Als die ersten Fans mit Dreispitz und Augenklappe schon über eine Stunde vor Einlass vor dem Kieler Kulturverein Die Pumpe auftauchen, ist klar, dass dieser Abend kein gewöhnlicher Konzertabend werden wird. Mr. Hurley & Die Pulveraffen „aus dem karibischen Osnabrück“ machen im Rahmen ihrer aktuellen S.O.S.-Tour Halt im Norden und liefern eine Club-Show, die irgendwo zwischen Seemannsgarn, Folk-Punk, Karneval und ausgelassener Kneipenmeuterei angesiedelt ist.
RedWood 2026 Kiel; Foto: Norbert Czybulka
Die Band, 2009 gegründet, hat sich über Jahre vom Szene-Geheimtipp zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Folk-Acts entwickelt. Frontmann und Gitarrist Mr. Hurley, bürgerlich Simon Erichsen, führt die vier Geschwister am Akkordeon (Christoph Erichsen alias Buckteeth Bannock), Bass (Esther Erichsen alias Pegleg Peggy) und Schlagwerk (Johannes Erichsen alias Der einäugige Morgan) mit charismatischer Selbstironie und mehrstimmigem Gesang durch die Show. Ihr Stil: eine Mischung aus traditionellen Seemannsliedern, Punk-Energie und humorvollen Geschichten über Rum, Abenteuer und das Leben auf See.
Bevor es so weit ist, stehen um kurz nach acht erst einmal Redwood auf der Bühne. Die vor nicht einmal einem Jahr gegründete Band um Mr. Hurleys Fotografin Jimmy aus Hannover, Osnabrück und Köln spielt einen englischsprachigen Folkrock mit eigenen Songs, der Elemente aus dem Bluegrass nutzt. Durch Crowdfunding wird gerade versucht, ein Album für das Frühjahr 2027 zu finanzieren. Nach den Clubkonzerten mit den Pulveraffen stehen sie auch im Vorprogramm von Fiddler’s Green. Ihre Songs spielen sie derzeit ausschließlich live, veröffentlicht ist noch nicht viel.
Punkt 21 Uhr. Schon mit dem Pulveraffen-Opener Affentotenkopp verwandelt sich der Club in ein brodelndes Piratenschiff. Die Menge ist sofort auf Betriebstemperatur, und spätestens bei Achterbahn Am Achterdeck und Tortuga wird klar, dass die Setliste stark an den typischen Abläufen der Tour orientiert ist.
Mr. Hurley und die Pulveraffen 2026 Kiel; Foto: Norbert Czybulka
Die Band spielt sich mit sichtbarer Spielfreude durch einen Mix aus Klassikern und neueren Songs ihres aktuellen Albums S.O.S. Titel wie Piraten: Megageil, Leuchtturm oder Mann Über Bord sorgen für kollektive Mitsing-Momente, während Stücke wie Unser Untergang die emotionale Seite der Pulveraffen zeigen. Die Dramaturgie des Abends folgt einem klaren Spannungsbogen von schnellen, tanzbaren Nummern bis hin zu hymnischen Refrains, die vom gesamten Publikum getragen wurden. Da kommen Mitglieder der Supportband Redwood mit auf die Bühne, da wird das Programm in das Publikum verlagert und durch die Menge marschiert. Ein fester Bestandteil der aktuellen Shows ist auch der ausgedehnte Zugabenblock. Mit Auf In Die Schlacht wird die letzte Runde eingeläutet, bevor die Band in ein wildes Medley aus bekannten Melodien und augenzwinkernden Cover-Versatzstücken übergeht. Spätestens bei Blau Wie Das Meer, ihrem „Überhit“, erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt und das Konzert seinen Schlusspunkt.
Mr. Hurley und die Pulveraffen 2026 Kiel; Foto: Norbert Czybulka
Was diesen Abend besonders macht, ist die Nähe. In der vergleichsweise kleinen Pumpe wirkt jeder Refrain unmittelbar, jeder Chor intensiver. Die Band sucht ständig den Kontakt zum Publikum, scherzt zwischen den Songs und lässt die Fans immer wieder selbst zum Chor werden. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist seit jeher Teil der DNA der Pulveraffen und einer der Gründe für ihren anhaltenden Erfolg. Hierbei erzählt Mr. Hurley, dass diese Show erst die erste als Headliner in Kiel ist. 2014 waren sie einmal zu Gast auf einer Metal Cruise im Kieler Hafen. Hierbei hat Der einäugige Morgan seine Frau kennengelernt und Pegleg Peggy fast nur über der Reling gehangen, was mit lautstarkem Gelächter quittiert wird.
Nach gut zwei Stunden endet der Abend mit erschöpften, aber glücklichen Gesichtern. Die Fans verlassen die Location, als hätten sie eine laute, chaotische Reise hinter sich. Das Kieler Konzert zeigt einmal mehr: Mr. Hurley & Die Pulveraffen sind keine gewöhnliche Band, sondern mehr ein Erlebnis. Wer an diesem Abend an Bord war, wird diese Fahrt so schnell nicht vergessen.