Nazareth am 27.03.2026 in der Räucherei in Kiel

Die Schotten zeigen, warum sie noch immer da sind

Eventname: Still Rockin’ Hard Tour 2026

Headliner: Nazareth

Support: Keiner

Ort: Die Räucherei, Kiel, Schleswig-Holstein

Datum: 27.03.2026

Genre: Hardrock, Classik Rock

Besucher: fast 500

Eintrittspreis: AK 55,00 EUR, VVK 48,15 EUR

Setliste:

  1. Telegram
  2. Miss Misery
  3. Razamanaz
  4. Shanghai’d In Shanghai
  5. Love Leads To Madness
  6. Dream On
  7. Holiday
  8. This Flight Tonight
  9. When The Lights Come Down
  10. Whiskey Drinkin‘ Woman
  11. Beggar’s Day
  12. Changin‘ Times
  13. Hair Of The Dog
  14. Love Hurts
    Zugabe:
  15. Turn On Your Receiver
  16. Where Are You Now
  17. Go Down Fighting

Wenn eine Band nach fast sechs Jahrzehnten noch immer mit solcher Selbstverständlichkeit die Bühne dominiert, dann ist das mehr als Nostalgie, es ist gelebte Rockgeschichte. Nazareth beweisen in der bis auf wenige Restkarten ausverkauften Räucherei in Kiel eindrucksvoll, dass ihr Tourmotto Still Rockin’ Hard keine Floskel ist, sondern ein Versprechen.

Nazareth 2026 Kiel; Foto: Norbert Czybulka

Gegründet 1968 in Schottland, gehören Nazareth zu den Urvätern des Hard Rock, in einer Liga mit Größen wie Deep Purple oder Led Zeppelin.
Dass diese Geschichte noch heute weitergeschrieben wird, liegt vor allem an Pete Agnew, dem letzten verbliebenen Gründungsmitglied, der mit mittlerweile 79 Jahren stoisch den Bass bedient. An seiner Seite: sein Sohn Lee Agnew am Schlagzeug, Gitarrist Jimmy Murrison sowie der erst im Dezember 2025 eingestiegene Tessiner Sänger Gianni Pontillo, der die großen Fußstapfen von Carl Sentance überraschend souverän ausfüllt. Gerade Pontillo ist an diesem Abend eine der spannendsten Figuren. Kann sich der schwiizerdütsch sprechende ehemalige Sänger von Victory in das alte Bandgefüge einer schottischen Band einfügen? Ja, er kann. Stimmlich nah am Original, aber mit genug eigener Note, um nicht als bloßer Ersatz zu wirken.

Die Setlist des Abends liest sich wie ein klassisches Hard-Rock-Lehrbuch. Mit Telegram eröffnete die Band druckvoll den Abend, gefolgt von Miss Misery und dem frühen Highlight Razamanaz, das sofort zeigt, wie direkt und unverfälscht dieser Sound auch heute noch funktioniert.

Nazareth 2026 Kiel; Foto: Norbert Czybulka

Songs wie Shanghai’d In Shanghai, Love Leads To Madness und Dream On unterstreichen die Vielseitigkeit der Band zwischen hymnischem Rock, bluesigen Einschlägen und fast schon poppigen Momenten. Besonders auffällig ist, dass die Songs trotz des Alters nie angestaubt wirken, sondern erstaunlich frisch und kraftvoll klingen.

Mit This Flight Tonight, einem der Höhepunkte des Abends, und Holiday wird die Setlist um weitere Klassiker ergänzt, bevor Stücke wie Whiskey Drinkin’ Woman und Beggar’s Day die rauere, erdigere Seite von Nazareth hervorheben. Ein längeres Solo in Changin’ Times bietet Raum für instrumentale Spielfreude. Allen voran Jimmy Murrison, der mit lässiger Präzision glänzt. Der unumgängliche Höhepunkt folgt mit Hair Of The Dog, einem Song, der auch 50 Jahre nach Veröffentlichung nichts von seiner Wucht verloren hat. Spätestens hier ist die Räucherei ein kochender Kessel. Zum Ende dann natürlich Love Hurts. Kaum ein Song verkörpert die Band so sehr wie diese Ballade und kaum ein Moment zeigt deutlicher, wie generationsübergreifend diese Musik funktioniert.

Auch nach dem regulären Set lässt die Band nicht locker. Die Zugabe beginnt mit Turn On Your Receiver, gefolgt von Where Are You Now und dem energetischen Abschluss Go Down Fighting. Gerade dieser letzte Song wirkt fast wie ein Statement. Nazareth sind nicht hier, um ihre Vergangenheit zu verwalten. Sie stehen immer noch auf der Bühne, weil sie es können.

Nazareth 2026 Kiel; Foto: Norbert Czybulka

Die Räucherei als Club-Location erweist sich als idealer Rahmen. Große Band, kleine Bühne. Genau diese Nähe sorgt für eine Intensität, die man in größeren Hallen oft vermisst. Der Sound ist roh, direkt, angenehm unpoliert und überall klar. Genau so, wie Hard Rock klingen muss. Auffällig ist, wie organisch die Band zusammenspielt. Keine überflüssigen Effekte, keine überinszenierte Show. Stattdessen handgemachter Rock mit klaren Strukturen, starken Hooks und ehrlicher Energie auf einer gut ausgeleuchteten Bühne.

Das Publikum spricht für sich. Der Großteil sind langjährige Fans, die mit dieser Musik aufgewachsen sind, und wenige neugierige Jüngere. Sie sind vereint in der Begeisterung für Songs, die längst zur Rockgeschichte gehören.

Nazareth liefern in Kiel kein modernes Spektakel. Stattdessen präsentieren sie ein konzentriertes, authentisches Rockkonzert, das sich kompromisslos auf das Wesentliche, Songs, Sound und Spielfreude, konzentriert. Mit einer Setlist, die bewusst in den 70ern verankert ist, zeigen sie, dass große Musik keine Aktualisierung braucht, um relevant zu bleiben. Die Band wirkt nicht wie ein Relikt, sondern wie eine Institution, die ihren Platz bis heute behauptet. Oder anders gesagt, Nazareth sind nicht einfach noch da, sondern sie sind immer noch genau da, wo Hard Rock hingehört.