House Of The Holy – Erinnerungen entstehen zwischen den Konzerten

House Of The Holy VIII • 17.–20. Juni 2026 • Abtenau, Österreich

Ich glaube, ich reise wegen der Bands nach Abtenau.

Zumindest rede ich mir das ein, als der Shuttlebus die letzten Kurven zur Neudegg Alm nimmt. Mit jeder Serpentine verschwindet ein Stück Alltag. Der Handyempfang bricht ab, das Tal bleibt hinter den Bäumen zurück und vor mir öffnet sich eine Landschaft, die eher an einen Roman als an ein Musikfestival erinnert. Die Kamera liegt griffbereit im Rucksack, zwanzig Filmrollen warten darauf, belichtet zu werden. Vierzig Grad sollen es werden. Ich denke an lange Konzerttage, an Staub, Hitze und daran, möglichst viele gute Bilder mit nach Hause zu bringen.

Noch bevor die erste Band spielt, lese ich im Festivalhandbuch einen Satz, der mich das gesamte Wochenende begleitet: „Create memories by vision, not via a screen.“ Keine Mobiltelefone vor der Bühne. Erinnerungen entstehen mit den Augen, nicht durch Bildschirme. Selten beschreibt ein einzelner Satz die Seele eines Festivals so treffend.

Schon nach kurzer Zeit wird deutlich, dass House Of The Holy anders funktioniert. Niemand scheint es eilig zu haben. Menschen sitzen zusammen, trinken ein Bier oder bleiben einfach stehen, weil das nächste Gespräch wichtiger erscheint als der Blick auf die Uhr. Hier wird nicht einfach Musik veranstaltet. Für vier Tage entsteht eine Gemeinschaft. Vielleicht liegt das auch daran, dass es nur eine einzige Bühne gibt. Niemand muss sich entscheiden, welche Band er verpasst, niemand hetzt quer über ein riesiges Gelände. Alle erleben dieselben Konzerte, dieselben Sonnenuntergänge und versammeln sich am Abend vor demselben Feuer.

House of the Holy VIII 2026 – Güldenur Heiland

Die Bühne fügt sich beinahe selbstverständlich in die Landschaft ein. Hinter ihr beginnt unmittelbar der Wald, darüber ragen die Berge in den Himmel. Während die ersten Bands spielen, sitzen manche Besucher im Gras, andere lehnen an den Holzzäunen oder lassen den Blick über die Alm schweifen. Es fühlt sich an, als begleite die Landschaft die Musik – und nicht umgekehrt.

Erst viel später verstehe ich, dass House Of The Holy in diesem Jahr eine ganz andere Geschichte erzählt.

Die Geschichte von Bartholomäus. Für fast alle einfach nur Barth.

Vor wenigen Wochen starb er völlig unerwartet bei einem tragischen Autounfall. Er war nicht nur Musiker – unter anderem bei Tabula Rasa und ArsGoatia. Er war der Mensch, der House Of The Holy zu dem gemacht hat, was es heute ist. Gastgeber. Organisator. Fixstern. Das Herz dieses Ortes. Das Festival findet auf dem Anwesen seiner Familie statt. Doch House Of The Holy lebt nicht von den Bergen, der Bühne oder der Alm. Es lebt von einer Haltung. Von Offenheit. Von Gastfreundschaft. Von einer Gemeinschaft, die über Jahre gewachsen ist – und die seine Handschrift trägt.

Von all dem weiß ich nichts, als ich ihm Anfang des Jahres in Belgien zum ersten Mal begegne.

Er steigt aus dem Tourbus, kommt direkt auf mich zu und hält mir eine Zigarette hin. Wir sprechen vielleicht zehn Minuten über Musik, Festivals, Fotografie und House Of The Holy. Danach geht jeder wieder seines Weges. In diesem Moment weiß ich nicht, dass er zu den Menschen gehört, ohne die dieses Festival kaum denkbar wäre. Noch weniger ahne ich, dass es unsere einzige Begegnung bleiben wird.

Im Nachhinein ist das einer dieser seltenen Momente, in denen ich mich fast darüber freue, dass ich rauche. Nicht wegen der Zigarette, sondern weil sie ein Vorwand ist. Ein kurzer gemeinsamer Augenblick zwischen zwei Menschen, die sich vorher nicht kennen. Vielleicht sind Zigaretten bis heute kleine soziale Brücken. Man braucht keinen besonderen Anlass, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Man teilt Feuer, Rauch und ein paar Minuten. Manchmal reichen genau diese paar Minuten aus, damit aus einer flüchtigen Begegnung eine Erinnerung wird.

Während des gesamten Wochenendes begegnet mir Barth immer wieder – in den Geschichten der Menschen. An der Bar erzählt jemand lachend von einer gemeinsamen Reise, vor der Bühne erinnert sich ein Besucher an eine durchfeierte Nacht, beim Frühstück spricht ein Musiker über seine Hilfsbereitschaft. Immer wieder fällt sein Name. Nie pathetisch, nie inszeniert, sondern ganz selbstverständlich – so, wie man über einen Freund spricht, der eigentlich noch am Tisch sitzen sollte.

Irgendwann fällt mir auf, dass ich keinen einzigen Menschen treffe, der seinen Namen ausspricht, ohne dabei zu lächeln und für einen kurzen Moment in Gedanken zu verweilen.

Keine Denkmäler.

Sondern Geschichten.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum House Of The Holy trotz dieses Verlustes nie zu einer Trauerveranstaltung wird. Ganz im Gegenteil. Das Leben wird gefeiert.

Die Musik steht an diesem Wochenende trotzdem nie im Schatten dieser Geschichte. Vielleicht ist sie sogar ihre Antwort.

House of the Holy VIII 2026 – Luctus – Güldenur Heiland

Schon mit den ersten Konzerten wird deutlich, warum House Of The Holy seit Jahren einen besonderen Ruf genießt. Brånd eröffnen das Wochenende mit einer Wucht, die sofort klarmacht, dass hier niemand zufällig auf dieser Bühne steht. Es folgen unter anderem Adorior, Gehenna, Secrets Of The Moon, Blasphemy, Demoncy, Tormentor und Mare – stellvertretend für ein Line-Up, das stilistisch kaum vielfältiger sein könnte und dennoch wie aus einem Guss wirkt.

Irgendwann höre ich auf, einzelne Konzerte voneinander zu trennen. Vielleicht, weil sie hier oben alle Teil derselben Geschichte werden.

Es sind die Momente dazwischen, die bleiben. Ich merke, dass ich immer häufiger vergesse, warum ich die Kamera überhaupt in die Hand genommen habe. Zwischen zwei Konzerten gerät sie immer wieder in den Hintergrund. Gespräche werden wichtiger als Bilder. Menschen erzählen von vergangenen Jahren, von Freundschaften, von Musik und vom Leben. Jemand empfahl eine Platte, zwei andere diskutieren über eine Band, irgendwo lacht jemand so herzlich, dass andere unwillkürlich mitlächeln müssen. Für einen Moment fühlt sich alles erstaunlich leicht an.

Erst zu Hause fällt mir auf, dass auf vielen meiner Fotos Menschen lächeln. Nicht für die Kamera. Nicht, weil jemand sie dazu aufforderte. Sondern weil sie einfach einen guten Moment erleben.

Auch ich werde mit einer Herzlichkeit empfangen, die mich ehrlich überrascht. Als Fotografin und Journalistin bekomme ich meine Festivalmarke mit eingestanztem Namen, Essens- und Getränkemarken sowie Zugang zum Backstagebereich. Viel wichtiger ist jedoch etwas anderes. Immer wieder bietet mir jemand einen Platz am Tisch an. Niemand fragt nach Reichweite, Klickzahlen oder der Kamera, mit der ich fotografiere. Man interessiert sich nicht für das, was ich mache, sondern für den Menschen, der ich bin.

Gerade in einer Szene, die ihren inneren Kreis oft sehr bewusst schützt, fühlt sich diese Offenheit wie ein Geschenk an.

Am letzten Abend versammeln sich Hunderte Menschen um das große Feuer. Schon den ganzen Tag steht das mächtige Holzgerüst auf der Wiese und wirkt wie eine Skulptur. Jetzt schlagen die ersten Flammen in den Nachthimmel. Funken steigen auf, treiben mit dem Wind über die Köpfe der Menschen und verschwinden in der Dunkelheit. Es wird still. Niemand muss erklären, was dieser Moment bedeutet. Irgendwo höre ich jemanden weinen. Rings um das Feuer legen Menschen einander die Arme um die Schultern. Für einen kurzen Augenblick scheint die Zeit stillzustehen.

Als ich im Shuttlebus wieder hinunter ins Tal sitze, denke ich an ein türkisches Sprichwort, mit dem ich aufgewachsen bin:

Eine Tasse Kaffee schafft eine Erinnerung für vierzig Jahre.

Vielleicht sind es genau diese kleinen Gesten, die ein Festival unvergesslich machen. Eine geteilte Zigarette. Ein freier Platz am Tisch. Ein ehrliches Gespräch zwischen zwei Konzerten. Erinnerungen entstehen nicht nur vor der Bühne. Sie entstehen dort, wo Menschen einander begegnen.

Ich glaube, ich reise wegen der Bands nach Abtenau.

Vier Tage später weiß ich, dass das nicht stimmt.

Ich fahre mit Geschichten nach Hause. Mit einer Zigarette, die plötzlich mehr bedeutet als Nikotin. Mit Menschen, die mir einen Platz an ihrem Tisch anbieten, als würden sie mich schon seit Jahren kennen. Und mit der Geschichte eines Menschen, den ich nur wenige Minuten kennenlernen darf – und den ich am Ende trotzdem ein kleines bisschen vermisse.

Am Ende bleiben von jedem Festival dieselben Dinge übrig: Staub auf den Schuhen, ein paar blaue Flecken und die Frage, warum sich die wirkliche Welt so viel komplizierter anfühlt als dieser kleine Ort in den Bergen.