Das Jahr 2026 markiert einen Meilenstein für Janosch Rathmer (Schlagzeug), Jan Hoffmann (Bass) sowie die beiden Gitarristen David Jordan und Florian Füntmann. Zusammen sind sie unter dem Namen Long Distance Calling seit nunmehr 20 Jahren aktiv. Diese Zahl soll natürlich gebührend gefeiert werden. Aus diesem Anlass hat die Band ein komplettes Kreativpaket geschnürt, auf das sich Fans – und solche, die es noch werden wollen – freuen dürfen. Den Startschuss markiert am 10. April das neunte Studioalbum The Phantom Void, über das der liebe Kollege Lommer und ich heute ausgiebig philosophieren wollen. Bereits zwei Tage vor Release können Zuschauer das komplette Werk am Stück live in der Essener Lichtburg erleben, wo auch das letzte Livealbum aufgezeichnet wurde. Zudem gibt es dort ein Best-of unter dem Banner 20 Jahre Long Distance Calling auf die Lauscher. Die Setlist durften Fans vorab per Voting mitbestimmen. Im November/Dezember dieses Jahres wird eine ausgedehnte Europatour folgen.
Horror frei Haus
Doch damit nicht genug. Der weltweit gefragte Imagefilmer Felix Julian Koch erarbeitete zusammen mit der Band einen Kurzfilm, der die drei Singles A Secret Place, The Spiral und Sinister Companion sowie das Intro umfasst. „Solche Projekte“, so Koch, „sind der Grund, weswegen ich Filme mache.“ Ein Horrortrip – irgendwo zwischen David Lynch und John Carpenter. Lommer wohnte der Uraufführung in Hamburg bei. Seine Eindrücke könnt ihr HIER nachlesen. Passend zu einer Szene aus dem Film kreierte Comic-Legende Rupert Gruber, der u. a. für Marvel tätig ist, das Cover-Artwork im Stil kultiger 80s-Slasher-Filme.

Zeit durchzuatmen
Uff! Da haben sich die Jungs verdammt viel Mühe gegeben, das Jubiläum gebührend zu feiern. Dafür nahm sich die Band mit vier Jahren, die seit dem Konzeptalbum Eraser vergangen sind, so viel Zeit wie nie zuvor in ihrer Karriere. Wie Drummer Janosch in unserer kürzlich erschienenen Podcastfolge erzählte, war der Songwritingprozess gar nicht unbedingt länger als gewohnt, aber es war an der Zeit, durchzuatmen, um neue Ideen zu finden. Mit knapp 46 Minuten ist The Phantom Void die bisher kompakteste LDC-Platte und passt somit auf eine einzelne Vinylscheibe. Ein Medium, welches der Band sehr am Herzen liegt. Vorwegnehmen kann ich an dieser Stelle den grandiosen Sound auf dem Album – der „atmet“. Insbesondere der tighte, glasklare und dennoch rohe Drumsound ist einfach nur geil. Aufgenommen wurden die Drums von Janosch zusammen mit Arne Neurand, dem langjährigen Producer der Band, in Rotenburg an der Fulda (bekannt durch den „Kannibalen von Rotenburg“, passend zur Horrorthematik). Im dortigen Studio ist laut Janosch „der Treppenflur der heimliche Star“. Ganz im Stil von John Bonham (Bonham im Flur, der Rest von Led Zeppelin oben im Studio) entstanden so die Aufnahmen. So, nun aber genug mit den Nerd-Facts, stürzen wir uns kopfüber ins „Nichts“ namens The Phantom Void.
Mare
Florian W.:
Obwohl Long Distance Calling laut eigenen Aussagen häufig einen cineastischen Ansatz verfolgen, habe ich beim düsteren Intro das Gefühl, mitten in einer Folge der Kult-Hörspielreihe John Sinclair zu stecken. Die hallenden Drums lassen mich bei jedem Schlag zusammenzucken und die verzerrte, morbide Stimme macht diesen Albtraum real. Vor allem die Zeile „The darkness remembers what you tried to erase …“ geht unter die Haut. Dass ein Countdown vor allem in der Liveumsetzung funktioniert, weiß ich als Dream-Theater-Fan nur zu gut („Close your eyes and begin to relax“). Die Grundstimmung der Platte wird so gekonnt etabliert.
Lommer:
Das Intro der Platte und die Jungs zeigen schon sehr deutlich, welche Richtung die einschlagen wollen: düster soll es werden, und zwar sehr! Wo bis zur ersten Minute, noch eine gewisse Neutralität im Ton herrscht, wird es durch die gezupfte/verzerrte Gitarre bitterdüster. Die sehr halligen Drums untermalen den ganzen Sound, und klanglich kann der Song auch direkt aus dem Horror-Videospiel Silent Hill kommen. Wenn ihr die Chance habt, guckt euch das Video dazu an! Im Zeise Kino hatte ich Gänsehaut! Es passiert nicht viel, aber die Ansage und das Runterzählen zum Schluss: extrem geil!
The Spiral
Florian W.:
Diese Spirale versucht, mich direkt zu hypnotisieren. Glücklicherweise ziehen die Grooves von Bass und Drums die Aufmerksamkeit kurzzeitig auf sich. Jedoch nur, bis die Gitarren einsetzen und diesen schrägen Psychotic-Waltz-Vibe mitbringen. Nach zwei Minuten lässt sich dazu prima die Rübe schütteln. Doch auch dies bleibt nur eine Momentaufnahme. Der Sog zieht mich runter und spuckt mich schnell wieder aus. Die Beats fesseln mich immer wieder und machen diese Achterbahnfahrt zum puren Vergnügen.
Lommer:
Ähnlich wie bei der Nighthawk startet der Song mit einem Elektro/Synth-Einstieg, um dann in einen rockig/progressiven Part zu wechseln. Sowohl Rhythmus als auch die wirklich schräge, dissonante Melodie sind im ersten Teil bestimmend. Danach wechselt jedoch der Song in einen sehr ruhigen Part, schon leicht asketisch, um dann wieder das Thema vom ersten Part aufzugreifen. Dieses „Stop and Go“ wiederholt sich, um dann aus dieser „Spirale“ auszubrechen und das Ende mit einem brachialen Ausbruch einzuläuten. Ein sehr wirrer Song, der keine klare Struktur hat, aber in eins durchgeht.
A Secret Place
Florian W.:
Kann man sich in einen Drumsound verlieben? Chirurgische Präzision trifft auf organischen Sound. Jeder Snare-Hit ist eine Befreiung. Die aufwändige Produktion hat sich gelohnt. Die Stimme ertönt nicht mehr so offensiv, sondern mahnend im Hintergrund. Bluesige Gitarrenharmonien verschaffen dem Sound etwas Luft. Doch was geschieht dann? Eine fette Prog-Rock-Abfahrt im Mittelteil. Abspacken ist angesagt. Gegen Ende wird es zunächst melodischer, um dann mit Klavierklängen endgültig meterdicke Gänsehaut zu erzeugen. Ich fühle mich gleichzeitig traurig und geborgen.
Lommer:
Mein persönliches Highlight auf dem Album: Melancholie in ihrer puren Essenz, und mit dem Voice-over ab ca. einer Minute absolut abgerundet. Doch Long Distance Calling wissen, wie man Songs schreibt, und schaffen es dann noch, eine ordentliche Portion Energie reinzubringen. In Summe erinnert der mich ein bisschen an den hervorragenden Song Aurora. Was soll man noch dazu sagen: Fahrt nachts mit dem Auto und dem Song auf den Ohren durch die Gegend und sucht euren Secret Place.
Nocturnal
Florian W.:
Nocturnal rifft wie Sau und ist ein richtiger Rocker im verworrenen Albtraum, der dieses Album umschreibt. Immer wieder schaffen es die Jungs, Spannungsbögen aufzubauen, nur um im nächsten Headbang-Part freizudrehen. Im Homeoffice kann ich nicht anders, als kurzerhand meinen Schreibtisch in ein Drumkit umzuwandeln. Der akustische Teil nebst Scooby-Doo-Melodie erinnert mich an alte Opeth-Großtaten, jedoch ohne die Handschrift von LDC zu vernachlässigen. Geht ins Ohr, bleibt im Kopf.
Lommer:
Wieder ein wilder Einstieg, gepaart mit Wah-Wah auf der Gitarre. Ganz cooles Opener-Riff für den heftigsten Song auf der Platte. Denn hier muss gerade der Drummer Janosch in der ersten Hälfte richtig arbeiten! Die ersten Parts wechseln sich hier noch ab, und folgen einem AB-Schema, um dann in einen extrem langen C-Part zu wechseln. Gerade der Drop aus diesem Part, wieder in die erste Hälfte, ist in seinem Gegensatz so stimmig, und trotzdem schlüssig. Einfach genial, sich das anzuhören!
Phantom Void
Florian W.:
Da wir beim Artwork bereits von 80s-Thematik sprachen, wird der Sound zu Beginn des Titeltracks diesem Jahrzehnt gerecht. New-Wave-Synthies treffen erneut auf hallende Drumsounds. Das Katz-und-Maus-Spiel mit teils fragilen und teils heftigen Passagen dominiert das knapp achtminütige Stück. Der groovende Bass steht im Kontrast zur fordernden Gitarrenarbeit, die aber durch melodische Soli aufgelockert wird. Auf Dauer mag vor allem die Gitarrenarbeit etwas „anstrengend“ sein, gleichzeitig setzt sie aber ein Ausrufezeichen.
Lommer:
Quasi der Titelgeber der Platte ist wieder ein ruhiges, melancholisches Stück, welches aber durch seine Gegensätze besticht: Auf der einen Seite haut der Song Dissonanzen raus, auf der anderen Seite wechseln sich die schnellen und langsamen Parts ab und werden sogar zusammengespielt. Was heißt das? Gute Frage, so werden schnellere Licks und gezupfte Gitarrenparts zusammengespielt und von einem Double-Bass-Drum-Part „untermalt“. Gerade dieser Part in der Mitte wirkt so unfassbar dicht, dass der folgende ruhigere Gitarrenpart mit dem Halleffekt gleich viel weiter und offener klingt. Gegensätze ziehen sich an!
Shattered
Florian W.:
Minimalistische Gitarren starten den vorletzten Song. Sehnsucht macht sich im nachfolgenden Klangspektrum breit. Man wartet nur darauf, dass hier ein Jump-Scare hinter der nächsten Tür lauert. So ist es dann auch. Dieses sehnsüchtige Gefühl wird zu Boden gerissen und förmlich zerschmettert. Im weiteren Verlauf spielen sich alle Instrumente in einen Rausch und lassen im letzten Akkord einen Funken Hoffnung aufkeimen.
Lommer:
Dass es Long Distance Calling auch immer wieder schaffen, die Zuhörenden auf eine Reise mitzunehmen, wird mit Shattered bewiesen. So kann man am Anfang kein Stück erahnen, wo sie gefühlsmäßig hinwollen. Ein leicht bedrohlicher Einstieg wechselt sich mit einem wohligen Klang ab, bei dem auch wieder mit einer dichten Klangwand und vielen spannenden Spielereien an den einzelnen Instrumenten gearbeitet wird. Wie es dann aber Long Distance Calling erneut schaffen, die Stimmung komplett zu kippen, ist mir mal wieder ein Rätsel. Das gefühlte Tempo und Grundfeeling des Songs bleiben zwar bestehen, aber es wird eine krasse Kehrtwende gemacht, die nicht erzwungen, sondern organisch wirkt.
Sinister Companion
Florian W.:
Sinister Companion startet mit Drum- bzw. Gitarrensoli, die mich unweigerlich an Dream Theater erinnern. Die Sounds vermitteln mir das Gefühl, „hineingesaugt“ zu werden. Doch dieses Gefühl verschwindet spätestens, wenn der „unheimliche Begleiter“ seine Botschaft verkündet. Langsam lichtet sich der Nebel. Der Protagonist erkennt die Wahrheit, die vielleicht lieber im Schatten verborgen geblieben wäre. Die perkussiven Drums dominieren, die Gitarrenwände bröckeln. Wie ein Mantra wiederholt sich Akkord um Akkord und verhallt langsam als Echo in der Ferne.
Lommer:
Das letzte und längste Stück bringt die Traumreise zum Abschluss: Wieder mit Voice-over, wie beim Opener auch, klären sich langsam die Geschichte und der rote Faden des Albums auf. Guckt euch unbedingt das Video dazu an, Regisseur Felix Julian Koch und Long Distance Calling haben hier wieder ein spannendes Kunstprojekt rausgelassen! Nach 20 Jahren wissen die vier Musiker einfach, wie sie Songs und Alben schreiben, um Gefühle und Themen verarbeiten zu können. So werden hier repetitive Muster (bei den Gitarrenparts) genutzt, um eine Auflösung zu zeigen, die aber in ein offenes Ende führen. Es gibt keinen richtigen Schlussakkord, der das Album zu einem Abschluss führt. Im Gegenteil, eröffnet sich der Beginn mit Mare wieder schlüssig erneut.
HIER! geht es für weitere Informationen zu Long Distance Calling – The Phantom Void in unserem Time For Metal Release-Kalender.



