Raunchy – Prisoner

14.08.2026 - Industrial Metal/Melodic Death Metal/Electronic Metal - 58:16 Minuten

Der internationale Siegeszug von Electric Callboy beweist, dass sich Genrecocktails aus Core, Melodic Death, Synths und Dance-Beats endgültig in der Metal-Community etabliert haben. Das war nicht immer so. Einst von einem Großteil der Szene als infantile Spielerei abgetan, ist die Mischung aus harten Gitarren, Industrial-Texturen, Double-Bass-Gebolze und eingängigen Pop-Hooks populärer denn je – und fast schon selbst zur Formel geworden. Ist es Karma, dass ausgerechnet jetzt eine der Bands mit einem neuen Album zurückkehrt, die zu den Wegbereitern dieses Sounds gehört? Nach zwölf Jahren Stille haben Raunchy mit Prisoner ihr mittlerweile siebtes Studioalbum am Start.

Die 1992 gegründete dänische Combo verzückte mich um die Jahrtausendwende mit dem Opener Twelve Feet Tall ihres Debüts Velvet Noise (2001). Raunchy brachten die Aggression und Effektvorlieben von Fear Factory und Strapping Young Lad mit, zündelten mit In Flames und packten poppige Refrains sowie Discotauglichkeit hinzu. Ihre Musik war in der Härte von Metalcore und Melo-Death verwurzelt, hatte aber genauso viel Bock auf unterkühlten Industrial Metal und elektronische Experimentierfreudigkeit. Zu einer Zeit, als die meisten Metal-Bands noch einen sehr deutlichen Sicherheitsabstand zwischen Moshpit und Tanzfläche hielten, schienen Raunchy fest entschlossen, beide zu erobern. Nach all den Jahren der Funkstille markiert Prisoner nicht nur ein kleines Comeback, sondern bietet die Chance, die Band neu zu entdecken.

Gleich vorweg: Raunchy bleiben experimentierfreudig, Prisoner selbst ist aber kein Experiment geworden und setzt da an, wo die Band vor Jahren aufgehört hat. Ein radikaler Stilwechsel ist das nicht – den dürften sich vermutlich allerdings die wenigsten Fans gewünscht haben. Vielmehr perfektionieren die Dänen ihren selbsternannten „Death Pop“-Sound. Der ist direkt beim Opener Frostbite spürbar und klingt weiterhin zeitgemäß und erfrischend, auch wenn Raunchy mit ihrer Musik im Jahr 2026 kein exklusives Alleinstellungsmerkmal mehr pachten.

Prison Break?

Raunchy kehren mit Prisoner zum Label Mighty Music zurück, wo die Band einst ihre Karriere startete. Wieder dabei ist auch Produzent Jacob Hansen (Volbeat, The Black Dahlia Murder), mit dem Raunchy (nicht nur) ihr Debüt aufnahmen, und das lässt sich hören: Die Saiten und das Schlagzeug drücken mit ordentlich Gewicht, ohne angesichts der elektronischen Instrumentierung in einen allzu künstlichen Sound abzudriften. Keyboards und Synthesizer gliedern sich organisch ein; sie setzen Akzente oder übernehmen stimmig die Oberhand, wenn Raunchy poppig sein wollen. Nichts davon wirkt aufgesetzt und niemals dienen elektronische Arrangements nur einem Breakdown oder semi-ulkigen Aha-Effekten. Bei Raunchy gehören Metal und Elektronik seit jeher zusammen – und Prisoner zeigt, wie selbstverständlich und harmonisch diese Verbindung klingt. Auch den im Core-Bereich etablierten Wechsel aus Growls und Klargesang beherrschen Raunchy perfekt. Die Stimme von Mike Semesky – seit 2013 dabei und erstmals auf Vices.Virtues.Visions. (2014) zu hören – gibt den härteren Passagen die nötige Bissigkeit, während Keyboarder Jeppe Christensen den Klargesang mit melodischen Backings unterstützt.

Wer bis hierhin gelesen hat und mit poppigen Refrains (Darkest Self, Designed Despair, Prisoner) oder allgegenwärtigen elektronischen Arrangements im Metal nichts an der Kutte haben will, wird auch mit Prisoner nicht mehr warm werden. Ein eher puristisches Publikum dürfte zudem einen Mangel an Geschwindigkeit beklagen. Zwar finden sich mit Masquerade oder Revealing durchaus Stücke auf dem Album, bei denen Raunchy die Handbremse komplett abreißen, die meisten Lieder sind jedoch im Midtempo verortet. Abwechslungsreich sind die Tracks für sich genommen trotzdem und es gibt immer wieder Feinheiten herauszuhören – wenn die gewohnt heftigen Double-Bass-Attacken nicht gerade das Sagen haben. Geblieben ist auch die Gabe der Band, eingängige Refrains zu schreiben (Frameworker, Higher Truths).

Hier geht es für weitere Informationen zu RaunchyPrisoner in unserem Time For Metal Release-Kalender.

Raunchy – Prisoner
Fazit zu Prisoner
Nach einer derart langen Pause hätten sich Raunchy neu positionieren können. Stattdessen kehren sie zu ihren Anfängen zurück, ohne jedoch einen musikalischen Rückschritt zu begehen. Wie ein nostalgisch verklärter Blick klingt Prisoner dabei zu keiner Sekunde. Die Musik von Raunchy bleibt eigenwillig und zeugt davon, dass ihre musikalische Vision einst schlicht der Zeit voraus war. Nun sind die Dänen damit in einer Gegenwart angekommen, in der Genregrenzen häufiger verwischen oder dankenswerterweise auch offener geworden sind.

Mit Prisoner gelingt ihnen ein erfolgreiches Comeback, das beweist, dass Raunchy sich nicht neu erfinden oder verzweifelt versuchen müssen, edgy zu sein. Gleichzeitig gab es wohl nie eine bessere Gelegenheit, diese Band neu zu entdecken.

Anspieltipps: Designed Despair, Higher Truths und Masquerade
Christian D.
8
Leserbewertung0 Bewertungen
0
8
Punkte