Halcyon Days – Nothing To No One // Something To Someone

05.06.2026 - Metalcore, Post-Hardcore - Indie Recordings - 33:44 Minuten

2021 war schon ein verrücktes Jahr: zahlreiche Einschränkungen, wenig Möglichkeiten, sich draußen zu bewegen, und eine Menge Zeit, um Rezensionen zu schreiben. Zeit, die wir bei Time For Metal nutzten, um unzählige Scheiben zu hören und unsere Gedanken in Worte zu fassen. An meinen persönlichen Rekord von über 70 Reviews in einem Jahr werde ich so schnell nicht wieder herankommen. Umso schöner ist das Gefühl, dass trotz der Masse ein paar Bands im Kopf hängengeblieben sind. Eine davon ist die norwegische Band Halcyon Days. Die Jungs haben seit dem starken Album Keep Myself From Sinking vor fünf Jahren nichts mehr von sich hören lassen. Erfreulich ist die Tatsache, dass sich das Line-Up, bis auf den Abgang von Gitarrist Ulrik Linstad, nicht verändert hat. Vor allem die eindringliche Stimme von Sänger Robbe Madsen hat sich nachhaltig in meinem Hirn und in meinem Herzen festgesetzt. Das neue Material mit dem Titel Nothing To No One // Something To Someone beschäftigt sich mit Themen wie Isolation, Selbstzerstörung, Liebe, Wut, Burnout, Verlust und der Möglichkeit der Veränderung. Stürze ich den Abgrund hinunter oder kann ich mich mit letzter Kraft nach oben hieven, um wieder den Boden unter meinen Füßen zu spüren? Wie von den Norwegern gewohnt, werden also persönliche Erfahrungen mit Metalcore und Post-Hardcore vermengt, um den selbsternannten „True Norwegian Metalcore“ zum Leben zu erwecken. Mal schauen, wie sich die Pause auf den Sound von Halcyon Days ausgewirkt hat.

Halcyon Days | Photo Credit: Anine Desire

Wärmende Melodien treffen auf wütenden Hardcore

Regen fällt. Weiter in den Abgrund schauen oder neuen Mut schöpfen? Das kurze Sunday Morning dringt mit seinen in der Ferne hallenden Zeilen „Last night, everything was fine, now I’m running out of time …“ tief unter die Haut und gibt die weitere Richtung vor. Something To Someone soll uns daran erinnern, dass zwischenmenschliche Beziehungen – zumindest die nicht toxischen – wie ein Rettungsanker fungieren können. Du bist nicht allein, wir gehen gemeinsam durchs Feuer! Die wärmenden Melodien wirken seltsam vertraut und ich kann sagen, dass sich der Stil der Band nicht entscheidend verändert hat. Wenn man von Veränderung sprechen möchte, dann sind Halcyon Days noch kompakter und intensiver ans Songwriting herangegangen.

Katharsis macht sich in N.I.T.C bemerkbar. Wütender Hardcore trifft auf emotionale Passagen. „You are not welcome … (tief Luft holen) anymooooore.“ Diese Worte, gefolgt von einem genialen Gitarrensolo, schürfen tief. Scheinbar mühelos kombinieren die Norweger Aggression, Melodien und Emotionen. Jedes geschriene Wort wirkt wie ein Befreiungsschlag. Ein weiteres Ventil für angestaute Gefühle nennt sich My Heart Is My Compass. Das Chaos im Kopf beginnt sich zu verselbstständigen und man verliert die Kontrolle über seine eigenen Gedanken. Voller Verzweiflung kehrt Robbe in bester Post-Hardcore-Manier sein Innerstes nach außen. Der Refrain geht ins Ohr und bleibt im Kopf.

Metalcore Made in Norway

Falls ihr euch fragt, wer die norwegische Metalcore-Flagge während der Abwesenheit von Halcyon Days hochgehalten hat, kann die Antwort nur Fixation lauten. Die seit 2020 aktive Band hat vor allem mit ihrem zweiten Output Speak In Tongues bleibenden Eindruck hinterlassen. Fixation-Sänger Jonas W. Hansen gastiert auf dem emotionalen Hassbrocken namens Save Me From Myself. Das Ergebnis sind Hooks en masse, gepaart mit authentischen Gefühlsausbrüchen. Im Mittelteil bekommen Bass und Drums ein wenig Luft zum Atmen, was für willkommene Abwechslung in der gesangslastigen Nummer sorgt. Watch Me Burn ist wohl der bisher aggressivste Song der Bandgeschichte. Stakkato-Gewitter hinterlassen nichts als verbrannte Erde. Unterm Strich ist mir das Stück aber zu simpel aufgezogen. Das melancholische Instrumental Restylane markiert eine kurze Verschnaufpause, ehe die rockigen Gitarrenläufe zu Beginn von Hands Full Of Ruin aufhorchen lassen. Zwei Welten, bestehend aus zauberhaften Melodien und Harsh Vocals, prallen hier aufeinander.

Der Spannungsbogen in Nightless Nights soll die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen lassen. Musikalisch gibt es Raum zur Entfaltung, während Robbe Madsen erneut seine Stimmbänder an den Rand des Wahnsinns treibt. Egal, wie viele Dämonen du schon bekämpft hast, irgendwas versucht dich immer wieder Richtung Abgrund zu ziehen. Nothing To No One ermutigt dennoch, weiterzumachen. Einfache Antworten gibt es nicht. Die Riffs beweisen ohne Zweifel Moshpit-Tauglichkeit. „Sleepless niiiiights, lifeless days …“, was wäre ein Metalcore-Album ohne einen guten alten Singalong zum Abschluss?

HIER! geht es für weitere Informationen zu Halcyon Days – Nothing To No One // Something To Someone in unserem Time For Metal Release-Kalender.

Halcyon Days – Nothing To No One // Something To Someone
Fazit zu Nothing To No One // Something To Someone  
Schön, dass die Norweger mit Wut im Bauch zurück aus der Pause gekommen sind. Dieser schnörkellose Stil, genau an der Schnittstelle aus Metalcore und Post-Hardcore, wird heutzutage nicht mehr so häufig gespielt. Die Produktion ist von rauer Natur und verleiht den persönlichen Texten, die von Robbe Madsen stark in Szene gesetzt werden, zusätzlich Nachdruck. Die Songs kommen schnell zum Punkt und liefern zeitgleich ein Wechselbad der Gefühle. Nothing To No One // Something To Someone bringt Halcyon Days wieder ins Gespräch und ich hoffe, dass die Jungs ihr Material auch dem deutschen Publikum präsentieren werden. Etwas mehr Aufmerksamkeit für die norwegische Core-Szene kann nicht schaden. Welcome back, guys!

Anspieltipps: N.I.T.C, My Heart Is My Compass und Save Me From Myself 
Flo W.
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