Ein kluger Kopf sagte einmal: Hör’ nicht auf zu glauben! In diesem Fall gilt es, bei der Fülle an Veröffentlichungen noch die eine Perle, die eine Überraschung zu finden. Das Debütalbum der italienischen Progressive-Metal-Formation Jester Majesty ist vielleicht solch ein Schmankerl. Es mag auch daran liegen, dass Infinite Measure, Finite Existence schon jetzt an die ästhetische Reife und technische Raffinesse der Werke von Mekong Delta erinnert. Ein wahrlich gewagter Vergleich, der mit einer fast futuristischen Versuchsanordnung aus ausgefeilten Rhythmen, harmonischer Kühnheit, rasanter Rhythmik und narrativer Tiefe belegt werden kann.
Jeder Song verschiebt das Raum-Zeit-Kontinuum
Schon der eröffnende Track Human vs. Machine markiert den hohen Anspruch des Albums: Jeder Akkordwechsel, jede rhythmische Verschiebung wirkt bewusst gesetzt, als wäre jeder Ton eine Variable in einer musikalischen Gleichung über Leben und Vergänglichkeit. Die Verwandtschaft zu Lurking Fear und In A Mirror Darkly ist offensichtlich. Dem klassischen Sound und Tonus der Über-Band fügt das Gitarren-Duo aus Turin eine interessante Science-Fiction-Komponente hinzu.
Besonders beeindruckend ist die strukturelle Verspieltheit, mit der Jester Majesty die zehn Stücke inklusive des monströsen Intros Zero-Point Collapse und des verabschiedenden Ausklangs Φinal Jest arrangiert. Polyrhythmische Muster treffen auf melodische Linien, die einander zu einer musikalischen Klimax stimulieren. Harsche Dissonanzen und eruptive Brüche werden zu einem fluiden, beinahe sinfonischen Ansatz zusammengesetzt, bei dem die Komplexität selten reiner Selbstzweck zu sein scheint.
Anfang und Ende spielen keine Rolle mehr
Die instrumentale Leistung ist durchweg bemerkenswert, die Saitenkunst herausragend, gleichermaßen klar wie unberechenbar. Ein weiteres Element, auf das Jester Majesty verstärkt setzen, ist der Gesang, der fast schon wie ein Instrument eingesetzt wird, um die unterschiedlichen, teils gegensätzlichen Emotionen zu interpretieren, von wehmütig über schwelgerisch bis wütend. Der Sound ist in ein hypermodernes Gewand gekleidet, das Raum schafft für die Vielschichtigkeit der einzelnen Facetten der Kompositionen. Trotzdem vermag sie nicht, die rohe Energie der Band zu glätten.
Jester Majesty ziehen alle Register des Progressive Thrash Metals: Mehrdimensionalität, Präzision, Detailverliebtheit, Verspieltheit und Können. Dabei operieren sie stets an der Grenze des Nachvollziehbaren, mit Absicht. In den knapp 50 Minuten kommt doch hin und wieder der Wunsch nach etwas mehr Normalität auf, Momente, in denen Fäuste gereckt oder Hymnen mitgesungen werden können. Infinite Measure, Finite Existence fordert hingegen über die gesamte Spieldauer Konzentration, denn nur so ist die schiere Flut an Partitionen aufzunehmen.
Hier geht es lang für weitere Informationen zu Jester Majesty – Infinite Measure, Finite Existence in unserem Time For Metal Release-Kalender.



