Kontrollverlust und Fliegende Haie am 26.01.2026 im Feierwerk München

One-Night-Stand mit der Vergangenheit

Eventname: Kontrollverlust – “Wir Werden Bei Dir Sein Tour 2026″

Bands: Fliegende Haie, Kontrollverlust 

Ort: Feierwerk München (Kranhalle) 

Datum: 26.01.2026 

Kosten: 30,- € VVK 

Genre: EDM, Trap / Rock, Pop 

Besucher: ca. 100 

Veranstalter: Feierwerk München

Manchmal kommt die Einladung zu einem solchen Abend ganz harmlos daher, in Gestalt eines Freundes beispielsweise, der fragt, ob man nicht am Montagabend mitkommen wolle, zu Kontrollverlust. Wer?

Sagt mir nichts, kenne ich nicht, sieht nach Popmucke aus, vergiss es, frag mich noch mal, wenn’s wieder mal wenigstens um Gwar geht. Dann doch kurz ins Netz und reinhören. Sailormoon, aha. Barbie Girl, soso. Coversongs also, Games und Cartoons, die Neunziger haben angerufen und wundern sich, dass nur die Mailbox rangeht. Dann – I’ll Be There For You, das Friends-Thema, auch meine Jugend. Nostalgie kriecht in mir hoch. Ich beschließe, der ganzen Angelegenheit eine Chance zu geben.

Als ich gegen halb acht im Feierwerk eintreffe, sind die Türen zur Kranhalle schon zu, vor der Bühne stehen bereits zahlreiche Menschen und Technobeats wummern mir entgegen. Von wegen Beginn 20:00 Uhr?!

Fliegende Haie – 26.01.2026 – Feierwerk München

Als Anheizer gibt sich das Duo Fliegende Haie die Ehre, bürgerlich Kristina und Jan, deren Message an die Zuhörer sich irgendwo zwischen Doktor-Sommer-Team, Geschlechterkonflikten und Gesellschaftskritik verortet, ein Blick auf sich selbst und die Welt aus unüberhörbar sehr jungen, aber aufmerksamen Augen, bunt und lebensfroh in der Präsentation, kritisch und nachdenklich in den Lyrics, Coming-of-Age-Trap ohne Tabu. Darf man diesem Internet glauben, ist der Bühnenname inspiriert von einem entsprechenden Ausruf des YouTubers Gewitter Im Kopf (er ruhe in Frieden).

Den beiden schlägt eine grundlegende Sympathie entgegen, die Stimmung ist gut, und Songs wie Partymaus oder Ich Blute finden Anklang, auch wenn hinter der scheinbaren Unbeschwertheit und den tanzbaren Rhythmen auch schwierige Themen lauern. Ein paar Gäste schauen etwas irritiert, musikalisch schmeckt der Haifischsalat natürlich ganz anders als das, was der Hauptact verspricht.

Nach ein paar Songs habe ich dann auch genug – ich bekomme den mentalen Spagat zwischen Tanzen und nachdenklichem Innehalten zumindest an diesem Abend einfach nicht hin. Tut mir leid, liebe Haie, meine von Herzen kommende Sympathie habt ihr, eure Show mit Macbook und Neonlicht, so minimalistisch sie auch ist, kann sich sehen lassen, euer Publikum wisst ihr zu nehmen und die Worte, in die ihr eure Gedanken fasst, sind definitiv erwachsener als eure Outfits, aber auf musikalischer Ebene schwingt da keine Saite in mir.

Auch Kontrollverlust sind nun, weiß der Teufel, auch alles andere als eine Metalband, spielen aber echte, handgemachte Musik, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Grund genug, hier ein aufmerksames Ohr zu riskieren.

Von Beginn an merkt man, dass die Band sich bereits eine Fanbase erspielt hat, die Rituale der Interaktion zwischen Band und Publikum wirken eingespielt, es wird nach Leibeskräften mitgesungen und die Kranhalle ist gut gefüllt, wenn auch nicht ganz ausverkauft.

Für Menschen meines Alters sind viele Stücke und Melodien dabei eine Reise in die eigene Vergangenheit, zurück in eine Zeit, als Fernseher noch Bildröhren hatten und man sich im Winter die Hände daran wärmen konnte, während man stundenlang Cartoons und Videospiele konsumierte, gefangen in einer Welt aus flimmernder Manga-Action und Synthesizer-Sounds. Dass die meisten dieser Melodien und Songs nicht nur im Kontext einer Konsole oder eines Zeichentrickfilms funktionieren, sondern einfach zeitlos großartig sind, merkt man spätestens hier und jetzt, wenn einem das alles in rockigem Gewand und gerade einmal 20 bis 30 Jahre später von vier Jungs aus dem Ruhrpott um die Ohren gehauen wird.

Kontrollverlust – 26.01.2026 – Feierwerk München

Wer erinnert sich nicht an Dragonball, Sailormoon, Michel Vaillant, Tetris, den Titelsong von Friends oder an die Duck Tales? Man schließt die Augen und ist wieder dort, wo man all das am liebsten geschaut oder gespielt hat.

Und mir kommt eine Frage in den Sinn – haben die jüngeren Menschen hier im Publikum dieses Universum der Popkultur nachträglich für sich entdeckt, oder zündet das alles auch ohne verwaschene Flimmerkistenerinnerungen und ohne das haptische Gedenken an die abgegriffenen Knöpfe eines Gameboys? Vielleicht sollte ich einfach fragen, aber es ist zu laut, und als zum Gumibären Song auch noch ein Circlepit initiiert wird, kocht die Halle.

Ein wenig amüsiert leitet Sänger Marvin das Spektakel mit einer Anekdote zum offenbar seit Neustem steigenden Interesse einiger Metal-Magazine am Schaffen von Kontrollverlust ein. Auch die Wall of Death darf nicht fehlen, wobei die Option zum Händeschütteln als Alternative angeboten wird. Ich beginne zu begreifen, warum das so ist. Hier stehen vier Vollblutmusiker auf der Bühne, ein eingespieltes Team, das sich allem Instagram-Ruhm und dem Streben nach Aufmerksamkeit zum Trotz im Bühnenlicht unprätentiös und absolut natürlich gibt.

Auf dem Höhepunkt des Abends begibt sich Marvin dann mit Akustikgitarre in die Mitte der Menge, die ihm Platz macht wie einst das Rote Meer Moses. Unverstärkt wird Durch Den Monsun gejammt, Seifenblasen fliegen, und auch wenn meine Sympathie für das Original arg begrenzt ist – das hier ist ein unvergesslicher Moment, so intim wie nur kleine Konzerte je sein können, und wie sie nur echte und ehrliche Musik erschaffen kann.

Zum Schluss gibt’s Leb Deinen Traum, das Thema der Digimon Adventure Serie, für das sich Marvin sogar ein paar japanische Lyrics draufgeschafft hat.

Danke Jungs, auch Time For Metal reiht sich hiermit ein in den Reigen der Fans, auch wenn die Skepsis durchaus groß war. Für Ende des Jahres ist die nächste Tour bereits angekündigt – ich werde dann nicht zweimal überlegen müssen.