Thomas – Wie der Heavy Metal in meinen Musikunterricht kam

Metal an der Realschule Hausberge Teil 3 - Abschlussinterview

Thomas Walter, Lehrer an der Realschule in Hausberge, hat uns in den ersten Teilen der Kolumne über Heavy Metal in der Schule mit auf die Reise genommen in seine eigene Vergangenheit, um zu zeigen, wie er als begeisterter Metal-Fan Musiklehrer wurde. Im zweiten Teil berichtet er über seine Unterrichtsreihe zum Thema Heavy Metal und schließlich im dritten Teil über die Erfahrungen, die seine Schüler*innen mit ihrer Arbeit auf dem Meet ’Em All Vol. 4 Festival gemacht haben, zu dem sie durch die Metal Society Weserbergland eingeladen worden sind, und wie die Reaktionen auf dieses Schulprojekt auf dem Festival ausgesehen haben.
Wie landet man eigentlich als begeisterter Metal-Hörer im Beruf des Musiklehrers – und bringt dann sogar Heavy Metal mit in den Unterricht?
Thomas – Wie der Heavy Metal in meinen Musikunterricht kam – Metal an der Realschule Hausberge Teil 1
Thomas – Wie der Heavy Metal in meinen Musikunterricht kam – Metal an der Realschule Hausberge Teil 2

Dieses Festival ist nun sechs Wochen her und die Unterrichtsreihe beendet – Zeit für ein Resümee von Thomas und ein paar Abschlussgedanken.

Man sieht schon auf den ersten Blick, dass Thomas nicht übertrieben hat – sein Musikzimmer, in dem unser Interview stattfindet, legt beredtes Zeugnis ab darüber, dass es von einem „Musik-Bekloppten“ bewohnt wird, wie er sich selber im ersten Teil der Kolumne bezeichnet hat: Neben x-tausend CDs und Büchern von „A“ wie AC/DC bis „Z“ wie ZZ Top stehen auch noch diverse Tasteninstrumente hier als Erinnerung an seine Ausbildung zum Organisten – ein E-Piano, ein „echtes“ Klavier, eine dreimanualige Wurlitzer-Orgel, ein Harmonium, ein Synthesizer, ein Keyboard.

Dazu gesellen sich eine Dobro-Gitarre sowie ein fünfsaitiger Bass. Für die anderen Gitarren war auf dem Boden kein Platz mehr – sie hat Thomas kurzerhand an die Wände gehängt. „Manchmal wünschte ich, ich hätte Blockflöte gelernt – Schublade auf, Instrument rein, Schublade zu!“ scherzt er, obwohl – so ganz glaubt man ihm das nicht. Blockflöten liegen nämlich auch in seinem Zimmer, gleich neben den Tin Whisles und dem Dudelsack. Aber – „nur“ Blockflöten – nein, das wäre dem musikalischen Tausendsassa dann wohl zu wenig gewesen.

Nachdem er mir stolz seine ganzen Instrumente gezeigt hat, ist es an der Zeit, mit dem Interview zu beginnen.

Thomas, warum hast du entschieden, Heavy Metal in den Musikunterricht einzubauen?

Thomas (überlegt kurz):
Da gibt es mehrere Gründe. Zum einen wollte ich wirklich mal sehen, wie die Schüler*innen auf das Thema reagieren, wenn ich es ihnen vorschlage. Dazu kam, glaube ich, dass kurz vorher ein Bericht über das Wacken Festival zu sehen war und wir uns diesen Bericht ebenfalls angesehen haben. Die Kids waren einfach neugierig auf dieses ihnen so unbekannte Genre. Gehört hatten viele schon von der Musik, und mit dem Erscheinungsbild der Fans und Musiker waren sie auch schon vertraut und hatten sich im Vorfeld eine Art „eigenes Bild“ über Heavy Metal gemacht. Der Bericht im Fernsehen zeigte ihnen aber ein teilweise ganz anderes Bild von der Musik und den Fans, das so gar nicht mit ihren Vorstellungen übereinstimmte. Und so wollten sie selber sehen, welche Meinungen und Aussagen über Heavy Metal denn nun richtig sind – und welche falsch. Es ist im Kompetenzcurriculum des Faches Musik übrigens an unserer Schule absolut vorgesehen, kulturelle Subgenre des Musiklebens im Unterricht zu durchleuchten, und mit einigen Stilen wie Rock oder Punk habe ich das schon gemacht. Aber Heavy Metal – das war auch für mich Neuland, obwohl ich mich, wie ich glaube, schon recht gut in der Materie auskannte – eine wichtige Voraussetzung, um den Schülerinnen und Schülern auch gesicherte Ergebnisse präsentieren zu können und ernst genommen zu werden. Und dass Heavy Metal seit mehr als fünfzig Jahren eine eigene Kultur geprägt hat und noch immer prägt, sowohl vom äußeren Erscheinungsbild (Symbole, Kleidung usw.) als auch von der semantischen Bedeutungsebene seiner Themen und Inhalte her, das kann ja wohl niemand ernsthaft bestreiten, der sich auch nur ansatzweise mit dieser Musik beschäftigt.

Und doch wird Heavy Metal immer wieder verkannt. Welche Vorurteile über Heavy Metal begegnen dir am meisten?

Thomas (lacht laut auf):
Hahaha, ob du’s glaubst oder nicht – das ist immer noch der gleiche Mist, den ich mir schon vor dreißig Jahren anhören musste. Genervt bin ich davon eigentlich nicht mehr – ich finde es peinlich für diejenigen, die in ihrer Intoleranz so einen geistigen Dünnpfiff überhaupt von sich geben. Aber anscheinend hält sich nichts so hartnäckig wie Gerüchte, die da lauteten und lauten: „Heavy Metal ist nichts als stupider Krach, geschaffen von biersaufenden Asozialen für biersaufende Asoziale. Punkt.

Der einzige Unterschied: Vor dreißig Jahren war Metal die Musik böser, junger Männer und Rocker, heute ist sie die Musik böser alter Männer. Soweit aus Biedermanns Märchenstunde der intoleranten Vorurteile.

Interessanterweise, und das nervt mich eigentlich wirklich, gibt es genug Gegenberichte, die geeignet genug sein sollten, um dieses Zerrbild gerade zu rücken oder es wenigstens zu überdenken, zum Beispiel die eben schon erwähnten Berichte über das Wacken-Festival oder auch die, wie ich finde, sehr gute Dokumentation Heavy Metal Saved My Life. Aber – wie schon gesagt: Nichts hält sich scheinbar so hartnäckig wie Gerüchte.

Etwas anderes ist es, wenn jemand Heavy Metal schlicht und einfach nicht mag. Das gibt es und ist für mich völlig okay. Da bin ich tolerant – schließlich bin ich Musiklehrer, kein Missionar. Übrigens gab es das auch unter den Schülerinnen und Schülern des Kurses, mit denen ich das Thema Metal jetzt bearbeitet habe – und interessanterweise waren es vor allem ein paar Jungen, die eher eine Abneigung gegen Metal hatten. Was ich aber als sehr, sehr fair bei diesen Schüler*innen erachtet habe, ist die Tatsache, dass sie nichts getan haben, um die Reihe zu stören oder gar „kaputt“ zu machen – im Gegenteil:

In der Schlussbetrachtung gaben sie zu, dass ihre Ansichten über Heavy Metal durch die jetzt abgeschlossene Reihe geradegerückt worden sind und sie „echt“ etwas gelernt haben. Das finde ich ehrlich und das verdient meinen Respekt. Danke, Jungs!

Auf die Fragen an die Schülerinnen und Schüler über die Unterrichtsreihe werden wir gleich sicher auch noch zu sprechen kommen – doch du hast gerade das Thema „Was wurde gelernt“ angesprochen. Sag mal – was mich interessiert, ist: Was können deiner Meinung nach Schülerinnen und Schüler überhaupt musikalisch von Heavy Metal lernen?

Thomas (überlegt kurz):
Wie lange, sagst du, hast du noch Zeit? (lacht) Nein, jetzt mal ehrlich, wenn ich da anfange, brauchen wir eine Sonderausgabe des Time-For-Metal-Magazins, Überschrift: „Lehrplan-relevante Elemente des Heavy Metal als Weiterentwicklungsmöglichkeiten musikalischer Schüler-Kompetenzen“ (lacht wieder, wird dann aber ernst). Jetzt mal Spaß beiseite – nehmen wir nur mal den Bereich der Rhythmik, angefangen mit der Hand-Fuß-Koordination am Schlagzeug und dem Spielen eines 4/4tel-Rhythmus mit Bassdrum, Snare und Hi-Hat, über den Einsatz von Tempowechseln wie in Metallicas Seek And Destroy bis hin zur Polyrhythmik, zum Beispiel im Progressive Metal à la Dream Theater – das alles ist möglich! Und wenn du mal glückliche Schüler*innen sehen möchtest, dann lässt du sie Highway To Hell von AC/DC life am Schlagzeug spielen, während der Song dazu aus den Boxen dröhnt. Ich will nicht behaupten, dass man nicht auch mit anderen Styles musikalische Sachverhalte verdeutlichen kann. Aber ich weiß eben, dass es mit Metal auf alle Fälle geht. Dazu kommt noch etwas Besonderes, was mir in dem Maße so in anderen Genres der Musik noch nicht aufgefallen ist: Viele Metaller, vor allem Gitarristen, haben eine Wahnsinns-Affinität zur Klassik!

Deswegen kannst du mit Metal sogar Begriffe aus der klassischen Musiklehre oder auch das Hören und Analysieren von klassischen Werken durch Metal anregen – kleines Beispiel: Bekanntermaßen ist Black Sabbaths Song Black Sabbath inspiriert durch den Tritonus zu Beginn von Gustav Holsts Komposition Mars, Der Bringer Des Krieges aus der Planeten-Suite. Du kannst also einmal den Begriff des Tritonus erklären und andererseits das Hören der klassischen Holst-Komposition anregen. Vielleicht ist das ein besserer Weg, als gleich mit der Rezeption des Werkes anzufangen – zumal leider viele Schülerinnen schon die Nase rümpfen, wenn sie das Wort „Klassik“ nur hören…

Du hast gerade AC/DCs Highway To Hell erwähnt und Sabbaths Black Sabbath. Welche Bands oder Songs nutzt du besonders gerne im Unterricht?

Thomas:
Das kann man so nicht allgemein sagen, denn, weißt du, das kommt ganz darauf an, was ich mit der Musik eigentlich will. Danach wähle ich die Songs aus, ich „funktionalisiere“ sie sozusagen, so, wie jemand für sich Musik auswählt, die ihn entweder beflügelt oder als Spiegel seiner Trauer dient.

Soll sie als Einstieg in das Thema „Metal“ dienen, dann greife ich gerne auf bekannte Metal-Songs zurück wie Highway To Hell von AC/DC oder Thunderstruck, schon um eine Brücke zu den Kids zu bauen, die die Songs vielleicht selber kennen oder aber von ihren Eltern oder aus dem Freundeskreis. Thunderstruck kann man aber auch gut benutzen, wenn man zum Beispiel auf klassische Streichinstrumente und ihre Spielmöglichkeiten zu sprechen kommen möchte – dann vergleichst du die Originalversion von Thunderstruck mit dem Cover von den 2 Cellos. Wie gesagt, es kommt darauf an, was ich im Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern eigentlich erreichen will. Danach wähle ich dann die Bands und Songs aus.

Du hast gesagt, dass man auch mit anderen Musikgenres Schülerinnen und Schülern musikalisch etwas beibringen kann. Welche musikalischen Elemente machen aber gerade Heavy Metal so besonders?

Thomas:
Ganz klar, da ist zunächst einmal die Lautstärke. Metal WILL gehört werden, das ist keine Hintergrundmusik für eine impressionistische Dichterlesung. Dann ist da die Gitarrenarbeit – das absolute Kernstück für jede Metal-Band. Häufig, aber nicht immer, mit einem oder zwei Gitarristen, deren spieltechnischer Standard in der absoluten Top-Klasse der Spitzenmusiker dieses Planeten liegt.

Der oft treibende Rhythmus des Schlagzeugs gesellt sich dazu, die Double-Bass-Drum hat das Repertoire an Rhythmen um ein Vielfaches erweitert – für das spieltechnische Niveau vieler Drummer aus dem HM-Bereich gilt auch ganz klar das, was ich schon über die Gitarristen gesagt habe. Und dann, last but not least, der Gesang! Von heiserem Flüstern und dem leisen Schnurren einer Wildkatze auf Beutezug über donnernden Helden-Tenor und Growling bis hin zum Falsett in schwindelerregenden Höhen ist die Stimme eines Metal-Shouters so variabel und flexibel wie in keinem anderen Genre, oft dazu mit einer gewissen „Bühnen-Theatralik“ in der Show kombiniert.

Dazu kommt ein Phänomen, das mir selber erst nach dem Lesen des ausgezeichneten Buches Metalmorphosen von Jörg Scheller in Vorbereitung auf die Unterrichtsreihe so wirklich klar geworden ist: Heavy Metal ist eine stets sich wandelnde, sich neu erfindende Musikart, deren „ältere“ Spielarten nicht einfach „verschwinden“, sondern auch weiterhin existieren! Bands wie Iron Maiden oder Judas Priest aus der New Wave Of British Heavy Metal werden nicht einfach „abgelöst“, sondern existieren ganz selbstverständlich weiter und werden weiterhin gehört!

Die „Alt-Metaller“ wie AC/DC existieren neben neueren Subgenres wie Viking Metal weiter, Saxon gab es und gibt es, bevor die Jungs von Cruachan der Welt den Celtic Metal schenkten, die auch immer noch voll dabei sind! (Greetings to Mr. Keith Fay! Go maire Cruachan!)!

Dieses Nebeneinander-Existieren der verschiedensten Subgenres bei gleichzeitiger Neuentwicklung weiterer Unter-Spielarten – das ist etwas, was, wie ich finde, Heavy Metal noch weit vor anderen Musikstilen auszeichnet. Gut fand ich, dass ein Mitglied des Kurses deswegen auch die Entwicklung der Metal-Styles wie einen Baum dargestellt hat, der weiter nach oben wächst.

Apropos nebeneinander von verschiedenen Genres – gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Metal-Subgenres, die du im Unterricht erklärst?

Thomas (sofort):
Natürlich! Dabei unterscheide ich einmal zwischen musikalischen Besonderheiten der unterschiedlichen Spielarten einerseits und ihren inhaltlich-thematischen Besonderheiten andererseits. Symphonic Metal hat oftmals mit Streichern oder orchestralen Zusatzelementen ein anderes Instrumentarium als Thrash Metal oder Folk Metal. Themen wie soziale Missstände, die eigene Psyche oder Krieg und Gewalt begegnen dir im Thrash Metal eher als im Glam Metal. Ich habe den Schülerinnen und Schülern deswegen auch die Aufgabe gestellt, dass jede/r von ihnen sich mit einem Genre seiner/ihrer Wahl beschäftigen sollte und ein Plakat erstellen sollte, auf dem neben den wichtigsten Vertretern des Genres und ein paar Bildern auch die musikalischen und thematisch-inhaltlichen Schwerpunkte zu sehen sein sollten. Die Plakate wurden an die Wände gehängt und wie auf einer Ausstellung von allen Schüler*innen begutachtet.

Jetzt mal was ganz anderes – wie reagieren eigentlich Eltern oder Kolleginnen und Kollegen auf das Thema Heavy Metal in der Schule?

Thomas (überlegt):
Fangen wir mal mit den Kolleginnen und Kollegen an … Aufgrund meines äußeren Erscheinungsbildes waren die wohl nicht unbedingt überrascht, als ich ihnen von dem Projekt erzählt habe. Beeindruckt waren sie alle, wie auch die Schulleitung und unsere Schulsozialarbeiterin, von den Ergebnissen, die ich ihnen – und zwar mit großem Stolz auf meine Schülerinnen und Schüler – präsentieren konnte, nämlich neben den eindrucksvollen Plakaten zu den einzelnen Genres auch die Texte, die sie in Deutsch und Englisch verfasst haben und die dann heavy-metal-mäßig vertont werden sollen. Und von den Art Covern, die sie zu ihren Texten abgeliefert haben. Da gab es niemanden, der den Schülerinnen und Schülern keinen Respekt zollte. Es spricht, denke ich, auch ausdrücklich für unsere Schule, dass sowohl das Projekt selber von Anfang an als auch der Gang an die Öffentlichkeit mit dem Besuch des Meet ’Em All Volume 4 Festivals nicht nur gebilligt, sondern seitens der Schulleitung sogar als Schulveranstaltung erlaubt wurde, ebenso wie die Veröffentlichung der ganzen Aktion auf der Schul-Homepage, hier im Time-For-Metal-Magazin und auch im lokalen Magazin. Dieses Magazin, das Porta Westfalica Magazin, brachte im Mai und Juni einen wirklich sehr positiven Artikel über unser Projekt. Und auch die Sparkasse Bad OeynhausenPorta Westfalica war äußerst interessiert und übernahm spontan das Sponsoring der T-Shirts für unsere Schülerinnen und Schüler. Ach – übrigens „Übernehmen“: Die Schule und die Metal Society Weserbergland haben auch das gesamte Catering für die Schüler*innen übernommen.

Die Reaktion der Eltern dagegen war eher zwiespältig – neben Eltern, die sogar das Festival mit ihren Kindern gemeinsam besucht haben und Eltern, die ihren Kindern diesen Besuch selbstverständlich erlaubt haben, gab es andere, die nicht wollten, dass Bilder der Schülerinnen und Schüler veröffentlicht wurden und die auch nicht wollten, dass ihr Sohn / ihre Tochter das Festival besuchten. Schade, aber das ist selbstverständlich und uneingeschränkt Sache der Eltern und akzeptiert! Vielleicht waren bei diesen Eltern die Ressentiments aufgrund ihres Bildes über Heavy Metal doch zu negativ, trotz des Hinweises auf den schulischen Charakter des Festivalbesuchs und der Tatsache, dass ich als Lehrer selbstverständlich die ganze Zeit auf dem Festival dabei war.

Ja genau, das Festival – sag mal, welches Feedback hast du nach dem Festivalbesuch vom Meet ’Em All Vol. 4 von den Schüler*innen, Eltern, Veranstaltern und Musikern erhalten?

Thomas (sofort):
Bombe! Einfach Bombe! Es ging meiner Frau und mir zwar leider total mies an dem Tag, aber das tat dem Ergebnis keinen Abbruch. Stark fand ich, und auch das spricht für unsere Schule, dass gleich vier Kolleginnen und Kollegen, die wirklich alle vier nichts mit Heavy Metal am Hut haben, das Festival besucht haben und so ihre Verbundenheit mit unseren Schüler*innen und mit unserem Projekt gezeigt haben. Diese Kolleginnen und Kollegen und die Eltern, die ihre Kids begleitet haben, erklärten übereinstimmend:

Auch, wenn es nicht unbedingt ihre Musik war, waren sie ALLE von der freundlichen, ja fast familiären Atmosphäre des Festivals so begeistert, dass gleich mehrere äußerten, auch im nächsten Jahr wieder dabei sein zu wollen. Auch die Schüler*innen fühlten sich nach anfänglichem Zaudern angesichts der vielen Besucher*innen so richtig wohl, zumal ihre Arbeit vom Publikum und allen, die sie angesprochen haben, mit großem Respekt gewürdigt wurde. Einige Eindrücke und auch Resultate habe ich ja auch schon im letzten Teil dieser Kolumne beschrieben.

Die Metal Society Weserbergland hatte ja aufgrund der Ergebnisse der Unterrichtsreihe die Schülerinnen und Schüler spontan zu dem Festival eingeladen, weil sie so beeindruckt von deren Arbeit war, und ihnen einen eigenen Stand aufgebaut, um dort ihre Arbeitsergebnisse dem Publikum vorzustellen. Das zeigt deutlich, wie begeistert die Society als Veranstalter von der schulischen Arbeit war. Und ist. Wie aber reagierten umgekehrt die Schülerinnen und Schüler auf das Festival – welches Feedback kam von denen?

Als meine Frau und ich auf dem ersten Treffen nach dem Festival das Vereinshaus betraten, saßen allen Ernstes fast fünfundzwanzig Mitglieder der Metal Society Weserbergland dort und wollten ganz gespannt, ja, aufgeregt wie die Kinder zu Weihnachten wissen, was ich ihnen denn nun von den Eindrücken der Schülerinnen und Schüler berichten konnte. Als ich ihnen die Karte zeigte, die die Kids als Dankeschön gemalt hatten, waren sie ganz gerührt. Jeder schaute sich diese Karte lange an.

Die fünfzig Euro, die die Kinder als „Standgebühr“ und als Dankeschön der Karte beigelegt hatten, nahmen sie selbstverständlich NICHT an – ich sollte sie den Schülerinnen und Schülern zurückgeben für die Kasse ihrer Abschlussveranstaltung (Kommentar eines Society-Mitgliedes: „Bei jedem Schluck Bier, den ich von den 50 Euro kaufen würde, müsste ich würgen, weil ich dächte, ich hätte Kinder betrogen…“).

Und alle waren stolz, als ich ihnen von den begeisterten Kommentaren der Schülerinnen und Schüler, aber auch der Eltern und der Kolleginnen und Kollegen berichtete. Und als ich ihnen dann auch noch erzählen konnte, dass ein Mädchen des Kurses so begeistert war, dass sie von nun an als Bassistin in einer Black-Metal-Band spielt, platzte die Gang vor Stolz, und, ganz ehrlich, ich auch ein bisschen.

Ehrlich? Ein Mädchen deines Kurses spielt jetzt in einer Black Metal Band?

Thomas:
Kein Scherz! Es ist das Mädchen, das sich themenmäßig auch schon mit Black Metal auseinandergesetzt hat, das mich auf Mayhem hingewiesen hatte und mir schon häufiger durch profundes Wissen zur Materie aufgefallen war. Wir überlegen sogar, wie wir ihr helfen können, weil sie selber noch kein Instrument besitzt ….

Das war mit Sicherheit wohl die überraschendste Reaktion auf deine Unterrichtsreihe, was gleich die nächste Frage aufwirft – was halten eigentlich die Schülerinnen und Schüler abschließend von der Unterrichtsreihe, die du mit ihnen abgehalten hast?

Thomas:
Richtig! Du hast mir ja im Vorfeld ein paar Fragen übermittelt, die ich an die Schüler*innen stellen sollte. Das habe ich natürlich auch gemacht, wie du auf einem der Bilder zu dieser Kolumne sehen kannst.

Ich habe sie ausgewertet und kann dir folgende Antworten geben:

Auf die Frage: „Welche Musikrichtungen hört ihr privat am meisten – und warum?“ kam sehr häufig die Antwort Rap, Hip-Hop und Deutschrap, dicht gefolgt von Popmusik, weil diese Musikrichtungen einfach „gute Laune“ machen. Zwei Kids gaben auch an, Nu Metal zu hören, ein Kind war noch mit Black Metal dabei, ein Mädchen hört sogar gerne Jazz, drei Mädchen gerne albanische Pop- und Rapmusik, ein Junge gab an, überhaupt keine Musik zu hören, weil er „kein Musikfan“ ist. Insgesamt geht die Antwort also ganz klar Richtung Rap, Hip-Hop und Pop. Metal spielt bei den alltäglichen Hörgewohnheiten dieser Schülerinnen und Schüler kaum eine bis gar keine Rolle.

Wer jetzt aber meint, dass bei der nächsten Frage, nämlich „Glaubt ihr, dass Heavy Metal zu Unrecht als „Krach“ bezeichnet wird?“ meint, dass jetzt ein vernichtendes Urteil über Metal gesprochen wurde, irrt gewaltig! Siebzig Prozent des Kurses lehnten die Unterstellung, dass Metal nur Krach sei, glatt ab und begründeten dies auch, zum Beispiel damit. … (blättert in den Papieren)…, dass „solches Denken nur auf Klischee-Denken basiert“, dass es „viele Stile“ gibt, „Metal auch Gefühle widerspiegeln oder auch wecken kann“ (eine Schülerin nannte Chester Bennington als Beispiel), Metaller „schon tuff“ drauf sind, oder Metal „einfach cool klingt“.

Ein Mädchen gab an, dass es als Kind mit Metal durch seinen Vater groß geworden ist, ein anderes, dass „eigentlich jede Musikrichtung respektiert werden sollte“, oder aber auch, dass „Metal, auch, wenn er laut und hart klingt, in vielen Songs viel musikalisches Können und Kreativität birgt“ und so weiter. Ein Kind schrieb, dass Metal mal Krach, mal weniger Krach ist. Nur drei Teilnehmer bezeichneten Metal als Krach, zum Beispiel weil man oft nicht versteht, was „die singen“, oder Metal manchmal aggressiv wirkt. Eine allgemeine Haltung gegen Metal ist also ganz deutlich NICHT zu erkennen.

Wow! Hast du mit dem Ergebnis gerechnet?

Thomas:
Ganz ehrlich? Nein, vor allem, als ich die Antworten auf die erste Frage analysiert habe. Eine so bewusste Pro-Metal-Haltung mit einer solch klaren Begründung FÜR Metal, nein, damit habe ich ganz klar nicht gerechnet!

Hand aufs Herz – oder meinst du, die Schülerinnen und Schüler haben das geschrieben, um dir einen Gefallen zu tun nach deinen ganzen Vorbereitungen und weil sie wussten, wie du über Metal denkst?

Thomas (lacht):
Hahaha, da kennst du aber meine Schülerinnen und Schüler schlecht! Nein, so etwas haben die wirklich nicht nötig, und ich auch nicht! Wenn überhaupt, dann glaube ich, dass vielleicht diese Unterrichtsreihe ihren Teil dazu beigetragen hat, Metal nicht vorurteils- und klischeebeladen zu sehen, sondern ihn in seiner Vielfalt einfach mal differenzierter zu betrachten. Wenn das so ist, dann bin ich, was die Intention meiner Reihe angeht, schon mal ein ganzes Stück weit zufrieden!

Das glaube ich dir sofort! Wie sah es denn mit den anderen Schülerfragen aus?

Thomas:
Richtig, da waren ja noch ein paar. Die nächste Frage war: Welche Gefühle oder Bilder verbindet ihr mit Heavy Metal?
Der größte Teil der Schüler schrieb Emotionen, Energie, Freiheit und immer und immer wieder „Gefühle“: starke Gefühle, düstere Gefühle, intensive Gefühle, Spaß und das Ausleben von Gefühlen, E-Gitarren (ein Mädchen schrieb, sie stelle sich vor, dass sie selber ein abgefahrenes Solo spielen könne und dann richtig Gänsehaut bekommt), ein Mädchen schrieb, sie bekommt beim Hören von Metal „… Inspiration für eigene Projekte“. Hier überwiegen also ganz klar die Begriffe Emotionen und Gefühle! Nur ein Junge schrieb: „alt, laut, energiereich“.

Heavy Metal und Emotionen – war es das, was du als Antwort erwartet hast?

Thomas:
Ich glaube, hier kannst du auf alle Fälle die Unterrichtsreihe mit als Begründung nennen, denn es war ja eine Aufgabe innerhalb der Stunden, dass die Schülerinnen und Schüler selber auf der Grundlage ihrer Feelings Texte à la Metal verfassen sollten – und das haben sie mit Bravour gemeistert! Das hat ihnen, insofern sie es nicht auch schon vorher wussten, geholfen, hinter Metal als musikalischer Ausdrucksform auch die textlich-emotionale Dimension des Metal zu erkennen, und diese auch anzuerkennen.

Stimmt! Die Beispiele, die ich da gelesen habe, sind schon sehr beeindruckend. Zwei Fragen gab es noch …

Thomas:
Die erste war die, ob die Schülerinnen und Schüler mehr Subgenre-Musik im Unterricht behandelt wissen wollen statt nur den Mainstream-Musikrichtungen. Ganz klare Antwort: 99 Prozent sagen ja, damit alle auch mal andere Stile kennenlernen können. Nur ein Junge schrieb, es sei ihm egal – er ist sowieso nur noch einen Monat auf der Schule.

Bleibt nur noch die letzte Frage …

Thomas:
…auf deren Antwort ich am meisten gespannt war. Die Frage war ja: „Wird Rock/Metal dich auch außerhalb der Schule weiterhin begleiten“?
Dreißig Prozent antworteten mit „Nein, vermutlich werde ich andere Musik bevorzugen“, zehn Prozent sagten „Eher selten, vielleicht nur manchmal oder aus Erinnerung an den Unterricht“, zwanzig Prozent sagten „Wahrscheinlich schon, aber ich höre auch viele andere Musikrichtungen“ – und … das heißt ja … … genau! VIERZIG PROZENT gaben an: „Ja, auf jeden Fall – Rock/Metal wird mich auch außerhalb der Schule weiterhin begleiten“.

Dann bleibt mir, ganz zum Abschluss, nur noch eine einzige Frage: Bist du mit deiner Reihe zufrieden? Hast du erreicht, was du wolltest?

Thomas (sehr ernst):
Ja, ich bin zufrieden. Einhundert Prozent zufrieden vielleicht nicht, aber, mal ehrlich, wann erreichst du schon 100 Prozent? Die Konzeption der Reihe, die Ziele, die ich erreicht habe, das ist schon alles gut so. Schade, dass die musikalische Umsetzung der Schüler*innen-Texte noch nicht realisiert werden konnte, aber das ist dann vielleicht einfach das nächste Projekt!

Ich bin froh und dankbar, dass ich diese Schülerinnen und Schüler hatte und dass sie mich und meine Unterrichtsreihe akzeptiert haben und mitgearbeitet haben, auch diejenigen, die Heavy Metal einfach nicht mögen. Ich danke euch, meine Lieben, und ich bin stolz auf euch! Ich danke aber auch der Schulleitung der Realschule Hausberge, die alle Schritte des Projektes zugelassen und mitgetragen hat, ich danke den Kolleginnen und Kollegen, allen voran Katharina Kopp, aber auch Sylvia Lannoy, Philomena Höltkemeier und Oliver Hohmeier, für ihr Interesse, ihren Support und den Besuch auf dem Meet ’Em All Festival, der Metal Society Weserbergland für die Unterstützung in jeder Phase und der tatkräftigen Unterstützung auf dem Festival, der Sparkasse Bad Oeynhausen – Porta Westfalica, respektive Herrn Christof Kuczera, der sofort im Namen seines Instituts die gesamten T-Shirts für den Kurs zum Festivalbesuch gesponsert hat – und, lieber René, ich danke auch dir für das Interesse des Magazins an meiner Arbeit! Die Kolumne für euch zu schreiben, war mir ein Vergnügen!

Das gebe ich gerne zurück! Ich war schon immer gespannt, wie es weitergeht mit deinen Berichten. Und ich danke dir für dieses Interview. Eine letzte Schlussbemerkung deinerseits?

„Metallische Grüße an alle Headbangin’ Metalheads – be safe, be happy, don’t let anybody make you afraid – and keep on rockin’!“

Euer Thomas!

(Mal heiter, mal nachdenklich – Thomas während des Interviews)