichend und auch kostenlos. Die Schlange vor dem Eingang ist zur Einlasszeit aber noch überschaubar, und während drinnen noch die letzten Takte des Soundchecks verklingen, fängt es leicht an zu regnen. Mit einer Verspätung von ca. 15 Minuten öffnen sich dann die Türen und es geht die Treppe hoch in den 1.000 Personen fassenden Raum, vorbei an den Merchständen und dem FOH. Es gibt zwar eine Absperrung vor der Bühne, deren Sinn mir mit dem Hinweis auf das erwartete hohe Aufkommen an Crowdsurfern erläutert wurde und in der sich später nur die Photographen der Bands tummeln sollten. Schade drum. Also ab ins Publikum mit meinem Equipment.

Als Erstes dürfen die jungen Briten von Trash Boat aus St Albans ran, die erst vor zwei Jahren gegründet wurden. Ihr aktuelles Album Nothing I Write You Can Change What You’ve Been Through bewegt sich musikalisch irgendwo zwischen alten Saves The Day– und Midtown-Platten ergänzt um ein wenig Neck Deep-Flair. Trotz ihrer noch recht jungen Bandgeschichte beanspruchen die fünf Jungs die Bühne wie alte Hasen. Sänger Tobi schreit und singt sich die Seele aus dem Leib und ist ständig unterwegs, ebenso wie Bassist James, der es auch kaum auf einem Fleck aushält, während Drummer Oakley zielstrebig durch die Songs galoppiert. Aus ihrer ersten selbstproduzierten EP Look Alive gibt es als einzigen älteren Song Perspective. Das restliche Set umfasst acht der 11 Songs der aktuellen Platte. Im Publikum geht es zumindest in den ersten Reihen noch etwas verhaltener zu, was sich spätestens zum Beginn der Beartooth-Show als kluges Kalkül erweisen soll. Ein wenig mehr Begeisterung seitens des Publikums hätte ich dem sympathischen Fünfer gegönnt, aber vielleicht sind sie musikalisch verglichen mit dem doch etwas schrofferen Sound des Hauptacts einfach nicht jedermanns Geschmack. Nachdem das Set mit How Selfish I Seem, zu dem es auch ein Musikvideo gibt begonnen hatte, schließt die Band das Set mit Strangers, zu dem es ebenfalls eine Bewegtbild-Doku z. B. bei Youtube gibt und bei dem im Original Dan Campbell, Sänger der The Wonder Years einen Part übernimmt (der im Übrigen auch das Album produzierte).

Trash Boat @ Die Kantine, Köln
Trash Boat @ Die Kantine, Köln

Nachdem Trash Boat ihr Equipment von der Bühne geräumt haben, bauen Vanna samt Stagecrew ihre Technik für den Abend auf. Anstatt der üblichen Sidedrops hängen Vanna bedruckte Tücher über ihre Boxen und staffieren sie mit weißen (Plastik-)Blumen aus, die ebenso den Mikroständer zieren. Das Umbauspielchen gestaltet sich trotz der harmonischen Deko ein wenig unzufriedenstellend für die Band selbst, scheint doch der Tontechniker einfach nicht verstehen zu wollen, was man ihm mitteilen möchte. Gitarrist Nick versucht gefühlt minutenlang ein Signal für sein Mikro zu bekommen und auch wildes Gestikulieren Richtung FOH bringt da nicht viel. Die Monitorbox von Gitarrist und Clean-Sänger Joel ist auch zu laut, aber auch das scheint man am Mischpult nicht verstehen zu wollen. Nicht der entspannteste Start, aber mit 12 Jahren Bandgeschichte auf dem Buckel hat man gelernt, darüber hinwegzusehen. Also alle runter von der Bühne, tief Luft holen und wieder zurück. Los geht’s.

Shouter Davey nimmt seine Aufgabe als Support- bzw. Warm-Up-Act besonders ernst und leitet den Auftritt mit dem nachdrücklichen und eindeutigen Hinweis ein, dass man die Halle für Beartooth zum Kochen bringen wolle. Was jedoch mit Schwierigkeiten begann, sollte sich leider fortsetzen. So schafft es Drummer Seamus, der während des Schlagzeugspielens keine Scheu hat, genüsslich eine Zigarette zu rauchen, seine Fußmaschine zu zerstören und das ausgerechnet zu Beginn eines Songs. Also mit nur drei Gliedmaßen ohne rechten Fuß die Nummer im wahrsten Sinne über die Bühne bringen, um sich anschließend aus dem Backstage-Bereich eine neue Fußmaschine reichen zu lassen. Während der Montage animiert Davey das Publikum, die Fäuste in die Luft zu recken und überbrückt die Stille mit ein paar unterhaltsamen Worten, während die Saiteninstrumente einen wahllosen Klangteppich produzieren. Zum Intro von Mutter überzeugt er die da bereits deutlich agilere Menschenmasse in der Halle, lautstark „Shut Up, Shut Up!“ zu schreien. Eine gewisse Routine beim Einschwören des Publikums muss man ihm zugestehen, begrüßt er diejenigen, die Vanna heute das erste Mal sehen, mit den pathetischen Worten „Welcome to the family!“. Bassist Shawn übernimmt den Part des Bühnenclowns, schneidet Grimassen und sucht immer wieder den Blickkontakt mit den Fans, während Joel durch seine Aufgabe, die melodischen Parts am Mikro zu transportieren, beinahe die gesamte Show über am selben Fleck gefesselt zu sein scheint. Zum Abschluss springt Davey in die Menge und lässt sich kurzzeitig ein paar Meter tragen, bevor es zurück auf die Bühne und mit ein paar dankbaren Worten zum Abschluss runter von selbiger geht. Trotz aller Wehwehchen vor und während der Show haben Vanna dennoch überzeugt und ihr Set routiniert und begeisternd abgeschlossen.

Vanna @ Die Kantine, Köln
Vanna @ Die Kantine, Köln

Nach 30 langen Minuten des Umbauens und Wartens betritt dann endlich der Headliner die Bühne. Bassist Oshie Bichar trägt ein Soundgarden-Shirt, womit die Band für mich eigentlich schon gewonnen hat und die Bühne verlassen könnte. Aber da war ja noch was: Musik. Beartooth reden auch nicht lange um den heißen Brei sondern legen sofort los. Was für einige vermutlich unbemerkt bleibt: Die Probleme mit der Technik scheinen immer noch nicht in den Griff bekommen worden zu sein. Die Bassdrum von Tour-Drummer Connor Denis – im April trennte sich die Band von Schlagzeuger Brandon Mullins, der seit 2013 hinter der Schießbude saß – klingt wie eine Stricknadel, die man gegen einen Konservendosen-Boden schlägt. Im zweiten Song dann endlich die Erlösung und man kann die Musik nicht nur hören, sondern auch fühlen. Spätestens jetzt brechen dann auch alle Dämme und das Publikum initiiert selbständig Walls Of Death und Circle Pits, die wie ein Teigquirl wirken und alles durchmischen, was sich nicht rechtzeitig an die Seiten flüchten kann. Lautstark werden alle Songs mitgegröhlt, so dass Sänger Caleb Shomo schon recht früh andeutet, dass der Abend einer der besten seiner bisherigen Bühnenkarriere mit der Band sei. Auch wenn diese Floskel zu nahezu jedem Standard-Ansagenset eines Sängers gehört, ein klitzekleines Bisschen glaubt man ihm das auch.

Nach Hits wie Hated, Beaten In Lips oder The Lines folgt auch der älteste Song der Band – I Have A Problem. Clever platziert die Band Rock Is Dead im heutigen Set und predigt eindringlich, dass Rock nicht tot sei. „If Rock and Roll’s dead you can kill me right now“ heißt es in dem Song und die passenden Shirts gibt’s natürlich am Merchstand. Dass man sich mit Denis einen fähigen Drummer ins Boot geholt hat, beweist jener mit einem Drumsolo während des Songs, was scheinbar zum Standard-Repertoire gehört, wie ein Youtube-Video eines Auftritts von Anfang Oktober nahelegt.

Zwischenzeitlich ruft die Band dazu auf, den freien Bereich zur Wall Of Death immer mehr zu vergrößern und auch die Circle Pits sind ihnen zu klein. Am Ende tobt die Halle so sehr, dass sogar diejenigen, die mit dem Rücken an der Absperrung zum Mischpult stehen sich mit voller Kraft dagegenstemmen müssen, damit der Tontechniker weiter seiner Arbeit nachgehen kann – stehend. „I wouldn’t fucking lie to you!“ betont Shomo immer wieder, wenn er die Laune und die Motivation der Fans lobt. Angestachelt von der guten Laune wagt sich auch Gitarrist Kamron Brandbury ins Publikum, steht auf den Schultern der Fans, um dann im Liegen den Song zu Ende zu bringen.

Beartooth @ Die Kantine, Köln
Beartooth @ Die Kantine, Köln

Ohne große Worte verabschieden sich Beartooth nach In Between, um kurze Zeit später zur Zugabe zurückzukehren. Diese beginnt mit dem ruhigen und düsteren King Of Anything, das in einem Noise-Gewitter endet und in Body Bag überleitet. „One life, one decision“ tönt es im Chor aus allen Ecken und rundet das Set erinnerungswürdig ab. Nach einer guten Stunde ist dann Schluss und man darf den vier (bzw. fünf) Jungs Hochachtung zollen, was sie da an Energie rübergebracht haben. Ich hatte ein solides Konzert einer routinierten Band mit einem Sänger, der schon mit 15 Jahren bei Attack! Attack! einstieg und das Musikgeschäft kennt, erwartet und bin sogar noch positiv überrascht worden. Chapeau.

Etwas schade war, dass sich Vanna und Trash Boat an den Merch-Preisen von Beartooth orientieren mussten und ein Shirt so für 20,00 EUR und sogar simple Beanies aus Polyester mit aufgenähtem Logo 20,00 EUR kosten. Bei etwas faireren Preisen hätte sicher der ein oder andere des teils jüngeren Publikums eher oder auch mehrfach zugeschlagen. Ein wenig Ernüchterung hat man besonders den Jungs von Vanna und Trash Boat hinter ihren Tischen schon angesehen. Drücken wir ihnen die Daumen, dass sie möglichst wenig Gepäck wieder mit nach Hause nehmen müssen.

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