Was machen wir aus dem Moment, wenn die Welt gleichzeitig stillzustehen und sich immer schneller zu drehen scheint? Zwischen kollektiver Erschöpfung, vorsichtigem Optimismus und der Suche nach einem inneren Gleichgewicht setzen Lost In Kyiv mit We’re All Going To Be Fine genau dort an, wo Worte oft nicht mehr ausreichen. Die Franzosen liefern ein Werk ab, das weniger Antworten gibt als vielmehr Räume öffnet – Räume zum Atmen, zum Nachdenken und zum Innehalten. Der Albumtitel wirkt dabei fast trotzig beruhigend – oder die simple Voraussage des Endes.
Post Metal und Synthwave schließen sich aus – nicht unbedingt
Musikalisch spannt das Quartett einen weiten Bogen zwischen ruhigen, akustischen, beinahe entschleunigten Passagen und treibenden, druckvolleren Momenten, ohne sich jemals in Extreme zu verirren. Gerade in den schwelgerischen Abschnitten bleibt eine gewisse Zurückhaltung spürbar – Lost In Kyiv suchen nicht den Sturm um jeden Preis, sondern kontrollierte, druckvolle Böen. Dies sorgt für ein angenehm organisches Hörerlebnis, das sich mehr über Spannungsbögen als über reine Wucht definiert. Die Stücke wirken dabei stets wohlarrangiert und fein austariert in ihren repetitiven Arrangements, auch wenn sich die Songs teilweise stark in Tonus und Machart unterscheiden.
Abwechslung auf Teufel komm raus – kann funktionieren
Auffällig ist der gezielte Einsatz elektronischer Elemente, vor allem im Rhythmusbereich, die sich nicht einfach nur unterordnen oder unterstützen, sondern gleichberechtigt mit den klassischen Instrumenten Gitarre, Bass und Schlagzeug agieren. Gemeinsam mit den Keyboards entsteht so ein Klangbild, das weit über bloße Atmosphäre hinausgeht. Gerade Tracks wie Euphoria zeigen, wie selbstverständlich Synths und Gitarren ineinandergreifen, sich gegenseitig tragen und antreiben. Hier wird nicht dekoriert, sondern gestaltet – aus dem Rahmen fallen und trotzdem Teil des Ganzen zu bleiben, ist die Kunst.
Wir sind der Ursprung von allem kommenden Bösen
Dass Lost In Kyiv nicht gänzlich auf Gesang verzichten, erweist sich einmal mehr als kluge Entscheidung. Umso wirkungsvoller ist der punktuelle Einsatz von Stimme: Becoming setzt auf wehmütig weiblichen Gesang, der sich sanft in die stark elektronische Klangarchitektur einfügt und dem Stück eine neue emotionale, meditative Ebene verleiht, ohne den instrumentalen Kern zu verwässern. Es ist dieser gezielte Kontrast, der hängen bleibt, statt sich abzunutzen, wie schon in Werken zuvor die oft verwendeten narrativen Elemente und Sample-Collagen. Nur setzen sie auf We’re All Going To Be Fine mehr auf Melancholie mit einem zuversichtlichen Unterton als auf die düstere Dynamik auf ihren frühen Alben.
Hier geht es lang für weitere Informationen zu Lost In Kyiv – We’re All Going To Be Fine in unserem Time For Metal Release-Kalender.



