Heretoir – Solastalgia

Wie viele Emotionen und Melancholie kann man nur in eine Platte packen?

Artist: Heretoir

Herkunft: Augsburg, Deutschland

Album: Solastalgia

Spiellänge: 63:05 Minuten

Genre: Post-Black Metal

Release: 19.09.2025

Label:  AOP Records

Link: https://www.heretoir.com/

Bandmitglieder:

Gesang & Gitarre – David Conrad
Gitarre, Bass, Flöte, zusätzlicher Gesang – Matthias Settele
Schlagzeug – Nils Groth

Tracklist:

  1. The Ashen Falls
  2. Season Of Grief
  3. You Are The Night
  4. Inertia
  5. Rain
  6. Dreamgatherer
  7. The Heart Of December
  8. Burial
  9. Solastalgia
  10. The Same Hell MMXXV
  11. Metaphor (In Flames Cover)

Vor etwa zwei Jahren veröffentlichten Heretoir mit Nightsphere ein Album mit Tiefgang und Tragik. Und nun, 24 Monate später, steht mit Solastalgia bereits das nächste Werk in den Startlöchern. Das mittlerweile vierte Studioalbum der Augsburger, soviel sei vorab schon verraten, hat Großes vor. Solastalgia beschreibt die Trauer über den Verlust der natürlichen Welt“, erklärt die Band. Laut eigener Aussage hat sich das Trio zu seinem innersten Kern vorgearbeitet und liefert dabei das wohl verletzlichste und gleichzeitig zugänglichste Album ab. Die Texte der Songs schwanken dabei zwischen persönlichen Gefühlen, den Herausforderungen der menschlichen Existenz in einer sich schnell verändernden Welt und dem globalen Thema Umwelt. Zur Verbundenheit des Albums trägt dabei sicherlich auch die stimmige Zusammenarbeit der Band bei.

Der Opener The Ashen Falls schleicht sich eine gute halbe Minute an, bevor er ausbricht. Die Gitarren zeichnen ein melodisches Bild, das durch ein interessantes Schlagzeugmuster verwoben wird. Als dann der Gesang einsetzt, zeigt sich bereits die Kraft des Albums. Der Sound ist unfassbar stimmig, kein Instrument dominiert und auch die Gesangslinien schmiegen sich hervorragend ins Gesamtkonstrukt ein. Trotzdem schafft es Sänger Eklatanz (David Conrad), sich stimmlich an den richtigen Stellen durchzusetzen. Mit Season Of Grief ist der zweite Titel direkt der „Klopper“ dieser Platte. Fast zehn Minuten ist der Song lang, langweilig wird er aber zu keiner Sekunde. Diesmal starten Heretoir im Midtempo und lassen den Song sich entfalten. Und entfalten ist hier genau das richtige Wort. Gediegene, klare Gesangslinien, die von sanften Gitarrenmelodien getragen werden und sich immer weiter hochschaukeln. Natürlich wird es dann auch mal ruppiger, aber hier wird nicht einfach die restliche Zeit durchgeballert, sondern ein schöner Spagat zwischen ruhig und ruppig erschaffen.

Bei You Are The Night wird es noch mal eine Spur emotionaler. Der Gesang sorgt mehr als einmal für Gänsehaut-Momente. Der Kontrast in diesem Song wird aus meiner Sicht vor allem durch das Schlagzeug erzeugt. Einmal im Stakkato, dann in einem eher gefälligen Tempo – diese Gegensätze machen den Track definitiv zu einem Highlight. Inertia kommt im Anschluss komplett anders daher. Zu Beginn irgendwie locker und leicht, fast schon etwas verspielt, wandelt er sich zu einem wundervoll melancholischen Song, der trotzdem eine gewisse Aggression transportiert. Ebenfalls einer der stärksten Songs der Platte! Rain verschafft dem Hörer dann eine kurze Verschnaufpause. Ein reines Akustik-Stück, bei dem Pianomelodien mit Synthesizerelementen das Tempo gehörig rausnehmen. Und genau das ist dann auch der Startpunkt für Dreamgatherer. Insgesamt wirkt der Song deutlich positiver – sowohl in den ruhigen als auch in den Blastpassagen – und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich abschweife und fast verträumt die Gedanken fliegen lasse. Hier ist auf der einen Seite der Titel absolut Programm, auf der anderen Seite zeigt dieser Song unmissverständlich auf, wie wandelbar Heretoir sind.

The Heart Of December beschwört dann aber auch wieder die emotionale Seite herauf. Ich habe den Song mehrere Male gehört und irgendwie ist er einfach nur „schön“. Hier fühle ich mich in die musikalischen Weiten von Bands wie Alcest entführt. Burial hingegen holt mich wieder zurück ins Hier und Jetzt. Ein wuchtiger Beginn – der Song ist von der ersten Sekunde an DA. Das heißt aber nicht, dass hier sinnlos aufs Schlagzeug eingedroschen wird und die Gitarren bis aufs äußerste gequält werden – im Gegenteil. Der Song ist vielleicht wieder härter als seine Vorgänger, trotzdem vielschichtig und trägt, vor allem durch den Gesang von Eklatanz, eine unfassbar tiefgängige Note. So langsam neigt sich die Platte dann auch dem Ende entgegen und der Spannungsbogen, der sich im Laufe der Platte aufgebaut hat, verdichtet sich nun in Solastalgia. Dieser Song ist definitiv der stärkste „eigene“ Song auf diesem Album, hier zeigen Heretoir allen, wozu sie wahrhaftig fähig sind – ein unfassbares Statement! The Same Hell MMXXV ist schließlich eine Neuinterpretation einer Single aus dem Jahr 2024. Diese schließt Solastalgia hervorragend ab und beendet damit die zehn eigenen Tracks der Band. Der finale Track hingegen heißt Metaphor. Musikalisch reiht sich dieser Song erneut unfassbar gut in das Konzept der Platte ein, allerdings handelt es sich hierbei um einen Coversong von keiner geringeren Band als In Flames. Der Song stammt vom 2002er-Album Reroute To Remain der Schweden, in dieser Version zeigen Heretoir aber überdeutlich, dass sie auch mit Klassikern noch mal etwas ganz Eigenes erschaffen können.

Heretoir – Solastalgia
Fazit
Mit Solastalgia veröffentlichen Heretoir nur knapp zwei Jahre nach dem letzten Album ein weiteres Meisterwerk. Auf diesem Werk kann man die Emotionen von Sänger Eklatanz förmlich greifen. Eingebettet ist das Ganze in ein unfassbar vielschichtiges musikalisches Netz, das von der ersten bis zur letzten Minute zu überzeugen weiß. Für mich ist dieses Album definitiv das stärkste der Band und hat in meinem musikalischen Kosmos sehr gute Chancen auf mein persönliches Album des Jahres!

Anspieltipps: You Are The Night, Inertia, Dreamgatherer, Solastalgia und Metaphor (In Flames Cover)
Oliver J.
9.9
Leserbewertung3 Bewertungen
9.8
9.9
Punkte