Ministry – Hate To Go (Take Out Or Delivery)

30.10.2026 – Industrial Metal – Cleopatra Records – 46:44 Minuten

Wird das größte Läster- und Schandmaul im Rock-Business tatsächlich in naher Zukunft für immer seine Tiraden einstellen? Ist Al Jourgensen überhaupt in der Lage, leise zu treten? Kann er die Fresse halten? Vorzustellen ist das so rein gar nicht. Wer soll uns und die Welt dann mit Schimpf und Schande überziehen? Fragen, deren Beantwortung schwerfällt, gar der Gedanke daran ist nicht in Worte zu fassen. Ministry, die Industrial-Metal-Pioniere, gehen in den Ruhestand. Ein Satz, der keinen logischen Sinn ergibt. Vor allem dann nicht, wenn Hate To Go (Take Out Or Delivery) aufzeigt, was auf uns zukommt, wenn wir nicht aufpassen. Dunkle Zeiten.

Das letzte Album Hopiumforthemasses war schon gezeichnet von fehlender Leidenschaft und Kraft. Überflüssig ist nicht das richtige Wort, aber langweilig trifft schon eher ins Schwarze. Und dann ballert Onkel Al mal eben einen Rundumschlag wie Cricket raus. Keinen Feind lässt er in diesem eröffnenden, groovenden Traktat ungeschoren davonkommen. Und macht sich zugleich neue. Das ist Ministry: spucken, lästern und pöbeln. Selbstverständlich in den schrillsten und lautesten Tönen.

Ministry – der hassgeliebte Hofnarr des Rocks meldet sich ab

In einer Zeit, in der die Stimme des Hasses auf vielen gesellschaftlichen Ebenen vorherrscht, wird diesem Irrglauben mit Voices Of Hate ein eindeutiges Statement entgegengesetzt. Hass schüchtert uns ein und hindert uns daran, uns weiterzuentwickeln. Dementsprechend ist Hass gleichzusetzen mit Rückschritt. Der Songs ist aber ein kunterbunter Tritt gegen jede zu enge Stirn. 

Mit Clown Car geben Ministry Gas, fast schon wie eine außer Rand und Band geratene Version von Stigmata. Alien J trägt seine Schmähschriften wie eh und je in verzerrter Form zusammen mit unterschiedlichsten Samples und Spoken-Word-Fragmenten vor, bei denen es sich lohnt, genauer zuzuhören. Intellektuell sind sie nicht unbedingt, aber sehr unterhaltsam. Die Wucht, mit der der Hammer die Nägel in die Köpfe reibt, hat fast das Temperament wie zu guten Psalm 69-Zeiten.

Ministry lassen es bei ihrem Abgesang noch mal so richtig krachen

Nach der kurzzeitigen Rückkehr zu den rein elektronischen Wurzeln Ministrys, zeigen diese sich auch deutlich in den zehn neuen Tracks. Computer- und Synthesizer-Effekte teilen sich die Bühne einträchtig mit Gitarre, Bass und Schlagzeug. Dabei stacheln sie sich gegenseitig an, unterstützen einander und liefern sich packende Duelle. Dabei sind viele Samples durchaus aus Klassikern bekannt und schließen so den 45-jährigen Bogen.

Zu seiner letzten Party trägt Onkel Al ein ganz fettes Buffet auf. Social Media, Fake News, alternative Wahrheiten und moderne Ausbeutung sind ein paar der Themen, an denen sich der Mastermind abarbeitet. Kaum zu glauben, dass er dies in Zukunft beiseiteschieben kann, denn es werden mit großer Sicherheit neue ätzende Geschichten auftauchen. Schließlich sind wir Menschen für jeden noch so unsinnigen Scheiß zu haben, stellen uns selbst bloß für 15 verdammte Minuten Ruhm.

Insgesamt führt Hate To Go (Take Out Or Delivery) durch die musikalische Geschichte Minstrys – mal schwer groovend, wild rasend, rockig, verspielt und immer mit dem unterschwelligen Gefühl, dass alles gar nicht so gemeint ist, sondern nur ein „Fuck you!“ an unsere Erwartungen. Für fast jeden Song werden die Trademarks in unterschiedliche Sounds verpackt, sodass die Dreiviertelstunde ein Höchstmaß an Abwechslung bietet.

Onkel Al hat fertig und jeder kriegt seine Watschen ab

Besonders sticht die New-Wave-Nummer Burned Out mit ihrem tanzbaren Beat und lautem Refrain hervor, wie schon Sidewinder zu legendären Lard-Zeiten. Dafür steuert Jello Biafra dieses Mal auch kein politisch polemisches Elaborat bei.

Nicht einmal der Verzicht auf eine Paradedisziplin, einen Coversong wie schon Lay Lady Lay oder Search And Destroy genüsslich zu demontieren, fällt besonders ins Gewicht. Aber noch ist nicht aller Tage Abend: Die beiden Songs Singularity und We’re Still Here – letzterer einträchtig mit dem damaligen Bruder im Verbrechen Paul Barker vorgetragen – lassen die Tür vielleicht einen Spalt weit offen bzw. lassen sie nicht unwiderruflich ins Schloss fallen.

Hier geht es lang für weitere Informationen zu Ministry – Hate To Go (Take Out Or Delivery) in unserem Time For Metal Release-Kalender. 

Ministry – Hate To Go (Take Out Or Delivery)
Fazit zu Hate to Go - Take Out Or Delivery
Ministry stehen seit 1981 für das ätzende Salz in den Wunden der Musikindustrie. Al Jourgensen hat sich auch als Teil der von ihm so verhassten Branche nie den Mund verbieten lassen. Auf den Lebensstil des Rockstars hat er sich eingelassen, ist tief gefallen und hat sich oft irgendwie an seinem eigenen Schopf aus diesem sprichwörtlichen Sumpf herausgezogen. Sein Schwanengesang ist selbstverständlich eher ein lautes „Fickt euch!“ als ein trauriges „Servus, mach’s gut“. Mit Hate To Go (Take Out Or Delivery) werden Ministry so zu Grabe getragen, wie Onkel Al es sich gewünscht hat: mit einem klasse Album, das alles hat, was die Band stets ausgemacht hat, nämlich Rückgrat und Kompromisslosigkeit. Ein letztes Live-Statement wird es ja noch geben und dann fällt der Vorhang. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Anspieltipps: Burned Out, Cricket und We’re Still Here
Kristian H.
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