Deep Purple – Splat!

03.07.2026 - Hard Rock - earMUSIC - 51:17 Minuten

Es zeichnete sich ja bereits ab, dass es von den Hardrock-Urgesteinen etwas Neues geben würde. Nun kommt also das inzwischen 24. Album und es stellt sich die Frage, ob es sich nahtlos in die Erfolgsgeschichte der letzten fünf Alben einreihen lässt. Erneut setzen Deep Purple dabei auf Bob Ezrin an den Reglern, der bis dato phänomenal gut produziert hat. Wird auch diese Platte wie Now What?! (2013), Infinite (2017), Whoosh (2020) und =1 (2024) Platz eins der Albumcharts einnehmen? Da kann ich bereits eins vorwegnehmen: Sie ist, wie soll ich sagen, mäßig … um genau zu sein, hammermäßig gut.

Saustark, mega produziert, tolle Songs, und wenn man Vergleiche ziehen soll, dann könnte die Platte so ähnlich in den späten Siebzigern entstanden sein, nur halt moderner und von einem Produzenten gelenkt, der genau weiß, wie er die Musiker in Szene setzen muss. Damit beweisen sie einmal mehr ihre Rolle als kreatives Kollektiv mit Gespür für Rock ’n‘ Roll, Hardrock, Classic Rock, oder wie man es auch immer nennen will. Dabei ist das Alter der einzelnen Musiker eher ein Gewinn als ein Nachteil, denn Deep Purple können bereits seit Jahren das machen, wozu sie Lust haben, und das machen sie gut. Verstärkt durch Simon McBride liefern sie Songs auf den Punkt ab und zeigen den jungen Bands von heute, wo der rockige Hammer hängt. Unterschätze niemals eine Band, die bereits seit über 50 Jahren musikalische Geschichte schreibt.

Bereits die ersten Auskoppelungen zeigen, wo es hingeht

Die Platte wird am 3. Juli in zahlreichen Formaten und Bundles erscheinen und dürfte für den eingefleischten Fan ein kostspieliges Vergnügen werden. Farbige Vinyl-Ausgaben, CDs, Box-Sets und allerlei weitere Memorabilia stehen zur Verfügung. Sogar Revox-Abspielgeräte werden angeboten. Die Maschinerie läuft also auf Hochtouren und dürfte den Bandmitgliedern einige Freiheiten ermöglichen, wie eine ausgedehnte Tournee in den kommenden Monaten. Im Vorfeld gab es bereits zwei Vorab-Singles, die einen ersten Eindruck der insgesamt 13 Songs vermitteln. Den Anfang machte am 13. Mai Arrogant Boy, zugleich der Opener des neuen Werks. Knapp zwei Wochen später folgte dann mit Diablo ein weiterer Song, der eins deutlich macht: Es geht spürbar härter zur Sache als auf den vorhergehenden Alben.

Back to the Roots? Nicht ganz, denn diese waren damals noch deutlich bluesiger, bevor die Mark-II-Besetzung den ultimativen Hardrock-Sound prägte. Unvergessen sind die Erfolgsalben In Rock (1970), Fireball (1971) und Machine Head (1972) sowie das ultimative Live-Album Made In Japan (1972), an dem sich bis heute nahezu jede Hardrock-Band messen lassen muss. Genau in diese Richtung geht Splat!: ursprünglicher, härter, schneller und dennoch modern produziert. Es ist gewissermaßen eine Reise zurück in die Zukunft.

Don Airey und Simon McBride – die modernen Erben von Ritchie Blackmore und Jon Lord

Beginnen wir am Anfang, nämlich mit Arrogant Boy. Ein fetziges Riff, punktuell eingesetzte Keyboards und dann Ian Gillan, der sofort mit voller Wucht loslegt. Ordentlich Tempo, treibende Drums und markante Bassläufe machen diesen Song zu einem Opener, der als Einladung für Großes verstanden werden kann. Simon McBride liefert sich dabei mit Gastgitarrist Keith Urban rasante Gitarrenläufe, auf die Don Airey stets die passende Antwort findet. So kann es gerne weitergehen. Auch beim zweiten Track dominieren Keyboards und Gitarre. Zwar nicht mehr ganz so schnell, dafür mit einem starken Rhythmus und einer eingängigen Melodie im Mittelteil. Diese bildet den Einstieg für einen erneuten Schlagabtausch zwischen Gitarre und Keyboard. Jeder der beiden Musiker bekommt seine Momente, und das führt unweigerlich zurück in die Siebzigerjahre, als Jon Lord und Ritchie Blackmore in der legendären Mark-II-Besetzung ähnliche musikalische Duelle zelebrierten. Hier ist alles etwas geglätteter, weniger rau als in den Siebzigern. Besonders gut gefällt mir dabei Ian Gillan, der locker und souverän durch den Song manövriert und stimmlich in hervorragender Verfassung ist. Nett ist auch der Abschluss, bei dem man offenbar einen Moment aus dem Studio bewusst auf der Aufnahme belassen hat. „Hahaha, I love that“, hört man Gillan am Ende des Takes sagen.

Weiter geht es mit The Rider und The Lunatic. Gute Rocker, die sich ebenfalls auf die starken Tugenden der Siebzigerjahre besinnen. Klar und deutlich liegt das Hauptaugenmerk auf Keyboards und Gitarre, nicht ganz so smooth, sondern spürbar härter. Macht definitiv Spaß zuzuhören. Steve Morse war für den Deep-Purple-Sound ein genialer Gitarrist. Simon McBride vermag jedoch, noch einmal eine andere Seite hervorzuheben. Er hat eine eigene Herangehensweise, die stärker das Ursprüngliche herausarbeitet. Dabei verliert er sich nicht in zu vielen Spielereien, sondern setzt seine Läufe gezielt ein und lässt den Song im Vordergrund stehen. Kurz: Er frickelt nicht so viel.

Das zweite Drittel macht da weiter, wo das erste aufgehört hat

Auch die folgenden Tracks fügen sich nahtlos in das Konzept ein. Das gesamte Album steht im Zeichen der Metamorphose: Aus einem großen Unheil erwächst etwas Neues. Dieses Thema spiegelt sich in den Songs wider, auch wenn kein düsteres Weltuntergangsszenario die Texte und die Atmosphäre beherrscht. Sacred Stone ist ein Midtempo-Rocker mit eingesetzten Synthesizern und einem stampfenden Rhythmus, der perfekt zur Geschichte und zum Konzept des Albums passt. Die Erzählung von zwei knorrigen Männern, die sich bis zur Erschöpfung bekämpft haben, um schließlich zu erkennen, dass ihre Fehde sinnlos war und sie sich am heiligen Stein versöhnen. Auch The Beating Of Wings schlägt inhaltlich eine ähnliche Richtung ein. Musikalisch fühlt man sich ebenfalls immer wieder an ältere Stücke erinnert, und nicht selten kommt einem eine flüchtige Melodiefolge bekannt vor. Kaum wahrgenommen, ist sie schon wieder verschwunden und hinterlässt dieses Gefühl: „Das habe ich doch schon einmal gehört, nur wo?“

Klavier und Gitarre dominieren bei Guilt Trippin‘. Don Airey zeigt auch auf dieser Platte einmal mehr sein Können. Nicht umsonst hat er im Laufe seiner Karriere mit zahlreichen Künstlern zusammengearbeitet, die auf seine Virtuosität gesetzt haben. Auch seine Soloalben können sich hören lassen. Hier verleiht er den Songs erneut seinen ganz eigenen musikalischen Stempel. Bob Ezrin weiß genau, wie er alle Protagonisten optimal in Szene setzt, ohne ihnen den Raum zu nehmen. Das Zusammenspiel zwischen Deep Purple und Bob Ezrin funktioniert nahezu perfekt. So sehr, dass der gute Bob mittlerweile sogar selbst als Background-Sänger auf der Platte zu hören ist.

Das letzte Drittel rundet das Gesamtwerk gekonnt ab

Fast alle Songs bewegen sich in der komfortablen Drei- bis Vier-Minuten-Grenze. Dadurch werden sie nicht künstlich aufgebläht, sondern konzentrieren sich auf den Kern und kommen schnell auf den Punkt. Nicht, dass ich etwas gegen ausufernde Songs hätte, gerade live. Ich erinnere nur an Space Truckin‘, Child In Time oder die noch älteren Stücke Mandrake Root und Wring That Neck, die auch schon mal live 30 Minuten dauern und das Duell Lord/Blackmore oder Gillan/Blackmore oder auch mal Lord/Gillan prägnant herausstellen. Gerade live dürften aber auch die neuen Songs bestens funktionieren, und das Duell zwischen Simon McBride und Don Airey ist auf der Bühne sicherlich sehenswert, wie die Vergangenheit bereits bewiesen hat.

Auf der Platte hat Jessica’s Bra nun einen der auch in der Vergangenheit immer mal wieder typischen Deep-Purple-Inhalte. Mit mehr als einem Augenzwinkern geht es hier um Jessica, wobei sie eigentlich nur stellvertretend für eine frivole Barnacht steht. Solche leicht verdeckt schlüpfrigen Themen gab es bereits früher, man denke nur an Mary Long. Nach Third Call und My New Movie folgt mit dem Titeltrack der Abschluss des Albums. Hier wird auch noch einmal die tragende Rolle von Roger Glover am Bass deutlich stärker in den Vordergrund gerückt. Es zeigt die Bedeutung dieses Instruments und die Wichtigkeit des Bassisten innerhalb der Band.

Da ich bisher noch kein Wort über Ian Paice verloren habe, soll das zum Schluss nachgeholt werden. Als einziges dauerhaftes Mitglied der Band ist er das Rückgrat von Deep Purple. Sein dynamisches Spiel benötigt keine riesigen Drumsets mit unzähligen Becken, zusätzlichen Snares oder überdimensionierten Bassdrums. Er liefert mit seiner immensen Erfahrung und seinem besonderen Gespür für den Sound die kraftvolle Basis, auf der alles aufbaut. Das ist wahres Können. Er beweist es auf jedem einzelnen Song, ohne sich jemals unnötig in den Vordergrund zu spielen. Songdienlich nennt man das wohl.

Damit endet das neueste Werk von Deep Purple eindrucksvoll mit Zeilen, die auch inhaltlich perfekt zum Konzept des Albums passen:

„I look into the future
As we splat against the wall
Leave this all behind and soon
We won’t be here at all
We goin’ Metaphysical
Whimsical and spiritual
Won’t need that sycamore no more“

Hier geht es für weitere Informationen zu Deep Purple – Splat! in unserem Time For Metal Release-Kalender.

Deep Purple – Splat!
Fazit zu Splat!
Auch auf dem 24. Studioalbum werden Deep Purple nicht müde. Ganz im Gegenteil: Während andere längst ans Aufhören denken, legen die Herren um Sänger Ian Gillan, Roger Glover, Ian Paice, Don Airey und den jüngsten Zugang Simon McBride noch einmal eine Schippe drauf. Modern gespielter Hardrock, der unterhält, mit Texten, die nicht immer ganz ernst gemeint sind, sich aber insgesamt thematisch mit der Metamorphose und den daraus entstehenden Chancen beschäftigen. Erneut schafft es Bob Ezrin, die Band genau ins richtige Licht zu rücken. Deutlich auf die Achse McBride/Airey zugeschnitten, liefern die 13 Tracks eine frisch wirkende und modern rockende Band ab. Dazu kommt ein Sänger, der über jeden Zweifel erhaben ist. Ian Gillan beweist einmal mehr, warum seine Stimme untrennbar mit dem Sound von Deep Purple verbunden ist. Dieses Album dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit einen Platz in meinen persönlichen Top 5 des Jahres finden. Anspieltipps: Arrogant Boy, Jessica's Bra, Splat!
Kay L.
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