Benthos – II

Mit diesem Debütalbum liegt die Messlatte sehr hoch

Artist: Benthos

Herkunft: Mailand, Italien

Album: II

Spiellänge: 32:03 Minuten

Genre: Progressive Metal

Release: 23.04.2021

Label: Eclipse Records

Link: https://www.facebook.com/Benthos.Milano

Bandmitglieder:

Gesang – Gabriele Landillo
Gitarre – Gabriele Papagni
Gitarre – Enrico Tripodi
Bassgitarre – Alberto Fiorani
Schlagzeug – Alessandro Tagliani

Tracklist:

  1. Cartesio
  2. Back And Forth
  3. Talk To Me, Dragonfly!
  4. Facing The Deep
  5. Debris // Essence
  6. II
  7. Dissolving Flowers

Die noch recht junge Geschichte der italienischen Band Benthos ist fast so etwas wie eine Aneinanderreihung von Zufällen. Zunächst einmal trafen sich die beiden Gitarristen der Band während ihres Studiums an der größten Musikuniversität Italiens, The Guiseppe Verdi Conservatory of Music, und stellten fest, dass sie musikalisch auf einer Wellenlänge liegen. Beide lieben klassische Musik, aber auch Progressive Rock und Metal. Zufällig hörte Gabriele Landillo, der in der gleichen Klasse war wie Enrico, die ersten Demos der beiden und fragte, ob er sich ihnen anschließen dürfte. Die Suche nach einem Bassisten und einem Schlagzeuger blieb zunächst erfolglos, aber bei einem Besuch einer lokalen Veranstaltungsstätte traf Gitarrist Gabriele auf Alberto und Allessandro. Benthos waren komplett, und die Jungs schrieben ihre ersten Songs. Nachdem sie einen Supportgig für The Contortionist spielen konnten, trafen sie auf den Produzenten und Soundengineer Matteo Magni, mit dem sie ihr Debütalbum II einspielten. Das wurde dann gerade mit Beginn der Coronapandemie fertig, und trotz des mittlerweile in Italien herrschenden strikten Lockdowns konnten sie bei ihrer Suche nach einem Label die Aufmerksamkeit von Eclipse Records gewinnen. Ein paar Zoom-Meetings später war der Vertrag unterzeichnet, und II wird am 23.04. das Licht der Welt erblicken. Warum sie ihr Debütalbum aber nun II benannt haben, würde mich wirklich mal interessieren.

Mit dem ersten Song Cartesio legen Benthos die Messlatte schon mal mächtig hoch. Cartesio könnte fast das Ergebnis einer heißen Liebesnacht zwischen Leprous (aus ihren Coal– und The Congregation-Zeiten) und Persefone sein, die ja auch beide für ihre ausgeprägte Experimentierfreude bekannt sind. Nach dem knapp 45-sekündigen Keyboard-Intro zeigen die Jungs mit diesem Song gleich mal ihr Können. Das fängt an bei Gabriele, der hier nicht nur im Klargesang agieren, sondern gleich mal ein paar fette Growls einstreuen darf. Den Klangteppich, auf dem sich Gabriele dabei austoben darf, legt die Instrumentenfraktion mit einer Nonchalance, die bemerkenswert ist. Sehr schön finde ich, dass man den Bass nicht nur dezent im Hintergrund hört, sondern er hier gleichberechtigt als drittes Saiteninstrument neben den beiden Gitarren klingen darf. In welchen Takten Benthos spielen, kriege ich tatsächlich nicht auf die Kette, aber es gibt eine Konstante, nämlich die zahlreichen Wechsel von Rhythmus und Tempo. Eine schöne ruhige Bridge haben die Jungs ungefähr in die Mitte des Songs gesetzt, da wird Gabrieles Stimme dann ausnahmsweise auch mal verfremdet. Und nach noch nicht einmal vier Minuten ist Cartesio auch schon vorbei, die Jungs kommen definitiv auf den Punkt und reiten nicht unnötig lange auf Melodien oder Riffs herum.

Sehr viel entspannter kommt das folgende Back And Forth daher. Growls gibt es nicht, auch die Rhythmuswechsel fallen verhaltener aus. Dafür hat man hier die Zeit, sich dem großartigen Gitarrenspiel oder der tollen Arbeit von Alessandro an den Drums zu widmen. Mit der Entspannung ist es bei Talk To Me, Dragonfly! vorbei. Hier kann man ob des beinahe chaotisch erscheinenden Spiels der Instrumentenfraktion durchaus auch an Bands wie The Hirsch Effekt denken, aber auch Persefone sind bei mir nach wie vor im Hinterkopf. Irgendwie scheinen die Jungs mit ihren Instrumenten, dem Gesang und den Growls von Gabriele Tempo machen zu wollen, aber seine Geduld zahlt sich aus. Im letzten Drittel dieses Chaos lassen Benthos mit einer ruhigen Bridge den Hörer kurz verschnaufen und lassen es auch in der letzten Minute ein ganz klein wenig ruhiger angehen. Nix mit Endspurt, aber die Anspannung entlädt sich beim Zieldurchlauf mit einem lauten Schrei.

Dermaßen „zarte“ Töne, wie sie im folgenden Instrumental Facing The Deep zu hören sind, hätte ich nach den ersten drei Songs eher nicht erwartet. Die schönen Keyboardtöne klingen fast wie der Soundtrack zu einem Film über die unendlichen Weiten und Tiefen der Ozeane, in denen man in der Ferne hört, wie Wale miteinander kommunizieren. Auch beim Song Debris Essence bleibe ich bei der bewährten Kombination Leprous und Persefone. Ein stetiger Wechsel zwischen relativ entspannten Passagen mit schönem Gitarrenspiel und wahren Soundexplosionen prägt diesen Song. Sehr cool gemacht ist das Layering im Klargesang von Gabriele, sodass es klingt, als ob es mehrere von ihm gibt. Und endlich darf er auch mal wieder growlen. Dass Benthos in ihren sowieso schon großartigen Songs überhaupt mit Growls arbeiten, ist für mich so etwas wie das i-Tüpfelchen und macht das Ganze noch interessanter – wenn das überhaupt möglich ist.

An die vorletzte Stelle des Albums haben Benthos den Titeltrack II gesetzt. Und der ist wahrhaftig so etwas wie die Quintessenz des Albums. Hier kommen alle drei von mir genannten „Referenzbands“ zum Tragen, und Benthos toben sich auf dem weiten Feld des Progressive Metal aus, wie kleine Kinder, die nach langem Stubenarrest mal wieder raus dürfen und in alle Pfützen springen, die sich auf ihrem Weg finden. Da schießt mir irgendwie ein Albumtitel von Dream Theater ins Hirn, nämlich Systematic Chaos. Das beherrschen Benthos aus dem Effeff, einfach großartig! Und auch II ziehen sie nicht unnötig in die Länge, wobei ich diesem Klanggewitter und den wieder mal von Gabriele praktizierten Wechseln zwischen Klargesang und Growls auch gern noch länger zuhören würde. Benthos könnten wahrscheinlich auch halbstündige Epen schreiben, und ich würde jeden Ton von Anfang bis Ende begeistert aufsaugen.

Mit Dissolving Flowers kommt dann aber schon der letzte Song, und der bewegt sich dann auch mal auf die Sieben-Minuten-Marke zu. Für Benthos-Verhältnisse ist er sehr ruhig und macht dem Titel von sich auflösenden Blumen alle Ehre. Nach dem ruhigen, fast schon im Jazz wildernden Beginn und den folgenden lässigen Rumba-Rhythmen bauen Benthos diesen Song wirklich mit Bedacht auf und lassen ihn genau so ruhig ausklingen, wie er begonnen hat. Mit solch‘ einem Ende hatte ich nach der musikalischen Achterbahnfahrt auf II nicht gerechnet, es passt aber zu den Songwriting-Qualitäten von Benthos.

Benthos – II
Fazit
An diesem Debütalbum werden sich Benthos in Zukunft messen lassen müssen, wobei sie davor sicherlich nicht bange sind. Das sind wahrscheinlich so kreative Köpfe, die immer mit einem Zettel und einem Stift rumlaufen, um alle Songideen sofort niederschreiben zu können. Es freut mich jedenfalls, dass es mit Benthos eine Band gibt, die die Progressive Metal-Szene noch einmal aufmischen kann, und ich hoffe, dass die Jungs ihren Weg nach oben machen. Verdient haben sie es auf jeden Fall. Wer die drei von mir genannten Bands mag, sollte sich dieses Album nicht entgehen lassen.

Anspieltipps: Cartesio, Talk To Me, Dragonfly! und II
Heike L.
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