Ganz frisch am 14.11.2025 erschienen ist das neue Album Stygian Bough: Vol. II der Kollaboration von Bell Witch und Aerial Ruin über Profound Lore Records. Dort als CD und in den Vinylfarben Black, Mercury und Metallic Gold erhältlich.
Große Erwartung nach dem kolossalen Mind Reaper
Es gibt Alben, die nicht einfach veröffentlicht werden, sondern wie gewaltige Schatten über die Szene fallen. Wer einst dem kolossalen Mirror Reaper begegnet ist, versteht, welche Last und welche Erwartung auf einer neuen Veröffentlichung von Bell Witch liegt. Ich hatte das besondere Glück, die Band 2018 live in Wiesbaden bei der Umsetzung dieses Albums zu erleben und auch persönlich zu treffen. Diese Aufführung war schlichtweg großes Kino: eine akustische und visuelle Performance, die die Zuschauer regelrecht wohltuend erschauern ließ. Seit diesem Abend hat mich die Musik von Bell Witch wie von einem Spell gefangen genommen. Ein wenig erinnert die surreale, hypnotische Atmosphäre an den Geist von David Lynch – dem großartigen Regisseur, Maler und Musiker.

Pic by Big Simonski
Der Name der Band ist ebenfalls voller Symbolik. Einer alten Legende nach trieb eine Hexe – die sogenannte Bell-Hexe – in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts ihr Unwesen im Haus der Familie Bell in Tennessee. Dieser dunkle, geheimnisvolle Ursprung passt perfekt zu der Musik, die Bell Witch seit Jahren erschaffen: archaisch, bedrückend und zugleich magisch. Mit Stygian Bough: Vol. II setzen Bell Witch und Erik Moggridge alias Aerial Ruin ihre Zusammenarbeit fort – und tun dies mit einer Konsequenz, die beeindruckt. Vier Stücke, knapp eine Stunde Spielzeit, aber das Gefühl, stundenlang durch eine düstere Welt zu wandern, aus der es keine Abzweigung gibt. Die Übergänge sind so organisch, dass die Songs beinahe wie verschiedene Kapitel ein- und desselben Gedankens wirken.
Waves Became The Sky eröffnet das Album ohne jeden Übergang. Keine Steigerung – nur unmittelbares Eintauchen. Moggridges Stimme schwebt entrückt über den tiefen Basslinien und dezenten Schlagzeugakzenten, die Struktur nur andeuten. Es ist Musik, die keine Richtung vorgibt, sondern Raum schafft – ein Sog, dem man sich weder entziehen kann noch will. Der fließende Übergang zu King Of The Wood verstärkt diesen Eindruck. Der Song reduziert sich zeitweise auf minimale Klänge: zarte Synthflächen, vereinzelte Becken, vorsichtige Akkordansätze. Und darüber die Stimme, allein, verletzlich. Erst langsam kehrt das Gewicht zurück – Bass, Verzerrung, pulsierende Schwere. Kaum ein Album versteht so gut, wie mächtig Stille sein kann.
From Dominion öffnet anschließend eine andere Tür. Moggridges Dark-Folk-Wurzeln treten klar hervor: Akustische Gitarren, Orgelansätze und intime Stimmführung bringen neue Farbe ins Klangbild. Es ist ein Moment, der die Tiefe der Kollaboration zeigt: Funeral Doom und Folk verschmelzen zu etwas, das emotional auf besondere Weise greift. Mit zunehmender Dauer weitet sich der Song, Drums und Verzerrung treten an die Stelle der Akustikgitarre, doch die innere Ruhe bleibt spürbar – wie eine Erinnerung, die man nicht abschütteln kann.
Der Abschluss The Told And The Leadened streckt sich über 19 Minuten und nimmt sich jede einzelne davon. Der Song legt sich wie ein schwerer Mantel um den Hörer, warm und bedrückend zugleich. Nach mehreren Minuten zieht sich die Komposition bis auf eine gezupfte Akustikgitarre zurück – einer der ehrlichsten, klarsten Momente des Albums. Dann hebt sich alles erneut: fließende Verzerrungen, Drums, ein sehnsuchtsvolles Gitarrensolo, das den gesamten Klang in ein finales Aufbäumen führt. Kein sauberer Abschluss, sondern ein letztes, tiefes Ausatmen.

Pic by Big Simonski
Gemeinsamer Atem von Bell Witch und Aerial Ruin
Stygian Bough: Vol. II ist kein bloßes Weiterdenken der bisherigen Werke. Es ist eine Verdichtung, eine Verfeinerung, ein gemeinsamer Atem von Bell Witch und Aerial Ruin, die sich gegenseitig stärken. Dieses Album ist kein bloßes Hörerlebnis – es ist ein Zustand. Ein dunkler, melancholischer, aber seltsam tröstlicher Ort, in dem Schwere nicht nur erdrückt, sondern auch hält. Für alle, die Funeral Doom als mehr begreifen als nur Langsamkeit und Gewicht, ist Stygian Bough: Vol. II ein Werk von außergewöhnlicher Tiefe. Ein Album für lange Winternächte, stille Räume und innere Landschaften, die nur selten berührt werden – und für alle, die sich einmal von der Magie von Bell Witch verzaubern lassen wollen.
Hier! geht es für weitere Informationen zu Bell Witch & Aerial Ruin – Stygian Bough: Vol. II in unserem Time For Metal Release-Kalender.



