Wie landet man eigentlich als begeisterter Metal-Hörer im Beruf des Musiklehrers – und bringt dann sogar Heavy Metal mit in den Unterricht?

Vom staunenden Jungen mit dem Radio zum Musiklehrer: Wie meine Liebe zu Deep Purple und Heavy Metal meinen Weg in den Unterricht ebnete

„Wie kommt man denn dazu, als Metal-Fan ein Musiklehrer zu werden – und dann noch was mit Heavy Metal in der Schule zu machen?“ Thomas hat die Antwort für euch auf den nächsten Seiten:

Halt. Halt, halt!

Um das gleich vorwegzunehmen: Für mich ist Bruce Dickinson NICHT der liebe Gott. Auch nicht – trotz seines Namens – Ronnie James Dio. Oder Ozzy. Oder Lemmy. Oder sonst wer. Und Heavy Metal ist für mich NICHT die allein selig machende Musik.

Ein Blick auf meine Platten-/CD-Sammlung verrät es sehr schnell: Diese Sammlung gehört keinem Heavy-Metal-Fan, sie gehört einem Musik-Bekloppten. Einem, der seine Hörstücke aus allen Musikgenres bezieht, die ihm gefallen. Und das sind – bis auf eine Ausnahme – eigentlich alle: Für mich ist Musik gut, wenn sie irgendetwas in mir anspricht, etwas in mir bewegt, sie mich aufhorchen lässt.

Und dabei ist es mir egal, ob es das Ostinato-Thema und seine Wahnsinns-Umspielungen in Bachs C-Moll-Passacaglia ist, die fast hypnotisierende Motorik bei Accepts Princess Of The Dawn, bei der ich mir wünschen würde, der Song hätte noch vier Strophen mehr, oder die gelungene Melodielinie einer bekannten Schokoladen-Werbung.

Alles ist Musik, und alles ist für mich mögliche akustische Nahrung. Und ich bin immer hungrig …

Wer mich allerdings fragt, bei welcher Art von Musik meine ganz persönlichen Vorlieben liegen, ja, der bekommt ganz klar zu hören: Heavy Metal und Hardrock. Das war schon immer so, seit ich selber anfing, bewusst Musik zu konsumieren. Und das war zu einer Zeit, als „Heavy Metal“ eigentlich noch nicht so richtig existierte. Mittlerweile über sechzig Jahre alt, wurde ich zunächst natürlich mit der Musik meiner Eltern sozialisiert. Deutscher Schlager und Volksmusik.

Chris Roberts und Ernst Mosch gaben sich in unserem kleinen Haus auf dem Dorf ihr Stelldichein, Heino röhrte sich durch die schwarze Barbara und Bernd Clüver säuselte etwas über einen Jungen mit der Mundharmonika. Ein absoluter Clash zwischen Ernst Mosch, James Last und Cindy und Bert. (Obwohl, apropos Cindy und Bert: Deren Cover-Version von Black Sabbaths Paranoid, nämlich Der Hund Von Baskerville, war für deutsche Verhältnisse ja fast schon Metal pur! Wer es nicht glaubt: Hört mal rein!) Auf einer Busreise nach Spanien (ich war damals so neun Jahre alt) hörte ich dann von den älteren Kindern der Reisegesellschaft ganz andere Musik, die sie auf ihren Kassettenrekordern (äh … weiß eigentlich noch jeder, was das ist?) laufen ließen: Barry Blue, Terry Jackson, The Hollies, Gary Glitter und andere. Die Musik gefiel mir so gut, dass ich meinen Vater bat, mir diese Kassette auch zu kaufen.

Er ließ sich die Kassette zeigen. Dann schaute er sich die Interpreten und die Songtitel an. Sein Kommentar: „Da ist ja nicht ein deutsches Lied dabei!“ Bekommen habe ich die Kassette trotzdem. Danke, Papa. Trotzdem war klar:

Das, was ich gerne als Musik gehört hätte, war nicht mehr das, was meine Eltern oder irgendwelche Samstagabend-Shows mir vorsetzten. Chris Roberts war noch immer verliebt in die Liebe, Jürgen Marcus’ Lied zog weiterhin durch die Welt – aber das war irgendwie eben nicht mehr so ganz meine Welt. Und so bekam ich dann eines Tages – mittlerweile war ich zehn – ein altes Volldampf-Radio, so eines, das man erst anschaltete und den Sender einstellte, dann mussten die Röhren erst ein wenig warm werden und dann kam, ganz leise und wie aus weiter Ferne, der Ton in den Lautsprecher und wurde allmählich lauter. Das war fast wie Magie!

Dieses Radio habe ich geliebt. Denn ich entdeckte damals dann auf WDR rein zufällig (wir hatten keine Fernseh- oder Radiozeitschrift) eine Sendung, die einmal wöchentlich abends lief: Die Diskothek im WDR. Mit Mal Sondock. Em-A-El. Das war 1974 – und da lief auf Platz eins ein Lied, das sich ein ganzes Jahr in der Sendung hielt: Burn von Deep Purple. Das war die Initialzündung zu meiner eigenen Musikliebe. Ich wusste nichts von Englisch. Ich wusste nichts von Deep Purple, nichts von Mark II, wer David Coverdale war, wusste ich auch nicht.

Aber eines wusste ich ganz klar: Ich hatte „meine“ Musik gefunden. DAS war die Musik, die mich nicht mehr langweilte, DAS war der Sound, der ein bisschen mehr konnte, als einfach nur zum netten Mitklatschen zu animieren: Ich flippte bei dem Song total aus. Die Nackenhaare und die Haare auf den Armen stellten sich auf und ich drehte die Lautstärke so laut auf, dass meine Oma, die im Nebenraum ihr Schlafzimmer hatte, sich fragte, ob das Radio einen Totalschaden hatte … von dem Sound, den sie hörte (oder besser hören musste), mal ganz zu schweigen.

Der Gesang, das Schlagzeug, die Gitarre und vor allem die Keyboards – das war so weit weg von allem, was ich bis dahin zu hören bekommen hatte, wie nur irgend möglich. Mit den Keyboards kannte ich mich aus – hatte ich doch schon zwei Jahre vorher angefangen, E-Orgel zu spielen. So richtig mit rechter Hand Melodie, linker Hand Begleitakkorde und mit dem linken Fuß Basspedal.

Aber das, was dieser … wie hieß er doch gleich … John Lord da aus seiner Orgel rausholte, war im Vergleich zu dem lauen Lüftchen, das ich aus meinem kleinen, zweimanualigen Schnuckelchen rauspresste, ein fieser, dunkler Herbststurm mit Tornado-Qualität, von der Virtuosität des Spielens mal ganz zu schweigen.

War die Tür in meine Musik-Wohlfühl-Welt aufgetan, so führte mich mein Radio eines Tages noch sehr viel tiefer in dieses Land der musikalischen Verheißung ein, als ich bis dahin für möglich hielt, und das kam so: Auf „meinem“ Radio gab es noch einen anderen Sender – einen englischsprachigen namens BFBS. Und auf diesem Sender hörte ich den schon erwähnten John Lord eines Tages mit einer Fassung von Woman From Tokyo. Der Sound war aber nicht einfach Marke Hammond B3, sondern der satte, fette Sound einer ganzen Kathedralenorgel.

Ich weiß nicht, ob es sich um eine „richtige“ Kathedralorgel oder um eine elektrische Sakralorgel handelte. Wenn es eine richtige Kirchenorgel war, dann weiß ich nicht, ob St. Paul’s oder eine andere Kathedrale. Ich weiß, dass ich fast keine Luft mehr bekam, so ging ich in dem Sound auf. Diese Klangfarben. Diese Masse an musikalischer Kraft. Die Bässe, die man fast unter den Füßen spürte. Die Mixturen, die das Thema bis in den Himmel schmetterten.

Wie war es möglich, dass EIN EINZIGER MENSCH dieses Klangvolumen mit seinen zehn Fingern und seinen zwei Füßen zum Klingen bringen konnte? Ich war wie paralysiert. Schweiß stand mir auf der Stirn und in meinen Handflächen. Ich starrte wie betäubt einfach vor mich hin. Mindestens zwei Minuten lang.

Nach dem Hören des Stückes (und dem Klopfen von Oma an die Zimmerwand) wusste ich nur eins: DAS wollte ich auch spielen können. Ich wollte nicht nur Hardrock hören, ich wollte ihn selber SPIELEN! Aber – wer brachte einem SO ETWAS bei? Zwischen meinem Unterricht an der E-Orgel und DIESEN Klängen lagen nicht nur Welten, da lagen ganze Galaxien – auch wenn ich mittlerweile alles tat, um meiner kleinen Orgel ähnliche Sounds abzugewinnen. Mein armes Schätzchen hat tapfer, aber vergeblich versucht, meinen Wünschen gerecht zu werden.

Aber, wie gesagt, so ging das nicht. Mein Traum, SELBER diese Sounds an einer Kirchenorgel zu produzieren, musste bis zu seiner Erfüllung noch ein bisschen warten. Klar war allerdings seit diesen zwei einschneidenden Erlebnissen: Von da an war für mich eigentlich nur noch Hardrock für lange Zeit erträglich. Was hart und laut war, war gut. Vor allem Hardrock, der aus Großbritannien kam. Deep Purple. Rainbow. Whitesnake. Uriah Heep. Keyboards waren dabei für mich erwünscht, aber nicht notwendig.

Ein paar Jahre später sollte sich, fast als logische Weiterentwicklung, der Heavy Metal dazu gesellen. Vor allem, als auch in Deutschland immer mehr Bands dieser Musikrichtung Fuß fassten. Accept. Kreator aus Essen, Running Wild, Blind Guardian und so weiter. Diese Bands brauchten sich in keiner Weise zu verstecken!

Die ersten Zeitschriften kamen auf den Markt – Metal Hammer und Rock Hard. Und mein Bruder und ich gehörten zu den treuen Lesern. (Da fällt mir ein: Einer der ganz großen Redakteure dieser Zeitschriften, Götz Kühnemund, war mit mir auf derselben Schule! Der Mann ist nicht nur ein begnadeter Schreiber, sondern auch ein hervorragender Zeichner von Schnell-Porträts! Yo Götz, wenn du das liest: Auf das Cani!)

Die New Wave Of British Heavy Metal mit Motörhead, Iron Maiden, Judas Priest, Saxon und anderen Schwermetallern tat ihr Übriges – und meine musikalische Sozialisation vollendete sich weiter. Mittlerweile hatte sich in unserem Dörfsken ein neuer Organist eingefunden. Der offenbarte mir den weiteren Weg zu meinem späteren Beruf: Man konnte eine richtige Ausbildung zum Kirchenmusiker machen! Endlich sah ich eine Chance, meinem Wunsch als Tasten-Gott näherzukommen, der es schaffte, mit seinen eigenen Händen (und Füßen) solche unglaublichen Soundwalls zu erschaffen wie Mr. John Douglas Lord.

Diese Ausbildung kostete 60 Deutsche Mark im Monat und dauerte zwei Jahre. Und auch, wenn man für diesen Preis sehr umfangreichen Unterricht bekam bei Meistern ihres Faches, so waren diese zwei Jahre für mich – und vor allem für meine Eltern – nicht billig. Die Teilnahme an dieser Ausbildung bedeutete auch, dass man eine Aufnahmeprüfung bestehen musste. Das wiederum hieß, dass ich Klavier lernen musste – für die Herren, bei denen ich vorspielen musste, war eine E-Orgel einfach schlicht und unergreifend kein Instrument.

Für die Aufnahmeprüfung wurden eine zweistimmige Invention von Bach und ein Sonatinensatz im Schwierigkeitsgrad von Clementi oder Beethoven gefordert. Tja. Das bedeutete, dass meine Eltern mir ein Klavier kaufen mussten. Ich hatte nämlich keins. Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater Briefträger. Beide hörten gerne Musik. Ihre Musik. Das war’s. Musik diente der Unterhaltung. Der Kurzweil. Das war was zur Entspannung. Außerdem hatte der Junge doch seine E-Orgel. Das war doch auch was, oder? Jetzt sollten sie für viel Geld ein Klavier anschaffen? Für den Traum ihres Sohnes und seinen komischen „Musik“-geschmack? Und – falls der Jung‘ die Aufnahmeprüfung bestand – wie sollte das weitergehen? Zwei Jahre lang 60 D-Mark im Monat hinblättern – und dann?

Nun, das konnte ich meinen Eltern auch nicht sagen. Ich war 15 Jahre alt und hatte noch nicht mal meine Schule hinter mir – hätte ich bei der Ausbildung zum Organisten eigentlich noch die Zeit, mich auf die Schule vorzubereiten? Schließlich wollte ich das Abitur machen. Und studieren. Was, das wusste ich noch nicht. Der Jung‘ sollte es schließlich mal besser haben als seine Eltern.

Ich mache es kurz: Meine Eltern sagten ja. Ohne lange Diskussion. Ohne „Wenn“ und „Aber“. Wieder hatte ich das Glück, dass sie mich unterstützten. Sie nahmen sogar noch ein wenig Geld für das Klavier auf. Ehrlich jetzt mal: Ich weiß nicht, wie manche Menschen zu ihren Eltern stehen. Ich weiß nur, ich bin gebenedeit unter den Söhnen. Und ich wünsche jedem Sohn und jeder Tochter Eltern, die aus diesem Holz geschnitten sind. Nur mal so.

Wie ging es weiter? Ich bestand die Aufnahmeprüfung. Und die Zwischenprüfung. Und auch die Schlussprüfung. Und noch so manche andere Prüfung, die dann nach meinem Abitur zwei Jahre später folgen sollte. Denn mittlerweile wusste ich, was ich werden und wofür ich studieren wollte: Ich wollte Musiklehrer werden! Genau das bin ich jetzt seit mehr als 30 Jahren und ich habe es bisher nicht bereut.

Klar, es gibt Tage, an denen zieht man die Rollläden hoch und denkt sich, was für ein Sche…tag vor einem liegt, dass man die Rollläden am liebsten wieder runterlassen und sich wieder hinlegen möchte. Aber das gibt es in jedem Beruf. Nein, wirklich bereut habe ich meinen Entschluss nie. Ich bin dankbar, dass meine Eltern mir (auch) diesen Wunsch erfüllt haben.

Ach – und ich weiß, dass ich diesen Beruf niemals ergriffen hätte, wenn ich nicht an jenem Tag vor mittlerweile fast 50 Jahren John Lord von Deep Purple mit seiner Version von Woman From Tokyo gehört hätte. Meine Eltern und John Lord – sie waren meine „Geburtshelfer“ als Musiklehrer. Ganz klar.

Auch, wenn das jetzt pathetisch klingt (was mir, ehrlich gesagt, scheißegal ist): Es gibt noch etwas, das meine Eltern und Mr. Lord gemeinsam haben: Ich weinte, als sie beerdigt wurden.

Wie dann der Heavy Metal in meinen Musikunterricht kam – das werde ich euch beim nächsten Mal schreiben.

Euer Thomas