Pussy Riot am 27.09.2026 im Projektraum Kunstverein Wagenhalle e.V. in Stuttgart

Und die Frage: „Was ist eigentlich nun Punk?“

Eventname: Pussy Riot – Riot Days Tour

Headliner: Pussy Riot

Vorband: New Age Doom, Siffon

Ort: Kunstverein Wagenhalle e.V., Stuttgart

Datum: 27.09.2026

Kosten: ab 35,00 € VK, 42,00 € AK

Genre: Punk, Elektropunk, Doom, Playback

Besucher: ca. 220 Besucher

Veranstalter: Kunstverein Wagenhalle e.V. (https://kunstverein-wagenhalle.de/orte/projektraum/)

Link: https://pussy-riot.livejournal.com/

Erbrochenes. Und zwar eine ganz schön massige Lache. Mitten in der Stuttgarter U-Bahn kurz vor Mitternacht. Eine junge Frau hat sie hinterlassen. Gestützt durch ihre sorgenvolle Freundin. Neben ihrem eigenen trägt sie dieses zweite Lebkuchenherz. „Jenny“ steht darauf. Beide in Tracht. Oder wie man neuerdings sagt: Dirndl. Aktuell ist Cannstatter Wasen in der Landeshauptstadt. Sogar heute. Montags. Die Verkleiderei gehört zwar eigentlich nicht zur Tradition, aber man scheint beschlossen zu haben, das jetzt so lange trotzdem zu machen, bis es eine wird. Sei’s drum. Ob Jenny wusste, dass zur selben Zeit, während sie vermutlich schon ihren fünften Schnaps trank, keine zehn Minuten entfernt drei vom russischen Staat verfolgte Künstlerinnen auf der Bühne standen? Drei, die in Abwesenheit zu vielen, vielen Jahren Haft verurteilt wurden?

In der Wagenhalle

Drehen wir die Uhr noch mal zurück: abends kurz nach 18:00 Uhr beim Kunstverein Wagenhalle e. V. Es war schon eine kleine Sensation, als vor ein paar Wochen die Runde machte, dass die viel besprochenen Pussy Riot in den Süden kommen.

Riot Days – Lesung – Stuttgart

In der Wagenhalle ist der Konzertbereich noch abgesperrt. Zuerst soll gelesen werden. Die Bar hat schon auf. Der Merch-Stand auch. Rund 100 Leute sind bereits da. Normalerweise würden sie ja so was auf der aktuellen Tour nicht machen, sagt einer der Veranstalter. „Da die Aftershowparty heute aber ausfällt, wegen Montag und weil ihr ja morgen eh alle arbeiten müsst beziehungsweise sollt, haben wir uns dazu entschlossen, dass wir Maria „Mascha“ Aljochina Gelegenheit geben wollen, aus ihrem Buch vorzulesen.“ Klischeehaft giggeln zwei Punkfrauen links. Klar. Punk verzichtet an keinem Wochentag auf eine Aftershowparty.

Mascha kommt auf die improvisierte Lesebühne. Lauter, herzlicher Applaus. Sie hat Eric J. Breitenbach an ihrer Seite. Dieser ist Drummer beim Musikkollektiv New Age Doom und gilt als kreativer Partner der Aljochina. Nach ein paar einführenden Worten beginnt sie vorzulesen. Auf Englisch. Eric spielt den DJ und untermalt ihre Worte mit einem Soundteppich. Computerspielegleich. Ja, ab und an scheint er sich tatsächlich bei Diablo bedient zu haben. Sie liest leise. Zu schnell. Ohne Betonung. Verhaspelt sich oft. Ihre große, fast schon demonstrative Brille, mit der sie ihre Texte vom Laptop runterspricht, scheint ihr nicht helfen zu wollen. Aber klar: Ihr im vergangenen Jahr erschienenes Buch Political Girl hat sie vermutlich in ihrer Muttersprache geschrieben und anschließend übersetzt.

500 Seiten also. Und trotzdem liest sich das nicht wie ein 500-Seiten-Buch. Eher wie ein Leben, das jemand versehentlich auf einzelne Zettel geschrieben hat. Kindheit, Jugend, Pussy Riot, Gefängnis, Sotschi, Krim, Ukraine. Nawalny. Dazwischen Muttersein, Angst, Freundschaften, Liebe, Hoffnung. Alles da. Nur die Reihenfolge ist irgendwann verloren gegangen.

Mascha erzählt in Political Girl, was passiert ist. Was sie erlebt hat. Wen sie getroffen hat. Wovor sie Angst hatte. Was sie verloren hat. Was geblieben ist. Manchmal erschreckend persönlich und erstaunlich beiläufig. Und keine politische Analyse. Kein Versuch, Russland zu erklären. Kein „Wir müssen zunächst verstehen, warum …“. Dafür ist das Leben vermutlich bislang auch einfach zu voll gewesen.

Nach 50 Minuten dürfen Fragen gestellt werden. Eric steht auf. Mascha sitzt, die Beine irgendwie zusammengeknotet, eine Vape in der Hand. Wie es ihr ginge, was sie nach der Bucherscheinung gemacht habe und wie der Touralltag aussehe. Eric antwortet. Die Anwesenden sind vertraut mit dem Werk, mit den Details. Fragen aber dennoch nicht: Mascha, wie geht’s dir wirklich? Vielleicht tun sie es aber auch gerade deshalb nicht. Eric würde bestimmt auch darauf antworten. Nur eins will Mascha sagen: „There are many things we cannot choose. But we do choose how we live our lives.“ Wenn Bedeutung schwanger werden könnte.

Siffon – Stuttgart – 2026

Umbau und Soundcheck. 220 Menschen sind mittlerweile da. Es wäre noch etwas mehr Platz gewesen, aber ja: Montag. Es steht die Stuttgarter Punkband Siffon auf der Running Order. Local Heroes also. Langer Soundcheck. Viele vertreiben sich die Zeit draußen. Beim Rauchen. Und Trinken. Und mehr rauchen. Spätsommer in der Stadt.

Klassisch besetzt mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang. Letzterer weiblich. Wieder so eine Band, die meint, Namen seien ohnehin nur eine gesellschaftliche Verrenkung und würden sowieso niemanden interessieren.

Die Monitore tun jetzt auch, der Soundcheck ist beendet. Knallharte, wirbelnde Beats, brachiale Gitarre, punktgenauer Bass und eine Sängerin, die nichts auf der Bühne hält. Growls, Schreie und jede Menge Bewegung. Man denkt beim Zusehen unweigerlich an die gute, viel zu früh gegangene Wendy O. Williams.

Wobei „zusehen“ in der Beschreibung eine übertriebene Wahrnehmung ist: Fast alles spielt sich in Finsternis ab. Hier mal ein wenig Blau, dort ein wenig Rot, aber so richtig sehen: nope. Ein Spot vielleicht? Leider nein.

Sie kniet, sie bangt den Kopf, liegt auf dem Bauch, nur um Sekunden später wieder in ihrem weißen T-Shirt-Kleid wild zu tanzen. Rauf auf die Bühne, runter ins Publikum, rauf aufs Podest und wieder auf Anfang. Viele Breaks, ein exakter Beat, spannende Riffs. Man spielt Fender. Eine Jazzmaster. Also alles, was man im traditionellen Punk so nicht unbedingt vermuten würde. Chöre, die an Ideal anlehnen. Und dennoch erinnert das Ganze durch das nicht stoppende Tempo und die wilden Growls stellenweise an frühe Possessed. Quasi auf Punk.

„Neue deutsche Schelle“ wollen sie ihren Stil genannt wissen. Und mit (Zitat): „Jaja, pathetische Blabla-Ansage, aber lasst uns alle dafür kämpfen, dass alle überall frei leben können“ verabschieden sich Siffon glorreich nach 25 Minuten schon wieder. Jaja. Punk und Attitüde halt. Herzen haben sie heute dennoch gewonnen. Wenn auch nebendran einer sagt: „Also irgendwie war der Soundcheck länger als das Set.“ Alle lachen. Aber ja.

New Age Doom – Stuttgart – 2026

Wieder Umbau. Wieder raus. Wieder rauchen und trinken. Eric auf der Bühne. Allein. Mit seinem Schlagzeug. Er erklärt, dass er festes Mitglied der Tourbesetzung von Pussy Riot sei, eigentlich aber im Musikkollektiv New Age Doom spiele. Und als dieses würde er jetzt auch spielen, bevor die Show nahtlos in die „Punk-Oper“ von Pussy Riot übergehen würde. Aha.

Jemand drückt auf „Play“ eines MP3-Players, der Synthie-Sounds, Bass und Gitarren auf die PA wirft. Eric J. Breitenbach trommelt dazu. Viel Toms, wenig Snare, manchmal Becken. So wie Schlagzeugschüler das wohl täglich tun. Nur halt besser. Und vor Publikum. Kein Gesang. Nur Playback und Toms. Ein „New Age Doom“-Schriftzug auf der hinteren Leinwand. Nach 15 Minuten ist dann auch gut.

Plötzlich wird schließlich ein anderer Knopf gedrückt. Und ein anderes Playback startet. Auf uns wartet: Reiz auf Reiz, Bild auf Bild, Playback, Trommeln, Geschichte, Gewalt, Beschwörung, wieder Video, wieder Schlagzeug. 90 Minuten. Willkommen bei Riot Days. Manche gehen schon früh. Menschen sind schließlich verschieden.

Im Hintergrund ein Video. Alina Petrova mit E-Violine jetzt auf der Bühne, Eric trommelt einfach weiter – immer noch Toms. Mascha in der Mitte. Rechts: Taso Pletner. Später mit einer Querflöte. Und Wasserflaschen, die sie ins Publikum schüttet. Irgendwann kommt auch noch ein Basser. Er bleibt hinten und tigert hin und her wie jemand, der in einem sehr kleinen Zoo auf seine Fütterung wartet.

Pussy Riot – Stuttgart – 2026

Die drei Frauen reden. Singen nicht. Erzählen. Keine Melodien. Nur laut, kreischend, eindringlich. Manchmal beschwörerisch. Maschas Geschichte und unweigerlich damit verwoben auch eine Geschichte ihres Heimatlandes, das für sie heute keine Heimat mehr sein möchte. Alles auf Russisch. Damit auch wirklich niemand aus Versehen auf die Idee kommt, das hier könnte ein leicht zugänglicher Konzertabend werden. Die Übersetzungen laufen auf Englisch über die Leinwand. Also lesen, zuhören, schauen, verstehen. Ohne den Teil mit dem Spaß.

Es geht um den Pussy-Riot-Prozess, die Verurteilung, den Abtransport und immer wieder neue Schikanen. Die Entwicklung des Landes, von Sotschi, von getöteten Dissidenten und Menschenrechtlern und Nawalny. Dann Irina Slawina. Journalistin. Oktober 2020. Nischnij Nowgorod. Vor dem Gebäude der regionalen Innenbehörde. Selbstverbrennung. Auch das läuft über die Leinwand. Bilder von der brennenden Frau. Ein Soldat versucht, sie zu löschen. Still. Wirklich still. Für einen Moment funktioniert diese ganze Maschine aus Bild, Ton, Geschichte und Aktivismus. Jemand ruft begeistert „Mascha“. Fanclubmodus.

Pussy Riot – Stuttgart – 2026

Es wird auf einer Totenliste getanzt. Wild. Wütend. „Fuck Gulag“ aus den Lautsprechern. Unversöhnlich. Hart. Kein Punk, kein Pop, eher synthetischer Gqom. Ernste Themen werden von ernsten Geräuschen begleitet. Sehr ernste Geräusche. Geräusche, die offensichtlich beschlossen haben, heute Abend keinerlei Unterhaltung zuzulassen. Und keine Musik sein zu wollen.

Mehr Playback. Mehr private Videos. Mehr Trommel. Mehr Beschwörung. Mehr Bedeutung. Man ertappt sich irgendwann bei einem vollkommen unzulässigen Gedanken: Könnte der Aktivismus vielleicht kurz Pause machen? Nur drei Minuten? Ein kleiner, schnuckeliger Beat vielleicht? Etwas, zu dem man mit dem Fuß wippen kann? Irgendwas, bei dem der Körper nicht ausschließlich als Träger einer politischen Botschaft gebraucht wird?

Pussy Riot – Stuttgart – 2026

Wer mit bekannten Pussy-Riot-Songs gerechnet hat, wird enttäuscht. „Riot Days“ ist eine geschlossene Show. Punk & Oper. So steht es im Raum. Nur: Der Punk ist irgendwo abhandengekommen und die Oper hat offenbar vergessen, ihre Melodien mitzubringen. Eine Sonnenbrille gilt als Verkleidung. Das Playback dröhnt, die Live-Drums dröhnen dagegen, darüber sprechen, schreien und beschwören drei Frauen. Untanzbar. Unironisch. Unausweichlich. Ein Musiktheaterabend, der den Zuschauer konsequent daran hindert, Zuschauer eines Konzerts zu sein.

Butscha! Ein Thema aus der Hölle. Dazu musikalische Fantasielosigkeit. Je länger die Aufführung dauert, desto mehr hat man das Gefühl, auf hoher See ins Schwimmen geraten zu sein. Ohne Land. Ohne Rettungsring. Ohne irgendeine Ahnung, warum man eigentlich immer noch schwimmt. Irgendwann kommt die Erkenntnis: Schwimmen reicht nicht. Man ertrinkt.

Die, die bleiben, sind die, die kein Konzert erwartet haben. Die, die ohnehin gekommen sind, um genau diese Geschichte noch einmal zu hören. Vielleicht ist das der Trick. Vielleicht aber auch das Problem. Zum Schluss bleibt die Ukraine-Flagge. Mascha und Eric tragen sie. Ein letztes „Fuck Putin“. Die verbliebenen Mittelfinger zeigen Richtung Osten. Die Show ist vorbei.

Der Saal leert sich erstaunlich schnell. Manche machen noch den Umweg über den Merch-Stand. Von dort heißt es, sämtliche Einnahmen gingen an Hospitäler in der Ukraine. Shirts, Bücher, Vinyl, Patches. Der Aktivismus hat einen Verkaufsstand.

Nur noch die Sängerin von Siffon steht vor der Bühne. Mit Freunden. Sie hatte Spaß. Man spielt schließlich nicht jeden Tag mit einem großen Namen wie Pussy Riot. Die anderen schlendern zum Parkplatz. Oder zur Bahn.

Und was ist Punk?

Also: zurück in die U‑Bahn. Jenny wird von ihrer Freundin ausgestiegen. Beide entschwinden in die Nacht. Ohne sich Sorgen um politische Verfolgung oder Haft zu machen. Nicht mal der voraussichtlich wirklich schrecklich werdende Dienstag spielt gerade eine gedankliche Rolle.

Unweigerlich stellt sich die Frage, wo denn nun heute Abend wirklich Punk war. Kompromisslos ohne Angst vor Konsequenzen auf dem Wasen? Mutig der nächsten Maß ins Auge blickend? Oder im Versuch der kritischen Reflexion bei den Riot Days? In der warmen Wagenhalle mit einer Vape unter Freunden? Jenny oder Mascha? Beide?

Die Lache verteilt sich. Currywurst? Schnell raus.