Deep Sun – Das Erbe Der Welt

Schweizer Ansichten zur Künstlichen Intelligenz

Artist: Deep Sun

Herkunft: Aargau, Schweiz

Album: Das Erbe Der Welt

Genre: Symphonic Metal, Power Metal

Spiellänge: 63:44 Minuten

Release: 26.04.2019

Label: Massacre Records

Links: http://deep-sun.com/index.php/de/
https://www.facebook.com/DeepSun.official/

Bandmitglieder:

Gesang – Debora Lavagnolo
Gitarre – Pascal Töngi
Bass – Angelo Salerno
Keyboard – Tom Hiebaum
Schlagzeug – Tobias Brutschi

Tracklist:

01. Relentless Resistance
02. Heroes
03. Insurrection Of Technology
04. Worship The Warship
05. Abandon Cyberspace
06. Das Erbe Der Welt
07. Super New World
08. Vertigo
09. Go For The Kill
10. My Darkness
11. Frozen Sea
12. The Raven

Die Schweiz ist nur ein kleines Land, aber in manchem ist sie ganz groß. Im Tourismus hat die Schweiz Einzigartiges zu bieten, im Tunnelbau hat die Schweiz die Nase vorn, mit Käse kennen sich die Schweizer aus, wie kaum ein anderer, aber auch im Metal gibt es bei unseren Nachbarn einige Perlen zu entdecken. Neben den bekannten Vertretern wie z.B. Krokus, Gotthard, CoreLeoni, Eluveitie, Shakra, Samael… ect. gehören auch Deep Sun zu diesen Perlen der Schweiz. In Deutschland noch relativ unbekannt, entdeckte ich die Band für mich vor zwei Jahren auf dem Metalacker Festival im Schwarzwald, bei ihrem allerersten Gig in deutschen Breitengraden überhaupt.

Deep Sun sind eine fünfköpfige Female Fronted Symphonic Metal Band aus Aargau. Die Bandgeschichte beginnt im Jahr 2005, wo man sich unter dem Namen 1 Hour gründete. 2008 gab es einen Neuanfang unter dem jetzigen Bandnamen, doch das Besetzungskarussell drehte sich munter weiter. Seit 2011 spielt man in der jetzigen Besetzung zusammen und startete voll durch. So erschien 2014 mit Flight Of The Phoenix eine erste EP und mit dem Debütalbum Race Against Time konnte man 2016 dann auch international Aufmerksamkeit erregen. Via Massacre Records erscheint nun am 26. April 2019 der zweite Longplayer Das Erbe Der Welt.

Das Erbe Der Welt ist ein Konzeptalbum, in dem man eigene Empfindungen und Beobachtungen zum Thema Künstliche Intelligenz, Technikfortschritt und Digitalisierung verarbeitet hat. Vieles stützt sich auf die Beobachtungen und Empfindungen von Sängerin Debora Lavagnolo, die dann auch mehrheitlich die Texte zu den Songs geschrieben hat. Es geht um die Veränderungen und den Wandel der Menschheit in der heutigen rasanten Zeit, die Debora auf poetische Art behandelt. Die Songs haben die Bandmitglieder jeder für sich ausgearbeitet und erst die fertigen Songgerüste wurden dann gemeinsam fertiggestellt. Markus Teste hat das Album dann im Bazement Studio im schweizerischen Hünstetten produziert. Das Artwork stammt von Stefan Heilemann.

Auch mit dem neuen Album treten Deep Sun wieder mehr oder weniger in die Fußstapfen der großen Vorbilder Nightwish, Within Temptation und Visions Of Atlantis, was aber in allererster Linie an der Sopranstimmfarbe von Sängerin Debora liegt, die zudem auch noch eine klassische Gesangsausbildung hat. Das ist der erste Eindruck, wenn der Silberling seine ersten Runden dreht, doch hört man genauer hin, stolpert man schon sehr bald über die Eigenständigkeit der Schweizer, denn Nightwish und Co. veröffentlichen keine deutschsprachigen Songs.

Auf Das Erbe Der Welt befinden sich insgesamt zwölf abwechslungsreiche Songs, in denen man die besten Elemente aus Symphonic- und Power Metal verbinden konnte. Mit dem eher ungewohnten Relentless Resistance legt man gleich sehr druckvoll los und verzichtet auch ganz bewusst auf das Nightwish-typische Intro. Die aus Race Against Time bekannten Soundbasics hat man sich zwar bewahrt, jedoch kommen einige elektronische Keyboardspielereien ins Spiel, die dem Song einen leicht modernen, futuristischen Anstrich verleihen. Zwischendurch kommen sogar Prog Elemente zum Einsatz, dann klopfen wiederum frühe Blind Guardian an die Tür. Das druckvolle Schlagzeug von Tobias Brutschi und der Bass von Angelo Salerno legen den Rhythmusteppich für den hohen Sopran der Frontfrau, die sich hier gnadenlos austoben kann. Eine willkommene Abwechslung im festgefahrenen Symphonic Metal Sumpf. Inhaltlich geht es um den Endkampf zwischen Mensch und Maschine, nur komischerweise steht der Endkampf hier am Anfang.

Bei dem Songtitel Heroes denkt man natürlich sofort an die gefühlt hundertmal gecoverte David Bowie Nummer von 1977, doch weit gefehlt. Stattdessen gibt Schlagwerker Tobias hier von Beginn an Vollgas und der Double Bass Orkan droht alles wegzublasen. Hier kann man ordentlich das Haupthaar schütteln! Ein sehr kraftvoller, starker Song mit einem Refrain, der sich sofort zwischen den Ohren festsetzt. Sängerin Debora jongliert auf der ersten Single, zu der es auch ein Promovideo gibt, mit ihrer Stimme und beweist eindrucksvoll, dass sie seit dem letzten Output ihre Hausaufgaben gemacht und stimmlich zugelegt hat. Es geht sehr groovig zur Sache und beinhaltet kurze, nicht vorhersehbare Wendungen, fast bis in den Bereich des Melodic Death von In Flames und Children Of Bodom. Die Keyboardpassagen von Tom geben dem Song eine tolle, moderne Melodie, aber eben ohne die Härte außen vor zu lassen. Inhaltlich handelt die Nummer von dem Kampf gegen die selbst erschaffene Künstliche Intelligenz.

Das verspielte Insurrection Of Technology fügt sich hier passend ein und serviert eine Symbiose aus Leichtigkeit und drückender Gradlinigkeit. Der Song besticht durch seine Melodieläufe, die von Deboras vielseitiger Stimme getragen werden. Die Künstliche Intelligenz erweckt ein Eigenleben, bis sie wieder in ihre Schranken gewiesen wird.

Sehr modern und technisch versiert kommt Worship The Warship daher. Hier wird ganz offenbar experimentiert und man setzt sich gekonnt von den gängigen Symphonic Metal Klischees ab. Auch hier wird wieder mit Prog Elementen gespielt. Teils düster und atmosphärisch, aber mit einem tollen, hymnischen Refrain. Der Song braucht ein paar Durchgänge, um zu zünden, doch letztendlich wird Mut und Experimentierfreudigkeit belohnt. Ein Versuch, die Künstliche Intelligenz zu zerstören.

Ein einfach gestrickter, rockiger Song ist Abandon Cyberspace, der aber in Zukunft auf keiner Setlist mehr fehlen sollte, denn der eingängige Refrain eignet sich bestens, um jeden Club in Schutt und Asche zu grölen. Ohrwurmgefahr! In Zeiten von fortschreitender Technik gewinnen Kontrolle und Überwachung die Oberhand und es ist an der Zeit, sich davon zu befreien.

Mit dem Titeltrack Das Erbe Der Welt ist man dann endgültig so weit von Nightwish entfernt, wie Tante Nena von frühen Metallica, denn hier handelt es sich um eine gefühlvolle Ballade, die in Deutsch vorgetragen wird. Zu Beginn ruhige Pianoklänge, die sich im Verlauf mit den anderen Instrumenten und dem Gesang vereinen. Die Gitarre treibt den Song voran. Debora legt alle Emotionen in den Song und zeigt uns eine ganz neue Deep Sun’sche Stratosphäre. Ich höre schon einige Kitsch schreien, doch live wird die Ballade wahrscheinlich einen ähnlichen Kultstatus bei den Fans erreichen, wie einst Doros Für Immer. Wo steht die Menschheit, wohin geht sie, was hinterlässt sie und ist sie sich dessen bewusst.

Super New World ist ein sehr sphärischer Track mit knackigen Gitarrenriffs. Ein eher ruhiger, einfacher und ironischer Track, den man nicht allzu ernst nehmen sollte. Die ausgereifte, weiter fortschreitende Technik ist die einzig richtige Entwicklung, die den Menschen und seine Gefühle in der Zukunft ersetzen wird. Wir sind auf dem richtigen Weg, weiter so!

In Vertigo vereinen Deep Sun die breit gefächerten Facetten ihrer Musik. Der Song hinterlässt eine beeindruckende Stimmung und doch gelangt man als gemeiner Metalhead nicht ganz so schnell in die Nummer hinein. Experimente werden wieder großgeschrieben, besonders zum Ende des Songs, der fast schon genrefremde Musicalzüge annimmt. Hier gibt es nur zwei Möglichkeiten, man mag den Song, oder man mag ihn nicht. Dazwischen gibt es nichts.

Auch der nächste Song, Go For The Kill, hebt sich von allen anderen Songs des Albums ab. Auch hier hebt man sich wieder erfolgreich vom Rest der Genrebands ab, ein treibender, gute Laune verbreitender Track, der jedoch fast wie ein Fremdkörper auf dem Album wirkt. Ein Song, der motivieren soll, bis zum Letzten zu kämpfen und nicht aufzugeben.

My Darkness ist ein für Deep Sun Verhältnisse harter Ausflug in düstere Gothikgefilde. Ein Headbangersong, der live richtig Spaß machen wird. Mehr davon!

Mit Frozen Sea geht es dem Ende zu und ist sprichwörtlich der berühmte Tiefpunkt vor der zu erwartenden Wende. Ein balladesker Song im Midtempobereich, bei dem Debora eine Menge Emotionen in ihre Stimme legt und sich in Bestform zeigt. Die Menschheit gibt sich gegenseitig Halt und trotzt der Künstlichen Intelligenz.

Das Finale in Form von The Raven ist mächtig, ein über fünfzehn minütiges Epos mit einem Bombast Intro, das einen zu erschlagen droht. Die Ballade ist wieder sehr proggig und besticht durch viele Wechsel in Tempo, Rhythmus und Melodie. Deep Sun zeigen sich hier von der ganz anspruchsvollen Seite und haben einen Song erschaffen, wie er im Symphonic Metal seinesgleichen sucht. Die Instrumente kommen hier gut zur Geltung und jeder Musiker hat in dem überlangen Song genügend Raum, um sich in Soli zu profilieren. Gitarre und Keyboard wechseln sich dabei gekonnt ab. Besonders cool ist der Einsatz von epischen Chören, die perfekt mit Deboras Sopranstimme harmonieren, die sich hier zum Schluss noch einmal von ihrer besten Seite zeigt. Besonders im Schlussrefrain zieht die Dame alle Register. Live wird all das nur schwerlich umzusetzen sein, doch auf dem Album ein krönender Abschluss! Eine Frage nach dem Sinn des Lebens.

Das Album ist erhältlich als CD, Stream und Download.

Fazit
Deep Sun setzen ihren Weg, den sie 2016 mit Race Against Time eingeschlagen haben, kontinuierlich fort und servieren auch auf Das Erbe Der Welt eine stilistische Vielfalt von gefühlvollen Balladen und schnellen Power Metal Songs mit symphonischem Einschlag. Wieder werden alle Register gezogen und für die Band ist das Album ganz sicher ein Meilenstein in der Bandgeschichte. Die Musiker haben sich in den letzten drei Jahren wesentlich weiterentwickelt und vor allem Frontfrau Debora braucht mittlerweile keine Vergleiche mehr scheuen. Die Songs klingen modern und teils futuristisch, was definitiv gut zum Albumkonzept passt. Das Album besticht durch wunderschöne Melodien, geile Riffs und viele Tempowechsel doch für meinen Geschmack gehen die Experimente ein Stück zu weit und man darf gespannt sein, inwieweit die Fans diesen Weg mitgehen werden. Weniger ist manchmal mehr! Dennoch ist verständlich, dass man diesen Weg gewählt hat und sich so von vielen Genrekollegen absetzen wollte. Das ist der Band definitiv gelungen, vor allem mit der deutschen Ballade Das Erbe Der Welt, aber auch mit dem Megaepos The Raven.

Anspieltipps: The Raven, Heroes, My Darkness und Abandon Cyberspace
Andreas F.7.5
Leser Bewertung8 Bewertungen6.8
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