Cemetery – Thoughts On Life … And Death

08.08.2025 Black Metal / Death Metal / Progressive Metal - Eigenproduktion - 49:41 Minuten

Ich erzähle euch mal eine kleine Geschichte, die in einem fiktiven Land spielt (Ähnlichkeiten mit real existierenden Ländern sind rein „zufällig“):

Eine (ebenfalls) fiktive Person namens Jim erklärt, warum aus seinen Gedanken Ängste erwachsen: Die Menschen in dem Land verzweifeln so langsam, weil sich die Justiz politischen Vorgaben unterwirft. Gegen diesen Umbruch protestiert Jim und wird bei einer Demonstration festgenommen. Plötzlich wird die Angst real für ihn. Nach einiger Zeit im Gefängnis lähmen ihn die Ereignisse und er beginnt, an seinem Verstand zu zweifeln. Es kommt, wie es kommen muss: Die nicht mehr Recht sprechenden, sondern politisch handelnden Justizbeamten legen ihm nahe, seine Individualität aufzugeben, um sich der einen, der „reinen“ Wahrheit zu unterwerfen. Sich nicht umkrempeln lassen wollend, wird Jim nun vor Gericht gestellt und muss diesen Schauprozess angstvoll über sich ergehen lassen, auch diverse Folterverhöre können ihn nicht umstimmen. Das Urteil, das schließlich gefällt wird, gibt ihm die Gewissheit, dass er im Kerker alleingelassen und irgendwann sterben wird. Wir, die Außenstehenden, verstehen, dass Jim sich nach menschlicher Wärme sehnt. Was ihm alleine bleibt, ist seine Würde, an der er bis zum letzten Atemzug festhält.

Tja, und was soll nun das Ganze? Die Erklärung ist einfach: Vor einiger Zeit erhielt ich von Cemetery deren aktuelles, im August 2025 erschienenes Album Thoughts On Life … And Death. Die vier Bayern erzählen genau diese Geschichte mit ihren musikalischen Mitteln, die sie geschickt einsetzen. Das Quartett setzt sich aus Dani Zizek (Gesang und Gitarre), Markus Heilmeier (Gitarren) und Stefan Hendel (Bass) sowie Tobias Kasper (Schlagzeug) zusammen.

Eigentlich sind Cemetery schon ziemlich alt, die Formation gründete sich bereits im Jahr 1990 in Schongau. Ein erstes Demo wurde 1991 produziert. Dank diesem und ihren Live-Qualitäten wurden sie schnell über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und spielten zum Beispiel mit Dark Millenium, Fleshcrawl und Pyogenesis. Kurz nach Fertigstellung von Enter The Gate, ihrem Debütalbum, meldete das sie betreuende Label Insolvenz an und kam seinen Verpflichtungen der Band gegenüber nicht nach, was zum frühen Ende von Cemetery führte. Reaktiviert wurde die Band 2017 als amerikanisch-deutsches Projekt, das bis 2020 Mitglieder aus Los Angeles und Bayern beherbergte. In dieser Zeit entstand The Last Day On Earth. 31 Jahre nach der Gründung stand nach einigen Besetzungswechseln die jetzige Formation in den Startlöchern. Musikalisch gibt es Black, Death und Progressive Metal voll auf die Fresse.

Kurz, schnell und heftig startet man ins knapp 50 Minuten lange aktuelle Werk der Bajuwaren. Ein markerschütternder Schrei lässt die Hörer an den Ängsten und Gedanken Jims teilhaben. Flinke Finger wirbeln danach über die Hälse der vier- und sechssaitigen Instrumente, dem Schlagzeuger merkt man den Ärger über das fiktive Justizsystem an und des Sängers Stimme klingt derb und gleitet in tiefere, bedrohliche Bereiche ab. Physical Fear startet „normal“ metallisch und stampft mitten durchs Wohnzimmer, bevor instrumentale Momente à la Sepultura oder Slayer den Song ausschmücken. Nothingness vermittelt anfangs den Eindruck, die Musik käme aus einer Kathedrale, deren Besucher die Kreuze falschherum zum Altar richten. Bis zum vorletzten Stück zeigt sich, dass Cemetery mächtig auftrumpfen können. Die Gitarrensoli sind alles andere als stinknormal, die Jungs probieren scheinbar gerne neue Dinge aus, auch wenn die Unterschiede zu anderen Solisten naturgemäß nicht allzu groß sein können, da es praktisch nichts gibt, was nicht schon einmal da war. Im ultraschnell beginnenden Believe schreit der fiktive Jim seine Angst vor der Aufgabe seiner Individualität mehrfach heraus. Fast schon sanft endet dieses Stück nach knapp sechs Minuten. Beachtet bei Truth A unbedingt die Gitarrenarbeit, das Riffing schneidet einem nicht gleich die Kehle durch, das Schlagzeug hält sich ein wenig zurück und der Bass hat hier seine ansprechendsten Phasen. Danis Gesang vollzieht eine klangliche Wende in Bezug zu den sieben Tracks vorher. Stark, wie gerade in diesem Song die Experimentierfreudigkeit der Bayern zutage tritt. Doch all das ist „nichts“ im Vergleich zum Schlusspunkt des jetzt sechs Wochen alten Albums Thoughts On Life … And Death. Elf Minuten lang erreicht Thoughts On Death ein Niveau, welches in den Bereichen Schwarz- und Todesmetall nur selten anzutreffen ist. Jims Todesgedanken brennen sich düster in die Gehirne der Zuhörenden ein. Epische, getragene, wundervoll schleppende Klänge werden von einem Gesang begleitet, der nicht vom realen Dani, sondern vom irrealen Jim zu kommen scheint. Die Hilflosigkeit des Gefangenen verschafft sich in bösartigen Lauten Gehör, sodass einem angst und bange werden kann. Großartig! Thoughts On Death möchte ich euch unbedingt ans Herz legen. Keine Bange, ihr opfert dadurch keine elf Minuten eures kostbaren Lebens, sondern erfüllt diese im Gegenteil mit etwas ganz Besonderem.

Dani, Markus, Stefan und Tobias, falls ihr jemals diese Zeilen lesen solltet, möchte ich euch wissen lassen, dass ihr mir mit dem Zusenden des Albums eine große Freude bereitet habt. Vielen Dank dafür!

Autor: Jürgen Kohlschmidt

Hier! geht es für weitere Informationen zu CemeteryThoughts On Life … And Death in unserem Time For Metal Release-Kalender.

Cemetery – Thoughts On Life … And Death
Jürgen Kohlschmied
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