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Lodewijk Frederik „Lou“ Ottens: Rückblick auf einen einzigartigen Erfinder

Der Niederländer hatte mit Metal nix am Hut, revolutionierte jedoch die Musikwelt

Lou Ottens ist tot, der gebürtige Niederländer verstarb am 6. März 2021 im Alter von 94 Jahren. Lou, wer?, werden nun einige fragen. Nun, Ottens war ein Ingenieur und Erfinder, der beim niederländischen Technologie-Unternehmen Koninklijke Philips N.V. beschäftigt und im belgischen Werk in Hasselt tätig war. Und was hat das mit Metal zu tun? Ganz einfach, zunächst nichts! Lou Ottens hatte mit harter Rockmusik in etwa so viel am Hut, wie euer Hund mit dem allabendlichen TV-Programm, dennoch revolutionierte der einzigartige Erfinder in den 1960er-Jahren den Audiomarkt und die gesamte Musikwelt, denn er war maßgeblich an der Entwicklung der Kompakt-Audiokassette beteiligt, die erstmals 1963 auf der Funkausstellung in Berlin vorgestellt wurde. Eine Sensation im Vergleich zur damals üblichen Audiotechnik, denn die Kompaktkassette war nur 10,16 x 6,35 x 1,27 cm groß. Auch die Kapazität war enorm, denn bot sie doch Platz für 60 Minuten, 90 Minuten und gar 120 Minuten Metalsound.

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Viele Jugendliche, die heutzutage solch eine Audiokassette in die Finger bekommen, haben häufig nur ein großes Fragezeichen vor dem Kopf, deshalb: Die Kompaktkassette, oder auch Audiokassette oder Musikkassette, kurz meist nur als Kassette oder Tape bezeichnet, war ein Tonträger zur elektromagnetischen, analogen (Scheiße, was für Fremdworte …) Aufzeichnung und Wiedergabe von Tonsignalen. Sie enthält ein Magnettonband, das zum Schutz in einem Kunststoffgehäuse eingeschlossen ist. Das Aufnehmen und Abspielen eines Tapes erfolgt mithilfe eines Kassettenrekorders. Die Resonanz auf die Kassette war zunächst noch etwas verhalten, doch das sollte sich dann in den 1070er-Jahren ändern, was nicht zuletzt den ganzen japanischen Elektronikkonzernen wie z.B. Sony zu verdanken war. Von Anfang der 1970er-Jahre bis weit in die 1990er-Jahre hinein war die Audiokassette, neben der Vinyl-Schallplatte, das meistgenutzte Audio-Medium. Anfangs war die Aufnahmequalität eher grottig, wurde jedoch über die Jahre durch besseres Bandmaterial und Dolby-Rauschunterdrückungssysteme immer weiter verbessert, bis die Qualität auch hohen Ansprüchen (der Zeit entsprechend) genügte.

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Die älteren Musikliebhaber werden sich natürlich zurückerinnern, an die endlosen Stunden, die man damit verbracht hat, vor dem Radio/Kassettenrekorder zu sitzen, um die wenigen geilen Songs aus dem Radio mitzuschneiden und aufzunehmen. Billiger und zugleich umständlicher ging es kaum noch. Was haben wir die Radiomoderatoren verflucht, in Gedanken gesteinigt und gevierteilt, nur weil sie während der Aufnahme in die Songs reingequatscht haben. Die Musikindustrie reagierte schnell, mit Kampagnen wie z.B. Home Taping Is Killing Music versuchte man existenzbedrohende Umsatzeinbußen abzufangen. Bisher konnte man zu Hause mit riesigen Tonbandgeräten (Magnetofon) oder dem Plattenspieler seine Lieblingsbands wie AC/DC, Deep Purple oder Led Zeppelin genießen, doch mit Erfindung der Audiokassette und natürlich des Gettoblasters wurde der Musikgenuss plötzlich mobil. Wer kann sich nicht noch daran erinnern, wie er als pubertierender Metalhead mit dem Gettoblaster auf den Schultern und dem Sechserpack Bier unter dem Arm durch die Stadt lief und die friedliebenden Bürger mit dem Sound von Iron Maiden und Metallica genervt hat. Natürlich sprangen auch die Musikindustrie, Labels, Bands … auf die bahnbrechende Erfindung an und fortan gab es unsere Lieblingsalben auch als bespielte Musikkassette für unterwegs, oder die größten Metal-Knaller als Mix-Tape, ohne dafür stundenlang vor dem Radio/Kassettenrekorder zu hocken. Die Kassette war besonders in den 1980er-Jahren der Tonträger Nummer 1. Jedoch hatte das Tape auch Nachteile, man erinnere sich nur an endlosen Bandsalat, den man dann versuchte, mithilfe eines Bleistiftes wieder in den Griff zu bekommen. Der Knistereffekt hinterher wurde aber billigend in Kauf genommen, Hauptsache die seltene Slayer-Liveaufnahme war zunächst einmal gerettet.

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Nun ist er also über die Regenbogenbrücke gegangen, der niederländische Erfinder, der uns all diese unvergesslichen Momente geschenkt hat. Über Jahrzehnte war Ottens, oder seine Erfindung, aus der Musikszene nicht mehr wegzudenken, besonders als Sony ab 1979 den Walkman auf den Markt brachte, der unter den Jugendlichen Kult-Status erreichte. Nun waren unsere Lieblingssongs nicht nur mobil, sondern passten auch noch in die Jacken/Hosentasche.

Heute, in Zeiten digitaler Musik, ist Ottens in Vergessenheit geraten und das einst so sensationelle Medium spielt im Alltag der meisten Menschen keine Rolle mehr. Das nächtliche Aufnehmen aus dem Radio, das Umdrehen einer Kassette nach der halben Spielzeit, das liebevolle Beschriften und die Rettungsversuche mittels eines Bleistiftes sind nahezu ausgestorbene Musikrituale alternder Fans. In den 1990er-Jahren setzte die CD zum Siegeszug an.

Viele denken dennoch positiv an die Nostalgie der Kassetten-Ära zurück, denn früher war ja alles besser. Mittlerweile jedoch, nachdem die Vinyl-Schallplatten schon seit vielen Jahren wieder auf dem Vormarsch sind, erlebt auch die gute Audiokassette ein unerwartetes Comeback. Allein 2018 nahm der Absatz in den USA um 23 % zu, in Großbritannien konnte sogar ein Umsatzplus von 125 % verbucht werden. Viele kleine Indie-Labels sind begeistert, da die Produktion einer Kassette billiger ist als die einer CD. Auch im Metal veröffentlichen einige Bands ihr Songmaterial wieder vermehrt auf Kassette – für all die Nostalgiker und weil es ja solch ein schönes Zeichen gegen die fortschreitende Digitalisierung ist.

Lou Ottens selbst hatte sich jedoch schon längst von dem Medium Kassette verabschiedet, denn 2013 äußerte er sich folgendermaßen gegenüber dem Time-Magazin: „Ich höre CD, die Kassette ist Geschichte. Ich mag es, wenn etwas Neues kommt.“ Lou Ottens starb am 6. März 2021 im niederländischen Duizel, er wurde 94 Jahre alt. R.I.P.!

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