Manchmal entstehen spannende Interviews ganz unerwartet. Nachdem mich Manne Pokrandt, Bassist und Produzent von Guča Meets Wacken, vor einiger Zeit im Zusammenhang mit einem Review anschrieb, entwickelte sich ein angenehmer Mailkontakt. Das Debütalbum Here Comes The Horny Future (bestellen könnt ihr die Vinyl direkt bei BuschFunk!) hatte mich mit seiner ungewöhnlichen Mischung aus Balkan-Brass und druckvollem Metal sofort begeistert und neugierig gemacht. Umso mehr wollte ich erfahren, wie es zu dieser außergewöhnlichen Idee kam, was hinter der internationalen Besetzung steckt und welche Pläne die Band für die Zukunft schmiedet. Im folgenden Interview spricht Manne über die Entstehung von Guča Meets Wacken, den kreativen Prozess hinter dem Album und darüber, warum Bläser und Metal für ihn einfach perfekt zusammenpassen.

Time For Metal / Juergen S.
Euer Bandname Guča Meets Wacken bringt das Konzept eigentlich schon perfekt auf den Punkt. Wann entstand die Idee, die Energie eines Balkan-Blasorchesters mit der Wucht des Heavy Metal zu verbinden? Wie kam der Bandname zustande?
Guča Meets Wacken / Manne
Die Idee entstand, als ich 2015 beim Guča Festival in Serbien war, dem größten Trompetenfestival der Welt. Dort stehen im Stadion bei jeder Band drei Trompeten, vier Hörner, eine Tuba und eine große Trommel auf der Bühne und spielen Blasmusik. Die 30.000 Zuschauer machen Stagediving und rasten bei einigen Songs komplett aus. Wie auf’m Wacken. Da dachte ich, dass man diese beiden Welten eigentlich mal verbinden müsste, um zu sehen, wie das funktioniert.
Time For Metal / Juergen S.
Auf Here Comes The Horny Future verschmelzen Bläser und Metal so selbstverständlich miteinander, als hätte dieses Genre schon immer existiert. War von Anfang an klar, dass die Bläser gleichberechtigt neben den Gitarren stehen sollen und nicht nur als dekoratives Element dienen?
Guča Meets Wacken / Manne
Gleichberechtigung war genau die Idee. Und es waren keine Bläser gemeint, wie man sie aus Big Bands, Jazz oder anderen Genres kennt, sondern schon die in Serbien übliche Spielweise, immer volles Brett. Ein serbischer Trompeter hat mir mal gesagt: „Ich spiele so laut, dass sich das Horn geradebiegen muss.“ Das sagt alles.
Time For Metal / Juergen S.
Die Band vereint Musiker aus Serbien, Griechenland, Nordmazedonien, Bulgarien und Deutschland. Wie funktioniert das Songwriting in einer so internationalen Besetzung? Entsteht vieles gemeinsam oder bringt jeder seine musikalischen Einflüsse mit? Ihr seid alle in Berlin tätig?
Guča Meets Wacken / Manne
Die aktuelle Besetzung lebt komplett in Berlin und kommt ursprünglich aus Griechenland, Nordmazedonien, Belgien, den Niederlanden, Japan und Deutschland. In so einer großen Besetzung sind häufige Wechsel nicht zu vermeiden. Die sechs Eigenkompositionen und vier Coverversionen des Albums habe ich als Demos entworfen. Die Gitarren wurden zusammen mit John und Pero entwickelt. Die Bläser spielen live vom Blatt. Für die Aufnahmen bin ich den Trompetern Marjan Antic (Serbien) und Krassimir Jossifov (Bulgarien) dankbar für die Mitarbeit. Ralf “Zicke” Zickerig (Berlin) hat alle Hörner und die Tuba eingespielt und hat bei der Notation mitgearbeitet. Live werden die Stimmführungen von den Bläsern ständig optimiert. Ich habe da entsprechend meiner Möglichkeiten Melodien vorgegeben, die die erfahrenen Profis letztendlich in vollem Glanz erstrahlen lassen. Am Gesang habe ich mit Timmi zusammen im Studio gefeilt.
Time For Metal / Juergen S.
Du bist vielen Fans durch Engerling und deine Zusammenarbeit mit Mitch Ryder bekannt. Wie groß war der Schritt von klassischem Rock hin zu einem Projekt wie Guča Meets Wacken?
Guča Meets Wacken / Manne
Ich habe mich schon früh mit unterschiedlichen musikalischen Genres beschäftigt. Die vielen Jahre mit Engerling und Mitch, mit dem ich in meinem Studio einige Alben produzierte, haben natürlich ihre Spuren hinterlassen. Insgesamt habe ich etwa 200 Alben produziert: Rock, Metal, Jazz, Blues, Klassik, Reggae usw. Als musikalischen Standort gebe ich gerne an: „Zwischen System Of A Down und Rachmaninoff.” Daher war da kein großer Schritt zur Überwindung von Genregrenzen notwendig.

Time For Metal / Juergen S.
Euer Debüt enthält sowohl Eigenkompositionen als auch ungewöhnliche Coverversionen wie Bella Ciao oder Lola. Nach welchen Kriterien entscheidet ihr, welche Songs sich für eine Balkan-Metal-Version eignen?
Guča Meets Wacken / Manne
„Kriterien“ wäre ein zu großes Wort für die Entscheidung. Beim Guča Festival gibt es Klassiker, die dort jeder Trompeter spielt, wie Ederlezi und Kalashnikov. Bei einem Konzert stand ich im Publikum, als Goran Bregović seine Version von Bella Ciao spielte, und es regnete Bier, weil alle ihre Becher in die Luft warfen. Da dachte ich: Den machen wir auch. Und bei Lola war es der Text zum Thema “queer”, bevor das Wort in den 90ern seine populäre Bedeutung bekam. Der BBC blendete in den 60ern noch das Ende des Originals aus, in dem Lola als Mann geoutet wird. Außerdem ist es natürlich ein tolles Stück Musik.
Time For Metal / Juergen S.
Gerade Bella Ciao besitzt eine starke historische und politische Bedeutung. Wie wichtig war es euch, den Respekt vor dem Original zu bewahren und gleichzeitig eure ganz eigene Interpretation daraus zu machen?
Guča Meets Wacken / Manne
Die eigene Interpretation stand klar im Vordergrund. Es gibt von dem Song recht viele Versionen in diversen Sprachen, die bei Partys lachend mitgebrüllt werden. Respekt vor Texten wäre in dem Zusammenhang ein eigenes Thema. Zum Beispiel wenn bei der Engerling-Version von Eve Of Destruction, einem Song von bedrückender Aktualität, ausgelassen getanzt wird.
Time For Metal / Juergen S.
Das Album lebt von einer Mischung aus musikalischer Qualität und einer ordentlichen Portion Humor. Titel wie Here Comes The Horny Future, I Lost The Overview oder Rammhorn(z) zeigen, dass ihr euch selbst nicht allzu ernst nehmt. Ist Humor für euch ein bewusstes Stilmittel oder ergibt sich das ganz natürlich?
Guča Meets Wacken / Manne
Die Band hat großen Spaß an der Musik, die ja durch die Melodien der Bläser eine sehr fröhliche Note bekommt. Das Magazin Rock Hard hat diese Melodien als schlagermäßig bezeichnet. Schlager im 11/8-Takt. Warum nicht? Horny Future ist ein wunderbares Wortspiel, das von humorlosen Menschen gerne missverstanden wird. Stumpen (Knorkator) war überrascht von der düsteren unteren Hälfte des Plattencovers. Ich sagte nur: Schau dir mal die Texte an. Ich will damit sagen: Das Leben besteht aus Freude und Finsternis …
Time For Metal / Juergen S
Trotz aller Spielfreude wirkt das Album niemals überladen. Wie schwierig ist es eigentlich, Bläser, Gitarren, Bass und Schlagzeug so zu arrangieren, dass jeder seinen Platz bekommt?
Guča Meets Wacken / Manne
Es war in der Tat nicht immer einfach, beide Welten in Arrangement und Mix zu vereinen. Das musste beim Arrangement mitbedacht werden. Das unter Musikern bekannte “we fix it in the mix” funktioniert sonst nicht. Wenn die Hörner dominante Teile spielen, sind die Gitarreros zurückhaltend und andersherum. Bei Rammhornz treffen sich hingegen alle zur brachialen Unisono-Urgewalt. Live auch mal zusammen mit unseren Freunden vom Dejan Lazarevic Orkestar, die wir in Guča kennengelernt und dann nach Berlin zu einem Konzert eingeladen haben. Dann hupen 12 Blechbläser!!! Grandioser Lärm.

Time For Metal / Juergen S
Ihr habt bereits vor rund 15.000 Menschen auf dem Guča Festival gespielt und auch beim Support bei den Jubiläumsshows von Knorkator waren eine Menge Fans. Welche Live-Erfahrung hat euch bisher am meisten geprägt?
Guča Meets Wacken / Manne
In Guča auf der Mainstage zu spielen, war unbeschreiblich. Dort war schließlich die Idee entstanden. Die Konzerte in der Columbiahalle verdanken wir unseren Freunden von Knorkator. Auf dieser Bühne habe ich Lemmy gesehen, AC/DC … und plötzlich spielen wir dort. Verneigung. Verneigung. Verneigung.
Time For Metal / Juergen S
Am Mikrofon steht Tim Tom Thomas, der Sohn von Knorkator-Musiker Alf Ator. Wie kam die Zusammenarbeit zustande und was bringt Tim mit seiner Stimme und seiner Persönlichkeit in die Band ein?
Guča Meets Wacken / Manne
Gelegentlich spiele ich als Ersatz-Basser mit der Bluesband Monokel. Bei einer Probe sagte Gitarrist Buzz Dee, dass der Sohn von Alf gut singen und beeindruckend grunzen (growlen) kann. Da wurde ich sofort hellhörig. Stumpen gab mir den Kontakt. Timmi war vom ersten Augenblick an begeistert von der Musik. Seine ersten Kindheitserinnerungen stammen aus dem Backstagebereich von Knorkator. Seine Liveperformance und Energie sind dementsprechend grandios.
Time For Metal / Juergen S
Euer Name weckt natürlich sofort die Hoffnung, euch irgendwann auch beim Wacken Open Air zu erleben. Es heißt, 2027 könnte es tatsächlich so weit sein. Was würde euch ein Auftritt dort bedeuten?
Guča Meets Wacken / Manne
Vom Konzert in Guča schrieb ich Jan Quiel, dem Booker vom Wacken Festival, dass damit 50 % unseres Bandnamens verifiziert wären. “Die anderen 50 % liegen in deinen Händen.” Zusätzlich haben uns verschiedene Freunde empfohlen. Die Liste der Namen wäre recht lang. Einige Größen aus der Branche darunter. Im August 2026 werden wir detailliert verhandeln. Ich melde mich, falls es amtlich wird. Du fragst nach der Bedeutung für uns … Hammer!!!
Time For Metal / Juergen S
Glaubst du, dass Balkan Metal mittlerweile ein eigenes Genre werden könnte, oder soll Guča Meets Wacken bewusst eine Ausnahmeerscheinung bleiben?
Guča Meets Wacken / Manne
Es gibt Labels, die “genre defining bands” suchen. Wir sind eine. Meldet euch!
Time For Metal / Juergen S
Zum Abschluss: Was möchtest du den Leserinnen und Lesern von Time For Metal über Here Comes The Horny Future mit auf den Weg geben – und worauf dürfen sich eure Fans als Nächstes freuen? Wie bei allen Interviews bei mir, darfst du auch Freunde, Bekannte oder sonstige liebe Menschen grüßen. Vielen Dank, dass du dir für das Interview Zeit genommen hast!
Guča Meets Wacken / Manne
Dank an alle, die auf dem Plattencover stehen, und an alle, die ich vergessen habe oder noch nicht kannte. An dich zum Beispiel. Empfehlungen und Likes auf Spotify, YouTube, Insta, Facebook, TikTok usw. helfen uns enorm. Die Festivals, die uns buchen wollen, achten enorm auf sowas. Also auch Dank an alle Laika.
Um Frank Zappa zu erwähnen: music is the best.



